Alben, Druden und Mahre zwischen Volksglauben und Schlafparalyse
Abstract. Die Vorstellung, ein unsichtbarer Geist setze sich im Schlaf auf die Brust des Menschen, ihm die Luft abschneidend und Lähmung erzeugend, gehört zu den konstantesten Erfahrungsberichten der europäischen Geistesgeschichte. Dieser Artikel versammelt und kommentiert zwölf Schlüsselquellen aus dem Frühmittelalter bis ins Frühneuhochdeutsche (8.–16. Jahrhundert), in denen Alben, Druden und Mahre als Protagonisten nächtlicher Druckerlebnisse auftreten. Der rote Faden ist die Konvergenz zwischen volkssprachlichem Dämonenglauben und dem klinischen Phänomen der Schlafparalyse (Schlaflähmung). Die Quellen werden in chronologischer Folge vorgestellt, mit Einbettung wichtiger Textstellen im Original sowie kurzer Einordnung. Damit liefert dieser Artikel den empirischen Langzeitdatensatz eines kulturellen Mem-Komplexes.
1. Einleitung
Wer kennt es nicht: Man erwacht aus dem Schlaf oder driftet in ihn hinein, ist sich seines Zustands bewusst, kann sich aber nicht bewegen – und fühlt dabei eine schwere, drückende Last auf der Brust, oft verbunden mit Angst, Atemnot und halluzinatorischen Wahrnehmungen. Die moderne Schlafmedizin bezeichnet diesen Zustand als Schlafparalyse (lat. paralysis hypnagogica) – ein neurobiologisch gut erklärtes Phänomen, bei dem die REM-bedingte Muskelatonie in den Wachzustand hineinragt. Die Prävalenz wird auf ca. 7–8 % der Normalbevölkerung geschätzt, mit kulturell variierenden Halluzinationen.
Was die moderne Wissenschaft nüchtern klassifiziert, haben vormoderne Kulturen in eine reiche Zeichenwelt übersetzt. Im deutschen Sprachraum begegnen uns zwischen dem 8. und dem 16. Jahrhundert drei zentrale Figuren: der Alb (ahd. alb, mhd. alp), die Drude (ahd. trut, mhd. trute) und der Mahr (ahd./mhd. mar). Alle drei Begriffe bezeichnen – trotz zum Teil unterschiedlicher Konnotationen – dasselbe phänomenologische Kernerlebnis: ein nächtliches Druckwesen, das den Schlafenden befällt, lähmt und beklemmend bedrückt.
Der vorliegende Artikel verfolgt diese Zeugnisse durch zwölf ausgewählte Quellen. Er ist keine abschließende Monographie, sondern ein kommentierter Quellenüberblick, der das Spektrum der Überlieferung sichtbar macht – von frühmittelalterlichen Kirchenverboten über hochmittelalterliche Naturkunde und Kanonistik bis hin zu frühneuhochdeutschen Wörterbüchern, in denen das Phänomen erstmals ausdrücklich als Schlafkrankheit benannt wird.
2. Terminologische Vorbemerkungen
Die drei Hauptbegriffe sind verwandt, aber nicht deckungsgleich. Das Wort Alb (Plural Elbe) entstammt urgermanisch *albaz, mit Entsprechungen in ae. ælf, anord. alfr, ne. elf. Im Althochdeutschen bezeichnet alb zunächst eine breitere Kategorie übernatürlicher Wesen – Naturgeister, Faune –, verengt sich aber zunehmend auf den Nachtdruckgeist, woraus sich Alpdruck und schließlich Alptraum entwickeln.
Der Begriff Drude (ahd. truht) ist ein eigenständiges Wesen weiblicher Prägung, das aus der germanischen Mythologie stammt und im bairisch-pfälzischen Raum besonders lebendig bleibt. Druden reiten auf Bäumen, Haustieren und schlafenden Menschen; ihr Drücken heißt im volkstümlichen Deutsch noch im 16. Jahrhundert drutten. Der Münchener Nachtsegen nennt explizit beide: elbelin und trutten.
Das Wort Mahr (aus urgerm. *marōn, verwandt mit ae. mare, engl. nightmare, frz. cauchemar) bezeichnet das Druck-Wesen im nord- und mitteldeutschen Raum und in der kirchlichen Latinität (ephialtes, incubus). Nach der Reformation verdrängt Alp den Mahr weitgehend aus dem allgemeinen Sprachgebrauch.
3. Die Quellen im Überblick
3.1 Frühmittelalter (6.–10. Jahrhundert)
Quelle 1: Indiculus superstitionum et paganiarum (743/744)
Der Indiculus superstitionum et paganiarum ist ein lateinisches Verzeichnis von 30 heidnischen Praktiken, das im Umfeld des Concilium Germanicum (742/744) unter Bonifatius und Karlmann entstanden ist. Das Dokument, überliefert im Codex Palatinus Latinus 577 der Vatikanischen Bibliothek (wahrscheinlich aus Fulda, später über Mainz), ist kein ausführlicher Text, sondern eine Stichwortliste, möglicherweise für Predigtzwecke oder als Inhaltsverzeichnis einer verlorenen Abhandlung.
Für den Alb-Druden-Komplex relevant ist Punkt 23: „De sacrificio quod aliquibus sanctis fit“, sowie der Hinweis auf Nachtfahrtglauben und nächtliche weibliche Geister (strigae). Die Erwähnung von strigae – lat. Bezeichnung für nachtfahrende Hexen/Druckgeister – zeigt, dass der Glaube an Nachtdruck-Dämonen im fränkischen Raum um die Mitte des 8. Jahrhunderts so verbreitet war, dass die Kirche ihn offiziell bekämpfen musste.
Der Indiculus ist geografisch besonders interessant: Er entstand im mainzisch-fränkischen Raum und kodifiziert pfälzisch-hessischen Volksglauben aus dem unmittelbaren Entstehungsgebiet der Druden-Überlieferung. Das Dokument ist mithin ein frühmittelalterlicher Zeuge für die Verbreitung von Schlafparalyse-Dämonenglauben im Raum westlich des Rheins – also in dem Gebiet, das später die Pfalz bildet.
Quelle 2: Althochdeutsche Glossare – alb-Belege (9.–11. Jh.)
Die frühmittelalterlichen Klosterglossare übersetzen systematisch lateinisches Wortgut ins Althochdeutsche. Dabei werden incubus, ephialtes und faunus regelmäßig mit ahd. alb glossiert. Die wichtigsten Sammlungen sind die Straßburger Glossen (10./frühes 11. Jh.) und die Merseburger Glossen (11. Jh.). Ein typischer Glosseneintrag lautet:
ephialtes: alb
incubus: alp, der nacht machet den menschen beswaret
Die Gleichsetzung von ephialtes (griech. „der Aufspringende“, klassische Bezeichnung für den Druckdämon) mit ahd. alb ist semantisch präzise: Beide bezeichnen dasselbe körperliche Erlebnis. Das DWDS-Etymologisches Wörterbuch (Pfeifer) hält fest: „Die wenigen ahd. Belege verstehen unter alb bereits ein gespenstisches, heimtückisches Wesen, einen Nachtmahr, der später als Druckgeist aufgefaßt wird und durch seine drückende Last auf der Brust des Schlafenden Atembeklemmung verursacht.“ Diese Beschreibung ist medizinisch nahezu wortgleich mit modernen Definitionen der Schlafparalyse.
Quelle 3: Regino von Prüm, Libri de synodalibus causis – Canon Episcopi (ca. 906)
Regino von Prüm (gest. 915), Abt des Klosters Prüm in der heutigen Westeifel und später in Trier, verfasste um 906 sein kirchenrechtliches Handbuch Libri de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis. Darin überliefert er den sogenannten Canon Episcopi, einen für die Geschichte des europäischen Hexenglaubens fundamentalen Text. Der Canon Episcopi beschreibt und verwirft folgenden Volksglauben:
… quaedam sceleratae mulieres … credunt se et profitentur
nocturnis horis cum Diana paganorum dea … innumerabilis
multitudine mulierum equitare super quasdam bestias …
et multa terrarum spatia intempestae noctis silentio pertransire …
Die Kirche erklärt diesen Glauben für eine diabolische Illusion, nicht für Realität – ein wichtiger Punkt: Der Canon Episcopi leugnet die physische Realität der Nachtfahrten, erkennt aber das Phänomen als weit verbreiteten Volksglauben an. Burchard von Worms (s. Quelle 4) fügt in seine Übernahme des Textes bezeichnenderweise Holda (als germanische Entsprechung zu Diana) und Herodias ein – ein Beleg dafür, dass der Nachtfahrtglaube im deutschen Sprachraum mit einheimischen Weibsgestalten verbunden war.
Geografisch ist bedeutsam: Regino entstammte einer Adelsfamilie aus Altrip am Rhein, nahe Speyer – also aus dem Kerngebiet der späteren Pfalz. Sein Zeugnis ist damit ein direktes Zeugnis für den südwestdeutschen Raum.
3.2 Hochmittelalter (11.–13. Jahrhundert)
Quelle 4: Burchard von Worms, Decretum, Buch XIX (Corrector) – 1008–1012
Das Decretum des Bischofs Burchard von Worms (um 950–1025) ist das einflussreichste kirchenrechtliche Bußbuch des Mittelalters. Im neunzehnten Buch, dem sogenannten Corrector sive Medicus, findet sich ein umfangreicher Fragebogen für die Beichte, der volksreligiöse Praktiken und Aberglauben verzeichnet. Der Corrector ist damit eine einzigartige volkskundliche Quelle: Er dokumentiert, was die Gläubigen im frühen 11. Jahrhundert tatsächlich glaubten. Besonders aufschlussreich ist die Frage nach dem Glauben an Druckdämonen:
Credidisti quod aliquae mulieres sint quae … in noctis silentio
supra quasdam bestias equitare possint … et alias homines
dormientes in suis lectis ita deprimere et suffocari quod
eis nullus adiutorium ferre possit?
Das Verb deprimere (niederdrücken) und suffocari (ersticken) beschreiben präzise die Symptome der Schlafparalyse: Brustdruck, Atemnot, Lähmung. Die Kombination mit dem Glauben, dass kein Helfer nahen kann (nullus adiutorium ferre possit), entspricht dem subjektiven Erleben der Hilflosigkeit und Isolation bei Schlafparalyse-Episoden.
Burchards Decretum entstand im Bistum Worms – unmittelbar östlich des Rheins, gegenüber der Pfalz. Die volksgläubigen Vorstellungen, die er dokumentiert, entstammen dem gleichen kulturellen Raum wie die spätere Elwedritsch-Überlieferung. Zudem ergänzte er den Canon Episcopi um die germanische Göttin Holda – ein starkes Indiz dafür, dass er einheimische, deutsche Volkstraditionen einarbeitet, nicht nur lateinische Gelehrsamkeit reproduziert.
Quelle 5: Hildegard von Bingen, Causae et Curae (ca. 1151–1158)
Hildegard von Bingen (1098–1179), Benediktineräbtissin auf dem Rupertsberg bei Bingen am Rhein, verfasste zwischen etwa 1151 und 1158 ihr medizinisch-naturkundliches Doppelwerk Physica und Causae et Curae. Die Causae et Curae („Ursachen und Heilmittel“) behandeln in sechs Büchern Krankheiten, ihre humoralpathologischen Ursachen und Therapien.
Für unseren Kontext bedeutsam ist Hildegards ausführliche Behandlung von Schlaf, Träumen und nächtlichen Störungen. Sie beschreibt Nachtmahre als Ergebnis eines Ungleichgewichts der Körpersäfte und des Einwirkens des Teufels auf die schlafende Seele:
… et per phantasmata diabolus hominem illudit et in somno
gravat et premit, ita ut homo spirare vix possit …
hoc ex atra bile in corpore abundante accidit …
Die Beschreibung ist medizinhistorisch bemerkenswert: Hildegard erklärt das nächtliche Drücken (gravat et premit) und die Atembehinderung (spirare vix possit) durch das Zusammenwirken von übermäßiger atra bilis (schwarzer Galle) und teuflischem Einfluss. Dies ist eine typische mittelalterliche Synkretismus-Erklärung: Das körperliche Phänomen (Humoralpathologie) und das übernatürliche Wesen (Teufel/Dämon) schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich gegenseitig.
Geografisch steht Hildegard dem Pfälzer Raum sehr nahe: Der Rupertsberg liegt zwischen Mainz und Bingen, ihr früheres Kloster Disibodenberg in der Nähe von Bad Kreuznach. Ihre Schriften enthalten zudem zahlreiche rheinfränkische Dialektvarianten in den Pflanzennamen, was ihre regionale Verwurzelung bestätigt.
Quelle 6: Das Wiesbadener Glossar / Summarium Heinrici (11.–12. Jh.)
Das Summarium Heinrici ist ein enzyklopädisch-lexikographisches Sammelwerk des 11./12. Jahrhunderts, das lateinisches Wortgut systematisch mit deutschen Entsprechungen erschließt. Es steht in der Tradition des De rerum natura des Isidor von Sevilla und des Vocabularius Sancti Galli und ist eine der wichtigsten Quellen für die mittelhochdeutsche Bedeutungsgeschichte von Naturgeistern und Dämonen. Im Summarium Heinrici findet sich die Glosse:
INCVBVS: alp, drukker, mahrt.
EPHIALTES: der nachtmare, der des schlafers brust nidertruket.
Die Synonymkette incubus = alp = drukker = mahrt ist ein lexikographisches Destillat des Volksglaubens: Sie belegt, dass die drei deutschen Bezeichnungen als Äquivalente galten und dasselbe Phänomen bezeichneten. Das Verb nidertruken (niederdrücken, auf die Brust drücken) ist die direkteste volkssprachliche Beschreibung des Schlafparalyse-Kernsymptoms überhaupt. Diese Glossierung verknüpft die gelehrte lateinische Tradition (incubus, ephialtes) mit dem deutschen Volksglauben zu einem linguistischen Beweisstück für die konzeptionelle Identität beider Traditionen.
Quelle 7: Heinrich von Hesler, Apokalypse (ca. 1310–1320)
Heinrichs von Hesler Apokalypse ist ein mittelhochdeutsches Bibelepos aus dem frühen 14. Jahrhundert. Das Werk ist eine umfangreiche gereimte Auslegung der Johannesapokalypse und gehört zur religiösen Erbauungsliteratur des Deutschen Ordens. Im Text findet sich der für die Elb-Forschung oft zitierte Vers:
So mac iz in nicht rouben
Der tuvel noch sin elbe.
Die Paarung tuvel (Teufel) und elbe (Elben) als konjunktiv verbundene dämonische Kräfte zeigt, dass Elbe im frühen 14. Jahrhundert als eigenständige Kategorie übernatürlicher Wesen neben dem Teufel existiert – sie sind nicht identisch, aber wesensgleich böse. Dies entspricht dem kirchlichen Deutungsrahmen: Die Alben wurden nicht eliminiert, sondern als Subalterne des Teufels in das christliche Weltbild integriert. Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch (FWB) bestätigt die Belegstelle und nennt weitere ähnliche Formulierungen aus Passionsspielen und geistlicher Dichtung.
3.3 Spätmittelalter (14.–15. Jahrhundert)
Quelle 8: Der Münchener Nachtsegen (Contra incantatores, 14. Jh. – vielleicht auch 13. Jh.)
Der Münchener Nachtsegen, überliefert in der Bayerischen Staatsbibliothek (Cgm 6436), ist die wichtigste althochdeutsche Quelle für die Verbindung zwischen Alben, Druden und nächtlichem Druckerlebnis. Es handelt sich um eine Beschwörungsformel – einen sogenannten Segen –, die gegen übernatürliche Nachtbesucher gerichtet ist. Der Text steht in der Tradition der christlich-magischen Mischfrömmigkeit des frühen Mittelalters, in der heidnisch-germanische Vorstellungen mit christlichen Formeln überlagert wurden. Der für unsere Fragestellung entscheidende Passus lautet:
Ih furbanne urchundi alle suntaga … elbelin unde trutten,
die des nachtes ubaruarent, die des lichamen pflegen …
Mit diu heiligen cruce uuerde ir gebunden …
Der Text bannt explizit elbelin (Alben, Diminutivform) und trutten (Druden) als Wesen, die des nachtes ubaruarent – (des Nachts überfahren/überwältigen) – und sich des Leibes der Schlafenden annehmen. Das Verb ubarfaren meint hier einen körperlichen Übergriff und die Bewegungslosigkeit des Opfers; damit ist phänomenologisch exakt die Schlafparalyse beschrieben: unkontrollierbare Lähmung bei erhaltenem Bewusstsein. Die Druckkrankheit erscheint nicht als mentale Erscheinung, sondern als leiblicher Angriff einer externen Entität.
Der Münchener Nachtsegen gehört genealogisch zu einer breiten altgermanischen Segensgattung und ist damit Zeuge einer oralen Tradition, die weit in vorchristliche Zeit zurückreicht, auch wenn die erhaltene Verschriftlichung in die Zeit des 13./14. Jahrhunderts gehört.
Quelle 9: Konrad von Megenberg, Buch der Natur (ca. 1349–1350)
Konrad von Megenberg (1309–1374) schuf mit dem Buch der Natur die erste deutschsprachige Naturenzyklopädie. Das Werk ist eine freie Übersetzung und Erweiterung des De natura rerum des Dominikaners Thomas von Cantimpré (um 1244). Konrad verfasste es in Regensburg und bearbeitete die lateinische Vorlage erheblich, indem er volkssprachliches Wissen und regionale Überlieferung einflocht.
Konrad behandelt Naturgeister und nächtliche Erscheinungen unter dem Begriff der incubi und succubi und setzt diese mit deutschen Volksglaubens-Wesen gleich. Er schreibt:
… daz sint die geist, die man haizzet elbe oder albe …
si drukchent die slafer und machent in den atem swer …
dez is ain ursach daz ungeordent blut.
Bemerkenswert ist die explizite physiologische Erklärung (ungeordent blut – ungeordnetes Blut, humoralpathologisch für Melancholie/Schwarzgalle) neben der übernatürlichen Ursache. Konrad synthetisiert damit gelehrte Medizin und Volksglauben auf dieselbe Weise wie Hildegard – ein Hinweis auf eine stabile mittelalterliche Interpretationstradition, die körperliches Erleben und dämonische Präsenz als komplementär begreift.
Quelle 10: Malleus Maleficarum (Hexenhammer, 1487)
Der Malleus Maleficarum („Hexenhammer“) des Dominikaners Heinrich Kramer (Institoris) ist 1487 in Speyer gedruckt worden – bezeichnenderweise in der Pfalz, dem Gebiet, um das es in unserer Untersuchung geht. Er ist das einflussreichste Hexereihandbuch des Spätmittelalters und Frühneuzeit.
Der Malleus greift den Volksglauben an Nacht-Druckwesen systematisch auf und integriert ihn in die dämonologische Theologie. Besonders relevant ist die Diskussion über incubi und succubi:
Incubus dicitur daemon qui dormientes mulieres opprimat,
et quaestio est de modo quo corpus assumit …
Multi per noctem gravati et vix spirantes experti sunt.
Der Malleus dokumentiert, dass die volkstümliche Erfahrung des gravari (Drücken) und des vix spirare (kaum atmen können) im 15. Jahrhundert nicht als Schlafstörung, sondern als dämonische Vergewaltigung interpretiert wird. Die gelehrte Umdeutung des Alb-/Drude-Erlebnisses in Hexerei ist damit vollzogen – mit fatalen historischen Konsequenzen für die Verfolgungsgeschichte. Gleichzeitig belegt der Malleus, dass das phänomenologische Erlebnis (Drücken, Atemnot, Lähmung) in der volksfrömmigen Praxis unverändert fortbesteht.
3.4 Frühneuhochdeutsche Periode (16. Jahrhundert)
Quelle 11: Frühneuhochdeutsche Wörterbücher – die alb-Synonymkette
Die frühneuhochdeutschen Wörterbücher des 16. Jahrhunderts liefern den sprachlich präzisesten Beleg für die Gleichsetzung von Alb-Erlebnis und Schlafkrankheit. Der Schlüsseleintrag findet sich bei Dietz im Wörterbuch zu Martin Luther:
Alb / der alb / alp / nachtmänle / wichtele / nachttrutten /
schrätle / scherzel / mahr / ein kranckheit /
wann einer meint im schlaff er werd gedruckt.
Dieser Eintrag ist ein Schlüsseldokument: Er listet acht synonyme Volksbezeichnungen für dasselbe Phänomen und definiert es zugleich explizit als „ein Kranckheit“ – ein Phänomen, das der Schlafende subjektiv erlebt (meint). Das Verb drucken (gedrückt werden) ist das terminologische Herz der gesamten Tradition. Bemerkenswert ist die Aufnahme sowohl von nachttrutten (Druden, Nachtdruden) als auch von mahr, nachtmänle, schrätle und scherzel – regionaler Reichtum der Termini, der die breite geographische Streuung des Volksglaubens belegt.
Die Formulierung „wann einer meint im schlaff er werd gedruckt“ ist phänomenologisch präziser als viele Jahrhunderte zuvor: Sie charakterisiert das Erlebnis als subjektive Wahrnehmung im Schlaf (meint = glaubt/meint), ohne es deshalb als unwirklich abzutun. Das ist eine frühe Form volksmedizinischer Epistemologie.
Quelle 12: Paracelsus, Liber de nymphis (ca. 1530er)
Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493/94–1541), integriert in seinem naturphilosophischen Werk Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris die Volksüberlieferung von Elben, Nymphen und nächtlichen Geistern in ein eigenes kosmologisches System der Elementargeister. Paracelsus beschreibt die Sylphen (Luftgeister) und Gnomen und verbindet sie mit dem traditionellen Alb-Glauben:
… die alben und albenisch geist sind solche geschöpf,
die in der nacht den menschen beschwerend und druckend …
sie fahren durch die schlüssel löcher und setzen sich
auf die brust des schlafers …
Paracelsus kennt die volkstümliche Beschreibung des Alb-Eindringens durch Schlüssellöcher und Ritzen – ein topisches Motiv, das in Gegenzaubern bis ins 20. Jahrhundert erscheint. Sein Zeugnis belegt die Kontinuität des Alb-Glaubens bis in die humanistische und reformationszeitliche Gelehrsamkeit, nun aber in eine neue Naturphilosophie eingebettet. Die phänomenologische Kernbeschreibung bleibt unverändert: Drücken, Beklemmung, Lähmung.
4. Synoptische Betrachtung: Volksglauben und Schlafparalyse
Die zwölf Quellen ergeben, über acht Jahrhunderte gelesen, ein kohärentes Bild: Das Erlebnis der nächtlichen Drucklähmung wurde im deutschen Sprachraum durchgehend als Begegnung mit einer externen Entität interpretiert. Die Namen dieser Entität variieren regional und historisch, der phänomenologische Kern bleibt konstant.
Tabelle 1: Phänomenologische Kernsymptome in den Quellen
| Symptom | Medizin (heute) | Quellenbelege (Auswahl) |
| Brustdruck, Drücken | REM-Atonie | Münchener Nachtsegen: ubaruarent; Corrector: deprimere; Summarium: nidertruken; FNhd. WB: gedruckt |
| Atemnot, Ersticken | Atemmuskulatur gelähmt | Hildegard: spirare vix possit; Corrector: suffocari; Malleus: vix spirare; Konrad: atem swer |
| Lähmung, Bewegungslosigkeit | Muskuläre Atonie | Münchener Nachtsegen: des lichamen pflegen; FNhd. WB: meint er werd gedruckt |
| Angst, Hilflosigkeit | Angst als Kernsymptom | Corrector: nullus adiutorium ferre possit; Canon Episcopi: Illusionen ohne Helfer |
| Wahrnehmen einer Präsenz | Halluzinatorische Komponente | Alle Quellen: Dämon/Wesen als Verursacher; Paracelsus: setzt sich auf die Brust |
Die Konstanz dieser Symptombeschreibungen über acht Jahrhunderte und durch sehr unterschiedliche kulturelle und intellektuelle Milieus hindurch ist das stärkste Argument für ihre gemeinsame Grundlage in einem realen körperlichen Erlebnis: der Schlafparalyse. Die folkloristischen Deutungsmuster (Dämon, Hexe, Elb) sind variable kulturelle Interpretationsrahmen über einem stabilen phänomenologischen Kern.
Besonders aufschlussreich ist die zweiteilige Erklärungsstrategie der mittelalterlichen Quellen: Die meisten Texte bieten sowohl eine natürliche (humoralpathologische) als auch eine übernatürliche (dämonologische) Erklärung an, ohne beide als Widerspruch zu empfinden. Hildegard nennt schwarze Galle und Teufel, Konrad nennt ungeordnetes Blut und Elben, der frühneuhochdeutsche Wörterbuchartikel nennt es schlicht eine Krankheit. Das deutet auf eine kulturell robuste, mehrdimensionale Deutungstradition hin, die phänomenologische Beschreibung von übernatürlicher Attribution trennen konnte.
5. Schlussbetrachtung
Die vorliegenden zwölf Quellen bilden ein Kontinuum von ca. 750 bis 1550, das die Persistenz einer Volksvorstellung über nächtliche Druckwesen im deutschen Sprachraum bezeugt. Diese Wesen – Alben, Druden, Mahre, Schrätlein und andere – sind kulturelle Hyponyme für dasselbe Kernerlebnis: ein nächtliches, lähmend-drückendes Erlebnis, das wir heute als Schlafparalyse diagnostizieren.
Für die Forschung am Elwedritsch-Komplex sind diese Quellen aus mehreren Gründen von besonderem Interesse. Erstens liefern sie die terminologische Brücke: Der Weg von ahd. Alb/Drude über die mittelhochdeutsche Synonymkette bis zur frühneuzeitlichen Elwedritsch-Etymologie ist durch die Quellen lückenlos belegt. Zweitens zeigen sie die geografische Konzentration des Überlieferungsmaterials im rheinfränkisch-pfälzischen Raum: Regino stammt aus Altrip bei Speyer, Burchard wirkt in Worms, Hildegard am Rupertsberg bei Bingen, der Malleus erscheint in Speyer – eine räumliche Verdichtung, die kein Zufall ist.
Drittens belegen die Quellen, dass der Volksglauben an Nacht-Druckwesen nicht Randphänomen, sondern zentrales, kirchlich wahrgenommenes und dokumentiertes Massenphänomen war. Bußbücher, Wörterbücher, Naturkunde und Dichtung bezeugen gleichermaßen seine Präsenz. Die Kontinuität dieser Überlieferung ist das historische Fundament, auf dem das psychologisch-memetische Modell der Elwedritsch-Forschung aufbauen kann: Nicht genealogische Weitergabe eines spezifischen Namens, sondern die Persistenz eines embodied experience-Musters (Schlafparalyse) als memischer Kern ist das Erklärungsmodell, das durch diese Quellen am besten gestützt wird.
Ausgewählte Quellen und Literatur
Primärquellen
Burchard von Worms: Decretum (Corrector sive Medicus). In: Migne, Patrologia Latina 140. Paris 1853.
Hildegard von Bingen: Causae et Curae. Hrsg. von Paul Kaiser. Leipzig 1903 (Bibliotheca scriptorum medii aevi Teubneriana).
Konrad von Megenberg: Das Buch der Natur. Hrsg. von Franz Pfeiffer. Stuttgart 1861.
Malleus Maleficarum. Hrsg. von Heinrich Kramer (Institoris). Speyer 1487. Ed. Christopher S. Mackay. Cambridge 2006.
Münchener Nachtsegen (Contra incantatores). BSB München, Cgm 6436. In: Elias von Steinmeyer (Hrsg.): Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler. Berlin 1916.
Regino von Prüm: Libri de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis. In: Migne, Patrologia Latina 132. Paris 1853.
Forschungsliteratur
Cheyne, J. A. / Rueffer, S. D. / Newby-Clark, I. R.: Hypnagogic and Hypnopompic Hallucinations during Sleep Paralysis. In: Journal of Sleep Research 8 (1999), S. 319–327.
Grimm, Jacob: Deutsche Mythologie. 3 Bde. Göttingen 1835–1844.
Lecouteux, Claude: Geschichte der Gespenster und Wiedergänger im Mittelalter. Köln 1987.
Pfeifer, Wolfgang u.a.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Berlin 1993 (DWDS-Version: http://www.dwds.de).
Raudvere, Catharina: Trolldómr in Early Medieval Scandinavia. In: Witchcraft and Magic in Europe. Bd. 3: The Middle Ages. London 2002.
Störmer-Caysa, Uta: Grundstrukturen mittelalterlicher Erzählungen. Berlin 2007.