34 Was wir von Elwedritschen lernen

Richard Westall: Faust und Lilith (1831) (Quelle: Wikipedia)

Key Take Aways – Zum Mitnehmen und Weiterdenken

Erstens: Das Patriarchat lässt grüßen!

Die Geschichte der Elwedritsche zeigt uns einen männlichen Blick auf die Gesellschaft. Mit der Sesshaftwerdung der Menschen und dem Übergang der Jäger und Sammler zu einer bäuerlichen Gesellschaft gewinnt die Notwendigkeit, die eigenen Äcker zur Not auch mit Gewalt zu verteidigen, an Bedeutung. Die Söhne eines Bauern bleiben deshalb auf dem Hof. Ehefrauen verlassen die Heimat ihrer Kindheit und ziehen hinzu. So entsteht das Patriarchat. Aber erst seit um 2700 v. Chr. im mesopotamischen Uruk die Keilschrift entwickelt wurde, erhalten wir detaillierte Einblicke in gesellschaftliche Strukturen bronzezeitlicher Siedlungen. Schon zu dieser Zeit ist es die Frau, vor der man sich in Acht zu nehmen hat. Genauer: Es ist diejenige Frau, die selbst keine Kinder bekommen kann, und dies Müttern neidet. Deshalb nähert sie sich Schwangeren, Wöchnerinnen und Neugeborenen, um ihnen zu schaden. Es ist diejenige, die nicht geehelicht wurde. Deshalb nähert sie sich schlafenden Männern, um ihnen den Samen zu stehlen. Es sind Frauen, die nicht der gesellschaftlichen Erwartung entsprechen, Ehefrauen und Mütter zu sein. Wer anders ist, macht Angst. Wer anders ist, wird aufmerksam beäugt und kontrolliert – und gegebenenfalls verbannt, in die Wüste oder eben den Pfälzer Wald. Lilith zieht sich deshalb durch seit 3000 Jahren durch die Kulturgeschichte, weil dieses Motiv so unendlich stark ist. Gut, dass Frauen in den letzten 50 Jahren den Spieß umgedreht haben und Lilith als Vorreiterin der Frauenbewegung und Gleichberechtigung verstehen. Es ist ihnen gelungen, die unabhängige Frau, die eben nicht Ehefrau und Mutter sein will und auch ihre Sexualität selbstbestimmt auslebt, als alternatives Zielbild zu etablieren.

Zweitens: Menschen zeigen Resilienz!

Man ist Angst nicht ausgeliefert. Menschen finden immer Wege, Ängsten einen Namen zu geben, sie zu bearbeiten und letzlich auch zu verarbeiten. Die Verkleinerung der Albdrude, hinter der letztlich Lilith steckt, zur Elwedritsch ist ein gutes Beispiel hierfür.

Drittens: Der Einfluss der SchUM-Städte ist relevant.

Jüdische Kultur hat das Pfälzische beeinflusst. Viele jiddische Lehnwörter im Dialekt legen hier Zeugnis ab. Ähnliches gilt für weitere kulturelle Muster. Christen und Juden lebten Jahrhunderte nebeneinander und miteinander. Das hat die Region zwischen Mainz, Worms und Speyer geprägt.

Viertens: Nichts existiert ohne Grund!

Generationen von Tritschologen haben versucht, das Entstehen und der Elwedritsche und ihre Existenz zu begründen. Sie seien Fabeltiere, fantastische Tierwesen, Hybride aus Hühnern und Elfen, sollen Eier legen und mit Dinosauriern verwandt sein. Um es klar zu sagen: Tritschologen dürfen das alles, denn es ist Teil der Angstverarbeitungsstrategie: Nicht zu wissen, was hinter einer Sache steckt, erzeugt Unbehagen. Deshalb schafft das Erfinden hanebüchener Geschichten immerhin Kontrollgewinn. Man muss nicht schweigen, wenn es um Elwedritsche geht, sondern kann eine Geschichte erzählen – auch wenn sie mit den realen Sachverhalten nichts zu tun hat. Wer aber die historischen Quellen bemüht, den Blick über den Tellerrand wagt und nicht an den Grenzen der Pfalz halt macht und wieder umkehrt, wird Antworten finden. Auch wenn man dafür manchmal lange Wege – und Umwege – in Kauf nehmen muss.

Fünftens: Oft sind kulturelle Muster ein Reflex auf Ereignisse der Lebenswirklichkeit.

Im Fall der Elwedritsche waren plötzliche Kindstode, nächtliche Herzattacken, Tode von Schwangeren und Wöchnerinnen, nächtlicher Samenerguss und – last, but not least – das Phänomen der Schlafparalyse Auslöser der Vorstellung eines nächtlichen Druckdämons, aus dem sich Lilith, Alben, Druden, Albdruden und letztlich Elwedritsche entwickelten.

Im Detail: Elwedritsche und die Frauenbewegung

Lilith und Eva: Zwei weibliche Archetypen (hier Versionen aus dem 20. Jahrhundert)

Dass Geschichte von Männern gemacht wird, ist eine Binse – und dennoch ebenso wahr wie relevant. Es ist ein wenig wie im Geschäftsleben oder im Verein: Wichtig ist, wer das Protokoll eines Meetings schreibt, denn er bestimmt den Duktus des Textes.

Frauen zogen hier in der Geschichte immer den Kürzeren. Beispiel gefällig? Nehmen wir das Alte Testament. Dass das weibliche Geschlecht in dem von Männern verfassten Text besonders gut weggekommen ist, würde niemand behaupten. Und die Gründe liegen auf der Hand: Seit der Umstellung der Lebensweise von Sippen von Jägern und Sammlern zu Bauern und Viehhirten mussten Ressourcen – Äcker und Weiden – verteidigt werden. Es war klug, dass die Söhne eines Stammvaters in der Nähe blieben. Und so hatten die Ehefrauen dieser Söhne eben in die Haushalte ihrer Ehemänner umzuziehen. Das war auch die Geburtsstunde der “bösen Schwiegermutter”.

Was das mit Elwedritschen zu tun hat? In der Bibel gibt es viele Frauenbilder – davon zwei, die sich diametral gegenüberstehen (in der jüdischen Tradition besser erhalten als in der christlichen): Eva und Lilith. Nach jüdischer Lesart war Lilith die erste Frau Adams. Erst als es krachte und Lilith auszog (in die Wüste), erschuf Gott Eva. Und diesmal machte er es – aus Sicht des Patriarchats – besser: Eva ist die Adam untergeordnete, die sich nicht beklagt. Lilith hingegen ist die, die mitbestimmen wollte – auch sexuell. Deshalb musste sie weg. Dann wurde sie verteufelt. Denn sie, die keine Kinder hatte, wurde fortan als Dämonin verunglimpft, die braven Ehefrauen die Säuglinge entreißen wollte – oder die brave Ehefrau als Schwangere bzw. Wöchnerin gleich mit. Ihr Name war Tod, und man versuchte sich in den Familien vor ihr zu schützen: mit Symbolen, Ritualen und Beschwörungsformeln.

Das Motiv war so stark, dass es sich einen Weg durch 2500 Jahre Kulturgeschichte fräste. So landete Lilith im Rheintal in den Städten Mainz, Worms und Speyer. Dorthin kam sie im Mittelalter mit der jüdischen Kulturgeschichte (SchUM-Städte) ebenso wie über den – längeren und komplizierteren – indoeuropäischen Weg, der sich über viele Generationen von Persien nach Europa zog. Und immer in der Geschichte versuchte man sich Lilith vom Leib zu halten oder sich ihrer gleich ganz zu entledigen. Die erfolgreiche Strategie war letzlich simpel: Man machte sich ein Bild von ihr, nannte sie beim Namen, schrumpfte sie gedanklich und jagte sie wortwörtlich “zum Teufel” – in unseren Breiten in Ermangelung einer Wüste in den Pfälzerwald.

Im jüdischen Kontext blieb Lilith all die Zeit Lilith. Im Christentum hatte sich der Name zwischenzeitlich verändert. Hatte man bei den Germanen noch von “Alben” gesprochen, die nächtlich Schlafende quälen und Frauen, Männern und Kindern in der Familie zur Gefahr werden konnten, sprach man ab dem späten Mittelalter von “Druden” bzw. “Albdruden”. Die Verkleinerung des Bösen machte aus der Albdrude die “Elwedritsch” – und so wie die Lilith des Alten Testaments an einen Ort fernab der Gesellschaft entfleuchte, schickte man die Elwedritsch an einen ebenso einsamen Ort: den einsamen und dunklen Forst.

Nach dieser Lesart könnte man eine Elwedritsche-Jagd auch als männlichen Versuch verstehen, vielleicht im Wald im Rahmen einer Jagd eine attraktive, verführerische Alternative zur “besten Ehefrau von allen” (Ephraim Kishon) zu erhaschen. “Es ist vergeblich”, sagt der pfälzer Volksmund. Weil: Eine bessere Frau als die eigene Ehefrau gibt es – natürlich – nicht. So weit, so banal.

So gesehen ist die Elwedritsch natürlich weder ein Fabeltier noch ein fantastisches Tierwesen. Sie ist – im Guten wie im Schlechten – Ausgeburt einer Männerfantasie. Jetzt könnte man das alles vielleicht ertragen, wenn die Zeiten heute andere wären und die alte Geschichte eben genau das: eine Geschichte, die vorbei ist.

Aber das Frauenbild, das heute von rechten Gruppen in westlichen Gesellschaften und autokratischen Herrschern überall in der Welt propagiert wird, geht eben oft in genau diese Richtung. Das Schlimmste ist, dass manche junge Frauen bei dieser Entwicklung auch noch mitmachen. Kennen Sie das Phänomen der “Tradwives”? Das sind Frauen, die sich im 21. Jahrhundert rückbesinnen auf das Frauenbild der Wirtschaftswunderzeit. Sie bekochen und bebacken ihre Partner, bleiben zu Hause und sind dabei glücklich. Hier kann man sich das einmal anschauen, wie das aussieht. Es ist eigentlich nicht zu glauben.

Und deshalb hat das Phänomen “Elwedritsche” auch eine aktuelle gesellschaftlich-politische Komponente. Im Grunde müsste das vermeintliche Hühner-Elfen-Fabeltierwesen Lilith wütend aus dem Pfälzerwald herauskommen und auf die Barrikaden gehen. Es ist höchste Zeit!

Zum Glück gibt es Initiativen, die Frauen dabei unterstützen, aus Abhängigkeitsverhältnissen auszubrechen. In Mainz gibt es eine ganze Reihe von Beratungsstellen. In anderen Städten gibt es vergleichbare Angebote.

Und allen Töchtern der Welt sei zugerufen: Seid nicht wie Eva! Seid Lilith … bis auf den Aspekt der nächtlichen Ruhestörung vielleicht …