Einleitung
Der Artikel zu Sure 113 (al-Falaq) hat gezeigt, dass die koranische Schutzformel gegen „die in die Knoten Blasenden“ (an-naffāthāt fī l-ʿuqad, Vers 4) eine kulturelle Konstellation dokumentiert, in der eine diffuse nächtliche Bedrohung durch Agentivierung, symbolische Manipulation und Ritualisierung bearbeitet wird. Der vorliegende Artikel vertieft diesen Einzelbefund, indem er ihn mit zwei weiteren, historisch und geographisch unabhängigen Traditionen desselben Grundmusters vergleicht: dem europäischen Nestelknüpfen der Hexenlehre und den Knotenformeln der pennsylvaniadeutschen Braucherei.
Auch hier gilt die methodische Grundregel des kognitiv-evolutionären Ansatzes: Eine Strukturanalogie ist kein Nachweis einer Abstammungslinie. Es wird nicht behauptet, dass die Braucherei-Formeln aus Sure 113 oder das koranische Motiv aus dem europäischen Hexenglauben abgeleitet seien. Behauptet wird vielmehr, dass Binden und Lösen als operatives Paar – Knüpfen als Modell für unsichtbare Schädigung, Entknoten als Modell für ihre Aufhebung – in mehreren, kulturell nicht direkt verbundenen Traditionen unabhängig auftritt und damit selbst ein Kandidat für ein kognitiv-kulturelles Universalmuster ist.
Der Bindezauber als transkulturelles Handlungsmuster
Was macht den Knoten zu einem derart naheliegenden Symbol für Verursachung und Kontrolle? Ein Knoten ist sichtbar, tastbar und durch eine einfache motorische Handlung erzeugt und wieder gelöst. Er bietet damit genau das, was eine diffuse, unsichtbare Bedrohung nicht bietet: unmittelbare Handhabbarkeit. Eine Bedrohung, die als Knoten gedacht wird, ist zugleich eine Bedrohung, die im Prinzip auch wieder aufgeknotet werden kann. Diese Doppelstruktur – Bindung als Schädigungsmodell, Lösung als Heilungsmodell – lässt sich als Sonderfall der bereits andernorts diskutierten Compensatory-Control-Logik verstehen: Eine schwer kontrollierbare Gefahr wird in eine symbolisch bearbeitbare Handlung überführt.
Nestelknüpfen im europäischen Hexenglauben
Im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Hexendiskurs ist Bindezauber ein eigenständiger, namentlich fixierter Deliktstyp: das Nestelknüpfen (lat. ligatura). Die klassische Erzählform verknüpft Trauung und Knotenschlag unmittelbar: Im Moment der kirchlichen Eheschließung lässt eine Zauberin heimlich ein Schloss zuschnappen oder einen Riemen verknoten, wodurch der Bräutigam impotentia ex maleficio – magisch verursachte Impotenz – erleidet. Heinrich Institoris behandelt diese Vorstellung im Malleus maleficarum (1487) als eigenes Kapitel und macht sie zu einem zentralen Baustein seiner Hexenlehre. Die Struktur der Erzählung ist bereits deutlich älter belegt: Eine um 1216 überlieferte Pariser Fallgeschichte schildert exakt dasselbe Motiv – ein Schloss wird verschlossen und in einen Brunnen geworfen, der Schlüssel in einen anderen; erst mit dem Wiederauffinden und Öffnen des Schlosses löst sich die Impotenz.
Bemerkenswert ist, dass Bindung und Lösung hier symmetrisch gedacht sind: Der Schadenszauber besteht im Verschließen/Verknoten, der Gegenzauber im Öffnen/Entknoten. Diese Symmetrie ist keine spätere volkstümliche Zutat, sondern Teil der gelehrten Theorie selbst – ein Umstand, der sie besonders vergleichbar mit der koranischen Struktur macht, in der ebenfalls Bindungsverdacht (Vers 4) und Schutzformel (Vers 1) im selben Text zusammengehören.
Dass diese Vorstellung nicht nur gelehrtes Konstrukt blieb, sondern bis ins 19. Jahrhundert als lebendige Volksüberlieferung fortbestand, zeigt eine spöttisch-literarische Schilderung bei Heinrich Heine, der in seinen Memoiren eine Hexenfigur beschreibt, die Unfruchtbarkeit und Entmannung ausdrücklich durch Nestelknüpfen bewirkt – ein später, literarisch gebrochener, aber terminologisch präziser Reflex derselben Vorstellungswelt.
Sure 113 und die Labīd-Erzählung
Der Anschluss an die islamische Tradition ist hier direkter, als es der erste Artikel nahelegte. Die klassische Auslegungstradition verbindet Sure 113 (gemeinsam mit Sure 114) mit der Erzählung, Mohammed sei selbst Opfer eines Nestelknüpfens geworden: Der jüdische Zauberer Labīd ibn al-Aʿṣam soll Knoten in eine Schnur geknüpft und diese verborgen haben, woraufhin der Prophet erkrankte; erst das Rezitieren der beiden Schutzsuren habe die Knoten sich lösen lassen und die Genesung bewirkt. David Cook hat diese Kommentartradition und ihre Varianten philologisch aufgearbeitet. Damit ist der koranische Text nicht nur strukturell, sondern auch überlieferungsgeschichtlich mit demselben Bindezauber-Motiv verknüpft, das in Europa als Nestelknüpfen firmiert – ein Befund, der die Vergleichbarkeit zusätzlich stützt, ohne dass daraus eine Abstammungsbeziehung zwischen den Traditionen folgt. Es handelt sich, wie schon die Verwendung von Knoten- und Bindemagie im gesamten vorderorientalisch-mediterranen Raum nahelegt, eher um ein gemeinsames, älteres Motivreservoir, auf das beide Traditionen unabhängig zurückgreifen.
Von der Schadensmagie zur Schutzmagie: die Knotenformeln der Braucherei
In der pennsylvaniadeutschen Braucherei erscheint dasselbe operative Prinzip in vorwiegend heilender statt schädigender Ausrichtung. Der zentrale Textkorpus der Tradition, Johann Georg Hohmans Der lange verborgene Freund (1820, später als Pow-Wows, or Long Lost Friend verbreitet), gehört zu jenem europäisch geprägten Bestand an Formeln, Segen und Ritualhandlungen, den Brauchpraktiker seit dem frühen 19. Jahrhundert in Pennsylvania tradierten. Wie David W. Kriebel und Don Yoder gezeigt haben, speist sich diese Tradition unmittelbar aus dem pfälzisch-südwestdeutschen Volksheilkunde-Erbe der Auswanderer und steht damit in derselben europäischen Bindezauber-Tradition, die auch das Nestelknüpfen hervorgebracht hat – nur dass die Handlung hier typischerweise umgekehrt gepolt ist: Ein Faden wird unter Sprechen einer Formel geknotet, um ein Leiden (etwa eine Warze oder eine Blutung) symbolisch zu binden und dem Leidenden zu entziehen, statt ihm eine Bindung aufzuerlegen. Bindung fungiert hier von vornherein als Heilhandlung, nicht als Schädigung, die erst rückgängig gemacht werden muss.
Diese Verschiebung ist selbst theoretisch aufschlussreich: Sie zeigt, dass dasselbe kognitive Grundmodell – Knoten als Repräsentation einer unsichtbaren Wirkung – kulturell in entgegengesetzte Richtungen ausgestaltet werden kann, je nachdem, ob die Tradition den Bindezauber primär als Bedrohung (europäischer Hexenglaube, koranische Sure) oder primär als verfügbares Heilinstrument (Braucherei) modelliert.
Warum es sich nicht um eine Abstammungslinie handelt
Auch hier gilt die für die gesamte Theoriearbeit leitende Einschränkung: Es gibt keinen Beleg dafür, dass die Braucherei-Knotenformeln historisch von Sure 113 oder umgekehrt das koranische Motiv von einer europäischen Vorform abstammen. Beide Traditionen sind eigenständig überliefert und lassen sich jeweils auf ältere, eigene Vorstufen zurückführen. Der Vergleich beansprucht ausschließlich Strukturanalogie: drei kulturell unabhängige Ausprägungen desselben Grundmusters „Bindung als Modell für unsichtbare Verursachung, Lösung als Modell für Kontrolle“ – frühmekkanisch-religiös (Sure 113), gelehrt-dämonologisch und schadenszaubernd (Nestelknüpfen), volksmedizinisch-heilend (Braucherei).
Fazit
Die drei Traditionen zeigen exemplarisch, wie unterschiedlich Kulturen auf ein vergleichbares kognitives Ausgangsproblem – die Notwendigkeit, unsichtbare Verursachung symbolisch handhabbar zu machen – reagieren können, ohne dass eine direkte historische Verbindung zwischen ihnen bestehen muss. Für die Elwedritsch-Forschung liefert dieser Befund kein neues Theoriemodul, wohl aber einen weiteren, methodisch sauberen Beleg für die bereits etablierte Konvergenz-statt-Transmission-Methodik: Auch scheinbar sehr spezifische symbolische Praktiken – hier das Binden und Lösen von Knoten – können unabhängig voneinander aus vergleichbaren kognitiven und rituellen Grundbedingungen entstehen.
Literatur
Cook, D. (2000). The Prophet Muhammad, Labīd al-Yahūdī and the commentaries to Sura 113. Journal of Semitic Studies, 45(2), 291–306.
Heine, H. (1854). Memoiren.
Institoris, H., & Sprenger, J. (1487). Malleus maleficarum.
Kriebel, D. W. (2007). Powwowing Among the Pennsylvania Dutch: A Traditional Medical Practice in the Modern World. University Park, PA: Pennsylvania State University Press.
Terrahe, T. (2023). Von Penisraub und Fehlgeburt: Unfruchtbarkeit und Impotenz-Zauber im ‚Malleus maleficarum‘ des Heinrich Kramer (Institoris) und in Johannes Hartliebs ‚Secreta mulierum‘. Mediaevistik interdisziplinär – Aufsätze.
Yoder, D. (1976). Hohman and Romanus: Origins and diffusion of the Pennsylvania German powwow manual. In W. D. Hand (Hrsg.), American Folk Medicine: A Symposium. Berkeley, CA: University of California Press.