Abstract

Die kognitiv-evolutionäre Theorie zum Ursprung der Elwedritsch versteht die pfälzische Sagengestalt als Ergebnis allgemeiner kognitiver Mechanismen, kultureller Evolution und historischer Transformationsprozesse. Aus dieser Perspektive werden verschiedene ältere Deutungsansätze kritisch überprüft. Der vorliegende Beitrag analysiert insbesondere die Arbeiten Helmut Seebachs aus den Jahren 2015 und 2020. Im Mittelpunkt stehen dessen Teufelsthese, die Herleitung über „unreine Vögel“ sowie die Annahme eines Korndämon- bzw. Vegetationsdämon-Motivs. Es wird argumentiert, dass diese Deutungen weder durch die historische Quellenlage noch durch sprachwissenschaftliche oder religionsgeschichtliche Befunde hinreichend gestützt werden und zudem zentrale Quellen selbst gegen Seebachs Interpretation sprechen.

1. Einleitung

Die Frage nach dem Ursprung der Elwedritsch wird in der volkskundlichen Forschung seit Langem kontrovers diskutiert. Während ältere Ansätze überwiegend historische Traditionslinien oder religiöse Symbolsysteme in den Mittelpunkt stellen, interpretiert die kognitiv-evolutionäre Theorie die Elwedritsch als Ergebnis eines langfristigen kulturellen Transformationsprozesses, der auf universellen menschlichen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern basiert.

Vor diesem Hintergrund werden die von Helmut Seebach seit den 1990er Jahren und 2015 sowie 2020 erneut vertretenen Thesen einer kritischen Prüfung unterzogen. Die Analyse konzentriert sich auf die innere Konsistenz seiner Argumentation, die Übereinstimmung mit den von ihm selbst herangezogenen Quellen sowie auf ihre sprach- und kulturwissenschaftliche Plausibilität.

2. Die Teufelsthese

Seebach vertritt die Auffassung, dass die Elwedritsch letztlich eine Verkörperung des Teufels darstelle. Als wesentliches Argument dient ihm die äußere Ähnlichkeit zwischen ikonographischen Darstellungen der Elwedritsch und traditionellen Teufelsbildern. Hörner, glühende Augen, Klauen oder Schwänze werden als Hinweise auf eine gemeinsame Herkunft interpretiert.

Aus Sicht der kognitiv-evolutionären Theorie überzeugt diese Argumentation methodisch nicht. Eine morphologische Ähnlichkeit zwischen zwei Figuren erlaubt für sich genommen keinen Rückschluss auf eine gemeinsame historische Herkunft. Es handelt sich um eine Scheinähnlichkeit: Ähnliche Merkmalskombinationen können unabhängig voneinander entstehen oder unterschiedlichen symbolischen Funktionen dienen. Die Schlussfolgerung von einer ikonographischen Übereinstimmung auf genealogische Verwandtschaft bleibt daher unbegründet.

Hinzu kommt, dass zahlreiche von Seebach in seinen Sagenbüchern selbst zitierte historische Quellen Hexen, Druden, Katzen oder andere nächtliche Schadensdämonen beschreiben – nicht jedoch den Teufel als unmittelbaren Ursprung der Elwedritsch. Aus Sicht der kognitiv-evolutionären Theorie entsteht damit eine Diskrepanz zwischen Quellenmaterial und Interpretation.

3. Analogiezauber und Schutzfunktion

Seebach interpretiert Darstellungen der Elwedritsch an Speichern und Gebäuden als Abschreckungsbilder gegen menschliche Eindringlinge wie Diebe oder Bettler. Die kognitiv-evolutionäre Theorie stimmt dem zugrunde liegenden Prinzip des Analogiezaubers grundsätzlich zu, widerspricht jedoch der Bestimmung des Adressaten.

Nach dieser Interpretation richtet sich die Schutzfunktion nicht gegen Menschen, sondern gegen übernatürliche Schadenswesen. Die Darstellung der Elwedritsch fungiert demnach als apotropäisches Zeichen gegenüber der Albdrud beziehungsweise der nächtlichen Hexe. Der Schutzmechanismus lautet sinngemäß: Das Böse wird durch die symbolische Darstellung des Bösen abgewehrt. Diese Interpretation erscheint mit zahlreichen europäischen Schutzbräuchen besser vereinbar als eine ausschließlich sozialgeschichtliche Deutung.

4. Die Interpretation des „Sackbrauchs“

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft Seebachs Deutung des sogenannten Sackbrauchs. Während er diesen in Zusammenhang mit der Abwehr unerwünschter Fremder stellt, verweist die kognitiv-evolutionäre Theorie auf eine von Seebach selbst zitierte historische Quelle aus Bisterschied. Dort wird beschrieben, wie eine als Katze auftretende Hexe durch einen geöffneten Sack eingefangen werden sollte, nachdem sie das Vieh verhext habe:

„Das Vieh behexen: Als ich vor 30 Jahren (1897) hierher (Bisterschied) kam, glaubte man noch an die Behexung des Viehes. Die Hexe war eine mißliebige, häßliche alte Frau, die sich in der Gestalt einer Katze aus dem Stalle zu schaffen suchte, wann der Buer unter Schlägen die Hexe aus dem Vieh schlug, dass auszutreiben suchte. Gewöhnlich hält ein oder zwei Mann einen Sack offen für das … um die Hexe einspringen zu lassen. Wehe, wenn da eine Katze im Stalle war zum Äusefang und schlüpfte in den Sack. Sie wurde einfach totgeschlagen im Sacke. Die Behexung geschah durch den bösen Blick, sodaß das Vieh keine Milch mehr gab.“ (zitiert nach Seebach 1996: 120)

Aus dieser Quelle ergibt sich nach Auffassung der kognitiv-evolutionären Theorie eine andere Schlussfolgerung: Der Sack richtet sich gegen die als Tier auftretende Hexe beziehungsweise Drud und nicht gegen Bettler oder andere Menschen. Damit erscheint die Interpretation des Brauchs als Bestandteil eines Hexen- und Drudenglaubens quellennäher als eine sozialhistorische Umdeutung.

5. Die Theorie der „unreinen Vögel“

In seiner kulturgeschichtlichen Darstellung von 2020 entwickelt Seebach zusätzlich die These, die Elwedritsch gehe auf die in der Bibel erwähnten „unreinen Vögel“ zurück. Grundlage hierfür ist die Beobachtung, dass Darstellungen der Elwedritsch häufig vogelartige Merkmale aufweisen.

Die kognitiv-evolutionäre Theorie erhebt hiergegen mehrere Einwände. Erstens wird argumentiert, dass die endgültig ikonographische Festlegung auf eine vogelartige Gestalt historisch vergleichsweise jung sei. Frühere Beschreibungen zeigen die Elwedritsch vielfach als Mischwesen aus Säugetier und Vogel oder in deutlich variableren Formen – vor allem in Pennsylvania meist mit dem Kopf einer Katze. Eine Rückprojektion der modernen Vogelgestalt auf ältere Traditionsschichten erscheint daher methodisch problematisch.

Zweitens folgt aus der Existenz „unreiner Vögel“ in biblischen Texten nicht zwangsläufig eine historische Verbindung zur Elwedritsch. Zwischen beiden Ebenen besteht nach Auffassung der Theorie keine nachweisbare Traditionskette. Eine Quelle als Beleg bietet Seebach nicht an. Selbst wenn es diese Quelle gäbe, bliebe die Begründung des Namens „Elwedritsch“ ebenso unklar wie die Frage, welche Rolle dieses Tiere eigentlich spielten, bevor sie in den Wald verbannt wurden. Auch hier wird letztlich eine Scheinähnlichkeit konstruiert nach dem Motto: Im Alten Testament ist von Vögeln die Rede, und Elwedritsche sind Vögel – also müssen es die unreinen Tiere des Alten Testaments sein. Ohne belegende Quelle (nicht die Bibel!) bleibt dieser Ansatz letztlich Spekulation.

6. Der Korndämon als Ursprung

Schließlich verbindet Seebach die Elwedritsch mit einem angeblichen Korndämon beziehungsweise Vegetationsdämon, der im Umfeld von Getreidespeichern überlebt habe. Nach Auffassung der kognitiv-evolutionären Theorie bleibt diese These weitgehend unbelegt. Weder werden eindeutige historische Quellen angeführt, noch wird erklärt, wie sich aus einem Vegetationsdämon sprachlich und kulturgeschichtlich die Bezeichnung „Elwedritsch“ entwickelt haben soll.

7. Zusammenfassende Bewertung

Aus Sicht der kognitiv-evolutionären Theorie weisen die Arbeiten Helmut Seebachs drei voneinander unabhängige Erklärungsansätze auf: die Identifikation der Elwedritsch mit dem Teufel, ihre Herleitung aus den biblischen „unreinen Vögeln“ sowie die Deutung als Fortleben eines Korndämons. Zwischen diesen Modellen besteht nach Auffassung der Theorie keine überzeugende theoretische Verbindung. Zudem bleibt ungeklärt, wie diese Deutungen mit der Etymologie des Namens „Elwedritsch“ in Einklang zu bringen sind. Dass Helmut Seebach insgesamt drei unterschiedliche Antworten auf die Frage nach dem Ursprung der Elwedritsche anbietet – Teufel, unreine Vögel und auch noch den Korndämon – dokumentiert, dass sein Ansatz das Rätsel letztlich nicht lösen konnte.

Die kognitiv-evolutionäre Theorie gelangt daher zu dem Schluss, dass die von Seebach vorgeschlagenen Erklärungen die historische und sprachliche Evidenz nicht hinreichend integrieren. Stattdessen wird ein Modell bevorzugt, das den Begriff „Elwedritsch“ mit den Traditionen von Alb(en) und Druden verbindet – was sprachlich auch deutlich näher liegt – und die Entstehung der Figur als Ergebnis eines langfristigen kognitiven und kulturellen Evolutionsprozesses interpretiert.

Literatur

Seebach, H. (1996). Sagen in der Pfalz. Geister, Hexen, Teufel. Ein Beitrag zur Volkskunde der Pfalz. Mainz-Gonsenheim.

Seebach, H. (2003): Pfälzisches Sagenlesebuch. Mainz-Gonsenheim.

Seebach, Helmut (2015): Schweiz – Pfalz – Pennsylvania. Ursprung und Werden von Pfalz und Pfälzern – eine kulturwissenschaftliche Grundlegung. Mainz-Gonsenheim.

Seebach, Helmut (2016): Die geheime Bildersprache des Pietismus. Christliches Leben zwischen Reformation und Inquisition. Fels- und Ritzzeichnungen – Volkskunst – Hausbau – Tracht. Mainz-Gonsenheim.

Seebach, Helmut (2020): Kleine Kulturgeschichte Europas. Das Erbe der Schweizer Reformation. Essen – Kleidung – Brauch – Bildersprache. Mainz-Gonsenheim.

Seebach, Helmut (2021): Schweizer – Pfälzer – Palatines. Dokumentation und Analyse eines populären Missverständnisses. Mainz-Gonsenheim.

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