18 Tritschologie

Elwedritsche-Jagd (Quelle: Wikipedia)

„Rituale sind der Leim, der Menschen zusammenhält“, sagt Harvey Whitehouse, Anthropologe der Oxford University. Der Wissenschaftler führt die bislang größte Studie zum Thema durch: „Ritual, Community, and Conflict“. 15 Universitäten aus aller Welt tragen mit Feldstudien, Befragungen, psychologischen Experimenten, archäologischen Ausgrabungen und Datenbankanalysen dazu bei.

Rituale ermöglichen es Menschen, in einem Ausmaß zu kooperieren, das sonst in der Natur selten ist. Aber Rituale sind ambivalent: Einerseits entwickelten sich so Gesellschaften, indem sie mit Hilfe von Ritualen ein „Wir-Gefühl“ schaffen. Andererseits schließen Rituale Fremde aus und können sogar zu Kriegen führen. Whitehouse und die beteiligten Wissenschaftler interessiert, wie menschliche Rituale im Laufe der Jahrtausende entstanden sind und warum sie jeden Aspekt des Lebens durchziehen. Bereits seit der Steinzeit helfen Rituale, zur Entwicklung von Gesellschaften beizutragen, wie z.B. das Buch „Religion in the Emergence of Civilization“ nahelegt. Hier wird unter anderem die gesellschaftliche Situation in der Siedlung Çatalhöyük in der heutigen Türkei, die etwa 7500 v. Chr. gegründet wurde, einer Analyse unterzogen.

Was bedeutet das vor dem Hintergrund der Frage, was eine Elwedritsch ist? Die Angst vor der Nacht und ihren Dämonen, vor nächtlichem Tod und schlechten Träumen beschäftigt die Menschen seit Urzeiten. Sie haben dieser Angst eine Gestalt und einen Namen gegeben. Dieses „Mem“ (vgl. Rubrik „Gene und Meme“) hat sich mit den Wanderungsbewegungen der Indeuropäer verbreitet und ist immer wieder mutiert (vgl. Rubrik „Indoeuropäische Perspektive“). Die Germanen kannten „(Dunkel-)Alben“, die Christen „Druden“ (Hexen). Beide Begriffe verbanden sich im Wort „Albdrude“, das nach einer Miniaturisierung durch Menschen in der Kurpfalz und angrenzenden Regionen zur „Elwedritsch“ wurde. Eine Elwedritsch ist also die Personifikation gebändigter Urängste, die man in den Wald verbannt hat.

Nun kommt das Ritual ins Spiel: Rituale schaffen ein Wir-Gefühl, schließen aber auch Fremde aus (vgl. weiter oben). Die Tritschologie verbindet nun beide Aspekte. Entstanden, weil man sich die Herkunft der Elwedritsche nicht mehr erklären konnte, bietet sie einen ritualisierten Umgang mit menschlichen Ängsten an:

Man begibt sich in kalter Nacht in den Wald, um sich dem Unbekannten zu stellen. Man tut es gemeinsam, was Kontrollgewinn schafft – und gestärkt mit Wein und einer Mahlzeit, ausgestattet mit dem notwendigen Werkzeug. Die gemeinsame Unternehmung lässt ein „Wir-Gefühl“ entstehen – zunächst auch für denjenigen, der zum „Sackhalter“ bestimmt worden ist. Dies bleibt so, bis er – alleine auf der Lichtung – feststellt, dass er als Fremder von der Gruppe hereingelegt worden ist. Sobald er dies erkennt und nach dem Weg zurück ins Wirtshaus eintritt, wo die anderen auf ihn warten, ist das „Wir-Gefühl“ wieder hergestellt. Der bis jetzt Fremde und Unwissende ist jetzt ausdrücklich inkludiert!

Die Tritschologie mit all ihren Ritualen macht einen kontrollierten Umgang mit Ängsten möglich und bietet gleichzeitig die Möglichkeit, die Gruppe der „Wissenden“ sukzessive um neue Mitglieder zu erweitern. Es ist damit ein vernügliches und menschenfreundliches Ritual, das wesentlich zur pfälzischen Kultur beiträgt. Ohne sie wäre es auch nicht möglich, dem auf den Grund zu gehen, was kulturhistorisch wirklich hinter den Elwedritschen steckt.

Vom Maler Max Slevogt (1868 bis 1932) soll die erste künstlerische Darstellung einer Elwedritsche – um 1922 für einen Gedichtband von Eugen Fried – stammen. Auch Fried (1880 bis 1974) wusste, wie das scheue Tier aussieht: „Viel schwärzer wie bei Krapp und Kräh un größer sinn ihr Fliggel, un Kralle hänn se an de Zeh noch länger wie e Iggel. Un um die schwarze Aage rum schtehn Feddre, mächtig große, un ihren Schnawwel, breet un krumm, benutzen se zum Schtoße. Schtelzbeenig sinn se wie e Schtorch un wie e Marabu, dorch Mark un Penning geht der’s dorch, hörscht nachts ihrm Kreische zu.“ Das klingt (noch) nicht possierlich.

Max Slevogt: Elwedritsche (1922)

August „Gust“ oder „Guscht“ Espenschied (1925-1986) gilt als Vater der „Wissenschaft der Tritschologie“. Dem Thema ebenso verschrieben hatte sich der Landauer Hans Blinn (1925-2006). Beide Männer waren eng befreundet. 1978 setzte Gernot Rumpf (1941-2025) den Elwedritschen mit seinem Brunnen in Neustadt an der Weinstraße ein Denkmal. 1982 gründete sich in Landau der „Elwetrittche-Verein“, der zwischen 2003 und 2024 von Wilhelm Hauth (1950-2025) geführt wurde. Als er sich gesundheitsbedingt zurückziehen musste, löste sich der Verein auf.

Zwischenzeitlich gibt es verschiedene Elwedritsche-Brunnen, einen Elwedritsche-Lehrpfad in Dahn am Haus des Gastes im Kurpfark, der in einen Wanderweg „Elwetritscheweg“ mündet. In Neustadt pflegt man die „Tritschologie“ ebenso und nennt Elwedritsche nicht mehr Fabeltiere, sondern „fantastische Tierwesen“. Es gibt die Wesen in Plüsch und sogar ein Rennen von Gummi-Elwedritschen im Speyerbach für einen guten Zweck.

Mit dem eigentlichen Ursprung hat das alles nun wirklich nichts mehr zu tun. Das ist aber auch nicht schlimm, sofern man sich wenigstens ab und an ins Gedächtnis ruft, wie und warum unsere Vorfahren vor vielen Generationen die Elwedritsch erschufen.

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Kult und Souvenirs

Elwedritsche-Jagd in Neustadt an der Weinstraße mit Reiner Weiß

Elwedritsche-Jagd in Bad Dürkheim mit Joachim Hey

Elwedritsche-Brunnen in Neustadt an der Weinstraße

Elwedritsche-Brunnen in Friedelsheim

Elwedritsche-Wanderweg in Dahn

Elwedritsche-Rennen in Neustadt an der Weinstraße

Elwedritsche-Souvenirs im Neustadt-Shop

Keramik-Elwedritsche von Walter Rupp (Frankenthal)

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Die Checkliste

Auf viele Fragen der Welt gibt es mehr als eine Antwort – die Frage, was Elwedritsche sind, gehört sicherlich dazu (was mit der „Memtheorie“ zusammenhängt, die dieser Arbeit zugrunde liegt). Wenn Sie aber in einem Vortrag zum Thema sind, fragen Sie den/die Vortragende(n), ob er/sie auch die folgenden Fragen plausibel beantworten kann:

  • Warum heißen Elwedritsche Elwedritsche?
  • Warum sehen Elwedritsche aus, wie sie aussehen?
  • Wie sind Elwedritsche in den Wald gekommen?
  • Warum werden Elwedritsche gejagt?
  • Warum sehen pfälzische Elwedritsche des 21. Jahrhunderts anders aus als pennsylvanische Elwedritsche des 18. Jahrhunderts?
  • Warum gibt es überhaupt „Tritschologie“?

Bitte akzeptieren Sie in keinem Fall die alte „Elfen-Feen-Geschichte“ als Antwort.