• Dr. Michael Werner, Herausgeber der pfälzisch-pennsylvanischen Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“


    Elwedritsche – Ursprung, Geschichte und Bräuche

    Die Elwedritsch (auch Elwetritsch oder Elbedritsch) ist eine sagenhafte Gestalt der pfälzischen und südwestdeutschen Volksüberlieferung. Auf dieser Seite finden Sie die umfassendste deutschsprachige Darstellung der Elwedritsche, ihrer Geschichte, ihrer Herkunft, ihrer Entwicklung vom nächtlichen Dämon zum humorvollen Fabelwesen und ihrer Bedeutung für die Pfalz.

    Woher kommt sie? Was ist ihre Geschichte? Und weshalb gehen wir noch heute auf die Jagd nach ihr? Heute erscheint sie meist als skurriles Mischwesen mit Hühnerkopf, Schnabel, Flügeln, langen Beinen oder weiteren ungewöhnlichen Tiermerkmalen. Früher begegnete sie einem auch als katzenartiges Wesen. Besonders bekannt ist die Elwedritschjagd, bei der die vermeintlichen Tiere nachts mit Netzen, Säcken, Laternen und großem Aufwand gejagt werden. Doch hinter dem scheinbar harmlosen Pfälzer Fabelwesen verbirgt sich eine wesentlich ältere und komplexere Geschichte.

    Die Elwedritsche und ihr Ursprung

    Die Frage nach dem Ursprung der Elwedritsche ist bis heute nicht eindeutig beantwortet. Ältere Erklärungen versuchten, die Elwedritsch aus einzelnen historischen Überlieferungen, Migrationsbewegungen, religiösen Vorstellungen oder vermeintlichen Vorläufern abzuleiten. Die Ergebnisse waren nicht zufriedenstellend.

    Die auf dieser Website entwickelte kognitiv-evolutionäre Theorie der Elwedritsch verfolgt einen anderen Weg. Sie fragt nicht nur: Welche historische Figur war die Elwedritsch ursprünglich? Sie fragt vielmehr: Warum entstehen Vorstellungen von nächtlichen Wesen überhaupt – und warum können sich solche Vorstellungen über lange Zeiträume verändern und zu regionalen Fabelwesen entwickeln?

    Dabei werden Erkenntnisse aus Kognitionswissenschaft, Psychologie, Volkskunde, Sprachwissenschaft, Religionsgeschichte und der Kulturwissenschaft miteinander verbunden.

    Im Zentrum steht ein Modell, das mehrere neurologische, psychologische und soziologische Modelle miteinander in Beziehung setzt und im Rahmen einer allgemeinen Theorie der kulturellen Evolution positioniert. Dies alles geschieht unter Nutzung der vorhandenen historischen, volkskundlichen und linguistischen Quellen. Vereinfacht dargestellt entsteht dadurch folgender Ansatz:

    Schlafparalyse und andere außergewöhnliche nächtliche Erfahrungen → Wahrnehmung eines handelnden Wesens → kulturelle Deutung als Nachtdämon (Albdrude) → Ritualisierung und soziale Verarbeitung → kulturelle Weitergabe und Veränderung → Verkleinerung, Verbannung in den Wald, Humor und Entschärfung → Elwedritsch.

    Dieses Modell versteht die Elwedritsch deshalb nicht als bloße historische „Erfindung“ an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie kann vielmehr als Ergebnis eines langfristigen kognitiven und kulturellen Evolutionsprozesses verstanden werden, in dem universelle menschliche Erfahrungen auf historisch und regional unterschiedliche Überlieferungen treffen.

    Vom Nachtdämon zum Pfälzer Fabelwesen

    Eine zentrale Beobachtung der Elwedritschforschung besteht darin, dass die heutige Elwedritsch nur schwer mit ihrem modernen Erscheinungsbild erklärt werden kann.

    In älteren Überlieferungen begegnen uns zahlreiche nächtliche Schadenswesen: Alb, Mahr, Drude, Trude, Alp, Hexe oder andere Wesen, die Menschen im Schlaf bedrängen, Atemnot verursachen oder als unsichtbare nächtliche Angreifer wahrgenommen werden.

    Auch sprachgeschichtlich gibt es Hinweise darauf, dass die Bestandteile des Namens Elwedritsch in diesen Vorstellungskomplex hineinweisen könnten. Bereits Albert Becker stellte 1925 einen Zusammenhang zwischen „Elb/Alb“ und „Trute“ beziehungsweise „Trude“ her. Ähnliche Beobachtungen finden sich später erneut bei anderen Autoren. Die Verbindung von Alb und Trude ist damit keine erst heute erfundene Erklärung, sondern besitzt eine eigene Forschungsgeschichte.

    Die kognitiv-evolutionäre Theorie versucht, diese älteren Beobachtungen mit modernen Erklärungsmodellen zu verbinden.

    Warum wird aus einem Dämon eine Elwedritsch?

    Besonders interessant ist der Wandel der sozialen Funktion: Ein Wesen, das ursprünglich mit nächtlicher Gefahr, Angst und außergewöhnlichen Wahrnehmungen verbunden sein konnte, muss nicht dauerhaft ein Schrecken bleiben. Überlieferungen können sich verändern. Bedrohliche Vorstellungen können ritualisiert, verspottet und schließlich humorvoll umgedeutet werden.

    Die Elwedritschjagd ist mehr als ein kurioser Pfälzer Brauch. Sie kann als Beispiel dafür verstanden werden, wie eine Gemeinschaft eine ehemals bedrohliche Vorstellungswelt in ein gemeinsames Spiel verwandelt. Aus Angst wird Inszenierung. Aus dem Nachtdämon wird ein Fabelwesen. Aus der Gefahr wird gemeinsamer Humor.

    Die Elwedritsche in der Pfalz – und darüber hinaus

    Die Geschichte der Elwedritsche ist zugleich eine Geschichte kultureller Kontakte und Wanderungen. Vergleichbare Vorstellungen von nächtlichen Wesen finden sich in zahlreichen europäischen und außereuropäischen Kulturen. Motive von Nacht, Traum, Schlaf, Dämonen, unsichtbaren Angreifern und Schutzritualen begegnen beispielsweise in der antiken Strix, Lilith im jüdischen Kulturkreis, in mittelalterlichen Vorstellungen von Alb und Drude und in zahlreichen regionalen Sagenüberlieferungen.

    Auch die Pennsylvania Dutch, die Nachfahren deutschsprachiger Einwanderer in Pennsylvania, kennen mit der Elbedritsch eine bemerkenswerte Variante. Diese Überlieferungen sind für die Frage nach der Entwicklung der Elwedritsch besonders interessant, weil sie zeigen, dass das Motiv nicht ausschließlich auf die moderne pfälzische Tourismus- und Brauchkultur beschränkt ist. Gerade hier in Pennsylvania bei den Nachfahren deutschprachiger Siedler aus dem Südwesten des deutschen Sprachraums finden sich die ältesten Belege, die Rückschlüsse auf die Biografie der Elwedritsche erlauben: Aussehen, alte Bannsprüche und Bannsymbole des Wesens in den USA öffnen überhaupt erst die Tür, um das Rätsel um das Geheimnis der Elwedritsche zu lüften.

    Die Elwedritsch lässt sich damit als Teil eines größeren europäischen und transatlantischen Kulturraums untersuchen.

    Was ist die Elwedritsch wirklich?

    Eine einfache Antwort gibt es nicht. Die Elwedritsch ist zugleich Fabelwesen, Sagengestalt, Nachtdämon, Sprachzeugnis, Brauchfigur, humoristisches Wesen und kulturelles Gedächtnis. Gerade diese Mehrdeutigkeit macht sie wissenschaftlich interessant. Die zentrale These dieser Website lautet deshalb:

    Die Elwedritsch ist nicht das Ergebnis einer einzigen linearen Ursprungstradition, sondern das Produkt eines langen Prozesses aus menschlicher Wahrnehmung, kultureller Deutung, historischer Überlieferung, Migration, sprachlicher Veränderung, Ritualisierung und kultureller Evolution. Wesen wie die Elwedritsch entstehen immer wieder neu – doch der Mechanismus dahinter ist so alt wie die Menschheit. Erste Spuren lassen sich in frühen Texten in Mesopotamien und Persien nachweisen.

    Die kognitiv-evolutionäre Theorie versucht, diese verschiedenen Ebenen in einem gemeinsamen Erklärungsmodell zusammenzuführen. Sie versteht die Elwedritsch als regional einzigartige Ausprägung eines wesentlich älteren und zugleich universelleren menschlichen Umgangs mit Nacht, Angst, Traum und dem Gefühl einer fremden Präsenz.

    Grundlage dieser Website und des mit ihr verbundenen Buches „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ sind neben Bibliotheksrecherchen hunderte von Gesprächen, die ich als Herausgeber der pfälzisch-pennsylvanischen Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ während meiner vielen Reisen ins Pennsylvania Dutch Country in den letzten 30+ Jahren geführt habe. Meinen Gesprächspartnern bin ich unendlich dankbar.

    Auf dieser Website

    elwedritsch.de untersucht die Elwedritsche aus unterschiedlichen Perspektiven:

    • Ursprung und Geschichte der Elwedritsch
    • Elwedritsch, Elwetritsch und Elbedritsch
    • Alb, Alp, Mahr, Trude und Drude
    • antike Nachtdämonen und die Strix im Römischen Reich
    • Bedeutung des jüdischen Dämons Lilith und der SchUM-Region im Rheintal
    • Schlafparalyse und außergewöhnliche nächtliche Erfahrungen
    • Volksglaube und die Entstehung von Sagengestalten
    • Schutzrituale und apotropäische Bräuche
    • Elwedritschjagd und Interaktionsrituale
    • Sprachgeschichte und Etymologie
    • Pfalz, Pennsylvania Dutch und Banat
    • kognitive Kulturwissenschaft
    • DIT (Dual Inheritance Theory und kulturelle Evolution)
    • HADD (Hyperactive Agency Detection Device)
    • CCT (Compensatory Control Theory)
    • BVT (Benign Violation Theory)
    • IRC (Interaction Ritual Chains)
    • historische Quellen sowie linguistische und volkskundliche Forschung
    • Elwedritsche in Literatur, Medien und Tourismus
    • Elwedritsche und Feminismus

    Damit versteht sich diese Website nicht lediglich als Sammlung von Geschichten über ein pfälzisches Fabeltier. Sie ist ein Forschungs- und Informationsportal zur Elwedritsch, ihrer Herkunft, ihrer Geschichte und ihrer kulturellen Entwicklung. Zwischenzeitlich sind 125+ Artikel mit einem Gesamtumfang von deutlich mehr als 1000 Seiten auf elwedritsch.de publiziert worden. Die Website wird weiter ausgebaut.

    Elwedritsche sind mehr als ein Pfälzer Jägerlatein

    Wer wissen möchte, woher die Elwedritsche kommt, was eine Elwedritsch eigentlich ist, warum sie nachts gejagt wird und wie aus einem möglichen Nachtdämon das wohl bekannteste Fabelwesen der Pfalz werden konnte, findet auf elwedritsch.de historische Quellen, sprachwissenschaftliche Hinweise, volkskundliche Forschung und die Argumente der kognitiv-evolutionären Theorie. Willkommen in der Welt der Elwedritsche.

    Dr. Michael Werner


    Zitate zur Einstimmung
    "Geh nor ne schlofe, glei kumme die Elbetrische." 
    "Chinder hen Ängschter vor de Dilbekritsche."
    "Gib Obacht, die Elbetritsche krien dich."
    "Du aldi Elbetrisch" (Bed. "du alde Hex")

    (Wörterbuch der banaterdeutschen Mundarten,
    Bd. 2, D-F, München 2020, S. 240-241)

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    "schlaf, büble, schlaf,
    die mutter gibt acht,
    dasz die trud dich nit drückt,
    und der alp nit erstickt."


    (Deutsches Wörterbuch
    von Jacob und Wilhelm Grimm.
    Lfg. 7 (1858), Bd. II (1860), Sp. 1453, Z. 1)

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    „Der Elbendritsch ist ein neckender Alb, dasselbe, was in der genannten Bavaria, Rheinpfalz (…) als ‚Drückmännchen‘ bezeichnet wird, weil es die Menschen im Schlafe drückt.“ (K. Christ, Monatsschrift für die Geschichte Westdeutschland, 1879)

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    "(...) elbentrütsch m. ‘einfaltspinsel’, eigentlich ‘durch elbischen zauber zum toren gewordener’, (...). den menschen seiner sinne, kräfte und fähigkeiten beraubendes dämonisches wesen (...)"
    (Deutsches Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm, Stichwort "Elbe", Band VII (1965), Sp. 1205)

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    "Die "Elfentritschen" (auch "Elbetrütsche", richtiger vielleicht: Elfentrüdchen, von Elfen und Truden) ..." (C. Kleeberger 1902: Volkskundliches aus Fischbach i. d. Pfalz: 44)

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    "(...) gewöhnlich stellt man das Wort "Elbetritsch" zu mhd. alp, elbe und trute; E.H. Meyer vermutet hinter dem fabelhaften Tier einen Winddämon. Anscheinend ist der erste Teil des Wortes mit "Alp", "Elb" verwandt oder gleichbedeutend, der zweite hängt vielleicht mit "Trude" (= alp) zusammen, dem koboldartigen Wesen, das als "Mahr" die Menschen besonders gerne zur Nachtzeit quält, dem uralten Alpdämon, dem Alpdrücken, dem griechischen Ephialtes (...).
    (Albert Becker, Pfälzer Volkskunde, 1925, S. 121)

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    „Unter Alpdrücken versteht man nachts auftretende Angstzustände … nervöse Beklemmungen und Angstträume … Aus diesen Zuständen erklärbar ist der Alpmythus …“ (Fritz Heeger, Volksheilkunde, 1936, S. 121)

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    "(...) möglicherweise steht hinter den Elbentritschen, Rasselböcken, Dilldappen und Greißen eine ältere dämonische Gestalt, die im Laufe der Zeit nicht mehr verstanden wurde und so zum Neckgeist herabsank." (Leander Petzold, Lexikon der Dämonen und Elementargeister, 1990, S. 60)

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    alb vnde elbelin
    Ir sult nich beng' bliben hin
    albes svestir vn vatir
    Ir sult uz varen obir dē gatir
    albes mutir trute vn mar
    Ir sult uz zu dē virste varē
    Noc mich dy mare druche (= drücke)
    Noc mich dy trute zciche (= zücke)
    Noc mich dy mare rite
    Noc mich dy mare bescrite (= beschreite, bed.: auf mich springe)
    Alb mit diner crummen nasen
    Ich vorbithe dir aneblasen
    (Münchener Nachtsegen, 13./14.Jh. - Ausschnitt)

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    "Im Wasgau, Bienwald, in den Haardt,
    Do kannscht se nachts oft sehne.
    Viel schwärzer wie bei Krapp un Kräh
    Un größer sinn ihr Fliggel,
    Un Kralle hänne se an de Zeh,
    Noch länger wie e Iggel.
    Un um die schwarze Aage rum
    Schtehn Feddre, mächtig große,
    Un ihren Schnawwel, breet un krumm,
    Benutzen se zum Schtoße."
    (Eugen Fried: Die Elwetrittchejagd, 1922)

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    Ich bedanke mich bei:

    Eduard Seger, Oberstudiendirektor
    Paul Brands (1941-2021), Oberstudienrat
    Prof. Dr. Beate Henn-Memmesheimer, Linguistin
    Prof. Dr. Per Sture Ureland (1937-2022), Linguist
    Roland Paul (1951-2023), Historiker
    Dr. Rudolf Post, Linguist
    Prof. C. Richard Beam (1925-2018), Linguist
    Prof. Don Yoder (1921-2015), Volkskundler
    Prof. Mark L. Louden, Linguist
    Wilhelm Hauth (1950-2025), Tritschologe
    Patrick Donmoyer, Volkskundler

    Den größten Dank aber schulde ich meinen Eltern und meiner Familie, die mich auf meinem Weg über viele Jahre mit Zuneigung, Toleranz und Gelassenheit begleitet haben.

    Euch allen ist diese Arbeit gewidmet.