Mesopotamische, persische und europäische Deutungen nächtlicher Bedrohungsszenarien und die Geschichte der Schlafparalyse

Nächtliche Erfahrungen von Druck, Atemnot, Bewegungsunfähigkeit und der Empfindung einer fremden Präsenz gehören zu den eigentümlichsten Phänomenen menschlicher Erfahrung. Was heute als Schlafparalyse bezeichnet wird, ist ein gut beschriebenes schlafmedizinisches Phänomen: Beim Einschlafen oder Erwachen kann die willkürliche Muskulatur vorübergehend gelähmt bleiben, während Bewusstsein und Wahrnehmung bereits wieder oder noch aktiv sind. Häufig treten dabei intensive Angst, ein Druckgefühl auf der Brust sowie visuelle, akustische oder taktile Halluzinationen auf. Historisch wurden solche Erfahrungen jedoch nur selten als rein körperliche Vorgänge verstanden. Über Jahrhunderte und Jahrtausende wurden sie in unterschiedliche kulturelle Deutungssysteme eingeordnet – als Angriff eines Dämons, als Wirkung eines übernatürlichen Wesens, als „Nachtmahr“ oder schließlich als körperlich erklärbarer medizinischer Zustand. Gerade diese Verbindung von wiederkehrender menschlicher Erfahrung und wechselnden kulturellen Interpretationen ist für eine kognitiv-evolutionäre Betrachtung von besonderem Interesse.

Die ältesten Vergleichshorizonte reichen weit in den Alten Orient zurück. In Mesopotamien begegnet eine hochentwickelte Kultur des Umgangs mit nächtlichen und dämonischen Bedrohungen. Wesen wie Lamaštu wurden als konkrete Gefahren für Menschen verstanden und durch Beschwörungen, Rituale und Amulette abgewehrt. Das Metropolitan Museum of Art beschreibt Lamaštu als einen mächtigen Dämon, der insbesondere Schwangere und Neugeborene bedrohte. Überlieferte Amulette verbanden die Darstellung des Dämons mit Inschriften und Anrufungen, die seine schädliche Wirkung abwehren oder neutralisieren sollten. Mehr als sechzig solcher Lamaštu-Amulette sind bekannt.

Besonders aufschlussreich ist dabei die Funktion des Bildes. Das Amulett war nicht lediglich eine Darstellung des gefürchteten Wesens, sondern sollte selbst eine apotropäische Wirkung entfalten. Die Darstellung des Dämons, die Beschwörungsformel und die Einbindung anderer göttlicher Mächte bildeten zusammen ein Handlungssystem, das die Bedrohung kontrollieren sollte. Auch Pazuzu konnte in diesem Zusammenhang eine Schutzfunktion übernehmen. Obwohl Pazuzu selbst ein dämonisches Wesen war, wurde sein Bild als Schutz gegen Lamaštu eingesetzt. Ein entsprechender Anhänger sollte den Blick des Dämons gewissermaßen nach außen richten und dadurch Gefahren abwehren.

Damit zeigt sich bereits ein Grundmuster, das für die spätere Geschichte nächtlicher Bedrohungsvorstellungen wichtig ist: Eine schwer erklärbare oder als gefährlich wahrgenommene Erfahrung wird personalisiert, einem handelnden Akteur zugeschrieben und anschließend durch symbolische Handlungen kontrollierbar gemacht. Daraus folgt allerdings ausdrücklich nicht, dass Lamaštu eine mesopotamische Bezeichnung für Schlafparalyse gewesen wäre. Die mesopotamischen Quellen erlauben eine solche Diagnose nicht. Sie dokumentieren vielmehr einen kulturellen Umgang mit Krankheit, Bedrohung und übernatürlicher Verursachung, der für den Vergleich mit späteren Nachtmahr-Vorstellungen relevant ist. Im Alten Orient waren Religion, Magie und Medizin zudem keineswegs scharf voneinander getrennt; Krankheiten konnten als Wirkungen übernatürlicher Mächte verstanden werden, während Amulette und Beschwörungen zugleich therapeutische und apotropäische Funktionen besaßen.

Ein besonders wichtiger Vergleichshorizont entsteht im mittelalterlichen persisch-islamischen Raum. Dort erscheint der Begriff kābūs beziehungsweise kabus für das Nachtmahr und für Erfahrungen, die nach heutiger Terminologie teilweise als Schlafparalyse interpretiert werden können. Entscheidend ist hier jedoch die Entwicklung unterschiedlicher Erklärungsebenen. Die Erfahrung konnte weiterhin folkloristisch oder dämonologisch interpretiert werden; zugleich begann die medizinische Literatur, sie als körperlich verursachten Zustand zu beschreiben. Dadurch wird sichtbar, dass die Geschichte des Phänomens nicht einfach eine Geschichte des Übergangs „vom Aberglauben zur Wissenschaft“ ist. Vielmehr existierten unterschiedliche Erklärungssysteme teilweise nebeneinander und konnten dieselbe Erfahrung unterschiedlich codieren.

Eine besonders wichtige frühe medizinische Quelle ist Muhammad ibn Zakariya al-Rāzī, im Westen als Rhazes bekannt, der etwa von 865 bis 925 lebte. In seinem Kitāb al-Ḥāwī fī al-ṭibb (Liber Continens) beschreibt er den kabus mit einer Formulierung, die auffallend nahe an der modernen phänomenologischen Beschreibung der Schlafparalyse liegt: Wenn der kabus auftritt, empfinde die betroffene Person etwas Schweres auf sich und sei nicht in der Lage zu schreien.

Diese Passage ist für die Wissenschaftsgeschichte von erheblicher Bedeutung. Sie beschreibt nicht lediglich einen Dämon oder eine mythologische Figur, sondern eine konkrete subjektive Erfahrung: Druck beziehungsweise Schwere und die Unfähigkeit, sich stimmlich zu äußern. Damit liegt bereits im 9. beziehungsweise frühen 10. Jahrhundert eine medizinische Beschreibung eines Symptomkomplexes vor, der sich mit wesentlichen Merkmalen der heutigen Schlafparalyse überschneidet. Die Forschungsgeschichte muss deshalb korrigiert werden, wenn sie den Beginn einer medizinischen Beschreibung erst in der europäischen Frühen Neuzeit ansetzt. Neuere Darstellungen weisen ausdrücklich darauf hin, dass al-Rāzī eine entsprechende Beschreibung lange vor dem europäischen Fallbericht des 17. Jahrhunderts liefert.

Noch systematischer wird das Phänomen bei Akhawayni Bokhari, der um 983 starb. Sein Hidāyat al-mutaʿallimīn fī al-ṭibb gehört zu den bedeutenden medizinischen Werken des 10. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist, dass das Werk ein eigenes Kapitel über den kabus beziehungsweise das „Nachtmahr“ enthält, das unmittelbar vor der Darstellung der Epilepsie steht. Akhawayni ordnet den Zustand in ein medizinisches Erklärungsmodell ein: Er führt ihn auf aufsteigende Dämpfe aus dem Magen zurück, die das Gehirn beziehungsweise die Atmung beeinflussen könnten. Auch wenn diese Physiologie aus heutiger Sicht überholt ist, handelt es sich um eine naturalistische Erklärung innerhalb des damaligen medizinischen Wissenssystems.

Akhawayni sollte deshalb nicht als derjenige bezeichnet werden, der die Schlafparalyse erstmals wissenschaftlich-medizinisch beschrieben habe. Präziser ist es, ihn als einen der frühesten systematischen medizinischen Autoren zu charakterisieren, die das Nachtmahr beziehungsweise einen mit Schlafparalyse vereinbaren Symptomkomplex in ein naturkundlich-medizinisches Erklärungssystem einordneten. Vor ihm steht mit al-Rāzī bereits eine bemerkenswert prägnante klinische Beschreibung. Zugleich verweist die Forschung darauf, dass noch ältere Beschreibungen aus der griechischen und sogar chinesischen Überlieferung diskutiert werden.

Gerade diese Differenzierung verändert das Bild der Wissenschaftsgeschichte. Es gab nicht zunächst über Jahrtausende ausschließlich eine dämonologische Erklärung, die dann plötzlich durch die moderne Medizin abgelöst wurde. Vielmehr lassen sich bereits im Mittelalter unterschiedliche Deutungsebenen erkennen. Eine kulturelle Tradition konnte ein Wesen oder einen Dämon als Verursacher benennen, während medizinische Autoren gleichzeitig versuchten, dieselbe Erfahrung durch körperliche Prozesse zu erklären. Die Grenze zwischen Mythos und Medizin war also historisch beweglich.

Besonders eindrucksvoll lässt sich dieses Nebeneinander im europäischen Fall des niederländischen Arztes Isbrand van Diemerbroeck beobachten. In seiner 1664 veröffentlichten Sammlung von Krankengeschichten findet sich unter dem Titel „Of the Night-Mare“ die Schilderung einer fünfzigjährigen Frau, die wiederholt unter nächtlichen Attacken litt. Sie glaubte zeitweise, der Teufel liege auf ihr, dann wieder, ein großer Hund oder ein Dieb liege auf ihrer Brust. Sie konnte kaum sprechen oder atmen und war nicht in der Lage, ihre Glieder zu bewegen. Aus heutiger schlafmedizinischer Sicht lässt sich dieser Fall eindeutig als Schlafparalyse mit hypnagogischen Halluzinationen beziehungsweise illusionären Wahrnehmungen interpretieren.

Die eigentliche Bedeutung des Falles liegt jedoch darin, dass hier zwei Erklärungssysteme unmittelbar nebeneinander stehen. Die Patientin deutet ihre Erfahrung mit den kulturell verfügbaren Vorstellungen von Teufel, Hund und Dieb. Der Arzt versucht dagegen, den Vorgang physiologisch zu erklären. Van Diemerbroeck bezeichnet die Erscheinung als „Incubus or the Night-Mare“ und beschreibt sie als Unterbrechung der Bewegungsfähigkeit von Stimme und Atmung bei gleichzeitiger falscher Vorstellung, etwas Schweres liege auf der Brust. Er argumentiert außerdem aus der Physiologie der Muskulatur: Während des Schlafes ruhe die Bewegung der meisten Muskeln, während die Atemmuskulatur weiterarbeite; deshalb werde eine Störung dieser Funktionen besonders deutlich wahrgenommen.

Auch eine weitere Beobachtung ist bemerkenswert: Die Attacken traten bei der Patientin insbesondere dann auf, wenn sie auf dem Rücken lag. Kompanje wertet diesen Fall deshalb als früheste detaillierte europäische Darstellung einer Schlafparalyse in Verbindung mit hypnagogischen Halluzinationen und zugleich als frühe Beobachtung ihrer Häufung in Rückenlage.

Damit muss auch die häufig anzutreffende Aussage korrigiert werden, van Diemerbroeck habe die „erste medizinische Beschreibung der Schlafparalyse“ geliefert. Für die europäische Medizingeschichte besitzt sein Fall von 1664 zweifellos herausragenden Rang; er ist die früheste detaillierte europäische klinische Fallbeschreibung, die den heute bekannten Symptomkomplex einschließlich Halluzinationen besonders deutlich erkennen lässt. Global betrachtet ist die Situation jedoch komplexer. Die medizinischen Beschreibungen des kabus bei al-Rāzī und Akhawayni liegen mehrere Jahrhunderte früher. Die Forschungsgeschichte ist deshalb weniger eine lineare Abfolge von „Aberglaube – erste medizinische Entdeckung – moderne Diagnose“ als eine lange Geschichte wiederkehrender Beobachtungen, wechselnder Terminologien und konkurrierender Erklärungsmodelle.

Gerade hier liegt die methodische Bedeutung des Vergleichs zwischen Mesopotamien, Persien und Europa. Über sehr unterschiedliche Zeiten und Kulturräume hinweg begegnet eine ähnliche phänomenologische Grundstruktur: Eine Person erlebt während des Schlafens oder beim Übergang zwischen Schlaf und Wachheit eine fremde Präsenz, Druck, Atemnot oder Bewegungsunfähigkeit. Die kulturelle Interpretation dieser Erfahrung fällt jedoch unterschiedlich aus. In Mesopotamien können dämonische Akteure wie Lamaštu als Verursacher und Amulette als Schutzmittel fungieren. Im mittelalterlichen Persien erscheint der kabus sowohl als folkloristisch konnotiertes Nachtwesen als auch als Gegenstand medizinischer Erklärung. In Europa wird der Incubus beziehungsweise das „Night-Mare“ noch im 17. Jahrhundert mit Teufel, Tier oder Dieb verbunden, während der Arzt gleichzeitig versucht, den Vorgang anatomisch und physiologisch zu erklären.

Diese Beobachtungen sprechen allerdings nicht automatisch für eine direkte historische Übertragung eines einheitlichen „Nacht-Dämonen-Glaubens“ von Mesopotamien über Persien nach Europa. Eine solche Kontinuität wäre eine eigenständige historische Hypothese und müsste durch Überlieferungswege, sprachliche Transformationen und konkrete historische Vermittlung belegt werden. Die Quellen zeigen vielmehr zunächst etwas methodisch Grundlegenderes: Menschen können unter ähnlichen biologischen und psychologischen Bedingungen ähnliche Wahrnehmungsphänomene erleben und diese mit den jeweils verfügbaren kulturellen Kategorien interpretieren.

Genau hier setzt ein kognitiv-evolutionärer Zugriff an. Sein Ausgangspunkt ist nicht die Annahme, dass ein bestimmtes mythologisches Motiv über Jahrtausende unverändert weitergegeben worden sein muss. Entscheidend ist vielmehr die Unterscheidung zwischen psychologischer Konstanz und mythologischer Substanz. Die menschliche Fähigkeit, unter bestimmten Schlafbedingungen intensive Präsenzgefühle, Druckempfindungen, Bewegungsunfähigkeit und bedrohliche Wahrnehmungen zu erleben, stellt eine biologische und psychologische Konstante dar. Die kulturellen Figuren, Namen und Erzählungen, mit denen diese Erfahrungen erklärt werden, können dagegen historisch variieren.

Damit verändert sich auch die Frage nach den Ursprüngen von Nachtwesen. Statt ausschließlich zu fragen, von welchem älteren Dämon eine bestimmte Figur abstammt, kann untersucht werden, welche kognitiven und situativen Bedingungen dazu führen, dass Menschen wiederholt auf ähnliche Erklärungsmuster zurückgreifen. Ein körperlich nicht erklärbarer Druck auf der Brust kann als Wirkung eines äußeren Akteurs interpretiert werden; eine wahrgenommene Präsenz kann zu einer Personifizierung führen; Angst kann nachträglich durch ein kulturell verfügbares Wesen benannt werden. Rituale und Amulette können anschließend eine Möglichkeit bieten, die als unkontrollierbar empfundene Situation symbolisch kontrollierbar zu machen. Bei zunehmender sozialer Distanz zur ursprünglichen Bedrohung können solche Wesen schließlich folklorisiert, humorisiert und ritualisiert werden.

Der entscheidende Punkt ist dabei die Asymmetrie zwischen Erfahrung und Interpretation: Die Erfahrung kann biologisch relativ stabil sein, während ihre kulturelle Erklärung außerordentlich variabel bleibt. Deshalb ist es methodisch problematisch, aus der Ähnlichkeit zweier Nachtwesen unmittelbar auf eine gemeinsame historische Abstammung zu schließen. Umgekehrt ist es ebenso problematisch, jede Ähnlichkeit als bloßen Zufall abzutun. Die eigentliche Forschungsfrage lautet vielmehr, ob ähnliche kognitive Ausgangsbedingungen unter vergleichbaren kulturellen Umständen wiederholt ähnliche Formen der Personifizierung und Ritualisierung hervorbringen können.

Der Vergleich zwischen Mesopotamien, mittelalterlichem Persien und Europa liefert dafür ein besonders instruktives Material. Die Quellen beweisen keine ununterbrochene Traditionslinie von Lamaštu über den kabus bis zum europäischen Nachtmahr. Sie zeigen aber, dass menschliche Erfahrungen von nächtlicher Bedrohung immer wieder in einem Spannungsfeld zwischen körperlicher Erfahrung, kultureller Personifizierung und medizinischer Erklärung verarbeitet wurden. Die Geschichte der Schlafparalyse ist deshalb zugleich eine Geschichte der Transformation von Erklärungssystemen: vom handelnden übernatürlichen Akteur über die medizinisch-naturalistische Deutung bis zur modernen neurophysiologischen Beschreibung.

Für die Erforschung von Nachtwesen wie der Elwedritsch eröffnet diese Perspektive einen erheblich erweiterten Forschungsrahmen. Sie zwingt nicht dazu, jede Gemeinsamkeit mit älteren Nachtwesen als Beweis einer direkten Abstammung zu betrachten. Ebenso wenig verlangt sie, die folkloristische Figur als reine Erfindung eines einzelnen historischen Moments zu behandeln. Stattdessen kann untersucht werden, wie biologische Dispositionen, Wahrnehmungsmechanismen, kulturelle Überlieferung, soziale Kontrolle, Humor und Ritualisierung zusammenwirken. Ein solches Modell kann historische Kontinuität dort anerkennen, wo sie tatsächlich nachweisbar ist, ohne sie dort vorauszusetzen, wo die Quellen lediglich strukturelle Ähnlichkeiten zeigen.

Die Geschichte von Lamaštu, kabus, Incubus und Night-Mare liefert damit weniger eine einfache Abstammungsgeschichte als eine Geschichte der menschlichen Interpretation einer wiederkehrenden Erfahrung. Von besonderer Bedeutung ist, dass sich bereits in der mittelalterlichen persischen Medizin eine naturalistische Gegenbewegung zur rein dämonologischen Erklärung beobachten lässt und dass van Diemerbroecks Fallbericht von 1664 schließlich beide Ebenen geradezu exemplarisch nebeneinanderstellt: Die Patientin erlebt den Teufel, den Hund oder den Dieb; der Arzt beobachtet die Bewegungsunfähigkeit, die Atemprobleme und die physiologischen Bedingungen. Was sich verändert, ist also nicht notwendig das zugrunde liegende menschliche Erleben, sondern das kulturelle und wissenschaftliche Vokabular, mit dem dieses Erleben beschrieben und erklärt wird.

Gerade darin liegt die Stärke einer kognitiv-evolutionären Perspektive. Sie ersetzt die historische Quellenarbeit nicht und kann keine direkte Traditionslinie beweisen, wo keine Belege existieren. Sie bietet jedoch ein Modell dafür, weshalb vergleichbare Nachtwesen in unterschiedlichen Kulturen entstehen können, warum sie häufig mit Druck, Immobilität, Schlaf und nächtlicher Präsenz verbunden sind und wie aus ursprünglich bedrohlichen Vorstellungen später humorvolle oder ritualisierte Figuren werden können. Die entscheidende Konstante wäre dann nicht der Dämon selbst, sondern die menschliche Disposition, eine schwer erklärbare nächtliche Erfahrung als Handlung eines Akteurs zu interpretieren.

Die Forschungsgeschichte der Schlafparalyse zeigt somit in exemplarischer Weise, was ein solcher Ansatz leisten kann: Nicht die mythologische Figur muss über Jahrtausende konstant geblieben sein, damit ähnliche Vorstellungen wiederholt entstehen können. Konstant kann vielmehr die menschliche Erfahrung sein – während ihre kulturelle Gestalt immer wieder neu erzeugt, übernommen, verändert und schließlich auch entdramatisiert wird. Mesopotamischer Dämon, persischer kābūs, europäischer Incubus und moderner medizinischer Begriff sind deshalb nicht ohne Weiteres Stationen einer einzigen Traditionslinie. Sie können vielmehr als unterschiedliche kulturelle Antworten auf teilweise vergleichbare menschliche Erfahrungen verstanden werden. Die historische Aufgabe besteht darin, zwischen nachweisbarer Überlieferung und konvergenter Neubildung zu unterscheiden.

Literatur

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Golzari, S. E. J., Ghabili, K., Tabrizi, J. S., Shoja, M. M., & Aghazadeh, A. (2012). Sleep paralysis in medieval Persia – The Hidayat of Akhawayni (?–983 AD). Neuropsychiatric Disease and Treatment, 8, 229–234. https://doi.org/10.2147/NDT.S28231.

Kompanje, E. J. O. (2008). “The devil lay upon her and held her down”: Hypnagogic hallucinations and sleep paralysis described by the Dutch physician Isbrand van Diemerbroeck (1609–1674) in 1664. Journal of Sleep Research, 17(4), 464–467. https://doi.org/10.1111/j.1365-2869.2008.00672.x.

The Metropolitan Museum of Art. (2014). Pazuzu: Beyond Good and Evil. New York.

The Metropolitan Museum of Art. (2020). When she has seized an old man, they call her “The Annihilator”. Metropolitan Museum Journal, 55.

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