Opfer der Roten Khmer in Kambodscha (Quelle: Wikipedia), 1975-1979

Eine kulturpsychologische Vergleichsstudie zwischen Kambodscha und der Pfalz des 17. Jahrhunderts

Zusammenfassung

Die moderne Traumaforschung hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen kollektiven Gewalterfahrungen, posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Schlafparalyse und der Entstehung übernatürlicher Wesenserfahrungen aufgezeigt. Besonders gut dokumentiert ist dieser Zusammenhang bei Überlebenden der Schreckensherrschaft der Rote Khmer in Kambodscha. Die dort erhobenen Daten liefern erstmals ein empirisches Modell dafür, wie gesellschaftliche Traumata die Häufigkeit schlafparalysebedingter Halluzinationen steigern und dadurch neue Geister- und Dämonenvorstellungen hervorbringen können.

Der vorliegende Beitrag diskutiert, inwieweit diese Befunde zur Erklärung der Transformation der mittelalterlichen Albdrude in die pfälzische Elwedritsch herangezogen werden können. Im Zentrum steht die Hypothese eines psychologisch-memetischen Evolutionsprozesses, der durch die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges und die anschließende schweizerische Zuwanderung in die Kurpfalz ausgelöst wurde. Mit diesem Ansatz wird die zeitliche Komponente der Transformation erstmals konkreter fassbar. Eines ist unzweifelhaft: Als erste größere Siedlergruppen sich ab 1709 vom Rhein kommend in Irland und Pennsylvania niederließen, hatten sie beide Versionen im Gepäck: die ältere Alb/Druden/Trotterkopf-Vorstellung ebenso wie die bereits transformierte Elbedritsch. Die kambodschanischen Befunde dienen in diesem Artikel als Vergleichsmodell für die Frage, wie historische Traumata kulturelle Narrative verändern und neue Sagengestalten hervorbringen können.

1. Einleitung

Die traditionelle Volkskunde erklärt Gestalten wie Alb, Nachtmahr, Drude oder Mara überwiegend aus religiösen Vorstellungen, mythologischen Überlieferungen oder sprachgeschichtlichen Entwicklungen. Seit den Arbeiten des amerikanischen Volkskundlers David Hufford sowie der kulturpsychiatrischen Forschungen von Devon Hinton hat sich jedoch ein neuer Zugang etabliert. Dieser geht davon aus, dass viele übernatürliche Nachtwesen auf reale, universell vorkommende Erfahrungen der Schlafparalyse zurückzuführen sind.

Schlafparalyse bezeichnet einen Zustand, in dem ein Mensch beim Einschlafen oder Aufwachen das Bewusstsein erlangt, während die physiologische Muskelhemmung des REM-Schlafes noch fortbesteht. Die Betroffenen erleben dabei häufig intensive Halluzinationen, die sich kulturübergreifend erstaunlich ähneln. Typisch sind die Wahrnehmung einer bedrohlichen Präsenz, das Gefühl eines Drucks auf Brust und Atemwege, Bewegungsunfähigkeit sowie starke Todesangst.

Die moderne Schlafforschung betrachtet diese Erfahrungen als eine der wichtigsten Quellen historischer Nachtmahrvorstellungen. Offen bleibt jedoch die Frage, warum bestimmte Gesellschaften aus diesen Erlebnissen komplexe Geister- und Dämonensysteme entwickeln, während sie andernorts lediglich als individuelle Erfahrungen wahrgenommen werden. Die Antwort könnte in der Wirkung kollektiver Traumata liegen.

2. Kambodscha als natürlicher Großversuch der Traumaforschung

Die Herrschaft der Rote Khmer zwischen 1975 und 1979 gilt als eines der schwersten Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts. Schätzungsweise ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung starb durch Hinrichtungen, Hunger, Krankheiten oder Zwangsarbeit. Die psychischen Folgen dieser Katastrophe prägen das Land bis heute.

Besonders aufschlussreich sind die Untersuchungen von Devon Hinton und seinen Mitarbeitern an kambodschanischen Flüchtlingen in den Vereinigten Staaten. Hinton konnte nachweisen, dass Schlafparalyse bei traumatisierten kambodschanischen Überlebenden außergewöhnlich häufig auftritt. In einer vielzitierten Studie berichteten 49 Prozent der Befragten mindestens eine Schlafparalyse-Episode innerhalb eines Jahres. Unter Personen mit diagnostizierter PTBS lag die Rate sogar bei 65 Prozent. Gleichzeitig zeigte sich eine deutliche Korrelation zwischen der Schwere der Traumatisierung und der Häufigkeit der Episoden. Insoweit können PTBS-Ereignisse als „Brandbeschleuniger“ für das Auftreten von Schlafparalyse-Phänomen gesehen werden.

Noch bemerkenswerter waren die Inhalte dieser Erfahrungen. Rund neunzig Prozent der Betroffenen berichteten von der Wahrnehmung einer bedrohlichen Präsenz. Viele schilderten das Gefühl, ein Geist oder ein dämonisches Wesen nähere sich dem Bett, setze sich auf die Brust oder versuche, ihnen die Luft abzuschnüren. Die Ereignisse wurden nicht als medizinisches Phänomen verstanden, sondern als Angriff eines übernatürlichen Wesens, das in der kambodschanischen Tradition als khmaoch sângkât bekannt ist – wörtlich „der Geist, der sich auf den Schlafenden legt“.

Die Beschreibung dieses Wesens weist eine erstaunliche Ähnlichkeit zu europäischen Nachtmahrtraditionen auf. Wie der deutsche Alb, die Drude oder die skandinavische Mara verursacht der kambodschanische Geist Atemnot, Bewegungsunfähigkeit und intensive Angst. Damit zeigt sich, dass vergleichbare physiologische Erfahrungen in sehr unterschiedlichen Kulturen zu ähnlichen übernatürlichen Erklärungen führen können.

Hinton argumentiert, dass hier ein Rückkopplungssystem entsteht. Traumatische Belastungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Schlafstörungen und Schlafparalyse. Die kulturelle Erwartung eines Geisterangriffs verstärkt wiederum die Angst vor dem Einschlafen, was weitere Episoden begünstigt. Dadurch stabilisieren sich die entsprechenden Geistervorstellungen über Generationen hinweg.

3. Der psychologisch-memetische Mechanismus

Die kambodschanischen Befunde erlauben die Rekonstruktion eines allgemeinen Mechanismus kultureller Evolution.

Am Anfang steht ein kollektives Trauma. Krieg, Völkermord, Vertreibung oder Hunger erzeugen hohe Raten psychischer Belastungen. Diese Belastungen führen zu einer Zunahme von Albträumen, Schlafstörungen und Schlafparalyse. Die dabei auftretenden Halluzinationen werden innerhalb des jeweiligen kulturellen Deutungsrahmens interpretiert. Anschließend werden die Erfahrungen weitererzählt, ritualisiert und in bestehende Erzähltraditionen integriert.

Aus Sicht der Memetik handelt es sich um einen Selektionsprozess kultureller Information. Narrative, die intensive Emotionen hervorrufen und reale subjektive Erfahrungen erklären, besitzen einen hohen Reproduktionswert. Sie werden häufiger erzählt, leichter erinnert und erfolgreicher weitergegeben als konkurrierende Vorstellungen.

Der entscheidende Punkt besteht darin, dass die übernatürlichen Wesen nicht frei erfunden werden. Sie entstehen aus realen Erfahrungen, die kulturell verarbeitet werden. Die Erfahrung geht der Erzählung voraus. Genau hierin liegt die Bedeutung der kambodschanischen Studien für die Erforschung europäischer Nachtmahrtraditionen.

4. Der Dreißigjährige Krieg als historische Traumakatastrophe
Darstellung von Kriegsgräueln während des Dreißigjährigen Krieges nach Jacques Callot (1632) (Quelle: Wikipedia)

Die Übertragung dieses Modells auf die Pfalz setzt voraus, dass der Dreißigjährige Krieg als kollektives Trauma vergleichbarer Größenordnung betrachtet werden kann. Die neuere Geschichtswissenschaft hat sich zunehmend dieser Perspektive angenähert.

Der Krieg kostete nach heutigen Schätzungen zwischen viereinhalb und acht Millionen Menschen das Leben. In vielen Regionen des Heiligen Römischen Reiches gingen zwischen zwanzig und vierzig Prozent der Bevölkerung verloren. Besonders stark betroffen waren Südwestdeutschland, Franken, Württemberg und die Kurpfalz. In einzelnen Landstrichen lagen die Bevölkerungsverluste sogar deutlich darüber.

Die Pfalz gehörte zu den am schwersten verwüsteten Gebieten Europas. Wiederholte Besetzungen, Plünderungen, Brandschatzungen, Hungersnöte und Seuchen führten über Jahrzehnte zu einer nahezu vollständigen Destabilisierung des gesellschaftlichen Lebens. Zeitgenössische Berichte schildern entvölkerte Dörfer, verwilderte Felder und eine allgegenwärtige Erfahrung von Gewalt und Unsicherheit.

Historiker wie Peter H. Wilson haben darauf hingewiesen, dass die Auswirkungen des Krieges weit über die unmittelbaren Opferzahlen hinausgingen. Ganze Generationen wuchsen in einer Umgebung auf, die von Tod, Hunger und Flucht geprägt war. Aus heutiger Sicht würden viele dieser Menschen vermutlich die Kriterien einer traumatischen Belastungsstörung erfüllen.

Obwohl es naturgemäß keine medizinischen Daten aus dem 17. Jahrhundert gibt, erscheint es plausibel anzunehmen, dass die Häufigkeit traumabedingter Schlafstörungen und Schlafparalyse während und nach dem Krieg erheblich anstieg. Genau dies würde das kambodschanische Modell vorhersagen.

5. Die Wiederbesiedlung der Pfalz und die Rolle der Schweizer Migration
Kriegsbedingter Bevölkerungsrückgang in Folge des 30jährigen Krieges (Quelle: Wikipedia)

Nach dem Westfälischen Frieden (1648) begann die Wiederbesiedlung der stark entvölkerten Regionen. Die Kurpfalz warb gezielt Einwanderer aus der Schweiz an. Tausende Familien ließen sich in den zerstörten Gebieten nieder und brachten ihre eigenen sprachlichen und kulturellen Traditionen mit. Dies hat der Volkskundler Helmut Seebach in mehreren Publikationen detailreich nachvollzogen. Der psychologisch-memetische Ansatz integriert Seebachs Erkenntnisse zur Schweizer Migration in die Kurpfalz als einen Lieferanten des Materials, aber nicht als Erklärung der Transformation als solche.

Unter diesen Traditionen befanden sich zahlreiche Vorstellungen von Nachtmahren, Truden, Alpen, Geistern und Tierwesen. Gleichzeitig verfügte die einheimische Bevölkerung bereits über einen reichen Bestand entsprechender Erzählungen. Hierzu gibt es einschlägige. Quellen, die sich über einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren vom frühen Mittelalter bis in die frühneuhochdeutsche Zeit erstrecken. Die Begegnung dieser Traditionen schuf ein Umfeld intensiver kultureller Hybridisierung.

Aus memetischer Sicht stellt eine solche Situation einen idealen Nährboden für die Entstehung neuer kultureller Formen dar. Verschiedene Erzählmuster werden miteinander kombiniert, einzelne Elemente gehen verloren, andere werden verstärkt. Besonders erfolgreich sind dabei Narrative, die bestehende emotionale Bedürfnisse bedienen oder persönliche Erfahrungen erklären.

Die traumatische Vorgeschichte der Region könnte dabei eine entscheidende Rolle gespielt haben. Wenn große Teile der Bevölkerung vermehrt außergewöhnliche nächtliche Erfahrungen machten, erhöhte sich zugleich der Bedarf an kulturellen Erklärungsmustern. Die Begegnung pfälzischer und schweizerischer Traditionen lieferte das notwendige Material für neue Synthesen.

6. Von der Albdrude zur Elwedritsch

Die klassische Albdrude besitzt nahezu alle Merkmale einer schlafparalysebezogenen Gestalt. Sie erscheint nachts, lähmt den Schlafenden, verursacht Atemnot und löst intensive Angst aus. Diese Merkmale stimmen nicht nur mit modernen Beschreibungen der Schlafparalyse überein, sondern auch mit den kambodschanischen Berichten über den khmaoch sângkât.

Die heutige Elwedritsch wirkt dagegen auf den ersten Blick völlig anders. Sie erscheint meist als skurriles, vogelähnliches Fabelwesen und ist häufig Gegenstand humoristischer Erzählungen. Dennoch schließt dies eine historische Verwandtschaft nicht aus.

Memetische Evolution verläuft selten geradlinig. Viele ursprünglich bedrohliche Wesen verlieren im Laufe der Zeit ihren Schrecken und werden in die regionale Folklore integriert. Die emotionale Distanz zur ursprünglichen Erfahrung nimmt zu, während die kulturelle Überlieferung bestehen bleibt. Der Keim der Humorisierung und Transformation der Albdrude zur Elwedritsch könnte gerade in dieser Zeit – also in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts – aufgegangen sein. Denn einerseits lässt sich über vergangenes Leid besser lachen als über aktuelles Leid. Andererseits ist Humor ein besonders effektives Werkzeug der Angstverarbeitung (Stichworte: „Galgenhumor“ bzw. „Der Angst ins Gesicht lachen“).

Vor diesem Hintergrund erscheint folgende Entwicklung denkbar: Aus älteren Mara- und Albvorstellungen entsteht eine regionale Albdrudentradition. Diese wird während und nach dem Dreißigjährigen Krieg durch traumabedingte Erfahrungen erneut aktiviert und verändert. Durch die Vermischung mit schweizerischen Traditionen entwickelt sich schrittweise eine neue regionale Sagengestalt, deren bedrohliche Aspekte im Laufe der Zeit zunehmend folklorisiert und humorisiert werden. Das Ergebnis wäre die Elwedritsch als kultureller Nachfahre eines wesentlich älteren Nachtmahrkomplexes.

7. Kollektives Gedächtnis und kulturelle Langzeitwirkungen

Die moderne Forschung zum kollektiven Trauma liefert zusätzliche Argumente für diese Interpretation. Autoren wie Jeffrey Alexander, Ron Eyerman oder Kai Erikson haben gezeigt, dass gesellschaftliche Katastrophen nicht nur individuelle Erinnerungen hinterlassen. Sie verändern langfristig die symbolischen Systeme einer Gesellschaft.

Traumatische Erfahrungen werden in Erzählungen, Ritualen, Legenden und Identitätskonstruktionen gespeichert. Diese kulturellen Speicher können Jahrhunderte überdauern, selbst wenn die ursprünglichen Ereignisse längst vergessen sind.

Besonders langlebig sind Narrative, die starke Emotionen mit konkreten Erfahrungen verbinden. Nachtmahrgestalten erfüllen diese Bedingungen in idealer Weise. Sie erklären persönliche Erlebnisse, erzeugen intensive Gefühle und können leicht weitererzählt werden. Aus memetischer Perspektive besitzen sie daher eine außergewöhnlich hohe Überlebenswahrscheinlichkeit.

Die Elwedritsch könnte in diesem Sinne als kulturelles Fossil betrachtet werden – als ein Überrest historischer Verarbeitungsprozesse, deren ursprünglicher Kontext heute weitgehend verloren gegangen ist.

8. Wissenschaftliche Bewertung der Hypothese

Die Annahme, dass der Dreißigjährige Krieg die Transformation der Albdrude zur Elwedritsch ausgelöst hat, lässt sich gegenwärtig weder beweisen noch widerlegen. Sie erfüllt jedoch mehrere Kriterien einer wissenschaftlich ernstzunehmenden Arbeitshypothese.

Empirisch gut belegt sind der Zusammenhang zwischen Trauma und Schlafparalyse, die Verbindung zwischen Schlafparalyse und Präsenzhalluzinationen sowie die kulturelle Ausgestaltung solcher Erfahrungen zu Geister- und Dämonenvorstellungen. Ebenso gut dokumentiert sind die langfristigen Auswirkungen kollektiver Traumata auf kulturelle Narrative und Erinnerungssysteme.

Plausibel, wenn auch bislang nicht direkt nachweisbar, ist die Übertragung dieser Mechanismen auf die traumatisierte Gesellschaft der Pfalz nach dem Dreißigjährigen Krieg. Ebenfalls plausibel erscheint die Annahme, dass die schweizerische Zuwanderung neue narrative Elemente in den regionalen Überlieferungsbestand einbrachte.

Schlussfolgerung

Die kambodschanischen Studien stellen gegenwärtig eines der überzeugendsten empirischen Modelle für die Verbindung von kollektivem Trauma, posttraumatischen Belastungsstörungen, Schlafparalyse und Geisterglauben dar. Sie zeigen, dass historische Katastrophen die Häufigkeit außergewöhnlicher nächtlicher Erfahrungen erheblich steigern können und dass diese Erfahrungen anschließend in kulturelle Narrative überführt werden.

Überträgt man dieses Modell auf die Pfalz des 17. Jahrhunderts, entsteht ein bemerkenswert kohärentes Erklärungsangebot. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges könnten eine vergleichbare traumatische Ausgangslage geschaffen haben wie der Genozid in Kambodscha. Die anschließende Wiederbesiedlung durch Schweizer Einwanderer hätte die kulturellen Voraussetzungen für eine Neubildung oder Transformation bestehender Nachtmahrtraditionen geliefert.

Unter dieser Perspektive erscheint die psychologisch-memetische Theorie nicht als folkloristische Spekulation, sondern als eine kulturpsychologisch fundierte Arbeitshypothese. Die Elwedritsch wäre auch nach dieser besonderen Lesart nicht lediglich ein kurioses Fabelwesen der Pfälzer Volkskunde, sondern ein kulturelles Echo jener historischen Urkatastrophe, die Mitteleuropa im 17. Jahrhundert erschütterte.

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