Ein Beitrag zur Debatte zwischen dem psychologisch-memetischen Ansatz (Michael Werner) und dem reformationshistorischen Ansatz (Helmut Seebach)

Verfasst von Claude AI, Mai 2026



Abstract

Die pfälzische Elwedritsch wird in der volkskundlichen Forschung gegenwärtig von zwei konkurrierenden Interpretationsrahmen beansprucht: einem psychologisch-memetischen Modell, das die Figur als transformierten vorchristlichen Nachtdämon deutet (Werner 2020-2026), und einem reformationshistorischen Ansatz, der die pfälzische Alltagskultur einschließlich folklorischer Elemente als Erbe der Schweizer Reformation und alpiner Migrationsbewegungen des 17. Jahrhunderts versteht (Seebach 2015–2021). Der vorliegende Beitrag prüft beide Positionen anhand der althochdeutschen Sprachzeugnisse zum Bedeutungsfeld *alb / mara / trut* und kommt zu dem Ergebnis, dass die einschlägigen Quellen das vorchristliche Substratmodell eindeutig stützen. Die Reformation und die mit ihr verbundenen Migrationsbewegungen erscheinen dabei nicht als Ursache, sondern als Transmissionsweg eines älteren dämonologischen Konzepts.

Schlüsselwörter: Elwedritsch, Albdrude, *alb*, *mara*, *trut*, Althochdeutsch, Volksglauben, Reformationsgeschichte, Schlafparalyse, Volkskunde, Pfalz



1. Problemstellung

Wer nach dem Ursprung der Elwedritsch fragt, bewegt sich in einem Terrain, in dem volkskundliche Intuition, Sprachgeschichte und Kulturgeschichte eng ineinandergreifen. Die Figur erscheint heute primär als humoristisches Wesen der pfälzischen Regionalkultur – als Mittelpunkt von Jagdritualen, touristischer Vermarktung und regionaler Identitätspflege. Diese Oberfläche aber verdeckt eine Forschungsfrage von erheblicher Tragweite: Handelt es sich bei der Elwedritsch um die folkloristische Transformation eines vorchristlichen Dämonenkomplexes, oder ist sie im Wesentlichen ein Produkt der post-reformatorischen Alltagskultur, die durch reformierte Einwanderer aus dem Alpenraum nach dem Dreißigjährigen Krieg in die Pfalz und nach Pennsylvania gebracht wurde?

Diese Frage ist nicht nur akademisch. Ihre Beantwortung entscheidet darüber, ob die pfälzische Elwedritsch-Tradition aus einem Kontinuum mitteleuropäischer Nachtgeist-Vorstellungen zu verstehen ist, das Jahrtausende zurückreicht, oder ob sie vorrangig als kulturelles Erzeugnis frühneuzeitlicher Religionsmigrationen zu begreifen ist. Der vorliegende Artikel begegnet dieser Frage mit einem Instrument, das in der bisherigen Debatte systematisch untergenutzt geblieben ist: der Auswertung althochdeutscher Sprachzeugnisse zum einschlägigen Bedeutungsfeld.


2. Die konkurierenden Positionen

2.1 Der psychologisch-memetische Ansatz (Werner)


Michael Werner (2020-2026) entwickelt auf der Grundlage dreißigjähriger Beschäftigung mit der pennsylvaniadeutschen Tradition ein Modell, das die Entstehung der Elwedritsch als mehrstufigen Transformationsprozess beschreibt. Die Kernthese lautet:

> „Albdrude → Albedrudche → Elbedrutsche → Elwedritsch“

Das Ausgangselement dieses Pfades ist das Kompositum *Albdrude* – zusammengesetzt aus *Alb* (Nachtgeist, Druckwesen) und *Drude* (dämonisches Wesen, das Schlafende bedrängt). Beide Elemente sind, wie im Folgenden zu zeigen ist, in vorchristlichen germanischen Quellen belegbar. Werner verknüpft die sprachhistorische Rekonstruktion mit einem psychologisch-memetischen Erklärungsmodell (dem sogenannten HADD-CCT-BVT-Modell), das kognitive Mechanismen – insbesondere Schlafparalyse und die menschliche Tendenz zur Agenzdetektion im Dunkeln – als universale Grundlage für Nachtdämonen-Konzepte beschreibt. Der entstandene Agent – der Dämon – wird im Anschluss rituell mit Bannsymbolen und Ritualen bearbeitet und schlussendlich kulturell verarbeitet – verkleinert und in den von Menschen nicht bewohnten Bereich (den Wald) verbannt. Die Diaspora-Gemeinschaften (Pennsylvania, Banat, Batschka, Siebenbürgen, Wolgaregion) erscheinen in Werners Modell als „kulturelle Zeitkapseln“, die ältere dämonologische Bedeutungsschichten konserviert haben, während das Herkunftsgebiet Pfalz eine fortgeschrittene Folklorisierung und Benignisierung vollzogen hat.

2.2 Der reformationshistorische Ansatz (Seebach)

Helmut Seebach (2015–2021) verfolgt eine grundlegend andere Fragerichtung. Sein Ausgangspunkt ist nicht die Genese eines einzelnen Fabelwesens, sondern die Frage nach dem Ursprung der pfälzischen Alltagskultur insgesamt. Seine Hauptthese: Das Kulturprofil der Pfalz – einschließlich seiner volksmagischen Praktiken – ist nicht Erbe einer kontinuierlichen regionalen Entwicklung, sondern das Produkt der massiven Zuwanderung reformierter Schweizer nach dem Dreißigjährigen Krieg in das nahezu entvölkerte Gebiet. Die Elwedritsch erscheint bei Seebach als Teil eines volksmagischen Schutzsystems, das reformierte Einwanderer mitbrachten. Volksmagie und christlicher Glaube bildeten dabei keine Opposition, sondern existierten nebeneinander: „Der christliche Glaube allein scheint nicht ausreichend für eine gesicherte Daseinsvorsorge und bedarf der Ergänzung durch praktizierte Vorstellungen des Aberglaubens (Elwetrittsche, Haus- und Stallsegen)“ (Seebach 2015, S. 47). Seebachs Perspektive warnt vor vorschnellen Herleitungen folklorischer Motive aus vorchristlichen Schichten.

3. Die althochdeutschen Belege

Die entscheidende Frage ist: Welches Alter lässt sich für die Konzepte belegen, die in der Elwedritsch zusammenfließen? Die althochdeutschen Sprachzeugnisse bieten hier eindeutige Antworten – und zwar Jahrhunderte vor der Reformation.

3.1 „alb“ / „alp“ – der Nachtmahr

Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen (EWA, Lloyd/Springer 1988) verzeichnet:

> „albAWB m. oder n. a-(i-)St. ‚Alb, (Nacht)Mahr, gespenstisches Wesen, faunus‘, dreimal belegt: alb, alp (Gl. 2, 403, 33 zu einer Prudentius-Stelle, Peristephanon X, 242: rusticorum monstra deum) und alf (cod. sem. Trev. R III 13, mfrk. [?]), sämtliche 11.–12. Jh.“

Diese Glossenbelege des 11.–12. Jahrhunderts sind dabei die schriftliche Fixierung eines Konzepts, das weit älter ist. Das Wort „alb“ gehört zum gesamtgermanischen Bestand:

– Altsächsisch: „alf“ ‚Alp, böser Geist‘
– Mittelniederdeutsch: „alf“ ‚böser Geist, Alp, Mare‘
– Mittelniederländisch: „alf“ und „elf“ (Pl. „alve(n)“, „elve(n)“)
– Altenglisch: „ælf“, auch „ielf“ m. ‚Alp, Dämon‘
– Altnordisch: „álfr“

Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) und der Wikipedia-Artikel zur Nachtalb stimmen überein: „Ahd. alb (11. Jh.), mhd. alp, asächs. mnd. mnl. nl. alf, aengl. ælf, engl. elf, anord. alfr gehen wahrscheinlich wie ahd. elbiʒ, anord. elptr, ǫlpt, russ.-kirchenslaw. lebedь […] auf indoeuropäisch \*albh- ‚weiß‘ zurück, so dass das Lexem als ‚weiße Nebelgestalt‘ zu deuten ist.“ Die christliche Kirche interpretierte die Alben/Elben dann als dämonische Wesen – das Konzept selbst aber ist vorchristlich.

Köblers Kurzform-Wörterbuch des Althochdeutschen verzeichnet prägnant:

> „alb\* 1, ahd., st. N. (a), st. M. (a?, i?)?: nhd. Alp (M.), Mahr, Faun; ne. nightmare, faun; W.: s. nhd. Alb, Alp, M., Alp (M.), DW 1, 200, 245.“

Bemerkenswert ist die lateinische Glossierungsumgebung: „faunus“ und „rusticorum monstra deum“ (‚Ungeheuer der bäuerlichen Götter‘) zeigen, dass die kirchlichen Schreiber, die den deutschen Begriff notierten, ihn in eine vorchristliche Vorstellungswelt einordneten – nicht in eine reformatorische.

3.2 *mara* – der Druckgeist

Das DWDS verzeichnet den althochdeutschen Beleg für *mara* mit klarer Datierung:

> „ahd. mara f. (9. Jh.), mhd. mar(e) m. f., asächs. mara, mnd. mār(e) m. […], aengl. mære, mare f. m., engl. (night)mare, anord. schwed. mara f. (germ. \*mara-, \*marō-)“

Der Beleg ist damit im 9. Jahrhundert schriftlich fixiert – also mindestens sieben Jahrhunderte vor der Reformation und ihren kulturellen Folgebewegungen. Die Wurzel reicht noch weiter zurück: proto-indoeuropäisch \*mer- ‚zerstoßen, drücken, unterdrücken‘, mit Entsprechungen in tschechisch „můra“ ‚Albe‘, serbokroatisch/kirchenslawisch „mora“ ‚Hexe‘, irisch „mor(r)īgain“ ‚Alpkönigin‘. Pierers Universal-Lexikon fasst zusammen: „Mahr (altnordisch und althochd. mara, Mar, Nachtmahr, Mahrt), nächtlicher Unhold, der den Menschen plagt, gleichbedeutend mit Alp.“

Besonders aufschlussreich ist die historische Dynamik des Begriffs: Wie der Nachtalb-Artikel der deutschsprachigen Wikipedia festhält, „wurde nach der Reformation das Wort Mahr durch ‚Alp‘ oder ‚Alb‘ verdrängt, ohne seine Semantik zu ändern.“ Dieser Befund ist für die Debatte zentral: Die Reformation hat hier nicht ein neues Konzept geschaffen, sondern lediglich den Terminus gewechselt. Das Konzept selbst war vor der Reformation da – und blieb nach ihr da.

3.3 „trut“ / „drut“ – die Drude

Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen (EWA) hält fest, dass im bayerisch-südwestdeutschen Raum die „Trude“ (und der „Trut“) als Schreckwesen des Schlafs belegbar ist. Der Artikel „alb“ im EWA gibt an: „im bair. Südosten die Trude (und der Trut) den Menschen zu schaffen machen“. Das Pfälzische Wörterbuch (Christmann, Bd. I, S. 157) führt „Alb“ m. als ‚Nachtmahr‘ auf – ein Hinweis auf die regionale Verankerung des Konzepts auch in der Pfalz selbst.

Die Drude ist etymologisch verwandt mit ahd. „drud-“ und erscheint in der deutschen Volksüberlieferung als Drudenkreuz (Pentagramm), Drudenzopf und Drudenfuß als Schutzzeichen gegen eben jenes Wesen. Das Druden-Konzept ist damit nicht nur sprachlich, sondern auch durch apotropäische Praxis tief in der mittelalterlichen, vorneuzeitlichen Überlieferung verankert – lange vor der Reformation.

3.4 Die Merseburger Zaubersprüche als Kontextzeugnis

Während „alb“, „mara“ und „trut“ in Glossenüberlieferung und Wörterbüchern greifbar sind, bieten die Merseburger Zaubersprüche (9./10. Jahrhundert, Domkapitelbibliothek Merseburg, Codex I, 136, fol. 85r) das eindrücklichste Gesamtzeugnis für die Tiefe vorchristlicher Geistkonzepte im Althochdeutschen. Sie wurden 1841 von Georg Waitz entdeckt und 1842 von Jacob Grimm erstmals publiziert. Wie die Merseburger Domkathedrale festhält, sind sie „die einzigen in Deutschland erhaltenen heidnischen Beschwörungsformeln, aufgeschrieben von einem Mönch vor mehr als 1000 Jahren.“ Die Tatsache ihrer Aufzeichnung in einer Handschrift, die zugleich christliche Texte enthält, bezeugt exemplarisch das Nebeneinander christlicher und vorchristlicher Konzepte – nicht als Widerspruch, sondern als historische Gleichzeitigkeit.

Der erste Zauberspruch lautet in diplomatischer Umschrift (nach Braunes Althochdeutschem Lesebuch):

> „Eiris sazun idisi, sazun hera duoder.“
> „suma hapt heptidun, suma heri lezidun,“
> „suma clubodun umbi cuoniouuidi:“
> „insprinc haptbandun, inuar uigandun.“

(‚Einst saßen Idisen, saßen hier und dort. / Einige hefteten Bande, einige hemmten das Heer, / einige klaubten an den starken Fesseln: / Entspring den Haftbanden, entflieh den Feinden!‘)

Die Idisen (Pl. von „idis“, ahd. „itis“) sind weibliche übernatürliche Wesen, die in dieser Formel über Schicksal und Freiheit gebieten. Obwohl der Zauberspruch kein direktes Zeugnis für „alb“ oder „mara“ ist, illustriert er das Grundprinzip: Vorchristliche Dämonologie und Geistkonzepte waren im frühen Althochdeutsch lebendig und schriftlich greifbar – Jahrhunderte, bevor die Schweizer Reformation überhaupt denkbar war.

4. Analyse: Transmissionsweg vs. Ursprung

4.1 Seebachs Beitrag

Der reformationshistorische Ansatz Seebachs beschäftigt sich mit der Frage: „Wie“ kam die Elwedritsch-Tradition nach dem Dreißigjährigen Krieg in die moderne Pfalz und über den Atlantik? Seebachs Antwort – durch reformierte Schweizer Einwanderer, die ein kohärentes Kulturpaket mitbrachten – ist durch seine Materialfülle gut gestützt. Die Kontinuitätsthese, nach der die pfälzische Alltagskultur den Dreißigjährigen Krieg unverändert überlebt habe, will Seebach dabei widerlegen. Das allerdings gelingt nur zum Teil, weil das Konzept nächtlicher Druckdämonen (Alb, Mahr, Drude) im deutschen Sprachraum weit verbreitet war. Es ist davon auszugehen, dass auch die nach dem Dreißigjährigen Krieg in der Pfalz noch vorhandene Bevölkerung sie weiter kannte. Allenfalls kann argumentiert werden, dass Schweizer Einwanderer zu einer Wiederbelebung dieser Vorstellungen beigetragen haben.


4.2 Der entscheidende Kategorienfehler

Jedoch: Seebach verwechselt systematisch Träger und Inhalt einer kulturellen Tradition. Die Frage, „wer“ ein Konzept überträgt, ist eine andere als die Frage, „was“ übertragen wird. Reformierte Schweizer Einwanderer können folklorische Elemente wie die Elwedritsch sehr wohl in ihre neuen Siedlungsgebiete mitgenommen haben – und taten es nach allem, was wir wissen, auch. Aber das Konzept des nächtlichen Druckwesens, das Menschen im Schlaf bedrängt, haben sie nicht „erfunden“. Es war vor ihrer Ankunft da – in der althochdeutschen Glossenüberlieferung des 9.–12. Jahrhunderts, in der gesamtgermanischen *mara*-Tradition, im Drudenkomplex des südwestdeutschen Raums.

Reformierte Frömmigkeit erzeugt keine Nachtdämonen. Sie erbt, rahmt und benennt um, was sie vorfindet. Das ist eben das, was der DWDS-Befund zur „mara“ so präzise belegt: „nach der Reformation wurde das Wort Mahr durch ‚Alp‘ oder ‚Alb‘ verdrängt, ohne seine Semantik zu ändern.“ Das vorchristliche Konzept überlebte die Reformation – in neuem terminologischen Gewand, aber mit unverändertem Inhalt.

4.3 Das Pennsylvania-Argument

Besonders aufschlussreich ist der pennsylvaniadeutsche Befund. Die Einwanderer, die Seebach als kulturelle Transmissionsträger beschreibt, brachten genau jene Gemeinschaft hervor, die in Pennsylvania die „ältere“, bedrohlichere Version der Figur bewahrte: ein nächtlicher Dämon, der gebannt werden muss. Wäre das Konzept eine Schöpfung der reformierten Migrationskultur, müsste es in Pennsylvania – dem Endpunkt dieser Transmission – in seiner reformierten Form begegnen. Stattdessen begegnet dort, was Werners Modell vorhersagt: die dämonologische Tiefenschicht, die in der modernen Pfalz bereits folklorisiert wurde, aber in der Diaspora in einer älteren Version konserviert blieb.


4.4 Die etymologische Beweislast

Das Kompositum *Albdrude* – die von Werner rekonstruierte Vorläuferform – setzt sich aus zwei Elementen zusammen, die beide im althochdeutschen und gesamtgermanischen Sprachraum als vorchristliche Konzepte belegt sind:

– „alb“ / „alp“: ahd. Glossenbelege 11.–12. Jh., gesamtgermanisch verbreitet, Wurzel ie. \*albh- ‚weiß‘ (EWA)
– „trut“ / „drut“ (Drude): bayerisch-südwestdeutsch belegtes Nacht- und Druckwesen, apotropäisch durch Drudenfuß/Druden-Pentagramm bezeugt

Man kann nicht christlich erklären, was sprachlich und motivisch vorchristlich konstituiert ist. Die Schweizer Reformation hat „alb“ und „mara“ nicht in die deutsche Volkssprache eingeführt – sie fand sie dort vor und integrierte sie in ihre Alltagspraxis, wie Seebach selbst zutreffend beobachtet.


5. Synthese: Ein Modell in zwei Schichten


Die Forschungsdebatte zwischen Werner und Seebach ist, so betrachtet, keine echte Kontroverse, sondern eine Frage der analytischen Schichtung. Beide haben recht – aber auf verschiedenen Ebenen:

Schicht 1 – Konzeptuelle Ebene (Ursprung): Das dämonologische Konzept des nächtlichen Druckwesens, das der Elwedritsch zugrundeliegt, ist vorchristlich. Die althochdeutschen Belege für „alb“ (9.–12. Jh.), „mara“ (9. Jh.) und das gesamtgermanische Verbreitungsmuster belegen dies eindeutig. Werner hat in dieser Frage recht.

Schicht 2 – Transmissionsebene (Überlieferungsweg): Die spezifische Form, in der die Elwedritsch-Tradition in die Pfalz und nach Pennsylvania gelangte und sich dort entfaltete, ist durch die Migrationsbewegungen der Schweizer Reformation mitgeprägt. Seebach sieht dies richtig – allerdings mit der Betonung auf „mitgeprägt“, nicht allein geprägt.

Der Fehler in Seebachs Argumentation liegt in der impliziten Annahme, dass Transmissionsweg und Ursprung identisch sind. Das sind sie nicht. Das Christentum übernahm unzählige vorchristliche Konzepte – vom Weihnachtsbaum bis zum Osterhasen –, ohne sie erfunden zu haben. Die Elwedritsch in einem christlichen Migrationskontext anzutreffen beweist nicht, dass sie christlichen Ursprungs ist.

6. Schlussfolgerung

Die althochdeutschen Sprachzeugnisse sprechen eine eindeutige Sprache: Das Bedeutungsfeld „alb / mara / trut“, aus dem sich der Elwedritsch-Komplex speist, ist im deutschen Sprachraum seit dem 9. Jahrhundert schriftlich greifbar und gesamtgermanisch seit vorchristlicher Zeit bezeugt. Die Merseburger Zaubersprüche, das älteste schriftliche Zeugnis vorchristlicher germanischer Geistkonzepte überhaupt, illustrieren, wie lebendig diese Vorstellungswelt in der frühalthochdeutschen Phase war.

Seebachs reformationshistorischer Ansatz klärt wichtige Fragen der Kulturtransmission. Als Erklärung des Ursprungs der Elwedritsch-Vorstellung aber greift er zu kurz. Der Inhalt des Konzepts – das bedrohliche Nacht- und Druckwesen, das Schlafende befällt, lähmt und bedrängt – ist um viele Jahrhunderte älter als die Schweizer Reformation.

Die Elwedritsch ist kein Kind der Reformation. Sie ist ein vorchristliches Kind, das die Reformation überlebt hat – und das dabei, wie so viele seiner Geschwister, ein neues Gewand anlegte, ohne sein Wesen zu ändern.



Literatur und Quellen

Primärquellen und Wörterbücher:

Lloyd, Albert L. / Springer, Otto (1988): *Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen*, Bd. I. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen. Online: https://ewa.saw-leipzig.de/articles/alb/de
Köbler, Gerhard: Althochdeutsches Wörterbuch (Kurzform). Online: https://www.koeblergerhard.de/ahd/ahd_kurzform.html
Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS): Artikel „Nachtmahr“, „Mahr“. Hg. v. d. Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Online: https://www.dwds.de
Schützeichel, Rudolf (2006): Althochdeutsches Wörterbuch. 6. Aufl. Max Niemeyer Verlag, Tübingen.
Graff, Eberhard Gottlieb (1834–1842): Althochdeutscher Sprachschatz. 6 Bde. Nikolai, Berlin.
Steinmeyer, Elias / Sievers, Eduard (1879–1922): Die althochdeutschen Glossen. 5 Bde. Weidmann, Berlin.
Merseburger Zaubersprüche, Domstiftsbibliothek Merseburg, Codex I, 136, fol. 85r (9./10. Jh.); Erstpublikation durch Jacob Grimm 1842.

Forschungsliteratur:

Becker, Albert (1925): Pfälzer Volkskunde. Diesterweg, Frankfurt.
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Ivanescu, Alwine / Irimescu, Ileana / Sandor, Mihaela (2020): Wörterbuch der banaterdeutschen Mundarten, Bd. II (D–F). Paideia, Bukarest.
Kluge, Friedrich / Seebold, Elmar (2012): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 25. Aufl. Walter de Gruyter, Berlin.
Mulch, Rudolf (1958): „Elbentritschen und Verwandtes.“ In: *Hessische Blätter für Volkskunde* 49/50.
Petzoldt, Leander (2003): Kleines Lexikon der Dämonen und Elementargeister. C. H. Beck, München.
Raudvere, Catharina (1991): „Mara trað hann. Maragestaltens förutsättningar i nordiska förkristna själsföreställningar.“ In: Nordisk Hedendom. Et symposium. Odense, S. 87–102.
Seebach, Helmut (2015): Schweiz – Pfalz – Pennsylvania. Ursprung und Werden von Pfalz und Pfälzern. Bachstelz-Verlag, Mainz-Gonsenheim. (ISBN 978-3-924115-38-8)
Seebach, Helmut (2017): Die Schweizer Reformation – eine transnationale Kulturströmung. Bachstelz-Verlag, Mainz-Gonsenheim. (ISBN 978-3-924115-40-1)
Seebach, Helmut (2021): Schweizer – Pfälzer – Palatines. Bachstelz-Verlag, Mainz-Gonsenheim. (ISBN 978-3-924115-44-9)
Werner, Michael (2025): Elwedritsche – Dunkle Gefährten. Agiro Verlag, Neustadt/Weinstraße. (ISBN 978-3-946587-78-1)



Dieser Artikel stützt sich auf öffentlich zugängliche Primärquellen und Standardwörterbücher der germanistischen Mediävistik sowie auf die Sekundärliteratur der beteiligten Autoren. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Forschungsdiskussion, sondern dient der quellenkritischen Klärung einer zentralen Interpretationsfrage.

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