Dämonologie, Tiergestalt und der Alb-Mahr-Druden-Komplex

1. Einleitung

Der Malleus maleficarum, der Hexenhammer des Heinrich Institoris, gehört zu den einflussreichsten dämonologischen Schriften des späten Mittelalters. Das zwischen 1485 und 1487 entstandene Werk verbindet scholastische Theologie, kanonistisches Wissen, ältere kirchliche Dämonologie und Berichte aus der zeitgenössischen Inquisitionspraxis zu einem umfassenden System der Hexerei. Für die Geschichte des europäischen Hexenglaubens ist der Text deshalb von außerordentlicher Bedeutung. Für die Erforschung älterer Vorstellungen von Nachtgeistern, Tiergestalten und weiblichen übernatürlichen Wesen ist er darüber hinaus deshalb interessant, weil der Malleus mehrere Motivkomplexe miteinander verbindet, die in der volkssprachlichen Überlieferung später unter unterschiedlichen Namen begegnen: Dämonen bedrängen Schlafende, verändern die menschliche Wahrnehmung, erscheinen in verschiedenen Gestalten und können Menschen scheinbar in Tiere verwandeln. Besonders auffällig ist ein Exempel aus der Diözese Straßburg, in dem drei große Katzen einen Mann angreifen und anschließend drei verletzte Frauen als die eigentlichen Trägerinnen des Geschehens erscheinen. Der Malleus bietet damit einen bemerkenswert frühen Beleg für die Verbindung von weiblicher dämonischer Gestalt, Katze, nächtlicher beziehungsweise dämonischer Attacke und körperlicher Verletzung.

Die Frage ist allerdings nicht, ob der Hexenhammer bereits die spätere Elwedritsch kennt. Dafür gibt es keinerlei Beleg. Ebenso wenig lässt sich aus ihm unmittelbar eine Identität von Alp, Mahr, Drude, Hexe, Dämon und Katze ableiten. Interessant ist vielmehr die Ebene der Motivgeschichte. Der Malleus zeigt, dass im späten 15. Jahrhundert Vorstellungen von weiblichen Schadenswesen, nächtlicher Bedrängung, dämonischer Wahrnehmungstäuschung und tierischer Erscheinungsform innerhalb eines gemeinsamen gelehrten Deutungssystems miteinander verbunden werden konnten. Gerade deshalb ist der Text für die Frage relevant, ob ältere Formen von Bezeichnungen wie Elbendrötsch, Elpentrötsch oder Elbentrötsch möglicherweise in einem größeren mitteleuropäischen Vorstellungsraum zu verorten sind, in dem Nachtgeister, Dämonen, Hexen und Tiergestalten ineinandergreifen konnten.

2. Der Malleus und sein dämonologisches System

Der Ausgangspunkt des Malleus ist eine strikt christliche Dämonologie. Hexerei besitzt für Institoris keine autonome magische Wirksamkeit. Hinter dem maleficium, dem Schadenszauber, steht der Dämon. Die Hexe ist die menschliche Akteurin, der Dämon die übernatürliche Macht, und alles geschieht letztlich nur unter der Zulassung Gottes. Bereits die Grundanlage des ersten Teils bezeichnet als die drei Faktoren, die zum maleficium beitragen, „Dæmon, Maleficus, & Diuina permissio“ – Dämon, Hexer beziehungsweise Hexe und göttliche Zulassung (Institoris & Sprenger, 2006, Teil I).

Damit schafft der Malleus einen Interpretationsrahmen, in den sehr unterschiedliche Erscheinungen eingeordnet werden können. Was in einer lokalen Erzähltradition als Nachtgeist, als unheimliche Frau, als Tier oder als rätselhafte Erscheinung überliefert werden konnte, ließ sich innerhalb der gelehrten Dämonologie als Wirken eines Dämons interpretieren. Das bedeutet nicht, dass diese Vorstellungen ursprünglich identisch waren. Es bedeutet vielmehr, dass der Malleus eine begriffliche und theologische Infrastruktur bereitstellt, in der unterschiedliche Traditionen zusammengeführt werden können. Hans Peter Broedel hat deshalb den Hexenbegriff des Malleus zu Recht als eine komplexe Konstruktion beschrieben, in der ältere Vorstellungen von Schadenszauber, Dämonen, Tiergestalten und weiblichen übernatürlichen Wesen miteinander verbunden werden (Broedel, 2003).

Besonders deutlich wird diese Funktionsweise dort, wo Institoris die Fähigkeiten der Dämonen beschreibt. In Pars I, quaestio III heißt es, die Dämonen seien „humani generis inimici“ und könnten unter anderem „immutant sensus, inquinant affectus, vigilantes turbant, dormientes per somnia inquietant, morbos inferunt“ – sie verändern die Sinne, verderben die Affekte, beunruhigen die Wachenden, quälen die Schlafenden durch Träume und verursachen Krankheiten (Institoris & Sprenger, 2006, Teil I, quaestio 3, S. 23). Diese Aufzählung ist für die Motivgeschichte außerordentlich wichtig. Der Dämon wirkt nicht ausschließlich durch sichtbare körperliche Gewalt. Er kann die Wahrnehmung selbst verändern und auf Schlafende durch Träume und andere Erscheinungen einwirken.

Damit besitzt der Malleus bereits ein Modell, das späteren Vorstellungen vom nächtlichen Angriff eines übernatürlichen Wesens strukturell sehr nahekommt. Die Erfahrung des Betroffenen kann real und körperlich sein, obwohl die Gestalt, in der das übernatürliche Wesen wahrgenommen wird, nicht mit seiner eigentlichen Gestalt übereinstimmen muss. Der Malleus erklärt solche Phänomene nicht psychologisch im modernen Sinn, sondern dämonologisch: Der Dämon manipuliert die menschlichen Sinne und die phantasia.

3. Der Incubus und die nächtliche Bedrängung

Besonders deutlich wird dies in der ausführlichen Behandlung der Incubi und Succubi. Pars I, quaestio III widmet sich der Frage, ob durch Incubi und Succubi Menschen gezeugt werden könnten. Institoris greift dabei ältere Vorstellungen von Naturgeistern und Dämonen auf. Er zitiert unter anderem Isidor von Sevilla mit der Definition: „Pilosi, qui græcè Paniti, latinè, Incubi appellantur“ – die behaarten Wesen, die auf Griechisch Panen und auf Latein Incubi genannt werden. Unmittelbar anschließend erklärt er: „Vnde & Incubi dicuntur, ab incubando, hoc est, stuprando“ – sie würden Incubi genannt wegen des Aufliegens beziehungsweise der sexuellen Bedrängung (Institoris & Sprenger, 2006, Teil I, quaestio 3).

Der Incubus steht damit für einen Komplex aus Nacht, Schlaf, körperlicher Nähe, Bedrängung und Sexualität. Der Malleus verbindet diese Vorstellungen mit der älteren Tradition von Faunen, Panen und behaarten Naturwesen und unterstellt sie zugleich der christlichen Dämonologie. Der volkstümliche Nachtgeist wird damit gewissermaßen in eine andere Sprache übersetzt: Aus einem lokalen oder traditionellen übernatürlichen Wesen wird ein Dämon.

Hier liegt die wichtigste Vergleichsmöglichkeit zum späteren beziehungsweise parallel überlieferten Alb-, Alp-, Mahr- und Drudenglauben. Auch dort begegnet ein Wesen, das den Menschen im Schlaf aufsucht, ihn bedrängt, auf ihm liegt, ihm die Luft nimmt oder ihn durch Angst und Druck quält. Der Malleus nennt dieses Wesen jedoch nicht „Mahr“ oder „Drude“. Ein unmittelbarer terminologischer Zusammenhang ist daher nicht nachweisbar. Die Gemeinsamkeit liegt auf der Ebene der Funktion: Nacht, Schlaf, Traum, körperliche Bedrängung und übernatürlicher Verursacher werden miteinander verbunden.

Gerade deshalb muss man zwischen Motivähnlichkeit und Traditionskontinuität unterscheiden. Der Malleus ist kein Beleg dafür, dass der Mahr ein Incubus und die Drude ein Incubus gewesen sei. Er zeigt aber, dass die gelehrte Dämonologie im späten Mittelalter einen Vorstellungsbereich kannte, in dem nächtliche Bedrängung und dämonische Einwirkung systematisch zusammengehörten.

4. Die dämonische Täuschung und die Verwandlung in Tiere

Noch unmittelbarer führt Pars I, quaestio X in die Frage der Tiergestalt. Die Überschrift fragt ausdrücklich, ob Hexen „in bestiales formas“ verwandeln können, also Menschen in tierische Gestalten überführen können. Der Malleus beantwortet diese Frage mit einer für die weitere Argumentation entscheidenden Unterscheidung: Eine echte Veränderung der Substanz eines Menschen in eine andere Art könne nur Gott bewirken. Der Dämon könne dagegen die Wahrnehmung täuschen und eine andere Gestalt erscheinen lassen.

Institoris greift dazu auf die Geschichte der Circe zurück und erklärt, die Verwandlung der Gefährten des Odysseus sei eher durch magische Täuschung als durch eine tatsächliche Veränderung der menschlichen Substanz zu verstehen. Der entscheidende Begriff ist praestigium, die Täuschung oder Blendung. An anderer Stelle formuliert der Malleus ausdrücklich, Menschen könnten als Tiere erscheinen, „cùm tamen non sint in rerum Veritate“ – obwohl sie in Wirklichkeit keine Tiere seien (Institoris & Sprenger, 2006, Teil I, quaestio 10).

Damit ist ein grundlegendes dämonologisches Modell etabliert: Die Tiergestalt kann eine Erscheinungsform sein, ohne dass eine biologische oder substanzielle Metamorphose stattgefunden haben muss. Die Dämonologie des Malleus ist deshalb weder einfach ein Glaube an körperliche Verwandlung noch eine bloße Leugnung derselben. Sie unterscheidet vielmehr zwischen echter substantieller Verwandlung, die dem Dämon nicht zusteht, und einer dämonisch erzeugten Erscheinung, die für den Betroffenen gleichwohl vollkommen real sein kann.

Das ist für die spätere Motivgeschichte von großer Bedeutung. Eine Erzählung, in der eine Frau als Katze erscheint, muss innerhalb eines solchen Systems nicht bedeuten, dass sich ihr Körper tatsächlich in den Körper einer Katze verwandelt. Die Katze kann vielmehr die Erscheinungsform sein, in der dämonische Macht die Frau oder ihr Handeln wahrnehmbar macht.

5. Der Malleus und die Katze

Diese theoretische Unterscheidung erhält im zweiten Teil des Werkes eine konkrete erzählerische Form. In Pars II, quaestio I, caput IX erzählt Institoris einen Fall aus einer nicht näher bezeichneten Stadt der Diözese Straßburg. Ein Arbeiter ist damit beschäftigt, Holz zu hacken, als eine große Katze erscheint und ihn angreift. Als er sie abwehrt, kommt eine zweite, größere Katze hinzu. Schließlich sind es drei Tiere, die den Mann attackieren. Der lateinische Text beginnt mit den Worten: „cattus quidam non parue quantitatis ipsum molestare …“ – ein nicht gerade kleiner Kater beziehungsweise eine große Katze beginnt, ihn zu bedrängen (Institoris & Sprenger, 2006, Teil II, quaestio 1, caput 9, S. 443).

Der Mann wehrt sich mit seinem Holz und schlägt die Tiere. Eine Stunde später erscheinen Bedienstete des städtischen Magistrats und nehmen ihn fest. Der Grund für die Verhaftung ist für ihn völlig unverständlich. Vor dem Richter wird er beschuldigt, drei angesehene Frauen der Stadt verletzt zu haben. Der Richter erklärt ihm: „Ecce tali die et tali hora tres matronas precipuas huius ciuitatis vulnerasti“ – zu genau jener Zeit habe er drei der angesehensten Frauen dieser Stadt verwundet (Institoris & Sprenger, 2006, Teil II, quaestio 1, caput 9, S. 443–444).

Der Mann bestreitet, jemals eine Frau geschlagen zu haben. Er erinnert sich jedoch daran, zu diesem Zeitpunkt drei Tiere bekämpft zu haben. Schließlich wird der Zusammenhang zwischen den Katzen und den Frauen erkannt. Die drei Frauen sind verletzt, und die Verletzungen entsprechen den Schlägen, die der Mann den Katzen versetzt hatte. Der Text fasst die Erkenntnis mit den Worten zusammen: „Illa inquit hora creaturas me percussisse recolo, non ego mulieres“ – zu jener Stunde, so sagt er, erinnere er sich, Geschöpfe geschlagen zu haben, nicht Frauen.

Die Erzählung endet mit der Feststellung, man habe erkannt, dass hier ein Werk des Dämons vorliege: „Et intelligentes opus demonis fuisse“. Der Mann wird freigelassen, aber verpflichtet, den Vorgang nicht weiterzuerzählen (Institoris & Sprenger, 2006, Teil II, quaestio 1, caput 9).

Dieser Fall ist für die Motivgeschichte von herausragender Bedeutung. Er zeigt nicht lediglich eine Hexe, die eine Katze besitzt, und auch nicht nur einen Dämon, der zufällig als Katze erscheint. Die narrative Struktur stellt vielmehr eine Beziehung zwischen Katze, menschlicher Frau und dämonischer Wirkung her. Die Katzen handeln an dem Ort, an dem der Mann sie wahrnimmt; gleichzeitig befinden sich die Frauen an einem anderen Ort und tragen die Verletzungen davon.

6. Verwandlung oder Erscheinung?

Gerade hier ist allerdings eine quellenkritische Korrektur gegenüber einer allzu einfachen Interpretation notwendig. Der Malleus beweist mit diesem Exempel nicht, dass Hexen ihren Körper tatsächlich in Katzen verwandeln können. Der Text ist in dieser Hinsicht komplexer. Die theoretischen Ausführungen der ersten quaestio machen ausdrücklich deutlich, dass Dämonen Erscheinungen erzeugen und die phantasia beziehungsweise die Wahrnehmung verändern können. Die Katzengestalt kann deshalb als eine dämonisch erzeugte Erscheinungsform interpretiert werden.

Andererseits darf man die Erzählung auch nicht auf eine bloß „eingebildete“ Katze reduzieren. Innerhalb der Logik des Malleus sind die Wirkungen real. Der Mann schlägt tatsächlich etwas, die Frauen sind tatsächlich verletzt, und der Zusammenhang wird als dämonische Handlung verstanden. Das Entscheidende ist daher nicht die moderne Alternative „wirklich oder eingebildet“, sondern die mittelalterliche Kategorie des praestigium: Eine Erscheinung kann dämonisch erzeugt sein und dennoch reale Folgen besitzen.

Damit wird die Katze zum Medium dämonischer Handlung. Der Mann sieht eine Katze, bekämpft eine Katze und verletzt dadurch Frauen, die als menschliche Trägerinnen des dämonischen Geschehens erscheinen. Die Grenze zwischen Tiergestalt und menschlicher Gestalt wird dadurch narrativ durchlässig.

7. Die Katze als Gestalt der Hexe

Diese Episode ist deshalb für die Geschichte der Hexenvorstellung wichtiger als die bloße Behauptung einer Tierverwandlung. Die Katze erscheint hier in unmittelbarer Verbindung mit drei Frauen, denen maleficium zugeschrieben wird. Das Tier ist nicht nur Begleiterin der Hexe, sondern kann in der Erzählung deren Handlung und Erscheinungsform repräsentieren.

Das entspricht der allgemeinen Argumentationsweise des Malleus. Die Hexe verfügt nicht über eine eigene, von Gott unabhängige übernatürliche Kraft. Der Dämon kann ihre Wahrnehmung und die Wahrnehmung anderer Menschen beeinflussen, Körper bewegen und Erscheinungen erzeugen. Der Malleus entwickelt damit ein System, in dem die Hexe und die Tiergestalt durch den Dämon miteinander verbunden werden.

Die Katze besitzt dabei gegenüber anderen Tieren eine besondere kulturgeschichtliche Eignung. Katzen sind nachtaktiv, bewegen sich lautlos, erscheinen und verschwinden, besitzen eine enge Beziehung zum menschlichen Haushalt und wurden im europäischen Mittelalter und in der frühen Neuzeit zunehmend mit Hexerei assoziiert. Der Malleus selbst entwickelt allerdings keine vollständige Theorie der „Hexe als Katze“. Seine Bedeutung liegt darin, dass er einen konkreten narrativen Beleg dafür liefert, dass eine weibliche Hexengestalt und eine Katze in ein und demselben dämonologischen Handlungsgeschehen auftreten können.

Der Wolf und die Grenzen der Metamorphose

Der Katzenfall steht nicht isoliert. Im Zusammenhang mit der Tierverwandlung behandelt der Malleus auch die Vorstellung, Menschen könnten sich für Tiere halten oder von anderen als Tiere wahrgenommen werden. Besonders wichtig ist die Erzählung vom Wolf. Der Mensch kann davon überzeugt sein, selbst zum Wolf geworden zu sein und als solcher Menschen zu verschlingen. Auch hier liegt der Schwerpunkt auf der dämonischen Manipulation der Wahrnehmung.

Die Argumentation hat eine bemerkenswerte Konsequenz: Der Malleus muss die ältere Vorstellung der Tierverwandlung nicht einfach verwerfen. Er kann sie vielmehr dämonologisch umdeuten. Der Text erkennt an, dass Menschen Tiere zu sehen glauben, dass sie sich selbst als Tiere erleben können und dass entsprechende Geschichten seit langer Zeit erzählt werden. Er erklärt diese Phänomene jedoch nicht als natürliche oder autonome magische Fähigkeit, sondern als Werk des Dämons.

Damit entsteht ein wichtiges historisches Bindeglied zwischen volkstümlicher Erzähltradition und gelehrter Dämonologie: Die lokale Sage wird nicht unbedingt beseitigt, sondern in ein anderes Erklärungssystem überführt.

8. Der Alb-Mahr-Druden-Komplex

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach Alp, Alb, Mahr und Drude eine neue Bedeutung. Der Malleus verwendet diese deutschen Begriffe nicht als terminologisches System. Er kennt keinen Abschnitt, in dem ein „Mahr“ definiert oder eine „Drude“ beschrieben würde. Eine direkte Gleichsetzung wäre daher wissenschaftlich nicht vertretbar.

Gleichzeitig ist die strukturelle Nähe auffällig. Der Alp- oder Mahrglaube gehört zu einem weit verbreiteten europäischen Komplex nächtlicher Bedrängung. Ein übernatürliches Wesen erscheint dem Schlafenden, legt sich auf ihn, bedrückt ihn, nimmt ihm den Atem oder verursacht Angst und Alpträume. Regionale Traditionen kennen dafür unterschiedliche Bezeichnungen und unterschiedliche Vorstellungen über Gestalt und Geschlecht des Wesens. Der Malleus besitzt mit dem Incubus einen dämonologischen Komplex, in dem Nacht, Schlaf, Traum, körperliche Bedrängung und sexuelle Gewalt ebenfalls miteinander verbunden sind.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Systematisierung. Im volkssprachlichen Glauben kann ein Alp oder eine Drude ein eigenständiges übernatürliches Wesen sein. Im gelehrten dämonologischen System des Malleus wird ein entsprechendes Phänomen als Wirkung eines Dämons interpretiert. Die gelehrte Dämonologie ersetzt damit nicht notwendigerweise das volkstümliche Motiv; sie rekodiert es.

Gerade diese Rekodierung ist kulturhistorisch interessant. Wenn ein Mensch berichtet, nachts von einer Gestalt bedrängt worden zu sein, kann die Erklärung innerhalb verschiedener kultureller Systeme unterschiedlich ausfallen. Im volkssprachlichen System ist es ein Alp, eine Mahr oder eine Drude; in der christlichen Dämonologie kann es ein Incubus oder ein anderer Dämon sein. Das Erlebnis beziehungsweise Motiv kann ähnlich sein, während die Erklärungssysteme voneinander abweichen.

9. Von der Nachtgestalt zur Hexe

Der Malleus geht jedoch über die reine Dämonologie des Incubus hinaus. Er verbindet dämonische Nachtwesen mit dem Hexenglauben. Hexen stehen mit Dämonen in Verbindung; Dämonen können Menschen im Schlaf bedrängen; Dämonen können die Wahrnehmung verändern; und Hexen können in Erzählungen mit Tiergestalten verbunden werden. Dadurch entsteht eine Motivkonstellation, in der mehrere ursprünglich unterschiedliche Traditionsstränge zusammenlaufen.

Das lässt sich als Prozess der Motivkonvergenz beschreiben. Ein älterer Komplex nächtlicher Bedrängung kann mit dem Dämonenglauben verbunden werden. Der Dämonenglaube kann wiederum mit dem Hexenglauben verbunden werden. Der Hexenglaube kann schließlich mit Tiergestalten und besonders mit der Katze verbunden werden. Der Malleus ist nicht der Ursprung dieser einzelnen Motive; er ist vielmehr ein besonders anschauliches Dokument ihrer Zusammenführung.

Das ist für die historische Einordnung von Elbendrötsch, Elpentrötsch und Elwedritsch von Bedeutung. Wenn diese Bezeichnungen in älteren Quellen tatsächlich Wesen bezeichnen, die mit Nacht, Bedrängung, Dämonie, Hexerei oder Tiergestalt verbunden sind, wäre nicht zwingend nach einer einzigen mythologischen „Urgestalt“ zu suchen. Wahrscheinlicher könnte eine Überlagerung verschiedener europäischer Motivtraditionen sein.

10. Die Katze als möglicher Übergang zwischen Dämon und Nachtwesen

Gerade die Katze verdient in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit. Sie verbindet mehrere Eigenschaften, die für die Geschichte nächtlicher übernatürlicher Wesen relevant sind: Sie ist ein nachtaktives Tier, bewegt sich lautlos, kann plötzlich erscheinen und verschwinden und besitzt eine lange Geschichte als Grenzwesen zwischen Haus und Wildnis. In der spätmittelalterlichen Dämonologie konnte sie darüber hinaus mit Hexerei verbunden werden.

Der Malleus liefert dafür einen konkreten narrativen Präzedenzfall. Drei Katzen greifen einen Menschen an; drei Frauen tragen gleichzeitig die entsprechenden Verletzungen; der Vorgang wird als Werk des Dämons erkannt. Damit existiert bereits im späten 15. Jahrhundert eine Erzählstruktur, in der ein weibliches übernatürliches Wesen in Katzengestalt erscheint und körperlich auf einen Menschen einwirkt.

Das ist für die Elwedritsch-Forschung deshalb interessant, weil die spätere vogelartige Gestalt der Elwedritsch keineswegs als selbstverständlich vorausgesetzt werden darf, wenn ältere Bezeichnungen und Überlieferungen andere Gestaltvorstellungen enthalten. Sollte sich in den frühneuzeitlichen Belegen tatsächlich eine Verbindung von Elb, Alb, Elbendrötsch oder ähnlichen Formen mit nächtlichen oder dämonischen Wesen nachweisen lassen, wäre die Katze als Vergleichsmotiv historisch wesentlich relevanter als die moderne Vogelikonographie.

11. Was der Malleus nicht beweist

Gerade weil diese Parallelen interessant sind, müssen die Grenzen der Aussage deutlich markiert werden. Der Malleus beweist nicht, dass die Elwedritsch aus dem Hexenglauben entstanden ist. Er beweist nicht, dass eine Elwedritsch ursprünglich eine Katze war. Er beweist nicht, dass Elb, Alb, Mahr und Drude etymologisch oder mythologisch dasselbe Wesen bezeichneten. Und er beweist auch nicht, dass die spätmittelalterliche Dämonologie die volkstümlichen Nachtgeister unmittelbar erzeugt hätte.

Er liefert vielmehr einen vergleichenden historischen Befund. Im späten 15. Jahrhundert existiert ein gelehrtes System, in dem vier Bereiche miteinander verbunden werden können: nächtliche Bedrängung, Dämonologie, Hexerei und Tiergestalt. Dieses System ist älter als die neuzeitliche Gestalt der Elwedritsch und zugleich zeitlich nahe genug an den spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Überlieferungsschichten, dass es bei einer Motivgeschichte der späteren Sagengestalt berücksichtigt werden muss.

12. Ein Quellenmodell für die weitere Elwedritsch-Forschung

Für die weitere Untersuchung lässt sich daraus eine vorsichtige Quellenhierarchie entwickeln. Auf der ersten Ebene stehen die unmittelbar belegbaren Aussagen des Malleus: Dämonen können Schlafende durch Träume beunruhigen; Dämonen können Sinne und Vorstellungskraft verändern; Menschen können als Tiere erscheinen, ohne tatsächlich Tiere geworden zu sein; Hexen werden mit dämonischer Macht verbunden; und im Straßburger Exempel werden drei Frauen mit drei Katzen in einem gemeinsamen Schadensgeschehen verbunden.

Auf der zweiten Ebene stehen die motivischen Parallelen: Alp, Mahr und Drude gehören zu einem europäischen Komplex nächtlicher Bedrängung, der funktional mit dem Incubus-Komplex vergleichbar ist. Diese Parallele ist stark, beweist aber keine direkte Traditionslinie.

Auf der dritten Ebene steht die historische Rekonstruktion der Elbendrötsch beziehungsweise Elwedritsch. Hier müssen die einzelnen frühneuzeitlichen Belege für Elpentrötsch, Elbendrötsch und verwandte Formen separat untersucht werden. Erst wenn diese Quellen selbst zeigen, dass die bezeichnete Gestalt mit Nacht, Bedrängung, Dämonie, Hexerei oder Tiergestalt verbunden wird, kann die Verbindung zum hier beschriebenen Motivkomplex stärker gemacht werden.

Auf der vierten und schwächsten Ebene liegt schließlich die Hypothese einer konkreten Entwicklungslinie von einem mittelalterlichen Nachtwesen über dämonologische und frühneuzeitliche Erzähltraditionen zur Elwedritsch. Eine solche Entwicklung ist denkbar, aber solange die Zwischenglieder fehlen, bleibt sie eine Arbeitshypothese und kein Quellenbefund.

13. Schluss

Der Malleus maleficarum erweist sich damit als ein besonders wichtiges Vergleichsdokument für die Geschichte der europäischen Vorstellungen von Dämonen, Hexen, Nachtgeistern und Tiergestalten. Sein Wert liegt nicht darin, dass er eine bestimmte spätere Sagengestalt vorwegnimmt, sondern darin, dass er sichtbar macht, wie unterschiedliche Motivfelder im späten Mittelalter in einem gelehrten dämonologischen System miteinander verbunden wurden.

Der Text beschreibt Dämonen als Wesen, die Sinne verändern, Wachende und Schlafende beeinflussen und Menschen durch Träume beunruhigen. Mit dem Incubus verbindet er Nacht, Schlaf, körperliche Bedrängung und Sexualität. Mit der Theorie des praestigium erklärt er, wie Menschen als Tiere erscheinen können, ohne tatsächlich in eine andere Spezies verwandelt worden zu sein. Und mit dem Straßburger Katzenexempel liefert er schließlich einen konkreten Fall, in dem drei Katzen und drei Frauen durch ein dämonisches Schadensgeschehen miteinander identifiziert werden.

Gerade die Kombination dieser Elemente ist bemerkenswert. Nacht, Schlaf, körperliche Bedrängung, Dämon, weibliches Schadenswesen und Tiergestalt bilden im Malleus keinen zufälligen Nebeneinanderstand, sondern Teile eines zusammenhängenden dämonologischen Vorstellungsraums. Dieser Vorstellungsraum ist nicht mit dem volkstümlichen Alb-Mahr-Druden-Komplex identisch; er besitzt jedoch deutliche funktionale Überschneidungen mit ihm.

Für die Geschichte der Elwedritsch ergibt sich daraus eine vorsichtige, aber wichtige Konsequenz. Die Suche sollte nicht vorschnell von der modernen Vogelgestalt ausgehen. Wenn ältere Bezeichnungen wie Elbendrötsch, Elpentrötsch oder Elbentrötsch tatsächlich auf eine andere Gestalt oder Funktion verweisen, muss zunächst geklärt werden, welchem älteren Motivfeld diese Bezeichnungen angehören. Der Malleus zeigt, dass eine Verbindung von weiblichem übernatürlichem Wesen, nächtlicher Bedrängung, Dämonie und Tiergestalt bereits im späten 15. Jahrhundert literarisch und dämonologisch formulierbar war.

Der wichtigste Befund lautet deshalb nicht „Die Elwedritsch war eine Katze“. Dafür gibt es keinen Beleg. Der wesentlich vorsichtigere und historisch belastbare Befund lautet: Die spätmittelalterliche Dämonologie kannte bereits eine Motivkonstellation, in der eine weibliche dämonische Figur in Tiergestalt – konkret in Katzengestalt – einen Menschen körperlich angreift, während die menschliche Gestalt des Wesens an einem anderen Ort verletzt erscheint. Parallel dazu existiert mit dem Incubus eine dämonologische Form des nächtlichen Bedrängers. Diese beiden Motivkomplexe bilden einen historischen Vergleichshorizont, vor dem die älteren Bezeichnungen und Gestalten der Elwedritsch neu untersucht werden können.

Damit verschiebt sich die entscheidende Forschungsfrage. Sie lautet nicht mehr lediglich, wann die Elwedritsch erstmals als Vogel dargestellt wurde, sondern welche Vorstellungen mit den älteren Bezeichnungen Elb, Alb, Elbendrötsch, Elpentrötsch und verwandten Formen ursprünglich verbunden waren. Erst eine solche Quellenkritik kann entscheiden, ob hinter der späteren Vogelgestalt eine ältere Tradition eines Nachtwesens, eines Dämonen, eines Hexenwesens oder eines ganz anderen Sagentyps steht.

Literatur

Broedel, H. P. (2003). The Malleus maleficarum and the construction of witchcraft: Theology and popular belief. Manchester, New York.

Institoris, H., & Sprenger, J. (1487). Malleus maleficarum. Speyer.

Institoris, H., & Sprenger, J. (2006). Malleus maleficarum: The Latin text and introduction (C. S. Mackay, Ed.). Cambridge.

Mackay, C. S. (2006). Malleus maleficarum: The English translation. Cambridge.

Schnyder, A. (1993). Malleus maleficarum von Heinrich Institoris (alias Kramer) unter Mithilfe Jakob Sprengers aufgrund der dämonologischen Tradition zusammengestellt: Kommentar zur Wiedergabe des Erstdrucks von 1487 (Hain 9238). Göppingen.

Behringer, W., Jerouschek, G., & Tschacher, W. (Eds.). (2000). Heinrich Kramer (Institoris): Der Hexenhammer. Malleus maleficarum. München.

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