09 Hexen und Druden

Die Urangst der Menschen: Das Böse bemächtigt sich der Schwächsten – der Säuglinge. Dieses Motiv zieht sich von den Dämonen Mesopotamiens durch die Zeitgeschichte bis zu Druden und Hexen in Mittelalter und früher Neuzeit.

„Druden“ bzw. „Albdruden“ trieben im deutschsprachigen Raum ihr Unwesen. In manchen Gegenden sprach man vom „Mahr“ oder „Nachtmahr“. Von hier ist es nicht weit zum englischen „nightmare“, aber auch das französische „cauchemar(e)“ hat „Mahr“ als Wortbestandteil. Sogar im slawischen „Kikimora“ lässt sich der „Mahr“ erkennen. All diese Erscheinungen sind Ausprägungen desselben Mems, dessen Ursprung in Mesopotamien zu suchen ist.

Das Wort „Drude“ geht vermutlich auf das altnordische „trudan“ zurück, das „treten“ bedeutet. Allerdings gibt es im germanischen Götterpantheon auch eine Tochter Thors, die „Thrud“ (altnord. Þrúðr »Kraft«) genannt wird. Sie ist damit die Enkelin von „Wodan“ (im Skandinavischen: Odin). Von ihr ist wenig bekannt und noch weniger gesichert.

Unter einer Drude versteht man einen lebenden Menschen, der in der Lage ist, seine Gestalt zu wandeln und so zu einem bzw. einer Schlafenden zu gelangen, um ihn bzw. sie zu quälen. Von „Drude“ zu unterscheiden ist das Wort „Alp“. Unter einem Alp, der einen Schlafenden quälte, stellte man sich in früherer Zeit einen selbständigen Dämon oder aber einen Verstorbenen vor, der keine Ruhe finden kann. Deshalb ließ man im Mittelalter Totenmessen für Verstorbene lesen, damit sie Ruhe finden konnten. Ab dem Spätmittelalter jedoch fiel die Bedeutung zunehmend mit dem der „Drude“ zusammen. (Quelle)

Neben „Drude“ kennt man im Deutschen das Wort „Hexe“ (altnordisch: „hagazussa“). „Hag“ bedeutet hier „Hecke“ (auch „Wald“), „zussa“ möglicherweise „Elbin“. „Die Elbin, die in der Hecke sitzt“ könnte eine angemessene Übersetzung sein. Am Rand des zivilisatorisch genutzten Raumes musste sie bleiben, wenn es den Menschen gelang, alle Abwehrmaßnahmen aufrechtzuerhalten. Dazu gehörten Bannsprüche, der Einsatz von Pentagrammen und Hühnergöttern (vgl. Bild). Sogenannte „Drudenmesser“ konnten in das Schlüsselloch der Schlafstube gesteckt oder aber das Fußende des Bettes gerammt werden, um die Drude abzuwehren. Auch das Platzieren eines Besens vor der Türe so, dass die Besenreißer das Schlüsselloch verdecken, sollte helfen. In diesem Fall, so der Volksglaube, musste die Drude zunächst alle Besenreißer zählen, bevor sie ihre schädigende Handlung ausführen konnte (vgl. auch der Drudenkopf-Spruch aus dem Braucherei-Kontext, der der Drude befiehlt, u.a. alle Zaunstecken der Welt zu zählen). Das Zählen sollte sich bis zum Morgengrauen hinziehen, damit die Macht der Drude mit dem Sonnenaufgang schwand. Dieses Sicherungssystem hielt wie eine „Alarmanlage“ das Böse ab.

Drudenstein, auch „Hühnergott“ genannt – ein Stein mit einem natürlich entstandenen Loch. Wer hierdurch sieht, soll eine Drude erkennen können

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Druden und Hexen. Eine Hexe hat sich dem Teufel willentlich ergeben – sie kann demnach nicht erlöst werden. Bei der Drude ist das anders. Eine Frau wird unwillentlich zur Drude, zum Beispiel, weil der Pfarrer bei der Taufe einen Fehler gemacht und sich versprochen hat. Die Drude kann erlöst werden, zum Beispiel indem man ihr ein schwarzes Tier (in vielen Geschichten eine Henne oder eine Katze) gibt, das sie totdrücken kann.

In der Literatur ist die Trennung zwischen Druden und Hexen unscharf – mal werden die Begriffe synonym verwendet, mal getrennt mit unterschiedlichen Aspekten. Manchmal liest man: „Aus jungen Druden werden alte Hexen“ (Quelle hier).

Je nach Region erscheint das Phänomen im deutschen Sprachraum als „Drude“ (Bayern, Pfalz), als „Schrättele“ (Schwaben, Schweiz) oder als „Mahr“ (Schweiz, Österreich, aber auch in Norddeutschland).

„Drudengatterl“ (Bayern): Wie von Geisterhand gehalten hält Spannung die einzelnen Hölzer zusammen. Ähnlich einem Pentagramm oder einer sechsstrahligen Rosette schützte dieses Artefakt vor dem schädlichen Einfluss von Druden.

1486 erschien in Speyer der sogenannte „Hexenhammer“, der „malleus malificarum“ und damit ein Anleitungsbuch, das helfen sollte, Hexen zu erkennen. Erst 300 Jahre, 29 Auflagen und 30.000 Exemplare später fanden die Hexenverbrennungen in Europa ein Ende. Diese rund zwölf Generationen waren durch Kriege, schlechte Ernten („kleine Eiszeit“) und Krankheiten wie die Pest traumatisiert. Hexen stellten willkommene Sündenböcke für das erlittene Leid dar. Einen guten Überblick zur Hexenverfolgung gibt es hier.

Das Drudenhaus (auch „Malefitzhaus“) in Bamberg. Hier starben bei systematischen Hexenverfolgungen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts allein zwischen 1626 und 1631 insgesamt 642 Personen hingerichtet. Weitere Infos gibt es hier.

Im Zusammenhang mit dem Konzept der Hexen und Druden steht übrigens der Wechselbalg. Der Glaube war, dass Säuglinge ausgetauscht werden konnten, und zwar gegen den Nachwuchs von Hexen und Druden, die ggf. sogar vom Teufel selbst gezeugt wurden. Den besten Schutz gegen diesen Austausch bot die Taufe. Der Begriff „Wechselbalg“ taucht im 11. Jahrhundert auf, war in der Zeit des 30jährigen Krieges weit verbreitet und verlor erst im Laufe des 19. Jahrhunderts an Bedeutung.

Man schützte sich nicht nur mit Mitteln des Volksglaubens, sondern bediente sich auch des christlichen Werkzeugkastens. Ein in Pennsylvania im 18. Jahrhundert verbreitetes Nachtgebet liest sich wie folgt:

Wenn ich geh zur Ruh,
vierzehn Englein um mich zu.
Zwei zu meiner Rechten,
zwei zu meiner Linken,
zwei zu meinen Häupten,
zwei zu meinen Füßen,
zwei die mich decken,
zwei die mich wecken,
zwei die mich führen
ins himmlische Paradeis.

Es taucht zunächst in handschriftlicher Form auf. Ebenso ist der Text in der Pfalz und dem Elsass als ein Beispiel für „Geistliche Haus- und Tischgebete“ bekannt. Gedruckt erscheint es ab 1810 als „Christliches Kindergebetbüchlein“ in der Pfalz – anonym publiziert. Was fällt auf: Natürlich war das Konzept eines Schutzengels, der den Schlaf bewacht, schon zu dieser Zeit bekannt. Aber wofür braucht man 14 Engel, um ein Bett zu behüten. Im Kontext des Hexen- und Drudenglaubens wird der Grund erkennbar: Alle Zugänge zum Bett mussten einzeln geschützt werden, sogar der Weg von oben („zwei, die mich decken“). Die 14 Engel sind wie ein Panzer, die den Schlafenden rundum schützen. Insoweit steht der Text im Zusammenhang mit dem „Trotterkopf-Spruch“, mit dem ein Dämon durch Übertragung von Aufgaben für lange Zeit weit fort von der Schlafstube gehalten wird.

Auf einen interessanten anderen Aspekt des Hexenglaubens weist das Geständnis der Anna Schröckin aus dem Jahr 1581 in Horb am Neckar hin (Stadtarchiv Horb A314): das „Anblasen“. Hexen haben Macht, wenn sie ihr Opfer berühren können. Ebenso haben sie Einfluss, wenn sie ihr Opfer sehen können (Stichwort: Böser Blick). Eine weitere Option ist das Anhauchen („Anblasen“):

„Ungefähr vor fünfzehn Jahren sei der böß Geist zu ihr uf das Feld kommen, sie angesprochen (…) sie sich Gottes verleugnen müeßen. Der böß Geist sei zu ihr in das Bett komen, ihr zugemutet mit ihm Gemeinschaft zu haben. Der böß Geist were vil und oftermalen zu ihr in ihr Behausung und uf das Feld komen, sie angewisen Leut zu verfüeren, Menschen und Vieh Schaden zu thun wo sie köndte, in seinem Namen anzublasen. Sie hab Peter Wehelins Knäblein in des bößen Geists Namen Kuchen geben, darvon es gegeßen und hernach gestorben. Sie sei in David Kreidlers Stall komen, ein Ross in des bößen Geists Namen angriffen, welches hernach gestorben. Sie hab sonst Gespilen (= Komplizen), Stefan Deitlingers Witwe, Hans Walchs Frau, die Schenzin, seien uf ainer Wieser zusammen komen mit ihren Buhlen gedanzet und gezecht, hab er ihnen einen Hafen (= Topf) geben und befohlen umbzuschüten, daraus ein Reif (= Raureif). Sie und ihre Gespilen weren zweymal bay Bildechingen zusamen komen. Wann sie bay Nacht außgefahren, sei sie uf einer Gabel (= Heugabel) in des bößen Geists Namen geseßen, welcher eine besondere Salbe darzu geben und allso darauf hin gefahren.“

Im Namen des bößen Geistes „anzublasen“ – das erinnert stark an die Sure 113 des Koran, in dem es heißt:

"Ich nehme meine Zuflucht beim Herrn des Frühlichts	[113:1]
vor dem Übel dessen, was Er erschaffen hat , [113:2]
und vor dem Übel der Dunkelheit, wenn sie hereinbricht , [113:3]
und vor dem Übel der Knotenanbläserinnen [113:4]
und vor dem Übel eines (jeden) Neiders, wenn er neidet." [113:5]

Die Ähnlichkeit ist frappierend – dabei sind die Texte des Koran im 7. Jahrhundert entstanden. Im Knoten wurde ein schädigender Zauber gebunden. Durch das Anblasen des Knotens wurde er wirksam.

Hexen standen im Verruf, für das Verknoten von Haaren – bei Pferden, aber auch bei Kindern – verantwortlich zu sein. der Volksmund sprach in diesem Zusammenhang von „Hollezöpfen“. Eine kurdische Bekannte erzählte mir neulich scherzhaft, ihre Mutter habe mit Knoten in einer Schnur dafür gesorgt, dass Deutschland 2014 in Brasilien Weltmeister geworden sei. Immer wenn ein gegnerischer Spieler in Richtung Tor gelaufen sei, habe sie schnell einen Knoten gemacht und etwas dazu gemurmelt in der Absicht, einen erfolgreichen Schuss auf das deutsche Tor zu vereiteln. Die Frau, Jahrgang 1967, war als Kind aus kurdischen Gebieten im Osten der Türkei nach Deutschland gekommen. Bevor wir jetzt anfangen zu schmunzeln, sollten wir uns selbst fragen, wann wir zum letzten Mal gesagt haben: „Hexenfett, Hexenfett, Hexenfett!“ Ebenfalls, um einen anderen am erfolgreichen Erreichen eines Zieles zu hindern …

Die Welt dieses Aberglaubens liegt noch nicht lange zurück. Die letzte legale Hexenverbrennung in Europa fand 1782 in der Schweiz statt, aber auch heute im 21. Jahrhundert sterben weltweit täglich vermeintliche Hexen.

Die alte Hexe auf dem Weg zu ihrem Opfer – ein Bild von Arthur Rackham (1916)

Kein Wunder, dass die Furcht vor dem Schadzauber von Hexen und Druden weit verbreitet war. Neben dem Glauben an einen christlichen Gott existierte die Angst vor dem Bösen und der Kampf gegen das Teuflische. Beide Seiten gehörten zusammen.

Eine Studie zum „Hexenwahn“ (Forschung + Lehre, 2022) stellte fest: „Glaube an Hexerei immer noch weit verbreitet“. 40% der Menschen in insgesamt 95 Ländern sind davon überzeugt, dass Menschen mit übernatürlichen Kräften anderen Schaden zufügen können. Dazu fällt einem eigentlich nichts mehr ein.

In 46 Ländern werden aktuell vermeintliche Hexen verfolgt, wie der Vatikan berichtet. Beispiele aus der Presse gibt es in Papua-Neuguinea und Westafrika. Zahlen legen nahe, dass heute mehr Menschen dem Hexenwahn zum Opfer fallen als dies während der Zeit der Hexenverfolgungen in Europa in der frühen Neuzeit der Fall gewesen ist. Einen Artikel zu diesem Thema veröffentlichte die Rheinische Post. Der „Internationale Tag gegen Hexenwahn“ ist jährlich am 10. August.

Dies alles zeigt, dass die Angst, die zur Entstehung der „Elwedritsch“ beitrug, ein tief menschliches Urphänomen ist.

Der Aberglauben-Experte Gunter Altenkirch und Michael Werner im Juli 2025 in Rubenheim

Der Rubenheimer Aberglauben-Experte Gunter Altenkirch hat in den vergangenen 70 Jahren Zeitzeugen-Protokolle zu verschiedenen Aspekten der dörflichen Alltagskultur in der Saarpfalz erstellt. Er schreibt: „Die Drud wurde vielfach erwähnt, nicht immer so, wie in der Literatur beschrieben, aber es sind die Vorstellungen der Alten gewesen. Und zu Hexen habe ich weit über tausend Hinweise (…). Hexen waren quasi Begleiter des täglichen Lebens in früheren Zeiten. Es gibt mehr Hinweise auf diese als auf den Teufel.“ (August 2025)

Eine Frau aus dem saarländischen Rilchingen direkt an der Grenze bei Sarreguemines (Lothringen) berichtet beispielsweise im Jahr 1968: „Uns wurde früher, wo wir noch Kinder waren, oft von der Drud erzählt. Die kam in der Nacht, und wenn wir gemerkt haben, daß die im Zimmer ist, haben wir nicht mehr einschlafen können. Gegen die Drud und gegen den Schluckser, den die Drud auch machen kann, haben wir von der Oma gelernt, sollten wir Schäfchen zählen.“ Eine Altersangabe zur Gewährsperson gibt es nicht. Vermutlich jedoch war diese Frau noch in der Kaiserzeit Anfang des 20. Jahrhunderts Kind gewesen. Ein Aspekt ist besonders spannend: Die Großmutter nennt nicht nur die Ursache des Schluckaufs (die Drud!), sondern sofort auch die Therapie (Schäfchen zählen!). Die Drud und ihr schädigendes Verhalten erfordern eine Gegenmaßnahme. Wo es eine Therapie gibt, lässt sich auch die Angst vor der Drud bewältigen.

Ein Video zum Wirken von Druden in Bayern gibt es hier:

Einen guten, weil kurzen Überblick zur Hexenverfolgung lieferte das ZDF in seiner Reihe Terra X im Jahr 2021:

Und zum kulturellen Hintergrund von Hexen gibt es ein weiteres gutes Video:

Hexentiere

01 Schwarze Katze

Nicht ohne Grund sieht die pennsylvanisch-deutsche Elbedritsch auf dem Buchcover katzenartig aus. So beschreiben sie in Amerika die meisten Menschen (ich will aber nicht verschweigen, dass es auch geflügel- und vogelartige Darstellungen gibt). Aus meiner Sicht muss man der Migrationsspur der Indoeuropäer folgen, um das Wesen der Elwedritsche zu ergründen. Jetzt ergänze ich: Folge der Spur der (schwarzen) Katze.

Katzen und Menschen teilen das Leben schon seit Jahrtausenden, und auf dem Bauernhof hat eine Katze vor allem eine Funktion: die Schadensabwehr von Schädlingen wie Mäusen, um die Getreidevorräte zu sichern. Dies passt sich gut ein in die bäuerlichen Abwehrmaßnahmen, die ich an anderer Stelle beschrieben habe.

Man weiß seit kurzem, dass in Mesopotamien Wildkatzen lebten und dort etwa zur gleichen Zeit wie Hunde, Schafe und Ziegen domestiziert wurden. Das wäre dann zeitlich etwa der Bereich der Sesshaftwerdung der Menschen im fruchtbaren Halbmond ab 10.000 v. Chr. – Ausgrabungen in den letzten zehn Jahren haben hier neue Erkenntnisse gebracht.

Wertschätzung genossen Katzen in Ägypten bald nach Beginn der ägyptischen Zivilisation um 5000 v. Chr. – um 450 v. Chr. wurde as Töten einer Katze mit dem Tod bestraft. Die Göttin “Bastet”, üblicherweise als Katze oder Frau mit Katzenkopf dargestellt, war eine wichtige Gottheit im ägyptischen Götterpantheon. Sie war die Hüterin von Herd und Heim, Beschützerin von Frauengeheimnissen und eine Wächterin, die böse Krankheiten und Geister abhielt. Wer mein Buch liest, wird diese Aspekte an einigen Stellen wiederfinden.

Berühmt ist die Geschichte aus der Schlacht von Pelusium (525 v. Chr.). Hier kämpfte Kambyses II. von Persien gegen die Armee des ägyptischen Pharaos Psammetich III. Die Perser siegten, u.a. weil der Herrscher Katzen vor den Invasionstruppen in Richtung der Stadt Pelusium am Nil treiben ließ. Auch malten die persischen Soldaten Bilder von Katzen auf ihre Schilde und hielten möglicherweise Katzen in ihren Armen, als sie hinter der Herde von Katzen marschierten. Die Ägypter zögerten, sich zu verteidigen – aus Angst, den Katzen Schaden zuzufügen. Dies hätte (siehe oben) mit dem Tod bestraft werden können. Demoralisiert gaben die Ägypter die Stadt auf.

Die Ägypter sind keine Indoeuropäer, aber unser Wort für Katze stammt von dem ägyptischen “quattah” ab. Es ist damit ein Lehnwort im Indoeuropäischen, von dem sich u.a. engl. “cat”, franz. “chat” und dt. “Katze” ableiten. Auf der östlichen Flanke des Indoeuropäischen – in Indien – werden Katzen in großen literarischen Epen erwähnt. Die Geschichte vom gestiefelten Kater basiert auf einer indischen Volkssage aus dem 5. Jahrhundert vor Christus.

Es ist wahrscheinlich, dass die zeitlich sehr frühe und hohe Bedeutung der Katzenverehrung in Ägypten mit der Zeit auf die mesopotamischen Völker abstrahlte, die ebenfalls keine Indoeuropäer waren. Die Verbindung des Tieres mit dem Schutz von Heim und Herd (Feuer) und der Abwehr von Krankheiten und Geistern ist etwas, was sich im Glaubenssystem der Menschen im fruchtbaren Halbmond zu einem frühen Zeitpunkt festgesetzt haben könnte. Von da aus erreichte die Wertschätzung von Katzen – vermutlich über den regionalen Handel in Form von Karawanen – die indoeuropäischen Völker nördlich des fruchtbaren Halbmonds. Von hier aus breitete sich die positive Konnotation von Katzen mit der Landnahme der Indoeuroper im Zuge der neolithischen Revolution erst nach Norden, dann nach Westen und Osten aus.

02 Nachteule

Die Eule – Begleiterin von Göttinnen, Dämoninnen und Hexen

Wer über Eulen spricht, muss über Hexen sprechen. Wer über Hexen spricht, muss über Alben sprechen. Wer über Alben spricht, muss weiter und weiter in die Geschichte eintauchen und landet letztlich bei Lilith, zu deren Begleittieren die Eule gehört.

Lilith wird als Nachfolgerin der 5000 Jahre alten sumerischen Göttin Inanna eingestuft. Ihr Name wird von unterschiedlichen Sprachstämmen abgeleitet. Auf babylonisch heißt sie Lilitu, was „Windgeist“ bedeutet. Im Hebräischen heißt „lajela“ oder auch „lajil“ – die Nacht, die Dunkelheit. Auch im Arabischen heißt „layla“ die Nacht, die Dunkle oder die Schwarze.

Der Hinweis, dass Lilith aus der Nacht, der Dunkelheit kommt, deutet auf sie als Schöpfungsgöttin hin (siehe auch die griechische Nyx). Als Symboltier wird ihr oft die Eule zugeordnet. Die Eule ist Sinnbild für Weisheit und Klugheit, aber auch ein Symbol für den Tod. Die Eule ist ein Nachtvogel. Und die Nacht wird vom Mond bestimmt, der wiederum für Vergänglichkeit und Wiedergeburt steht.

Diese Darstellung auf dem Burney-Relief zeigt möglicherweise den Nachtdämon Lilith – gekennzeichnet als Dämonin durch die herabhängenden Flügel. Ihr zu Füßen liegen bzw. stehen zwei Löwen und zwei Eulen. In jüngerer Zeit mehren sich allerdings in der Wissenschaft Zweifel an dieser Zuschreibung. Es könnte auch die Göttin Inanna bzw. Ištar sein, die zu den Vorgängerinnen von Lilith gehören. Inanna und Ištar sind im Grunde dieselbe Göttin, die aber zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturen unter verschiedenen Namen verehrt wurde. Inanna ist die sumerische Entsprechung, die als Göttin der Liebe, des Krieges, der Fruchtbarkeit und der Schönheit bekannt ist. Ištar ist die Bezeichnung für dieselbe Göttin im akkadischen, babylonischen und assyrischen Kulturbereich, die ihren Platz in der Mythologie einnahm.

03 Schlange

Adam, Eva – und Lilith als Schlange? (Quelle: Wikipedia)

Die Schlange ist eines der ältesten und vielschichtigsten Symbole der Menschheitsgeschichte. Sie steht je nach Kultur für Leben und Tod, Weisheit und Verführung, Heilung und Gefahr. Besonders in der jüdisch-christlichen Tradition ist sie tief mit Vorstellungen von Sünde, Sexualität und Weiblichkeit verknüpft – zentrale Aspekte, wenn man das Alte Testament und die Figur Lilith betrachtet. Im Buch Genesis, dem ersten Buch der Bibel, begegne die Schlange dem Menschen in der Geschichte vom Sündenfall:

„Die Schlange aber war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott der HERR gemacht hatte.“ (Genesis 3,1)

Sie verführt Eva dazu, vom Baum der Erkenntnis zu essen – entgegen Gottes Gebot. Damit wird sie zur Urheberin des Sündenfalls, durch den der Mensch das Paradies verliert. Die Schlange steht hier für Verführung, List und Auflehnung gegen die göttliche Ordnung. Zugleich aber vermittelt sie Erkenntnis, also eine Art bewusstes Menschsein – ein ambivalentes Motiv.

Nach der Tat verflucht Gott die Schlange:

„Auf deinem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.“ (Genesis 3,14)

Diese Stelle hat die westliche Vorstellung der Schlange tief geprägt: als kriechendes, demütiges, aber auch gefährlich-verführerisches Wesen.

Lilith erscheint nicht direkt in der Genesis-Erzählung vom Sündenfall, aber in späteren jüdischen Texten, insbesondere im Alphabet des Bin Sira (ca. 8.-10. Jh. n. Chr.), wird sie als Adams erste Frau beschrieben – erschaffen wie er aus Erde und demnach gleichberechtigt.

Lilith weigert sich jedoch, Adam untertan zu sein, insbesondere beim Geschlechtsverkehr, und verlässt ihn. Dafür wird sie verbannt und dämonisiert: Sie wird zur nächtlichen Dämonin, die Kinder raubt und Männer verführt.

In der mittelalterlichen jüdischen Mystik und in kabbalistischen Texten wird Lilith häufig mit der Schlange im Garten Eden gleichgesetzt oder verbunden. Einige Deutungen sagen:

  • Lilith war die Schlange: In dieser Lesart verführte Lilith Eva nicht nur zum Apfel, sondern zur sexuellen Erkenntnis.
  • Lilith und die Schlange handeln gemeinsam: Beide stehen für weibliche Unabhängigkeit, Sexualität und das Streben nach Wissen – alles Dinge, die in patriarchalen religiösen Systemen als bedrohlich galten.

So verschmelzen in späteren Interpretationen Schlange und Lilith zu Symbolen eines weiblich codierten, rebellischen Wissens.

Trotz (oder gerade wegen) ihrer negativen Deutung im Christentum blieb die Schlange ein vielschichtiges Symbol:

Die Schlange in der jüdisch-christlichen Tradition ist mehr als nur das Symbol des Bösen. Im Alten Testament wird sie zur Verführerin, zur Gegenspielerin Gottes – aber auch zur Vermittlerin von Erkenntnis. In der Figur Lilith bekommt diese Symbolik eine neue, feministische Lesart: als Ausdruck weiblicher Autonomie und sexueller Selbstbestimmung.

So stehen Schlange und Lilith gemeinsam für die Angst patriarchaler Systeme vor weiblicher Macht – und gleichzeitig für die uralte Verbindung zwischen Weiblichkeit, Natur und Wissen. Was Männern Angst macht, wird in einer männlich dominierten Gesellschaft verbannt: historisch in die Wüste oder eben in den tiefen, dunklen Wald.

04 Fledermaus

Fledermaus (Quelle: Wikipedia)

Fledermäuse faszinieren und ängstigen die Menschheit seit Jahrhunderten. Als nachtaktive Tiere, die lautlos durch die Dunkelheit gleiten, erscheinen sie vielen unheimlich oder gar übernatürlich. Ihre besondere Rolle in der Kulturgeschichte ist eng mit Aberglauben, Mythologie und der menschlichen Furcht vor der Nacht verbunden.

Bereits in frühen Kulturen waren Fledermäuse ambivalente Wesen. In der chinesischen Kultur galten sie noch als Glücksbringer, da das Wort für Fledermaus (fu) gleich klingt wie das Wort für Glück. In vielen indigenen Kulturen Amerikas galten sie als Geistwesen oder Mittler zwischen Welten.

In der westlichen Welt, insbesondere im mittelalterlichen Europa, wurden Fledermäuse hingegen zunehmend negativ wahrgenommen – als Kreaturen der Nacht, eng verwoben mit Tod, Krankheit und dem Teufel. Ihre Fähigkeit, sich kopfüber aufzuhängen, und ihre scheinbar blinden Flugmanöver machten sie zu etwas „Unnatürlichem“.

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit, zur Zeit der Hexenverfolgungen, wurde jede Abweichung vom „Normalen“ verdächtigt. Fledermäuse wurden durch mehrere Faktoren mit Hexen in Verbindung gebracht:

  • Nachtaktivität: Hexen galten als Wesen, die nachts fliegen, heimlich reisen und Rituale im Verborgenen abhalten – genau wie Fledermäuse.
  • Verbindung zum Teufel: In der christlich geprägten Dämonologie wurden Fledermäuse als tierische Verkörperungen dämonischer Kräfte interpretiert. Der Teufel selbst wurde oft mit Fledermausflügeln dargestellt.
  • Zutaten für Zauber: In Hexensalben und Zauberrezepten tauchten Fledermausbestandteile auf – z.B. „Fledermausblut“ oder „Fledermausflügel“ –, was ihren Ruf als magische, unheimliche Tiere festigte.
  • Fliegen: Hexen wurden als fliegende Wesen dargestellt, oft auf einem Besen reitend. Die Vorstellung, dass sie sich in Tiere wie Eulen, Katzen oder Fledermäuse verwandeln konnten (Tierverwandlung), war weit verbreitet.

In der Populärkultur des 19. und 20. Jahrhunderts wurde dieses Bild weiterentwickelt. Der Vampir-Mythos, insbesondere durch Bram Stokers Dracula (1897), verband Fledermäuse endgültig mit dem Okkulten und dem Bösen. Seitdem sind sie ein fester Bestandteil von Horror und Gothic – von Halloween-Dekorationen bis zu Comicfiguren wie Batman.

Fazit: Fledermäuse wurden zu Begleitern von Hexen, weil sie nächtliche, mysteriöse Wesen sind, die sich außerhalb der „natürlichen Ordnung“ bewegen – genau wie die gesellschaftlich geächteten Frauen, die man als Hexen verfolgte. In einer Welt, in der alles Unbekannte als gefährlich galt, war die Fledermaus ein ideales Symbol für das Dunkle, Magische und Unheimliche.

05 Hexenbesen

Halloween lässt grüßen: Hexen mit Besen in Pennsylvania

Der Hexenbesen ist im Volksglauben das bevorzugte Transportmittel von Hexen, die auf ihm durch die Luft reiten.

In der Zeit der Hexenverfolgungen warf man den der Hexerei beschuldigten Personen vor, dass sie auf Tieren, aber auch auf Ofengabeln, Stöcken oder Besen zu ihren Zusammenkünften mit dem Teufel geflogen seien. Das Haus hätten sie durch die Tür, ein Fenster oder den Schornstein hindurch verlassen. Martin Anton Delrio beschreibt die Ausfahrt der Hexen in seinem Hexentraktat Disquisitionum magicarum libri sex im Jahr 1599 folgendermaßen:

So also die Hexen, sobald sie sich mit ihren Salben eingerieben haben, auf Stöcken, Gabeln oder Holzscheiten zum Sabbath zu gehen, indem sie entweder einen Fuß darauf stützen und auch auf Besen oder Schilfrohren reiten, oder indem sie von entsprechenden Tieren, männlichen Ziegenböcken oder Hunden, getragen werden …

Delrio geht also davon aus, dass die Hexen ihren Körper mit einer speziellen Hexensalbe eingerieben hätten, um fliegen zu können. (Quelle: Wikipedia)