Zur Kontinuität einer übersehenen Forschungslinie von Albert Becker (1925) bis Karin Jung (2007)

Einleitung

Die Frage nach der Herkunft der pfälzischen Elwedritsch gehört seit Jahrzehnten zu den umstrittensten Themen der regionalen Volkskunde. Während traditionelle Erklärungsansätze vor allem historische Wanderungsbewegungen, konfessionelle Entwicklungen oder lokale Überlieferungslinien in den Mittelpunkt stellen, wurde der sprachliche Aufbau des Namens häufig nur am Rande behandelt.

Bemerkenswert ist jedoch, dass bereits früh einzelne Autoren unabhängig voneinander auf eine mögliche Verbindung der beiden Wortbestandteile Alb/Elb und Trud(e)/Drud(e) hingewiesen haben. Diese Beobachtungen wurden nie zu einer systematischen Ursprungstheorie ausgebaut, zeigen jedoch, dass die Vorstellung einer Zusammensetzung aus zwei dämonisch konnotierten Begriffsfeldern keineswegs eine neue Idee ist.

Insbesondere zwei Quellen verdienen hierbei Beachtung: Albert Becker (1925) und Karin Jung (2007). Beide gelangen – unabhängig voneinander und mit unterschiedlichen methodischen Voraussetzungen – zu einer ähnlichen Grundbeobachtung. Für den kognitiv-evolutionären Ansatz besitzen diese Arbeiten deshalb eine erhebliche wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung.

Im folgenden sollen diese beiden Quellen zusammen mit zwei weiteren Fundstellen präsentiert werden, die zwar nicht auf „Elwedritsch = Alb + Trud“, aber immerhin auf „Elwedritsch = Alb“ verweisen: K. Christ (1879) und Robert Mulch (1958).

K. Christ (1879): Ein erster Hinweis auf den Alb

Einen frühen Hinweis, dass die Elwedritsch in Verbindung mit dem Alb steht, findet sich bereits im Jahr 1879: „Der Elbendritsch ist ein neckender Alb, dasselbe, was in der genannten Bavaria, Rheinpfalz (…) als ‚Drückmännchen‘ bezeichnet wird, weil es die Menschen im Schlafe drückt.“ (K. Christ, Monatsschrift für die Geschichte Westdeutschland, 1879).

Seit diesem Zeitpunkt ist diese These immer wieder vertreten worden. Mit der Entstehung der Tritschologie als Pseudowissenschaft geriet sie aber in den Hintergrund. Die „Huhn-Elfe-Legende“ als Entstehungsmythos war populärwissenschaftlich schlicht attraktiver.

Albert Becker (1925): Eine frühe Beobachtung des Zusammenhangs von Alb und Drud

Bereits 1925 schrieb Albert Becker in seiner Pfälzer Volkskunde:

„(…) gewöhnlich stellt man das Wort ‚Elbetritsch‘ zu mhd. alp, elbe und trute; E.H. Meyer vermutet hinter dem fabelhaften Tier einen Winddämon. Anscheinend ist der erste Teil des Wortes mit ‚Alp‘, ‚Elb‘ verwandt oder gleichbedeutend, der zweite hängt vielleicht mit ‚Trude‘ (= alp) zusammen, dem koboldartigen Wesen, das als ‚Mahr‘ die Menschen besonders gerne zur Nachtzeit quält, dem uralten Alpdämon, dem Alpdrücken, dem griechischen Ephialtes (…).“ (Becker 1925, S. 121)

Diese Passage ist bemerkenswert, weil Becker bereits mehrere Elemente miteinander verbindet:

  • den Alb als nächtlichen Dämon,
  • die Trude/Drude als Alp- bzw. Mahrwesen,
  • den europäischen Alpdämon,
  • Schlaf- und Druckerfahrungen („Alpdrücken“),
  • sowie antike Parallelen (Ephialtes).

Damit beschreibt Becker bereits einen gemeinsamen dämonischen Vorstellungsraum, aus dem sich beide Wortbestandteile der Elwedritsch erklären lassen könnten.

Zwar formuliert Becker ausdrücklich vorsichtig („vielleicht“), doch macht seine Darstellung deutlich, dass eine Verbindung von Alb und Trude bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts als ernsthafte Möglichkeit angesehen wurde.

Robert Mulch (1958): Der vom Alp Getretene

Mulch war in seinem Text „Elbentritschen und Verwandtes“ sichtlich um Abgrenzung von Jakob Grimm bemüht, dessen Thesen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gründlich missbraucht worden waren. Er schreibt:

„Die neuere Wissenschaft, sowohl Vertreter der Volkskunde wie der Sprachwissenschaft, neigen einer nüchterneren (Anm.: als die von der Schule Jakob Grimms gegebene) Erklärung zu, so vor allem Ranke im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (II, 761). Er geht aus von der Deutung „der vom Alp Getretene (…).“ (Robert Mulch: Elbendritschen und Verwandtes, 1958)

„Der vom Alp Getretene“ weist wie schon Christ (1879) in die richtige Richtung. Allerdings verkennt Mulch, dass in der Elbentritsch der Alb selbst steckt. Es handelt sich also um „den Alp, der tritt“ – nicht „den vom Alp Getretenen“.

Karin Jung (2007): Eine unabhängige Bestätigung des Albdrud-Gedankens

Über achtzig Jahre nach Albert Becker greift Karin Jung Alb-Drud-Gedanken erneut auf.

Sie schreibt:

„Sprachhistorisch beleuchtet, entdeckt man bei genauerem Hinsehen eine Wesensverwandtschaft der Elwetridsch zu Geistern, Elfen, Feen, ja sogar zu Hexen und Dämonen.“

Anschließend erläutert sie den ersten Wortbestandteil über den althochdeutschen alb und fährt fort:

„Und erinnert uns nicht der Name Albtrud schon ein wenig an unsere Elbetridsch?“

Zum zweiten Bestandteil erklärt sie:

„Trüdchen sind kleine Truden … Der Name Trude – auch in der Schreibweise trute oder drude – war früher gleichbedeutend mit Hexe.“

Jung entwickelt daraus keine umfassende Ursprungstheorie. Sie argumentiert auch nicht linguistisch im engeren Sinne, sondern populärwissenschaftlich und allgemeinverständlich. Gerade deshalb sollte ihre Darstellung nicht überinterpretiert werden.

Dennoch besitzt ihre Beobachtung wissenschaftsgeschichtlichen Wert.

Sie zeigt, dass die Kombination aus Alb und Trud(e) auch außerhalb der akademischen Spezialforschung als naheliegend empfunden wurde und unabhängig erneut formuliert werden konnte.

Keine neue Idee des kognitiv-evolutionären Ansatzes

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die kognitiv-evolutionäre Theorie zum Ursprung der Elwedritsche mit der Zusammenführung von Alb und Trud keinen völlig neuen Gedanken entwickelt.

Neu ist vielmehr die systematische Einordnung dieser älteren Beobachtungen in einen kognitiv-evolutionären Erklärungsrahmen.

Der Ansatz kann sich dabei ausdrücklich auf Vorläufer berufen.

Bereits Becker hatte beide Namensbestandteile in denselben nächtlich-dämonischen Vorstellungskreis eingeordnet.

Karin Jung gelangte unabhängig zu einer vergleichbaren Einschätzung.

Die eigentliche Innovation besteht daher nicht in der bloßen Zerlegung des Wortes, sondern in der Frage, weshalb sich gerade diese beiden Vorstellungen verbinden konnten und wie daraus im Laufe kultureller Evolution die heute bekannte Elwedritsch entstand.

Der Unterschied zu Helmut Seebach

Die Gegenüberstellung mit Helmut Seebachs Ansatz verdeutlicht diesen Unterschied besonders klar.

Seebach erklärt die Elwedritsch primär über historische Traditionslinien, Migrationen und konfessionelle Entwicklungen. Seine Argumentation setzt voraus, dass konkrete Überlieferungen über längere Zeiträume weitergegeben wurden.

Die ältere Forschungslinie von Becker und Jung verfolgt dagegen einen anderen Zugang.

Sie richtet den Blick zunächst auf den Namen selbst und erkennt darin eine Verbindung zweier bereits bekannter Dämonenvorstellungen.

Damit steht sie näher an der Ausgangsfrage, welche Vorstellungen überhaupt im Begriff „Elwedritsch“ enthalten sind.

Der kognitiv-evolutionäre Ansatz knüpft genau hier an.

Er übernimmt weder eine rein genealogische Kontinuitätsthese noch begnügt er sich mit einer etymologischen Zerlegung des Wortes.

Vielmehr verbindet er beide Beobachtungen mit Erkenntnissen der modernen Kognitionswissenschaft und der kulturellen Evolution. Erfahrungen wie Schlafparalyse, Hyperactive Agency Detection (HADD), Kompensationsmechanismen sowie kulturelle Selektion erklären, weshalb Vorstellungen von Alb und Drude über Jahrhunderte hinweg immer wieder auftreten und schließlich regional sehr unterschiedliche Gestalten hervorbringen konnten.

Wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung

Die Aussagen von Becker und Jung besitzen deshalb weniger Bedeutung als vollständige Ursprungstheorien denn als unabhängige Konvergenz.

Zwei Autoren unterschiedlicher Zeit, Ausbildung und Zielsetzung gelangen zu derselben grundlegenden Beobachtung:

  • der erste Bestandteil verweist auf den Alb bzw. Elb,
  • der zweite Bestandteil auf Trude bzw. Drude,
  • beide gehören demselben nächtlich-dämonischen Vorstellungskomplex an.

Diese Übereinstimmung erhöht die Plausibilität dieser Grundannahme erheblich.

Sie zeigt zugleich, dass die spätere systematische Ausarbeitung durch den kognitiv-evolutionären Ansatz nicht im luftleeren Raum entstand, sondern an eine bislang kaum beachtete Forschungslinie anknüpft.

Fazit

Die Quellen von Albert Becker (1925) und Karin Jung (2007) belegen, dass die Verbindung von Alb und Trud(e) als Erklärung der Elwedritsch keine Erfindung der Gegenwart ist. Bereits Becker ordnete beide Wortbestandteile demselben Komplex aus Alp, Mahr, Trude und nächtlichem Dämonenglauben zu. Karin Jung formulierte diese Beobachtung mehr als acht Jahrzehnte später erneut in populärwissenschaftlicher Form und verwies ausdrücklich auf die Nähe zwischen Albtrud und Elbetridsch.

Für den kognitiv-evolutionären Ansatz ist dies von erheblicher Bedeutung. Die neue Theorie muss die Verbindung von Alb und Trud nicht erst begründen, sondern kann sich auf eine ältere, bislang wenig beachtete Forschungstradition stützen.

Die Annahme eines gemeinsamen Alb- und Trud-Komplexes besitzt historische Vorläufer und kann daher nicht als isolierte Einzelhypothese bewertet werden. In diesem Punkt stehen Becker und Jung dem heutigen kognitiv-evolutionären Ansatz näher als jene Erklärungsmodelle, die den sprachlichen und begriffsgeschichtlichen Befund nur nachrangig berücksichtigen.

Literatur

Becker, Albert (1925). Pfälzer Volkskunde. Kaiserslautern.

Christ, K. (1879): Monatsschrift für die Geschichte Westdeutschland.

Jung, Karin (2007). Sagenhaftes vom Elbenstein. Landau.

Mulch, Robert (1958): Elbentritschen und Verwandtes. In: Hessische Blätter für Volkskunde 49/59: 176-193.

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