Die Erweiterung des kognitiv-evolutionären Ansatzes (HADD-CCT-BVT-IRC mit DIT Umrahmung)

1. Einleitung
Die Elwedritsch zählt zu den bekanntesten Identifikationsfiguren der Pfalz. Als hybrides Fabelwesen zwischen Vogel, Säugetier und Dämon prägt sie seit langem die regionale Erzähltradition und hat sich zugleich zu einem weithin bekannten Symbol pfälzischer Kultur entwickelt. Heute begegnet sie in Museen, Gaststätten, Weinorten, Vereinsnamen, Tourismusangeboten und Souvenirs. Ihre wohl bekannteste Erscheinungsform ist jedoch die Elwedritschjagd – ein humoristischer Brauch, bei dem Ortsfremde oder Neulinge mit Sack, Laterne und Stock in den nächtlichen Wald geschickt werden, um ein angeblich dort lebendes Tier zu fangen.
Die Forschung konzentrierte sich bislang vor allem auf zwei Fragestellungen: Zum einen wurde die Herkunft der Bezeichnung „Elwedritsch“ sprachgeschichtlich untersucht, zum anderen standen mögliche mythologische oder dämonologische Ursprünge der Figur im Mittelpunkt. Demgegenüber blieb die soziale Funktion der Elwedritschjagd erstaunlich randständig. Zwar wird der Brauch regelmäßig als „Scherz“, „Volksbelustigung“ oder „touristische Attraktion“ beschrieben, doch fehlt bislang eine systematische Analyse seiner sozialen Wirkungsweise.
Diese Forschungslücke ist bemerkenswert, denn die Elwedritschjagd wird bis heute in unterschiedlichen sozialen Kontexten praktiziert. Sie begegnet bei Weinfesten, in Heimatvereinen, im familiären Umfeld, im Rahmen touristischer Veranstaltungen und gelegentlich auch als informeller Aufnahmeritus innerhalb lokaler Gemeinschaften. Ihre außerordentliche Beständigkeit legt nahe, dass sie eine Funktion erfüllt, die über bloße Unterhaltung hinausgeht.
Der vorliegende Beitrag schlägt deshalb einen Perspektivwechsel vor. Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, woher die Elwedritsch stammt, sondern warum die Jagd bis heute erfolgreich praktiziert wird.
Als theoretischer Rahmen dient die mikrosoziologische Ritualtheorie Randall Collins‘. Mit seiner Theorie der Interaction Ritual Chains (Collins, 2004) entwickelt Collins ein Modell, das erklärt, wie alltägliche Interaktionen emotionale Energie erzeugen, Gruppenidentitäten stabilisieren und soziale Bindungen hervorbringen. Rituale erscheinen dabei nicht als Relikte religiöser Vergangenheit, sondern als grundlegende Mechanismen gesellschaftlicher Integration.
Die zentrale These dieses Beitrags lautet daher:
Die Elwedritschjagd ist weniger als Überrest eines früheren Volksglaubens zu verstehen als vielmehr als ein erfolgreiches Interaktionsritual im Sinne Randall Collins‘. Ihr eigentlicher Zweck besteht nicht im Fang eines Fabelwesens, sondern in der Erzeugung gemeinsamer emotionaler Energie, sozialer Kohäsion und regionaler Identität.
Damit verschiebt sich zugleich die Perspektive auf die Elwedritsch selbst. Ihre kulturelle Bedeutung liegt heute weniger in ihrer angenommenen Existenz als in ihrer Funktion als gemeinsames Symbol einer ritualisierten sozialen Interaktion.
2. Ritualtheorie zwischen Durkheim und Collins
2.1 Von der Religionssoziologie zur Mikrosoziologie
Die moderne Ritualforschung beginnt mit Émile Durkheim. In Les formes élémentaires de la vie religieuse (1912) entwickelt er die grundlegende These, dass Rituale keine bloßen Begleiterscheinungen religiöser Systeme seien, sondern den eigentlichen Mechanismus gesellschaftlicher Integration darstellen. Rituale erzeugen nach Durkheim jene kollektive Erregung (effervescence collective), durch welche Individuen ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft erfahren. Das Heilige entsteht demnach nicht unabhängig von der Gesellschaft, sondern wird durch gemeinsames rituelles Handeln hervorgebracht.
Diese Einsicht wurde später von Erving Goffman auf den Bereich alltäglicher Interaktionen übertragen. Für Goffman (1967) besitzen selbst scheinbar banale Begegnungen ritualisierte Strukturen. Begrüßungen, gemeinsames Essen, Blickkontakte oder Formen der Höflichkeit stabilisieren soziale Beziehungen und schaffen Erwartungen über angemessenes Verhalten. Rituale beschränken sich somit nicht auf religiöse Zeremonien, sondern durchziehen den Alltag.
Randall Collins verbindet beide Traditionen zu einer allgemeinen Theorie sozialer Interaktionen. Sein Ausgangspunkt lautet:
Jede erfolgreiche soziale Begegnung besitzt eine ritualisierte Struktur.
Rituale erscheinen damit nicht mehr als Sonderfälle gesellschaftlichen Lebens, sondern als dessen elementare Bausteine.
2.2 Die Theorie der Interaction Ritual Chains
Collins definiert Interaktionsrituale über vier notwendige Voraussetzungen:
- körperliche Ko-Präsenz der Beteiligten,
- Abgrenzung gegenüber Außenstehenden,
- gemeinsamer Aufmerksamkeitsfokus,
- gemeinsame emotionale Stimmung.
Diese Bedingungen verstärken sich gegenseitig. Gemeinsame Aufmerksamkeit führt zur emotionalen Synchronisation; emotionale Synchronisation intensiviert wiederum die Konzentration auf den gemeinsamen Gegenstand. Es entsteht ein positiver Rückkopplungsprozess, den Collins als interaction ritual beschreibt.
Der Erfolg eines Rituals bemisst sich dabei nicht an seinem äußeren Ziel, sondern an seinen sozialen Folgen.
Collins unterscheidet vier zentrale Ergebnisse erfolgreicher Rituale:
- emotionale Energie,
- Gruppensolidarität,
- gemeinsame Symbole,
- moralische Verpflichtung gegenüber diesen Symbolen.
Besonders innovativ ist Collins‘ Begriff der emotionalen Energie. Darunter versteht er kein kurzfristiges Gefühl, sondern eine längerfristige emotionale Ressource, die Selbstvertrauen, Zugehörigkeitsgefühl und Handlungsbereitschaft stärkt. Menschen suchen nach Collins immer wieder jene Situationen auf, die besonders viel emotionale Energie erzeugen. Genau dadurch entstehen Ketten miteinander verbundener Rituale (interaction ritual chains), welche Gemeinschaften langfristig stabilisieren.
2.3 Rituale ohne Religion
Ein wesentlicher Fortschritt gegenüber älteren Ritualtheorien besteht darin, dass Collins keinerlei religiösen Glauben voraussetzt. Entscheidend ist allein die soziale Dynamik der Interaktion.
Dies eröffnet neue Perspektiven für die Analyse moderner Brauchformen. Scherzrituale, Vereinsfeiern, Sportveranstaltungen oder Volksfeste können ebenso ritualtheoretisch untersucht werden wie religiöse Zeremonien. Das verbindende Element liegt nicht in einem gemeinsamen Glauben, sondern in der Erzeugung gemeinsamer Aufmerksamkeit und emotionaler Synchronisation.
Gerade dadurch eignet sich Collins‘ Theorie in besonderer Weise zur Untersuchung der Elwedritschjagd. Denn offensichtlich hängt ihre soziale Wirksamkeit nicht davon ab, dass die Beteiligten an die reale Existenz der Elwedritsch glauben. Vielmehr entsteht ihre Bedeutung aus der gemeinsamen Inszenierung des Rituals.
3. Die Elwedritschjagd als Interaktionsritual
3.1 Die ritualisierte Struktur der Jagd
Obwohl sich einzelne Elwedritschjagden in ihrem konkreten Ablauf unterscheiden, weisen sie eine bemerkenswert stabile Grundstruktur auf. Diese lässt sich als ritualisierte Sequenz rekonstruieren:
- Auswahl einer außenstehenden Person,
- Einführung in die Erzählung von der Elwedritsch,
- Ausstattung mit symbolischen Jagdutensilien,
- gemeinsamer Aufbruch,
- räumliche Trennung des Neulings von der Gruppe,
- Phase des Wartens und der Erwartung,
- Auflösung des Scherzes,
- gemeinsames Lachen und Reintegration in die Gruppe.
Bereits diese Abfolge erinnert an klassische Initiationsrituale im Sinne Arnold van Genneps (1909): Trennung, Übergangsphase und Wiedereingliederung bilden auch hier die grundlegende Struktur.
3.2 Körperliche Ko-Präsenz
Die Elwedritschjagd setzt körperliche Anwesenheit voraus. Sie lässt sich kaum sinnvoll digital oder schriftlich durchführen. Entscheidend ist vielmehr die gemeinsame Erfahrung eines konkreten Ortes.
Typischerweise findet die Jagd in der Dämmerung oder nachts statt. Dunkelheit, ungewohnte Geräusche und eingeschränkte Sicht verstärken die Aufmerksamkeit aller Beteiligten. Die Gruppe bewegt sich gemeinsam durch den Raum, richtet ihren Blick auf dieselben Orte und reagiert auf dieselben Umweltreize.
Collins bezeichnet diese körperliche Synchronisierung als Voraussetzung emotionaler Resonanz. Der gemeinsame Gang in den Wald erzeugt eine geteilte Situation, in der sich Wahrnehmung und Emotion gegenseitig verstärken.
3.3 Symbolische Grenzziehung
Von besonderer Bedeutung ist die klare Unterscheidung zwischen Eingeweihten und Uneingeweihten.
Die Insider kennen den tatsächlichen Charakter der Jagd. Sie verfügen über exklusives Wissen und kontrollieren den Ablauf des Rituals. Demgegenüber steht der Neuling, der dieses Wissen zunächst nicht besitzt. Gerade diese Wissensasymmetrie erzeugt eine soziale Grenze.
Diese Grenze dient jedoch nicht dem dauerhaften Ausschluss. Vielmehr handelt es sich um eine temporäre Differenz, deren Ziel die spätere Integration des Neulings ist. Nach erfolgreichem Abschluss der Jagd wird dieser selbst Teil der Eingeweihten und kann das Ritual künftig gegenüber anderen fortführen.
Hier zeigt sich eine bemerkenswerte Parallele zu Collins‘ Theorie. Interaktionsrituale schaffen Solidarität gerade dadurch, dass sie zwischen „Innen“ und „Außen“ unterscheiden. Die Grenze definiert die Gruppe und macht ihre Zugehörigkeit erfahrbar.
3.4 Gemeinsamer Aufmerksamkeitsfokus
Während der gesamten Jagd richtet sich die Aufmerksamkeit aller Beteiligten auf denselben imaginären Gegenstand: die Elwedritsch.
Dabei spielt es keine Rolle, ob dieses Wesen tatsächlich existiert. Ritualtheoretisch genügt seine symbolische Präsenz. Gespräche, Anweisungen, Bewegungen und Erwartungen beziehen sich fortlaufend auf denselben Bezugspunkt.
Die Elwedritsch fungiert somit als kollektives Symbol im Sinne Collins‘. Sie strukturiert die gesamte Interaktion und bündelt die Aufmerksamkeit aller Beteiligten. Gerade diese gemeinsame Fokussierung bildet die Voraussetzung für die emotionale Dynamik des Rituals.
Im Unterschied zu älteren volkskundlichen Interpretationen liegt die Wirksamkeit des Symbols daher nicht in einem vorausgesetzten Glauben, sondern in seiner Fähigkeit, soziale Interaktionen zu organisieren.
4. Emotionale Energie und soziale Kohäsion: Die Ergebnisse des Interaktionsrituals
Nachdem im vorherigen Kapitel gezeigt wurde, dass die Elwedritschjagd die vier Voraussetzungen erfolgreicher Interaktionsrituale erfüllt, stellt sich die Frage nach ihren sozialen Ergebnissen. Nach Collins (2004) endet ein Ritual nicht mit seinem sichtbaren Ablauf. Entscheidend sind vielmehr die sozialen Ressourcen, die aus ihm hervorgehen. Collins unterscheidet vier zentrale Resultate: emotionale Energie, Gruppensolidarität, gemeinsame Symbole und moralische Verpflichtungen. Alle vier lassen sich an der Elwedritschjagd exemplarisch nachweisen.
4.1 Emotionale Energie als eigentliche „Beute“
Für Collins ist emotionale Energie (emotional energy) der wichtigste Ertrag erfolgreicher Interaktionsrituale. Sie beschreibt kein kurzfristiges Gefühl, sondern einen längerfristigen Zustand gesteigerten Selbstvertrauens, der Zugehörigkeit und der sozialen Handlungsfähigkeit. Menschen suchen nach Collins immer wieder jene Situationen auf, die ihnen emotionale Energie verleihen; dadurch entstehen Ketten miteinander verbundener Rituale (interaction ritual chains).
Überträgt man dieses Konzept auf die Elwedritschjagd, wird deutlich, dass der eigentliche Erfolg des Brauchs nicht im – ohnehin unmöglichen – Fang eines Fabelwesens besteht, sondern in der gemeinsamen emotionalen Erfahrung. Die Jagd endet regelmäßig mit kollektivem Lachen, gegenseitigem Erzählen und dem Austausch der Erlebnisse. Aus individueller Spannung wird kollektive Erleichterung, aus Unsicherheit gemeinsame Heiterkeit. Gerade dieser Übergang erzeugt jene emotionale Energie, die Collins als Motor sozialer Bindung beschreibt.
Bemerkenswert ist dabei, dass sowohl die Eingeweihten als auch der zunächst Getäuschte emotionale Gewinne erzielen. Die Insider erleben die Freude am gelungenen Ritual und an der Bestätigung ihrer Gruppenzugehörigkeit; der Neuling erfährt – nach dem Moment der Überraschung – die symbolische Aufnahme in die Gemeinschaft. Das Ritual produziert damit keine dauerhafte Hierarchie, sondern eine Integration durch gemeinsames Erleben.
4.2 Kollektive Erinnerung und narrative Tradierung
Emotionale Energie wirkt über die konkrete Situation hinaus. Collins betont, dass erfolgreiche Rituale Erinnerungen erzeugen, die wiederum Anlass für spätere Interaktionen werden. Die Elwedritschjagd illustriert diesen Mechanismus in besonderer Weise.
In zahlreichen Familien, Freundeskreisen und Vereinen werden frühere Jagden über Jahre oder Jahrzehnte hinweg erzählt. Häufig beginnen entsprechende Erzählungen mit Formulierungen wie: „Weißt du noch, als …?“ oder „Damals haben wir unseren neuen Vereinskameraden auf Elwedritschjagd geschickt.“ Solche Erinnerungen sind mehr als Anekdoten; sie fungieren als narrative Verdichtungen gemeinsamer emotionaler Erfahrungen.
Hier zeigt sich ein zirkulärer Prozess: Das Ritual erzeugt Erinnerungen, die Erinnerungen erzeugen neue Gespräche, die Gespräche stärken wiederum die Gruppenzugehörigkeit und motivieren zur Durchführung weiterer Jagden. Die Elwedritschjagd bildet somit eine klassische interaction ritual chain.
4.3 Gruppensolidarität
Ein weiteres Ergebnis erfolgreicher Rituale ist nach Collins die Ausbildung oder Stabilisierung sozialer Solidarität. Die Elwedritschjagd erfüllt diese Funktion in mehrfacher Hinsicht.
Erstens schafft sie eine klare Unterscheidung zwischen Eingeweihten und Uneingeweihten. Zweitens wird diese Grenze nicht dauerhaft aufrechterhalten, sondern durch das Ritual selbst überwunden. Wer erfolgreich „hereingelegt“ wurde, gehört anschließend zur Gemeinschaft der Wissenden und kann künftig selbst an der Durchführung teilnehmen.
Diese Dynamik erinnert an klassische Initiationsrituale. Der Statuswechsel erfolgt nicht durch formale Mitgliedschaft oder schriftliche Erklärung, sondern durch eine gemeinsam erlebte symbolische Erfahrung. Die Elwedritschjagd markiert damit den Übergang vom Außenstehenden zum Insider.
Gerade in dörflichen Gemeinschaften, Vereinen oder informellen Freundeskreisen besitzt dieser Mechanismus erhebliche soziale Bedeutung. Er stärkt Vertrauen, wechselseitige Erwartungen und das Bewusstsein gemeinsamer Zugehörigkeit.
4.4 Symbolische Objekte und kollektive Identität
Collins weist darauf hin, dass erfolgreiche Rituale dauerhafte Symbole hervorbringen. Diese Symbole erhalten ihre Bedeutung nicht aufgrund ihrer materiellen Eigenschaften, sondern weil sie Träger gemeinsamer emotionaler Erfahrungen werden.
Im Fall der Elwedritschjagd betrifft dies insbesondere:
- die Laterne,
- den Sack,
- den Stock,
- den nächtlichen Wald,
- die Elwedritsch selbst.
Außerhalb des Rituals besitzen diese Gegenstände kaum besondere Bedeutung. Innerhalb des Rituals werden sie jedoch zu Erinnerungsankern kollektiver Erfahrungen.
Diese Symbolisierung erklärt zugleich die außerordentliche Präsenz der Elwedritsch im öffentlichen Raum der Pfalz. Figuren auf Brunnen, Vereinswappen, Weinetiketten, Gaststättennamen oder touristischen Souvenirs verweisen weniger auf ein Fabelwesen als auf ein gemeinsames kulturelles Symbol, dessen emotionale Bedeutung durch wiederholte Rituale ständig erneuert wird.
4.5 Moralische Verpflichtung
Als viertes Ergebnis erfolgreicher Interaktionsrituale nennt Collins die Ausbildung moralischer Verpflichtungen gegenüber den gemeinsamen Symbolen und der Gruppe.
Auch die Elwedritschjagd kennt einen unausgesprochenen Normenkatalog:
- Der Scherz wird nicht vorzeitig aufgelöst.
- Der Neuling soll die Situation selbst erleben.
- Niemand wird dauerhaft bloßgestellt.
- Nach Abschluss wird gemeinsam gelacht.
- Wer aufgenommen wurde, darf das Ritual später weiterführen.
Diese Regeln werden selten explizit formuliert. Dennoch werden sie erstaunlich zuverlässig eingehalten. Sie bilden den moralischen Rahmen des Rituals und sichern seine Wiederholbarkeit.
5. Die Elwedritschjagd als Initiationsritual: Victor Turner und Arnold van Gennep
Während Collins vor allem die soziale Dynamik erfolgreicher Interaktionen beschreibt, richtet Victor Turner (1969) den Blick auf Übergänge zwischen sozialen Rollen. Aufbauend auf Arnold van Genneps Theorie der Übergangsriten unterscheidet Turner drei Phasen jedes Initiationsrituals:
- Trennung (Separation),
- Schwellenzustand (Liminalität),
- Wiedereingliederung (Aggregation).
Diese Struktur lässt sich auf die Elwedritschjagd nahezu idealtypisch übertragen.
5.1 Separation
Zu Beginn wird der Neuling symbolisch aus der Alltagsgemeinschaft herausgelöst. Er erhält besondere Kleidung oder Ausrüstung, wird mit Anweisungen versehen und in den Wald geführt. Bereits dadurch verändert sich sein sozialer Status: Er ist nicht länger bloßer Gast, sondern Teilnehmer eines besonderen Geschehens.
Die Trennung besitzt nicht nur räumlichen, sondern auch sozialen Charakter. Während die übrigen Beteiligten über exklusives Wissen verfügen, befindet sich der Neuling in einem Zustand kontrollierter Ungewissheit.
5.2 Liminalität
Die Wartephase im Wald entspricht Turners Konzept der Liminalität.
Der Betroffene befindet sich zwischen zwei sozialen Zuständen:
- noch nicht vollständig Mitglied der Gruppe,
- aber auch nicht mehr bloßer Außenstehender.
Die Unsicherheit dieser Situation erzeugt eine erhöhte Aufmerksamkeit. Gerade dadurch wird der Übergang emotional besonders wirksam.
Liminale Situationen zeichnen sich nach Turner durch Ambiguität, Offenheit und symbolische Verdichtung aus. Genau diese Merkmale finden sich in der Elwedritschjagd wieder. Dunkelheit, Stille und die Erwartung einer möglichen Begegnung mit einem unbekannten Wesen verstärken die außergewöhnliche Qualität der Situation.
5.3 Reintegration
Mit der Auflösung des Scherzes endet die liminale Phase.
Der Neuling kehrt in die Gruppe zurück, nun jedoch mit verändertem Status. Aus dem Uneingeweihten ist ein Eingeweihter geworden. Entscheidend ist, dass dieser Statuswechsel öffentlich anerkannt wird. Das gemeinsame Lachen fungiert dabei als symbolischer Akt der Wiederaufnahme.
5.4 Communitas
Turners Begriff der Communitas beschreibt ein intensives Gemeinschaftsgefühl, das während liminaler Situationen entstehen kann.
Die Elwedritschjagd erzeugt eine solche Communitas in zweifacher Hinsicht.
Einerseits erleben die Eingeweihten durch das gemeinsame Wissen und den gemeinsam vorbereiteten Ablauf ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl.
Andererseits wird nach der Auflösung auch der Neuling in diese emotionale Gemeinschaft aufgenommen.
Das Ritual beendet somit eine soziale Differenz und ersetzt sie durch gemeinsame Zugehörigkeit.
6. Ritualisierung nach Catherine Bell: Warum aus einem Scherz ein Ritual wird
Die amerikanische Religionswissenschaftlerin Catherine Bell (1992, 1997) kritisierte klassische Ritualdefinitionen, weil sie Rituale häufig als fest umrissene Handlungsformen betrachteten. Stattdessen versteht sie Ritualisierung als sozialen Prozess.
Nicht bestimmte Handlungen seien von Natur aus Rituale; vielmehr würden Handlungen durch Wiederholung, Symbolisierung und soziale Hervorhebung ritualisiert.
Diese Perspektive eröffnet einen neuen Zugang zur Elwedritschjagd.
6.1 Wiederholung
Ein zentrales Merkmal ritualisierter Praktiken ist ihre Wiederholbarkeit.
Die Elwedritschjagd wird nicht einmalig durchgeführt. Sie wird bei passenden Gelegenheiten erneut inszeniert, etwa bei Vereinsaufnahmen, Familienfeiern oder touristischen Veranstaltungen. Durch diese Wiederholung entsteht Erwartungssicherheit.
6.2 Symbolische Überhöhung
Nach Bell unterscheiden sich ritualisierte Handlungen vom Alltag durch ihre besondere Symbolisierung.
Auch die Elwedritschjagd verwendet Gegenstände, die über ihre praktische Funktion hinausweisen. Laterne, Sack oder Stock dienen nicht in erster Linie als Jagdausrüstung; sie markieren den außergewöhnlichen Charakter der Situation.
Die Handlung wird dadurch als etwas Besonderes erkennbar.
6.3 Performativität
Bell betont die performative Dimension von Ritualen. Rituale stellen soziale Wirklichkeit nicht lediglich dar; sie erzeugen sie.
Die Elwedritschjagd illustriert diesen Gedanken in exemplarischer Weise.
Durch das gemeinsame Spielen entsteht tatsächlich eine neue soziale Beziehung. Der Status des Neulings verändert sich nicht aufgrund eines formalen Aktes, sondern weil alle Beteiligten ihn gemeinsam als aufgenommenes Mitglied behandeln.
Die Handlung schafft somit jene soziale Wirklichkeit, die sie zugleich symbolisiert.
6.4 Tradierung
Rituale überdauern Generationen, weil sie weitergegeben werden.
Bei der Elwedritschjagd erfolgt diese Tradierung nicht primär schriftlich, sondern performativ. Jede Generation lernt das Ritual, indem sie zunächst selbst daran teilnimmt und es anschließend an andere weitergibt.
Diese Form der kulturellen Weitergabe entspricht zugleich der Dual Inheritance Theory, nach der kulturelle Traditionen durch soziales Lernen stabilisiert werden. Die Elwedritschjagd wird nicht wegen ihres historischen Ursprungs bewahrt, sondern weil sie in jeder Generation erneut ihre soziale Integrationsfunktion erfüllt.
Damit ergänzen sich Bell und Collins in idealer Weise. Während Collins erklärt, welche sozialen Wirkungen erfolgreiche Rituale hervorbringen, beschreibt Bell die Prozesse, durch die Handlungen überhaupt ritualisiert und dauerhaft tradiert werden. Die Elwedritschjagd erscheint aus dieser Perspektive weder als bloßer Scherz noch als bloßes Überbleibsel früherer Volksvorstellungen, sondern als ein kontinuierlich reproduziertes soziales Handlungsmuster, dessen kulturelle Stabilität auf seiner hohen Integrationsleistung beruht.
7. Die Erweiterung des kognitiv-evolutionären Ansatzes – Vom HADD-CCT-BVT-Modell zum HADD-CCT-BVT-IRC-Modell
7.1 Ausgangspunkt: Das bisherige kognitiv-evolutionäre Modell
Die bisher entwickelte kognitiv-evolutionäre Erklärung der Elwedritsch basiert auf einer Integration mehrerer psychologischer und kulturwissenschaftlicher Theorien innerhalb der Dual Inheritance Theory (DIT). DIT bildet dabei den übergeordneten evolutionären Rahmen, in dem sich genetisch verankerte kognitive Dispositionen und kulturelle Traditionsprozesse gegenseitig beeinflussen (Boyd & Richerson 1985; Henrich 2016).
Innerhalb dieses Rahmens wurde bislang ein dreistufiges Erklärungsmodell verwendet:
HADD → CCT → BVT
Die einzelnen Komponenten erfüllen unterschiedliche Funktionen.
Der Hyperactive Agency Detection Device (HADD) erklärt die Tendenz des Menschen, in mehrdeutigen Situationen handelnde Akteure wahrzunehmen (Barrett, 2004). Dunkelheit, ungewohnte Geräusche, Schlafparalyse oder andere schwer erklärbare Erfahrungen können dadurch als Wirken verborgener Wesen interpretiert werden.
Die Compensatory Control Theory (CCT) beschreibt den nächsten Schritt. Wahrgenommene Unsicherheit wird durch symbolische Erklärungen, Rituale oder kulturelle Ordnungssysteme reduziert (Kay et al. 2009). Aus zunächst unbestimmten Erfahrungen entstehen kulturell geteilte Vorstellungen über Dämonen, Geister oder andere übernatürliche Wesen.
Die Benign Violation Theory (BVT) schließlich erklärt die kulturelle Transformation ehemals bedrohlicher Vorstellungen. Sobald eine Verletzung alltäglicher Erwartungen als ungefährlich erlebt wird, kann aus Angst Humor entstehen (McGraw & Warren, 2010). Die Elwedritsch erscheint dadurch nicht mehr primär als dämonische Gestalt, sondern als Gegenstand spielerischer Interaktion.
Dieses Modell erklärt überzeugend den Übergang von einer möglichen übernatürlichen Deutung hin zu einer humoristischen Figur. Es beantwortet jedoch noch nicht die Frage, warum sich gerade die Elwedritschjagd bis heute mit bemerkenswerter Stabilität erhalten konnte.
7.2 Die theoretische Lücke
Die bisherigen Modellkomponenten beschreiben vor allem Wahrnehmung, Interpretation und emotionale Neubewertung.
Sie erklären,
- wie eine Figur entstehen kann,
- warum sie ihren Schrecken verliert,
- weshalb sie als komisch erlebt wird.
Nicht erklärt wird dagegen,
- warum Menschen die Elwedritschjagd immer wieder durchführen,
- weshalb der Brauch über Generationen weitergegeben wird,
- warum er soziale Identität stiftet,
- weshalb gerade die Jagd – und nicht nur die Figur – kulturell stabil bleibt.
Diese Fragen betreffen nicht mehr primär Kognition oder Emotion, sondern die Dynamik sozialer Interaktion.
An dieser Stelle setzt die Ritualtheorie Randall Collins‘ an.
7.3 Die Erweiterung um die Interaction Ritual Chains
Die Einbeziehung von Collins erweitert das bisherige Modell um eine vierte Stufe.
Es ergibt sich folgende Prozessstruktur:
HADD → CCT → BVT → IRC
Innerhalb der übergeordneten Dual Inheritance Theory lässt sich diese Erweiterung folgendermaßen interpretieren:
- HADD erklärt die spontane Zuschreibung von Handlungsmacht an verborgene Akteure.
- CCT erklärt die kulturelle Stabilisierung entsprechender Deutungen durch symbolische Ordnung und Abwehrmaßnahmen gegen Dämonen (Symbole, Riten, Bannsprüche).
- BVT erklärt die humoristische Entschärfung ehemals bedrohlicher Vorstellungen.
- IRC (Interaction Ritual Chains) erklärt schließlich die soziale Reproduktion dieser nun humoristischen Tradition durch wiederkehrende Interaktionsrituale.
Der entscheidende theoretische Fortschritt besteht darin, dass die kulturelle Evolution nicht mit der Entstehung des Humors endet. Vielmehr wird der Humor selbst Ausgangspunkt neuer sozialer Funktionen. Die Elwedritsch ist nun nicht mehr nur Objekt einer Erzählung, sondern Mittelpunkt eines Rituals, das emotionale Energie erzeugt und soziale Bindungen erneuert.
Das Modell entwickelt sich damit von einer Erklärung der Vorstellung zu einer Erklärung der Praxis.
7.4 Das erweiterte HADD-CCT-BVT-IRC-Modell
Im Rahmen dieses Beitrags wird deshalb eine Erweiterung des bisherigen Modells vorgeschlagen, die als HADD-CCT-BVT-IRC-Modell bezeichnet werden kann.
Die Abfolge beschreibt vier aufeinander aufbauende Ebenen kultureller Evolution:
- Kognitive Generierung übernatürlicher Akteure (HADD),
- kulturelle Ordnung und Sinngebung (CCT),
- humoristische Transformation (BVT),
- rituelle Reproduktion sozialer Kohäsion (IRC).
Die Dual Inheritance Theory bildet weiterhin den übergeordneten theoretischen Rahmen. Sie erklärt, warum kulturell erfolgreiche Handlungsmuster – insbesondere solche mit hohem sozialem Integrationswert – bevorzugt tradiert werden.
Die Erweiterung verändert somit nicht die Grundstruktur des bisherigen Modells, sondern ergänzt dessen bislang fehlende soziale Dimension.
8. Das HADD-CCT-BVT-IRC-Modell als integratives Erklärungsmodell der Elwedritsch
8.1 Vier Evolutionsstufen einer kulturellen Tradition
Das erweiterte Modell erlaubt erstmals eine durchgehende Erklärung der Entwicklung der Elwedritsch – von ihren möglichen kognitiven Voraussetzungen bis zu ihrer heutigen Funktion als regionales Gemeinschaftsritual.
Die einzelnen Komponenten beantworten unterschiedliche wissenschaftliche Fragestellungen:
| Modellbaustein | Leitfrage | Funktion |
| HADD | Warum werden überhaupt verborgene Wesen angenommen? | Kognitive Entstehung |
| CCT | Warum werden diese Vorstellungen kulturell stabil? | Symbolische Ordnung und Abwehrmaßnahmen (Symbole, Riten, Bannsprüche) |
| BVT | Warum verlieren sie ihren Schrecken? | Humoristische Transformation |
| IRC | Warum bleiben sie gesellschaftlich lebendig? | Ritualisierte soziale Reproduktion |
Diese vier Ebenen ergänzen sich gegenseitig.
Keine der Theorien allein kann die kulturelle Entwicklung der Elwedritsch vollständig erklären. Erst ihre Kombination ermöglicht eine durchgängige Rekonstruktion des gesamten Transformationsprozesses.
8.2 Von der Dämonenvorstellung zum Interaktionsritual
Aus evolutionskultureller Perspektive lässt sich der Wandel schematisch beschreiben:
Ungewöhnliche Erfahrungen können zunächst als Wirken unsichtbarer Akteure interpretiert werden.
Kulturelle Traditionen verleihen diesen Erfahrungen Namen, Eigenschaften und Erzählformen.
Mit wachsender gesellschaftlicher Distanz verliert die Figur ihre bedrohliche Funktion und wird zunehmend humoristisch verarbeitet.
Schließlich entwickelt sich um die Figur ein Ritual, dessen eigentliche Funktion nicht mehr in der Erklärung der Welt liegt, sondern in der Herstellung sozialer Gemeinschaft.
Die Elwedritsch ist damit nicht verschwunden.
Sie hat ihre Funktion verändert.
Während sie möglicherweise ursprünglich der Deutung außergewöhnlicher Erfahrungen diente, fungiert sie heute vor allem als kultureller Auslöser erfolgreicher Interaktionsrituale.
8.3 Die Elwedritsch als kulturelles Attraktor-Symbol
Innerhalb der Dual Inheritance Theory lässt sich die Elwedritsch als kultureller Attraktor verstehen.
Nicht ihre historische Herkunft entscheidet über ihre Tradierung, sondern ihre soziale Leistungsfähigkeit.
Das Ritual erzeugt:
- emotionale Energie,
- Gruppensolidarität,
- regionale Identität,
- Erinnerungen,
- Erzähltraditionen,
- erneute Durchführung.
Dadurch entsteht ein selbstverstärkender Prozess kultureller Stabilisierung.
Die Elwedritschjagd wird nicht tradiert, weil sie alt ist.
Sie bleibt erhalten, weil sie sozial erfolgreich ist.
Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der Erklärung von der historischen Kontinuität zur funktionalen Persistenz.
9. Diskussion und theoretische Einordnung der Modellweiterentwicklung
9.1 Ein erweitertes Modell der kulturellen Evolution
Die Einbeziehung der Interaction Ritual Chains stellt keine Abkehr vom bisherigen kognitiv-evolutionären Ansatz dar, sondern dessen konsequente Weiterentwicklung.
Während das HADD-CCT-BVT-Modell vor allem die Genese und Transformation der Elwedritschvorstellung beschreibt, erweitert das HADD-CCT-BVT-IRC-Modell den Erklärungsrahmen um die Frage ihrer langfristigen sozialen Reproduktion.
Damit werden erstmals vier analytische Ebenen miteinander verbunden:
- Kognition,
- Kompensation,
- Humor,
- Ritual.
Diese Ebenen bilden keine konkurrierenden Erklärungen, sondern beschreiben aufeinander folgende Prozesse innerhalb derselben kulturellen Entwicklung.
9.2 Anschlussfähigkeit an die Ritualforschung
Die Erweiterung verbindet zwei Forschungsfelder, die bislang weitgehend getrennt behandelt wurden.
Die kognitionswissenschaftliche Religionsforschung untersucht vor allem die Entstehung übernatürlicher Vorstellungen.
Die Ritualforschung fragt nach den sozialen Wirkungen gemeinsamer Handlungen.
Das HADD-CCT-BVT-IRC-Modell schlägt vor, beide Perspektiven als komplementäre Bestandteile eines gemeinsamen Erklärungsrahmens zu verstehen.
Dadurch wird deutlich, dass kulturelle Evolution nicht mit der Entstehung einer Vorstellung endet. Entscheidend ist vielmehr, welche sozialen Praktiken sich um diese Vorstellung entwickeln und welche Integrationsleistungen sie langfristig erbringen.
9.3 Perspektiven für die vergleichende Brauchforschung
Die vorgeschlagene Erweiterung besitzt über die Elwedritsch hinaus heuristischen Wert. Sie legt die Hypothese nahe, dass auch andere humoristische Brauchformen nach einem vergleichbaren Entwicklungspfad untersucht werden können: von kognitiven Dispositionen über symbolische Ordnung und humoristische Transformation bis hin zu ritualisierten Interaktionsketten.
Dies eröffnet neue Möglichkeiten für die vergleichende Analyse regionaler Fabelwesen, Initiationsbräuche und humoristischer Traditionen. Das HADD-CCT-BVT-IRC-Modell versteht sich daher nicht nur als Erklärung eines einzelnen pfälzischen Brauchs, sondern als theoretisches Angebot für die kulturwissenschaftliche Untersuchung der Transformation übernatürlicher Vorstellungen in soziale Rituale.
Aus dieser Perspektive markiert die Einbeziehung der Interaction Ritual Chains nicht lediglich eine Ergänzung des bisherigen Modells, sondern den Schritt zu einem umfassenderen Erklärungsansatz, der Wahrnehmung, Sinnbildung, Humor und soziale Praxis innerhalb eines gemeinsamen evolutionskulturellen Rahmens zusammenführt.
10. Kritische Würdigung und Grenzen des HADD-CCT-BVT-IRC-Modells
Jedes theoretische Modell stellt eine Vereinfachung komplexer kultureller Prozesse dar. Dies gilt auch für das hier entwickelte HADD-CCT-BVT-IRC-Modell.
11.1 Keine lineare historische Rekonstruktion
Das Modell behauptet ausdrücklich keine historisch nachweisbare lineare Entwicklung.
Es beschreibt vielmehr funktionale Evolutionsstufen.
Ob jede einzelne Elwedritschtradition tatsächlich sämtliche Phasen historisch durchlaufen hat, lässt sich quellenmäßig häufig nicht entscheiden.
Die Stärke des Modells liegt daher nicht in einer lückenlosen historischen Rekonstruktion, sondern in seiner hohen Erklärungskraft für beobachtbare kulturelle Phänomene.
11.2 Funktion statt Genealogie
Das Modell unterscheidet sich grundlegend von genealogischen Kontinuitätsmodellen.
Es fragt nicht in erster Linie,woher einzelne Motive stammen, sondern warum sie kulturell erfolgreich bleiben.
Damit verschiebt sich der Fokus von der historischen Abstammung zur funktionalen Persistenz.
11.3 Integration statt Konkurrenz der Theorien
Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass die einzelnen Theoriebausteine unterschiedliche Erklärungsebenen behandeln.
- HADD erklärt Wahrnehmung.
- CCT erklärt symbolische Ordnung.
- BVT erklärt Humor.
- IRC erklärt soziale Reproduktion.
- DIT erklärt kulturelle Selektion.
Die Theorien konkurrieren daher nicht miteinander, sondern ergänzen sich.
Gerade diese Mehr-Ebenen-Integration unterscheidet das Modell von monokausalen Erklärungsansätzen.
11.4 Forschungsbedarf
Die theoretische Plausibilität des Modells sollte künftig durch empirische Untersuchungen ergänzt werden.
Besonders geeignet erscheinen:
- ethnographische Beobachtungen aktueller Elwedritschjagden,
- Interviews mit Teilnehmern,
- emotionspsychologische Untersuchungen,
- sozialpsychologische Analysen regionaler Identitätsbildung,
- internationale Vergleichsstudien humoristischer Initiationsrituale.
Solche Arbeiten könnten einzelne Modellbausteine weiter präzisieren und ihre Reichweite überprüfen.
12. Schlussfolgerungen
Die ritualtheoretische Analyse der Elwedritschjagd führt zu einem grundlegenden Perspektivwechsel.
Während ältere Untersuchungen überwiegend nach der historischen Herkunft der Elwedritsch fragten, richtet sich der Blick hier auf ihre gegenwärtige soziale Funktion.
Die Anwendung der Theorie Randall Collins‘ zeigt, dass die Elwedritschjagd sämtliche Merkmale erfolgreicher Interaktionsrituale erfüllt. Körperliche Ko-Präsenz, symbolische Grenzziehung, gemeinsamer Aufmerksamkeitsfokus und emotionale Synchronisation erzeugen emotionale Energie, Gruppensolidarität und regionale Identität. Der eigentliche Erfolg der Jagd liegt somit nicht im Fang eines Fabelwesens, sondern in der wiederholten Herstellung sozialer Kohäsion.
Darüber hinaus wurde das bisherige kognitiv-evolutionäre Modell weiterentwickelt.
Während das bisherige HADD-CCT-BVT-Modell die Entstehung und humoristische Transformation der Elwedritschvorstellung erklärte, ergänzt die Einbeziehung der Interaction Ritual Chains den bislang fehlenden Schritt ihrer sozialen Verstetigung.
Mit dem vorgeschlagenen erweiterten HADD-CCT-BVT-IRC-Modell innerhalb der Dual Inheritance Theory entsteht damit ein integrativer Erklärungsrahmen, der erstmals vier Ebenen kultureller Evolution miteinander verbindet:
- die kognitive Entstehung übernatürlicher Akteure,
- ihre kulturelle Ordnung,
- ihre humoristische Transformation,
- ihre ritualisierte soziale Reproduktion.
Die Elwedritsch erscheint aus dieser Perspektive weder ausschließlich als Relikt früherer Dämonenvorstellungen noch lediglich als humoristische Kuriosität. Sie ist vielmehr ein kulturelles Symbol, dessen Bedeutung sich aus seiner Fähigkeit ergibt, immer wieder erfolgreiche Interaktionsrituale hervorzubringen.
Damit besitzt das HADD-CCT-BVT-IRC-Modell über den konkreten Fall der Elwedritsch hinaus allgemeine Bedeutung für die kulturwissenschaftliche Erforschung humoristischer Brauchformen. Es verbindet Erkenntnisse der Kognitionswissenschaft, Evolutionspsychologie, Humorforschung und Ritualsoziologie zu einem gemeinsamen theoretischen Rahmen und eröffnet neue Perspektiven für die vergleichende Analyse regionaler Fabelwesen und ihrer sozialen Funktionen.
Die Elwedritschjagd erscheint damit nicht als folkloristisches Kuriosum am Rand der Volkskunde, sondern als Beispiel für einen grundlegenden Mechanismus kultureller Evolution: Vorstellungen verändern ihre Funktionen, werden in neue soziale Kontexte eingebettet und bleiben gerade deshalb über Generationen hinweg lebendig. In diesem Sinne markiert die Erweiterung zum HADD-CCT-BVT-IRC-Modell einen Schritt von einer Theorie der Entstehung kultureller Vorstellungen zu einer Theorie ihrer dauerhaften sozialen Wirksamkeit.
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