Abstract
Die Elbedritschjagd der Pennsylvania Germans und die englischsprachige amerikanische Snipe Hunt weisen eine bemerkenswerte strukturelle Übereinstimmung auf: Ein unerfahrener Teilnehmer wird zur Jagd auf ein vermeintliches Tier eingeladen, mit einer besonderen Aufgabe und gegebenenfalls mit Fanggeräten ausgestattet und schließlich von den eingeweihten Teilnehmern allein zurückgelassen. Die Snipe Hunt ist in amerikanischen Zeitungsberichten ab 1868 dokumentiert. Die Elbedritschjagd ist in Pennsylvania ab 1888 und ausführlich 1915 belegt, im Shenandoah Valley durch eine Darstellung von 1967/1969; auf europäischer Seite zeigt ein schwäbischer Beleg von 1795 bereits die Verbindung von Jagdwendung und Opferfigur („den Elpentrötsch jagen“).
Der Beitrag untersucht die historischen Belege, die sprachlichen Beziehungen, die Handlungsmuster und die sozialen Funktionen beider Traditionen. Im Mittelpunkt stehen Henry L. Fishers Olden Times (1888), Edith M. Bertels Thomas’ Mary at the Farm (1915), die Zeitungsberichte „An Old Fashioned Snipe Hunt“ (1868) und „Snipe Seeking“ (1875), das Pennsylvania Dutch Dictionary und Elmer L. Smiths Darstellung des Elbedrich-Brauchs im Shenandoah Valley. Ergänzend werden die volkskundlichen Arbeiten von Johana H. Smith, Bill Ellis und James Y. Glimm herangezogen.
Die Quellen belegen eine historisch dokumentierte Elbedritschjagd in Pennsylvania, eine ausdrückliche lexikografische Gleichsetzung von Elbedritsch fange mit to go on a snipe hunt und eine Überlieferung der Elbedritschjagd im Shenandoah Valley. Sie beweisen allein nicht zweifelsfrei, dass die Snipe Hunt aus der deutschsprachigen Jagdtradition hervorgegangen ist. Die hier geprüfte Arbeitshypothese, wonach die Snipe Hunt zumindest teilweise eine sprachlich umgeformte Fortsetzung der deutschsprachigen Jagd ist, ist durch Struktur, Detailmotive und Kontaktgeschichte plausibel und prüfbar, aber nicht bewiesen. Konkurrierend stehen unabhängige Entstehung, ein gemeinsamer europäischer Hintergrund und eine Rückübertragung der englischen Snipe Hunt auf den pennsylvaniadeutschen Namen.
Der Beitrag formuliert für alle vier Erklärungen Vorhersagen und Falsifikationskriterien und entwickelt weitergehende Forschungshypothesen, die anhand historischer Zeitungen, Dialektmaterialien, volkskundlicher Archive und regionaler Überlieferungswege gegeneinander geprüft werden können. Zugleich wird die Bedeutung des Falles für eine kognitiv-evolutionäre Betrachtung kultureller Übertragung und ritualisierter Scherze diskutiert.
Schlüsselwörter: Elwedritsch, Elbedritsch, Elbadritchel Hunt, Snipe Hunt, Pennsylvania Germans, Pennsylvania Dutch, Shenandoah Valley, Appalachen, Scherzjagd, Initiationsritual, Kulturtransfer, Transformationsthese, kognitive Evolution
1. Einleitung: Eine ungewöhnliche Übereinstimmung
Die Elwedritsch ist im pfälzischen Raum vor allem als vogelartiges Fabelwesen und Gegenstand einer fingierten Jagd bekannt. Die Snipe Hunt gehört dagegen zum Repertoire amerikanischer Scherzjagden, die unter anderem aus dem Lagerleben, aus Jugendgruppen und aus regionalen Erzähltraditionen bekannt sind.
Auf den ersten Blick könnte es sich um zwei voneinander unabhängige Varianten desselben Scherztyps handeln. Bei genauerem Hinsehen entsteht jedoch eine historische Fragestellung: In Pennsylvania ist eine deutschsprachige Elbedritschjagd dokumentiert, deren Ablauf der englischsprachigen Snipe Hunt auffallend ähnlich ist. Darüber hinaus setzt ein Pennsylvania-Dutch-Wörterbuch die Wendung Elbedritsch fange ausdrücklich mit to go on a snipe hunt gleich.
Die Frage lautet daher nicht lediglich, ob beide Bräuche ähnlich sind, sondern ob sie durch historische Kontakte verbunden waren. Als Arbeitshypothese bezeichnet dieser Beitrag die Annahme, dass die englischsprachige Snipe Hunt zumindest teilweise aus einer deutschsprachigen Jagdtradition hervorging, wobei Name und Beutetier ausgetauscht, der Handlungsablauf aber weitgehend bewahrt wurde. Eine mögliche Recodierung wird hier als Arbeitshypothese geprüft, nicht als Ergebnis vorausgesetzt.
Drei Probleme stehen im Mittelpunkt:
- Wann sind die beiden Jagdtraditionen erstmals schriftlich nachweisbar?
- Welche sprachlichen, regionalen und handlungsstrukturellen Gemeinsamkeiten lassen sich feststellen?
- Welche Belege würden einen tatsächlichen Kulturtransfer zwischen deutschsprachigen und englischsprachigen Gemeinschaften in Nordamerika nachweisen, und welche würden ihn widerlegen?
Die Beantwortung ist auch für die historische Elwedritschforschung relevant: Die Elwedritsch sollte nicht nur als isoliertes regionales Fabeltier untersucht werden. Ihre Geschichte kann auch über Scherzrituale, Migration, Sprachkontakt und kulturelle Umdeutung erschlossen werden.
Dabei gilt eine methodische Grundregel: Ähnlichkeit ist ein Ausgangspunkt für historische Forschung, aber noch kein Beweis für gemeinsame Abstammung.
2. Begriffe und Untersuchungsgegenstand
2.1 Schreibweisen und Konvention
In diesem Beitrag gilt folgende Konvention:
- Elwedritsch (Pl. Elwedritsche): pfälzische und rheinhessische Form; Standardform für den europäischen Raum.
- Elbedritsch: pennsylvaniadeutsche Form, wie sie das Pennsylvania Dutch Dictionary verzeichnet.
- Elbadritchel: englische Schreibung bei Thomas (1915).
- Elpentrötsch: schwäbische Form im Idiotikon von 1795.
- Elbetritscha fanga (1906), Elbedrich (Smith 1967) und Elfedritsch werden als Varianten in den jeweiligen Quellenformen zitiert.
Belege dürfen nicht ungeprüft gleichgesetzt werden. Ein Wort kann im Laufe seiner Geschichte unterschiedliche Bedeutungen annehmen: ein übernatürliches Wesen bezeichnen, zum Schimpfwort werden oder als Name eines fingierten Jagdtieres dienen. Besonders interessant ist die Frage, ob der Name des Wesens älter ist als die Jagdtradition oder ob sich die Bedeutung des Wesens im Zusammenhang mit dem Scherzritual veränderte.
Der amerikanische Befund erweitert das Problem: Im Pennsylvaniadeutschen kann Elbedritsch fange nicht nur das Fangen eines vermeintlichen Tieres bezeichnen, sondern die gesamte Handlung eines fingierten Jagdausflugs.
2.2 Die Snipe Hunt
Die englische Bezeichnung snipe hunt verweist wörtlich auf die Jagd nach einer Schnepfe. Die in der Folklore in den USA beschriebene Jagd ist jedoch keine gewöhnliche Vogeljagd. Typischerweise wird ein unerfahrener Teilnehmer angewiesen, an einem abgelegenen Ort einen Sack oder ein anderes Fanggerät bereitzuhalten. Die übrigen Beteiligten behaupten, das Tier aufzuspüren oder auf ihn zuzutreiben. Tatsächlich verlassen sie den Ort, während der Teilnehmer auf die vermeintliche Beute wartet.
Der Ausdruck kann über den konkreten Jagdstreich hinaus auch eine unmögliche Aufgabe oder eine aussichtslose Suche bezeichnen. Das Pennsylvania Dutch Dictionary verzeichnet diese übertragene Bedeutung neben der wörtlicheren Beschreibung des Streichs.
2.3 Die entscheidende Vergleichsebene
Für die historische Untersuchung müssen drei Ebenen auseinandergehalten werden:
- Wortgeschichte: Wie entwickelten sich die Namen Elbedritsch und snipe in den jeweiligen Sprachgemeinschaften?
- Ritualgeschichte: Wie entwickelte sich die Handlung der fingierten Jagd?
- Kulturgeschichte: Wie könnten sich die Traditionen durch Migration, Nachbarschaft und Sprachkontakt verbreitet haben?
Ein Zusammenhang auf einer Ebene beweist nicht automatisch einen Zusammenhang auf allen anderen. Insbesondere kann ein übernommenes Ritual einen neuen Namen erhalten, während ein übernommenes Wort eine neue Bedeutung annimmt. Die Recodierung kann komplex sein.
3. Die Chronologie: Was ist wann nachweisbar?
Für die Herkunftsfrage ist die Chronologie zentral. Dabei müssen die frühesten schriftlichen Belege von der tatsächlichen Entstehung der Tradition unterschieden werden.
| Datum | Quelle | Bedeutung für die Untersuchung |
| 1795 | Anhang „Versuch eines schwäbischen Idiotikon“ (J. Chr. Schmidt) zu Nicolais Reisebeschreibung | Beleg für Elpentrötsch und die Wendung den Elpentrötsch jagen im Sinne von „jemanden zum Besten haben“ |
| 1868 | Omaha Daily Herald, „An Old Fashioned Snipe Hunt“ | Früher konkret datierter amerikanischer Zeitungsbericht über das Snipe-Hunt-Ritual |
| 1875 | Omaha Daily Republican, „Snipe Seeking“ | Weitere detaillierte Beschreibung der fingierten Jagd |
| 1888 | Henry L. Fisher, Olden Times | Früher Beleg für die Elbedritschüberlieferung (Gedicht „Catching Elves“), bislang nur über Zweitabdruck bekannt |
| 1888 | W. J. Hoffman, „Folk-Lore of the Pennsylvania Germans. I“ | Zeitgenössischer volkskundlicher Kontext. |
| 1906 | „The Spelling of Our Dialect“ | Dialektaler Beleg für Elbetritscha fanga. |
| 1915 | Edith M. Bertels Thomas, Mary at the Farm | Ausführliche Erzählung einer Elbadritchel-Jagd im ländlichen Bucks County |
| 1957 | Johana H. Smith, „In the Bag“ | Frühe folkloristische Spezialuntersuchung zur Snipe Hunt |
| 1967/1969 | Elmer L. Smith, „The Elusive Elbedrich“ (Wiedergabe in The Morning Call, 25. Jan. 1969) | Dokumentation der Elbedritschjagd im Shenandoah Valley |
| 1981 | Bill Ellis, „The Camp Mock-Ordeal“ | Analyse fingierter Prüfungen als soziale Inszenierung |
| 1983 | James Y. Glimm, Flatlanders and Ridgerunners | Regionale Snipe-Hunt-Überlieferung in Nord-Pennsylvania |
Diese Tabelle zeigt ein methodisches Problem: Der früheste schriftliche Beleg ist nicht notwendigerweise der älteste Brauch. Die Snipe Hunt kann lange vor 1868 existiert haben. Ebenso könnte die Elbedritschjagd älter sein als ihre amerikanischen Druckbelege. Die Chronologie allein kann daher keine sichere Übertragungsrichtung beweisen.
Ein zweiter Punkt betrifft die Lage der Belege: Die amerikanischen Snipe-Hunt-Berichte (1868, 1875) sind älter als die bisher bekannten pennsylvaniadeutschen Elbedritsch-Belege (1888, 1915). Das spricht auf den ersten Blick eher für eine Rückübertragung (Hypothese D) als für die Transformations- bzw. Recodierungsthese. Der Gegenpol ist, dass die deutsche Jagdwendung bereits 1795 greifbar ist und die deutschsprachige Siedlungsgeschichte Nordamerikas ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Beide Beobachtungen müssen gegeneinander abgewogen werden (Kap. 10).
3.1 Der schwäbische Beleg von 1795
Im Versuch eines schwäbischen Idiotikon, das im Zusammenhang mit Nicolais Reisebeschreibung gedruckt wurde, findet sich die Formulierung: „Elpentrötsch, ein ungesitteter Kerl; den Elpentrötsch jagen, einen zum Besten haben.“
Die Stelle ist für die Elwedritschforschung besonders interessant, weil sie den Namen eines Wesens mit einer sozialen Bedeutung verbindet: Jemand wird zum Opfer eines Scherzes. Sie lässt mindestens zwei Deutungen zu. Entweder wurde der Name bereits unabhängig von der Jagd als Bezeichnung für einen einfältigen Menschen verwendet, oder die Bedeutung entwickelte sich aus der Rolle des getäuschten Teilnehmers eines Jagdstreichs. Die Quelle allein entscheidet das nicht.
Für die Transformationsthese ist der Beleg dennoch zentral, aus zwei Gründen. Erstens liegt er vor jedem amerikanischen Beleg und zeigt, dass im deutschen Südwesten die Verbindung von Jagdwendung und Opferfigur bereits sprachlich verfestigt war. Zweitens liegt der schwäbische Raum im Herkunftsgebiet der Pennsylvaniadeutschen (Pfalz, Baden, Württemberg, Schweiz). Er stützt damit die Annahme, dass die Jagdform vor der Auswanderung im Südwesten bekannt war. Das ist ein Indiz, kein Beweis: Ein Zeugnis von 1795 belegt nicht, dass die Jagd bereits im frühen 18. Jahrhundert bei den Auswanderern bekannt war. In Zwei-Stränge-Begriffen (Wesen-Strang und Opfer-Strang) ist hier der Opfer-Strang greifbar; die Verschmelzung mit dem Wesen-Strang bleibt erst durch spätere Belege erschließbar.
3.2 Der amerikanische Bericht von 1868
Der Omaha Daily Herald veröffentlichte am 19. März 1868 den Artikel „An Old Fashioned Snipe Hunt“. Der Bericht schildert einen Streich an einem jungen Telegrafisten aus Michigan. Die Männer einer Eisenbahnstation wollen ihn mit der örtlichen Gesellschaft vertraut machen und zugleich seine ablehnende Haltung gegenüber dem Westen auf die Probe stellen. Der Artikel bezeichnet den Zweck des Unternehmens als Versuch, „to initiate a young telegraph operator“ in die Kunst des Schnepfenfangs einzuführen.
Die Jagd erscheint damit als eine Art Initiation. Die Jäger statten den Neuling mit einem Sack aus, dessen Öffnung durch einen Drahtring offengehalten wird; rote Laternen sollen die Vögel anlocken; anschließend entfernen sie sich, angeblich um die Beute aufzuscheuchen.
Der Bericht ist aus mehreren Gründen wichtig: Er dokumentiert einen vollständig ausgearbeiteten Jagdstreich; er zeigt, dass der Brauch in einer lokalen Gemeinschaft als bekannt vorausgesetzt werden konnte; er beschreibt eine soziale Funktion über den bloßen Spaß am Scheitern hinaus; und er belegt die Snipe Hunt spätestens 1868, ohne ihren Ursprung zu bestimmen. Der Ausdruck old fashioned deutet darauf hin, dass der Verfasser die Jagd als etabliert verstand, erlaubt aber keine genaue Altersbestimmung.
Für die Herkunftsfrage ist ein Detail bemerkenswert: Licht als Lockmittel (rote Laternen) taucht 1868 auf, bei Thomas 1915 als brennende Kerze im Sack.
3.3 Der Bericht von 1875
Am 29. Juni 1875 veröffentlichte der Omaha Daily Republican den Artikel „Snipe Seeking“. Die Geschichte handelt von einem Teilnehmer namens Billy, der eingeladen wird, die Beute zu fangen. Die Gruppe begibt sich nachts zu einem Baum, unter dem er mit einem geöffneten Sack auf die herabfallenden Schnepfen warten soll. Die anderen entfernen sich nach und nach. Billy wird nach mehreren Stunden misstrauisch und kehrt heim, wo seine Begleiter bereits schlafen. Die Pointe: Es genügt künftig, „snipe“ zu sagen, damit Billy erneut bereitsteht.
Der Bericht bestätigt wesentliche Elemente des Rituals von 1868: die Auswahl eines Teilnehmers, die besondere Aufgabe, die Täuschung und die soziale Weiterverwendung der Geschichte. Zugleich zeigt er, dass der Brauch erzählerisch ausgeschmückt wurde. Die Berichte sind journalistisch gestaltete Scherzgeschichten und keine neutralen Protokolle; sie liefern aber einen Nachweis für die Bekanntheit des Rituals.
4. Die Elbedritschjagd in Pennsylvania: Thomas 1915
4.1 Eine zentrale Primärquelle
Edith M. Bertels Thomas veröffentlichte 1915 das Buch Mary at the Farm and Book of Recipes Compiled During Her Visit Among the „Pennsylvania Germans“. Kapitel XXV trägt den Titel „An Elbadritchel Hunt“. Die Autorin verortet ihre Geschichte ausdrücklich im ländlichen Bucks County. Fritz Schmidt habe die Geschichte eines mythischen Vogels namens Elbadritchel häufig gehört, der besonders in kalten, dunklen und stürmischen Nächten unterwegs sein solle.
Thomas überliefert als Redewendung der Pennsylvania Germans: „’Tis a fine night to catch ‚Elbadritchels.‘“ Dieser Satz zeigt, dass die Elbadritschjagd nicht nur als Erzählung über ein Fabelwesen vorkommt, sondern als feste Redewendung, mit der eine Jagd oder ein Jagdstreich angedeutet werden konnte.
4.2 Beschreibung des Tieres
Thomas beschreibt den Elbadritchel als Mischwesen aus Schwalbe, Gans und Leierschwanz und fügt hinzu, sie könne die Wahrheit dieser Beschreibung nicht bestätigen, da sie selbst noch keinen solchen Vogel gesehen habe. Das markiert die Grenze zwischen überlieferter Beschreibung und zoologischer Beobachtung. Das Tier existiert in der Erzählung als kulturelles Objekt mit Namen, angeblichen Eigenschaften und einer Fanggeschichte; gerade diese Konkretheit ermöglicht die glaubwürdige Inszenierung der Jagd.
4.3 Ablauf der Jagd
Fritz wird von mehreren Jungen aus benachbarten Bauernhöfen abgeholt und weiß nicht, dass er als Opfer eines Streichs ausgewählt wurde. Die Gruppe fährt durch heftigen Regen zu einem abgelegenen Hügel, ungefähr drei Meilen entfernt. Fritz erhält einen Jutesack, der durch Fassreifen offengehalten wird; eine brennende Kerze wird in den Sack gestellt. Außerdem bekommt er einen Knüppel, mit dem er den Vogel erschlagen soll. Die Jungen laufen angeblich los, um die Vögel aufzutreiben, steigen aber wieder in den Wagen und fahren nach Hause. Fritz bleibt allein zurück und erkennt erst später, dass er getäuscht wurde.
Damit ist der Ablauf vollständig dokumentiert: Der Teilnehmer kennt die Geschichte des Tieres; er wird eingeladen; er erhält Ausrüstung und Anweisung; die übrigen geben vor, das Tier aufzutreiben; der Teilnehmer wird allein gelassen; nach der Auflösung entsteht eine neue soziale Geschichte, die weitererzählt werden kann. Sack, Täuschung, Jagdinszenierung und das Zurücklassen finden sich in beiden Traditionen.
4.4 Quellenkritische Einordnung
Thomas’ Buch ist eine Primärquelle für die Darstellung der Elbadritschjagd im Jahr 1915, aber kein unverfälschtes Protokoll. Im Vorwort erklärt die Autorin, die Vorfälle beruhten auf Tatsachen, seien aber nicht in jedem Detail vollständig wahr; die Figuren seien aus dem wirklichen Leben gezeichnet, einzelne Namen verändert. Das Werk ist deshalb als literarisch gestaltete, auf regionaler Kultur beruhende Quelle zu lesen. Für die Rekonstruktion des ursprünglichen Rituals müssen weitere Quellen hinzugezogen werden.
5. Henry L. Fisher und Olden Times (1888)
Ein früherer Beleg für die pennsylvaniadeutsche Elbedritschtradition wird mit Henry L. Fishers Olden Times: Or, Pennsylvania Rural Life, Work, and Play (1888) verbunden.
In einer 1969 in The Morning Call veröffentlichten Darstellung wird ein Gedicht „Catching Elves“ aus Fishers Werk zitiert. Der Text schildert die Jagd als einen alten Scherz, dem nacheinander ahnungslose Jugendliche zum Opfer fallen; jeder unverdächtige Jugendliche habe die alte „Elfenlist“ erfahren und gelernt. Der Befund verankert die Jagdtradition zeitlich vor Thomas.
Einschränkung: Die Wiedergabe erfolgt über einen Zeitungsbeitrag von 1969. Für eine philologische Auswertung müssen das Original, die Seitenzahl, der vollständige Gedichttext und die ursprüngliche Schreibweise geprüft werden. Die Quelle ist ein wichtiger bibliografischer Ausgangspunkt, kein kollationierter Originaltext.
6. Der entscheidende lexikografische Befund
6.1 Elbedritsch fange bedeutet to go on a snipe hunt
Das Pennsylvania Dutch Dictionary verzeichnet unter Elbedritsch mehrere Bedeutungen: einen mythischen Vogel, ein mythisches Tier und ein scherzhaft bezeichnetes Insekt unbekannter Art. Die vierte Bedeutung lautet „to go on a snipe hunt“. Das Wörterbuch erklärt den Ausdruck als Scherz, bei dem eine unerfahrene oder leichtgläubige Person dazu gebracht wird, an einem abgelegenen Ort einen Sack zu halten, um das vermeintliche Tier zu fangen, während die übrigen vorgeben, es durch das Gebüsch auf den Sack zuzutreiben.
Diese Gleichsetzung ist der stärkste direkte Zusammenhang zwischen beiden Traditionen. Sie zeigt, dass eine deutschamerikanische Sprachgemeinschaft Elbedritsch fange und snipe hunt als Entsprechungen verstand.
6.2 Was beweist die Gleichsetzung?
Der Eintrag belegt einen Bedeutungszusammenhang, aber nicht die Herkunft der Snipe Hunt aus der Elbedritschjagd. Mögliche Erklärungen:
- Die englische Bezeichnung wurde auf einen bereits bestehenden deutschsprachigen Brauch übertragen (stützt A).
- Die deutschsprachige Wendung wurde später mit einem im Englischen bekannten Ritual gleichgesetzt (stützt D).
- Beide Ausdrücke entwickelten sich unabhängig und wurden wegen der ähnlichen Handlung als Übersetzungsäquivalente verbunden (stützt B).
- Ein älteres übergreifendes Repertoire fingierter Jagden beeinflusste beide Traditionen (stützt C).
Die Gleichsetzung grenzt den Erklärungsraum ein, entscheidet aber nicht allein zwischen diesen Möglichkeiten. Sie ist als Übersetzungsgleichung richtungsneutral.
6.3 Folgerung für die weitere Forschung
Der Eintrag ist Ausgangspunkt einer gezielten Suche nach älteren Belegen. Zu klären ist:
- Wann wurde Elbedritsch fange erstmals in einem Wörterbuch dokumentiert?
- Auf welchen Quellen beruht die Definition?
- Wann wurde snipe hunt erstmals als Entsprechung angegeben?
- Gibt es ältere Varianten in Dialekttexten, Familienaufzeichnungen oder Zeitungen?
7. Die Elbedritschjagd im Shenandoah Valley
7.1 Elmer L. Smiths Bericht
Eine besonders interessante Quelle für den Appalachenraum ist Elmer L. Smiths „The Elusive Elbedrich“. Der Beitrag erschien 1967 als Teil einer Reihe von Folklorekolumnen in zwölf Zeitungen des Shenandoah Valley; eine Wiedergabe findet sich in The Morning Call vom 25. Januar 1969. Smith beschreibt die Elbedritschjagd als bekannte Tradition der deutschstämmigen Bevölkerung des Tals. Der Elbedrich sei ein kleines Tier mit wechselnder Fellfarbe, das sich nachts im dichten Unterholz bewege und besonders bei kaltem Wetter gejagt werde. Die neuen Teilnehmer erhalten große Jutesäcke; die erfahrenen Jäger erklären, sie würden einen großen Bereich umstellen und die Tiere heraustreiben. Schließlich verlassen sie die Unerfahrenen in Kälte und Dunkelheit. Smith fasst die Situation mit der Wendung zusammen, sie seien „holding the bag“ (Smith 1967/1969).
7.2 Was diese Quelle belegt
Smiths Darstellung dokumentiert die Elbedritschjagd in einer Region außerhalb des Pennsylvania-Kerngebiets; sie zeigt, dass die Tradition im Shenandoah Valley noch im 20. Jahrhundert als regionale Folklore erinnert wurde; sie beschreibt den Ablauf ohne erkennbare Abhängigkeit von Thomas’ literarischer Erzählung (eine Unabhängigkeit ist damit nicht bewiesen); und sie verbindet die Jagd mit regionalen Zusammenkünften. Die Jagden fanden demnach häufig nach gemeinschaftlichen Arbeiten wie dem Kochen von Apfelbutter oder dem Schälen von Mais statt. Das deutet auf eine soziale Einbettung des Rituals in einen größeren gemeinschaftlichen Fest- und Unterhaltungskontext.
7.3 Grenzen der Quelle
Smiths Text ist ein später volkskundlicher Rückblick auf Erinnerungen, die zum Teil in die Jugend früherer Generationen reichen. Wenn er die Jagd mit deutschstämmigen Siedlern des 18. Jahrhunderts verbindet, ist das eine retrospektive Aussage über die vermutete Geschichte des Brauchs und kein zeitgenössischer Bericht. Für die Datierung der Einführung ins Shenandoah Valley wären ältere Quellen erforderlich.
7.4 Die Bedeutung für den Appalachenraum
Der Bericht erweitert die Untersuchung über Pennsylvania hinaus. Er zeigt, dass die Elbedritschjagd in einer Region bekannt war, in der deutschsprachige und englischsprachige Kultur über lange Zeit in Kontakt standen. Das Shenandoah Valley ist daher ein besonders geeigneter Untersuchungsraum für die Frage, ob die Snipe Hunt aus der deutschsprachigen Tradition hervorging oder beide Bräuche sich wechselseitig beeinflussten. Die räumliche Nähe beweist keinen Kulturtransfer; sie macht ihn historisch untersuchbar.
8. Die Snipe Hunt als volkskundliches Ritual
8.1 Johana H. Smith: In the Bag (1957)
Johana H. Smith veröffentlichte 1957 in Western Folklore den Aufsatz „In the Bag: A Study of Snipe Hunting“. Der Titel verweist auf die zentrale Rolle des Sacks. Der Aufsatz gehört zu den frühen Spezialuntersuchungen, die den Brauch als Gegenstand der Folkloristik behandeln, und stellt Varianten systematisch gegenüber. Die Snipe Hunt erscheint dabei als Handlungsmuster, das in unterschiedlichen Gruppen wiederholt und verändert werden kann.
8.2 Bill Ellis: das Ritual als soziale Inszenierung
Bill Ellis untersucht in „The Camp Mock-Ordeal: Theater as Life“ (1981) fingierte Prüfungen im Lagerleben. Sein Ansatz macht die Handlung als soziale Inszenierung verständlich: Die Erfahrenen geben vor, über besonderes Wissen zu verfügen, der Neuling erhält eine scheinbar wichtige Aufgabe, und die Gruppe kontrolliert den Ablauf und den Zeitpunkt der Auflösung. Die Jagd erzeugt eine soziale Situation, in der Wissen, Zugehörigkeit und Macht ungleich verteilt sind. Die Perspektive lässt sich auf die Elbedritschjagd übertragen, ohne historische Abstammung zu behaupten.
8.3 James Y. Glimm: Snipe Hunting in Nord-Pennsylvania
James Y. Glimm behandelt die Snipe Hunt in Flatlanders and Ridgerunners: Folktales from the Mountains of Northern Pennsylvania (1983). Nord-Pennsylvania war ein Raum, in dem verschiedene kulturelle Traditionen und ländliche Erzählmilieus aufeinandertrafen. Die Sammlung bietet einen Ansatzpunkt, die Snipe Hunt in regionalen Varianten mit der deutsch-pennsylvanischen Überlieferung zu vergleichen. Auch hier ist zwischen dem Nachweis regionaler Verbreitung und dem Nachweis einer konkreten Übertragung zu unterscheiden.
9. Ein systematischer Vergleich der Handlungsmuster
Die Quellen lassen sich anhand gemeinsamer Merkmale vergleichen. Die erste Spalte ist neu und mit Belegen aus der pfälzischen, rheinhessischen und südwestdeutschen Überlieferung zu füllen. Ohne sie bleibt der Vergleich auf Amerika beschränkt und kann die Spezifik der Übereinstimmung nicht zeigen.
| Merkmal | Pfalz / Südwestdeutschland | Thomas 1915 | Omaha 1868 | Omaha 1875 | Smith 1967 |
| Fiktives fangbares Tier | Ja | Ja (Elbadritchel) | Ja (snipe) | Ja (snipe) | Ja (Elbedrich) |
| Unerfahrener Teilnehmer | Ja | Fritz Schmidt | Junger Telegrafist | Billy | Neue Teilnehmer |
| Sack | Ja | Jutesack mit Fassreifen | Sack mit Drahtring | Geöffneter Sack | Große Jutesäcke |
| Licht als Lockmittel | Ja | Brennende Kerze im Sack | Rote Laternen | nicht erwähnt | nicht erwähnt |
| Schlaggerät | Nein | Knüppel | nicht erwähnt | nicht erwähnt | nicht erwähnt |
| Nacht, Kälte, abgelegener Ort | Ja | Ja (Regen, Hügel) | Ja (Station, Nacht) | Ja (Baum, Nacht) | Ja (Unterholz, Kälte) |
| Vorgetäuschtes Auftreiben | Ja | Ja | Ja | Ja | Ja |
| Zurücklassen des Teilnehmers | Ja | Ja | Ja | Ja | Ja („holding the bag“) |
| Soziale Pointe | Aufnahme in die Gemeinschaft | Weitergabe des Streichs | Aufnahme in die Gemeinschaft | Wiederholbare Neckerei | Gruppenscherz, gemeinschaftliche Erinnerung |
| Bezug zu deutschsprachiger Überlieferung | — | Ausdrücklich | Nicht belegt | Nicht belegt | Ausdrücklich im regionalen Kontext |
Die Tabelle zeigt eine hohe strukturelle Übereinstimmung. Aussagekräftig sind nicht einzelne Requisiten, sondern die Kombination mehrerer Handlungselemente. Ein Sack allein wäre kein starkes Indiz für Kulturtransfer. Sack, fiktive Beute, inszenierte Jagd, Abwesenheit der Gruppe, Zurücklassen des Neulings und vor allem Licht als Lockmittel zusammen sind deutlich spezifischer. Ob das Lichtmotiv in der europäischen Überlieferung üblich ist, entscheidet die erste Spalte. Wenn Sack und Licht in den pfälzischen und rheinhessischen Elwedritsch-Belegen regelmäßig vorkommen und in frühen englischsprachigen Scherzjagden ohne deutschen Kontakt fehlen, wäre das ein gewichtiger Hinweis auf Übertragung. Treten sie in britischen oder anderen nicht-deutschen Scherzjagden ebenfalls regelmäßig auf, entfällt dieser Hinweis.
Auch ein komplexes gemeinsames Handlungsmuster bleibt prinzipiell unabhängig entwickelbar. Für eine historische Abstammungshypothese müssen die strukturellen Befunde mit Chronologie und Kontaktgeschichte verbunden werden.
10. Vier konkurrierende Herkunftshypothesen
Die Hypothesen schließen einander nicht vollständig aus. Eine Mischung (etwa C für die Grundform und A oder D für einzelne regionale Ausprägungen) ist denkbar. Für jede werden Erwartung, Stützen, Gegenindizien und Falsifikatoren benannt.
10.1 Hypothese A: Übertragung aus der deutschsprachigen Tradition (Transformations- bzw. Recodierungsthese)
Deutschsprachige Einwanderer brachten einen bereits bekannten Brauch der fingierten Elwedritschjagd nach Nordamerika. In der Begegnung mit englischsprachigen Nachbarn wurde der Name des Jagdtieres durch snipe ersetzt, der Handlungsablauf blieb weitgehend erhalten.
Was dafür spricht:
- Die Jagdwendung ist im deutschen Südwesten bereits 1795 greifbar (den Elpentrötsch jagen), in den Herkunftsräumen der Pennsylvaniadeutschen.
- Die Elbedritschjagd ist in Pennsylvania (Fisher 1888, Thomas 1915) und im Shenandoah Valley (Smith 1967/1969) dokumentiert, und das Wörterbuch setzt Elbedritsch fange mit snipe hunt gleich.
- Die Handlungskombination aus Sack, Licht, Treibjagd und Zurücklassen ist bei Thomas 1915 und in den Omaha-Berichten gemeinsam belegt (Kap. 9).
- Deutschsprachige Siedlung in den Regionen, in denen frühe Snipe-Hunt-Berichte auftreten, ist historisch plausibel.
Was dagegen spricht:
- Die amerikanischen Snipe-Hunt-Belege (1868, 1875) sind älter als die bekannten pennsylvaniadeutschen (1888, 1915).
- Die Wörterbuchgleichung ist richtungsneutral.
- Das englische snipe hatte nach meinem Kenntnisstand schon länger eine Opferbedeutung (Kap. 2.2).
Falsifikatoren: (1) Nachweis voll ausgebildeter Snipe Hunts in englischsprachigen Gemeinschaften ohne erkennbaren deutschen Kontakt deutlich vor 1800. (2) Fehlen von Sack und Licht in den europäischen Elwedritsch-Belegen bei gleichzeitigem Vorkommen in frühen Snipe Hunts. (3) Nachweis, dass Elbedritsch fange erst nach 1868 als Lehnübertragung aus dem Englischen aufkam (dann gilt D).
10.2 Hypothese B: unabhängige Entstehung
Deutschsprachige und englischsprachige Gruppen entwickelten unabhängig voneinander ähnliche Scherzjagden. Die Grundidee ist leicht nachvollziehbar: Eine Gruppe täuscht einem Neuling vor, ein ungewöhnliches Tier lasse sich mit einer bestimmten Methode fangen, und die Täuschung funktioniert, weil der Teilnehmer dem Wissen der vermeintlich Erfahrenen vertraut. Solche Muster können ohne direkten Übertragungsweg entstehen. Gestärkt würde B durch vergleichbare Rituale in älteren, voneinander unabhängigen Quellen oder durch früheste Belege ohne Verbindung zu deutschsprachigen Siedlungsräumen.
Falsifikator: Eine Kombination mehrerer spezifischer Detailmotive (Sack plus Licht plus Treibjagd plus Zurücklassen) in beiden Traditionen, die sich in nicht-deutschen Scherzjagden nicht findet, würde B schwächen.
10.3 Hypothese C: gemeinsamer europäischer Hintergrund
Beide Traditionen könnten auf ein breiteres europäisches Repertoire fingierter Jagden und Scherzaufträge zurückgehen. Pennsylvania wäre dann Kontakt- und Veränderungsraum, aber nicht Ursprung der englischen Snipe Hunt. Zu vergleichen wären deutsche, britische und weitere Varianten, etwa das Verschicken in den April, schottisch-nordenglisches hunting the gowk (Sendung eines Narren auf sinnlosen Gang) und englisch fool’s errand.
Der schwäbische Beleg von 1795 zeigt, dass die Verbindung zwischen Elpentrötsch und einem Jagdstreich im deutschen Sprachraum dokumentiert war. Ob sie mit der amerikanischen Snipe Hunt zusammenhängt, muss an weiteren Belegen geprüft werden.
10.4 Hypothese D: Rückübertragung und Assimilation (neu)
Pennsylvaniadeutsche kannten die englischsprachige Snipe Hunt aus ihrer Umgebung und übertrugen sie auf den bereits vorhandenen Namen Elbedritsch. Das Wörterbuch wäre dann Ausdruck einer späten Zuordnung, nicht eines alten gemeinsamen Ursprungs. Diese Hypothese ist keine Nebenmöglichkeit, sondern das stärkste Gegenmodell zur Transformationsthese: Sie erklärt die Wörterbuchgleichung und passt zur Chronologie der Zeitungsbelege.
Falsifikatoren: (1) Nachweis einer pennsylvaniadeutschen oder südwestdeutschen Elwedritschjagd mit Sack und Licht vor den ersten englischen Snipe-Hunt-Belegen in vergleichbarer Region. (2) Elbedritsch-Belege, in denen Handlungsdetails vorkommen, die in der englischen Snipe-Hunt-Überlieferung fehlen. (3) Nachweis der Jagd in Pfalz oder Südwestdeutschland vor der Auswanderung mit denselben Handlungselementen.
10.5 Folgerung
Die Transformationsthese ist mit dem Befund vereinbar, wird aber durch zwei Beobachtungen in Frage gestellt: die Chronologie der Druckbelege (D) und die alte englische Narrenbedeutung von snipe (B/C). Entscheiden können die Frage vor allem drei Befunde: (a) die europäischen Detailmotive in Spalte 1 der Tabelle von Kap. 9, (b) frühe Belege, die vor 1868 liegen, und (c) die Quellengeschichte der Wörterbuchgleichung.
11. Wie lassen sich die Hypothesen empirisch testen?
11.1 Aufbau einer Quellenchronologie
Sämtliche bekannten Belege sollten in einer Datenbank erfasst werden, mit mindestens: Veröffentlichungsdatum; Datum des berichteten Ereignisses; Ort und Region; Schreibweise; Sprache; Art der Quelle; beschriebene Handlungselemente; Bezug zu anderen Quellen; Grad der Datierungssicherheit. So lassen sich Erstbelege von späteren Rückblicken unterscheiden.
11.2 Geographische Verbreitung
Die Belege sollten kartiert werden: Pennsylvania, Shenandoah Valley, weitere appalachische Regionen sowie frühe Fundorte der Snipe Hunt außerhalb deutschsprachiger Siedlungsgebiete. Ein Kulturtransfer wäre plausibler, wenn sich eine zeitliche und räumliche Ausbreitung von deutschsprachigen in englischsprachige Nachbarschaften nachweisen lässt. Eine bloße Konzentration der Quellen in einer Region wäre noch kein Beweis, da sie auch durch unterschiedliche Publikations- und Sammlungstraditionen entstehen kann.
11.3 Motivvergleich
Die Handlungen sollten nach einem festen Kategoriensystem verglichen werden: (1) Name und Art des Tieres; (2) Zeitpunkt der Jagd; (3) Zahl und soziale Stellung der Teilnehmer; (4) besondere Ausrüstung (Sack, Licht, Schlaggerät); (5) Ort und Entfernung; (6) Rolle des Neulings; (7) vorgetäuschte Aktivitäten der Gruppe; (8) Dauer des Wartens; (9) Auflösung; (10) soziale Konsequenzen für das Opfer. Je spezifischer die Übereinstimmung zwischen frühen Quellen, desto aussagekräftiger für die Transferhypothese.
11.4 Sprachkontakt und Dialektgeschichte
Zu untersuchen sind die Formen Elbedritsch, Elbadritchel, Elbetritsch, Elfedritsch, Elwedritsch und weitere sowie die Verben fange, catch, hunt. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Zeitpunkt, zu dem Elbedritsch fange als Entsprechung von snipe hunt dokumentiert wurde. Zu prüfen ist auch, ob zweisprachige Sprecher oder Autoren beide Ausdrücke in einem Text verwenden.
11.5 Gegenproben
Gesucht werden frühe Snipe-Hunt-Berichte außerhalb deutschsprachiger Regionen, britische Vorläufer (etwa gowk), andere amerikanische Scherzjagden mit ähnlichem Ablauf sowie Belege für snipe in der Bedeutung „Narr“ vor 1800. War das Ritual bereits lange vor den deutschamerikanischen Belegen weit verbreitet, schwächt das die einfache Herkunftserklärung aus der Elbedritschjagd. Eine zeitliche und regionale Verbindung zwischen deutschsprachigen Jagdtraditionen und frühen englischsprachigen Snipe-Hunt-Berichten würde die Transferhypothese stärken.
11.6 Gezielte Frühbelegsuche (neu)
Die Entscheidung zwischen A und D hängt an frühen Belegen. Systematisch zu durchsuchen sind historische Zeitungsarchive (u. a. Chronicling America, Pennsylvania-German-Zeitungen), Google Books, britische Zeitungsarchive und regionale Sammlungen, mit den Suchbegriffen snipe hunt, snipe hunting, catching snipe, Elbedritsch, Elbetritsch, Elbentritsch und den Schreibvarianten aus Kap. 2.1, für die Zeit vor 1868 bzw. vor 1888. Ebenso zu prüfen sind pfälzische, rheinhessische und südwestdeutsche Quellen vor 1800 und die James-Madison-University-Bestände zu Jagdwortschatz und Jagdmethoden der Pennsylvania Germans im Shenandoah Valley.
12. Die Appalachen als transatlantischer Vergleichsraum
Die Appalachen sind nicht deshalb wichtig, weil jede regionale Tradition dort auf deutsche Einwanderer zurückgeführt werden könnte, sondern wegen der historischen Begegnung unterschiedlicher Sprach- und Kulturtraditionen. Das Shenandoah Valley ist ein besonders geeigneter Untersuchungsraum, weil die Elbedritschjagd dort als Teil der deutschamerikanischen Überlieferung dokumentiert wurde. Smiths Bericht zeigt, dass die Tradition im 20. Jahrhundert als regionales Brauchtum erinnert wurde.
Gerald C. Milnes hat in Signs, Cures, & Witchery: German Appalachian Folklore (2007) die Bedeutung deutsch geprägter Traditionen für die Volkskultur der Appalachen herausgearbeitet, unter anderem Volksheilung, Schutzpraktiken, Hexenglauben und magische Gegenstände. Seine Arbeit belegt nicht die Herkunft der Snipe Hunt aus der Elbedritschjagd, liefert aber einen regionalgeschichtlichen Rahmen für die Weitergabe deutschsprachiger Traditionen über Pennsylvania hinaus. Pennsylvania und der Appalachenraum sind daher als historische Kontaktzonen zu untersuchen.
13. Die kognitiv-evolutionäre Perspektive
Die Herkunftsfrage lässt sich durch eine kognitiv-evolutionäre Perspektive erweitern. Dabei ist zwischen der historischen Übertragung eines konkreten Rituals und den allgemeinen Bedingungen seiner Entstehung zu unterscheiden. Diese Perspektive entscheidet die Herkunftsfrage nicht, sondern erklärt, warum das Muster stabil und leicht übertragbar ist.
13.1 Kulturelle Weitergabe
Elbedritschjagd und Snipe Hunt sind Beispiele dafür, wie eine soziale Handlung über Erzählungen und wiederholte Aufführungen weitergegeben werden kann. Der Neuling erfährt von den anderen, wie das Tier angeblich zu fangen ist, gehört später selbst zu den Eingeweihten und wiederholt den Streich. Die Weitergabe erfolgt durch Teilnahme an der Inszenierung, nicht nur durch Beschreibung.
13.2 Soziale Rollen und Interaktionsrituale
Die Jagd erzeugt eine vorübergehende soziale Ordnung: Die Eingeweihten kontrollieren Wissen und Ablauf, der Neuling vertraut ihren Anweisungen. Der Streich kann Gruppenidentität erzeugen, weil die Eingeweihten ein Geheimnis teilen und der Neuling erst nach der Auflösung versteht. Das ist mit der Forschung zu fingierten Prüfungen und Lagerfolklore vereinbar, beweist aber weder einen bestimmten Ursprung noch eine einheitliche Funktion in allen Varianten.
13.3 Humor und Umdeutung
Das Ritual funktioniert, weil die Teilnehmer zunächst eine ernsthafte Jagd erwarten. Die spätere Erkenntnis, dass das Tier nicht gefangen werden konnte, verändert die Bedeutung der gesamten Handlung: Der Erfolg besteht nicht im Fang der Beute, sondern in der Täuschung des Teilnehmers und der anschließenden Erzählbarkeit des Erlebnisses.
13.4 Anschluss an das Modell HADD, CCT, BVT, IRC und DIT
Im Rahmen des kognitiv-evolutionären Forschungsprogramms könnte die fingierte Jagd anhand folgender Bausteine untersucht werden (Kürzel bei erster Verwendung ausgeschrieben.
- HADD (Hyperactive Agency Detection Device): Welche Rolle spielen Vorstellungen handelnder Wesen und die Bereitschaft, unbekannte Phänomene als Akteure zu deuten?
- CCT (Compensatory Control Theory): In welchem Umfang erzeugen Rituale das Gefühl, eine unübersichtliche Situation durch feste Regeln kontrollieren zu können?
- BVT (Benign Violation Theory): Wie entsteht der humoristische Effekt, wenn eine scheinbar ernsthafte Jagd als Täuschung erkannt wird?
- IRC (Interaction Ritual Chains, nach Randall Collins): Wie stabilisieren wiederholte Jagden, gemeinsame Erinnerungen und geteiltes Wissen die Gruppenzugehörigkeit?
- DIT (Dual Inheritance Theory): Wie werden Namen, Erzählungen, Requisiten und Handlungsabläufe sozial weitergegeben und verändert?
Die amerikanischen Vergleichsfälle bieten die Möglichkeit, einzelne Komponenten an konkreten Überlieferungen zu prüfen. Insbesondere kann DIT zwischen A, B, C und D unterscheiden helfen: Es sagt voraus, dass Sack, Licht und Zurücklassen als übertragungsstabile Kernelemente erhalten bleiben, während Tiername und Nebenrequisiten variieren. Das ist eine prüfbare Erwartung.
14. Was ist nach dem bisherigen Forschungsstand gesichert?
14.1 Gut belegt
- Es existiert eine dokumentierte pennsylvaniadeutsche Tradition der Elbedritschjagd (Thomas 1915, Bucks County; Fisher 1888 vorbehaltlich Originalprüfung).
- Amerikanische Zeitungsberichte von 1868 und 1875 dokumentieren die Snipe Hunt mit vergleichbaren Handlungselementen.
- Das Pennsylvania Dutch Dictionary setzt Elbedritsch fange ausdrücklich mit to go on a snipe hunt gleich.
- Elmer L. Smith beschreibt die Elbedritschjagd als Teil der regionalen Überlieferung des Shenandoah Valley.
- Die Verbindung von Jagdwendung und Opferfigur ist im deutschen Südwesten 1795 belegt.
14.2 Plausibel, aber nicht bewiesen
Die strukturellen Gemeinsamkeiten und die dokumentierte deutschamerikanische Überlieferung machen einen historischen Zusammenhang plausibel. Auch ein Kulturtransfer zwischen deutschsprachigen und englischsprachigen Gemeinschaften ist historisch möglich; die räumliche und soziale Nähe bietet dafür einen nachvollziehbaren Kontext. Die Transformationsthese ist damit eine tragfähige, aber noch nicht entschiedene Arbeitshypothese.
14.3 Noch offen
- die tatsächliche Entstehungszeit der Snipe Hunt;
- der älteste nachweisbare amerikanische Beleg der Elbedritschjagd;
- die Richtung eines möglichen Kulturtransfers (A oder D);
- der Zeitpunkt und die Quellenbasis der lexikografischen Gleichsetzung;
- ob die europäischen Elwedritsch-Belege dieselben Detailmotive (Sack, Licht) zeigen;
- ob beide Traditionen auf ein älteres europäisches Repertoire fingierter Jagden zurückgehen.
15. Schlussfolgerung
Die Verbindung zwischen Elbedritschjagd und Snipe Hunt ist historisch konkreter, als die bloße Ähnlichkeit zweier Fabeltiergeschichten vermuten lässt. Thomas’ Bericht von 1915 dokumentiert eine ausführliche Elbadritchel-Jagd im ländlichen Pennsylvania. Die amerikanischen Zeitungsberichte von 1868 und 1875 belegen vergleichbare Snipe-Hunt-Rituale. Das Pennsylvania Dutch Dictionary stellt beide Bezeichnungen ausdrücklich in einen Bedeutungszusammenhang. Smiths Darstellung zeigt, dass die Elbedritschjagd auch im Shenandoah Valley bekannt war. Der schwäbische Beleg von 1795 zeigt, dass die Verbindung von Jagd und Opferfigur im deutschen Südwesten lange vor den amerikanischen Berichten sprachlich greifbar war.
Diese Befunde rechtfertigen eine ernsthafte Untersuchung der Transformations- bzw. Recodierungsthese. Sie beweisen aber nicht, dass die Snipe Hunt unmittelbar aus der Elbedritschjagd hervorging. Zu prüfen sind vier Erklärungen gegeneinander: direkte Übertragung (A), unabhängige Entstehung (B), gemeinsamer europäischer Hintergrund (C) und Rückübertragung (D). Die Entscheidung muss aus der Kombination von Chronologie, Sprachgeschichte, regionaler Verbreitung und spezifischen Handlungselementen hervorgehen, vor allem aus dem Vergleich der Detailmotive in Europa und Amerika und aus frühen Belegen vor 1868.
Für die Elwedritschforschung liegt der besondere Gewinn darin, dass die transatlantische Perspektive einen neuen Zugang zu einem vertrauten regionalen Gegenstand eröffnet: Die Elwedritsch erscheint nicht nur als Fabeltier, sondern als Teil einer historischen Praxis, in der Vorstellungen, Namen, Rituale und soziale Rollen verbunden sind. Die zentrale Forschungsfrage bleibt: Ist die amerikanische Snipe Hunt eine kulturell veränderte Fortsetzung der deutschsprachigen Elbedritschjagd, oder handelt es sich um zwei unabhängig entstandene oder wechselseitig angeglichene Varianten eines allgemeineren Scherzrituals? Die vorhandenen Quellen machen diese Frage prüfbar; ihre endgültige Beantwortung erfordert weitere historische Belege.
Literaturverzeichnis
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Glimm, J. Y. (1983). Snipe hunting. In Flatlanders and ridgerunners: Folktales from the mountains of northern Pennsylvania (S. 12–13). Pittsburgh, PA
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Ergänzende Quellen und Forschungsbestände
James Madison University. (1971). Jagdmethoden und Jagdwortschatz der „Pennsylvania Germans“ im Shenandoah Valley/Virginia [Archivbestand]. Kurt Kehr Collection of Virginia German Dialects, 1969/1994, Special Collections, Carrier Library, Harrisonburg, VA. https://arvasarchive.org/catalog/vihart_repositories_4_resources_205_c01_c02
The Morning Call. (1969, 25. Januar). Shenandoah Valley folklore: The elusive Elbedrich [Wiederabdruck von Elmer L. Smiths Folklorekolumne]. https://mammana.org/pennsylvania_german/eck/1969.pdf