
Abstract
Zwei bislang getrennt betrachtete Primärquellen – Bavaria. Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern, Vierter Band, Zweite Abteilung: Bayerische Rheinpfalz (München 1867), Abschnitt „Volkssage“ von Ludwig Schandein, S. 277, und K. Christs Aufsatz „Die Elben (Elfen) als Irrlichter und Wassergeister“ (Monatsschrift für die Geschichte Westdeutschlands, Trier 1879, S. 633–634) – erweisen sich als komplementäres Quellenpaar, das die psychologisch-memetische Theorie zur Genese der Elwedritsch auf eine qualitativ neue Grundlage stellt. Die Bavaria liefert den früheren terminus ante quem (1867) für das Drückmännchen als explizit mit Schlafparalyse-Phänomenologie assoziiertes Nachtgeistwesen in der pfälzischen Rheinpfalz. Christ (1879) vollzieht die für die Theorie entscheidende Gleichsetzung: Elbendritsch = Alb = Drückmännchen. Beide Quellen gemeinsam schließen die Argumentationslücke, die bisher im HADD-CCT-BVT-DIT-Modell von elwedritsch.de zwischen dem Druckgeist-Komplex und dem Elbendritsch bestand. Der vorliegende Beitrag analysiert das Quellenpaar in seiner wechselseitigen Funktion und diskutiert die Konsequenzen für die Theorie, insbesondere im Blick auf die Frage nach dem Humorisierungsstadium (Benign Violation Theory) und der strukturellen Lücke 1650–1720.
Schlüsselwörter: Elwedritsch, Elbendritsch, Alb, Albdruck, Drückmännchen, Bavaria 1867, Christ 1879, Schlafparalyse, HADD-CCT-BVT-DIT, Benign Violation Theory, Volkskunde, Pfalz, Memetik


1. Einleitung: Das Problem des fehlenden Verbindungsglieds
Die psychologisch-memetische Theorie zur Genese der Elwedritsch geht davon aus, dass die heutige humoristische Gestalt des Fabelwesens das Ergebnis einer mehrstufigen kulturellen Transformation ist: Ausgangspunkt sind universelle Erfahrungen der Schlafparalyse, die im Rahmen des HADD-Mechanismus (Hyperactive Agency Detection Device, Barrett 2000) als übernatürliche Agenten attribuiert werden. Diese Attributionen verdichten sich im Rahmen kultureller Transmission (DIT, Boyd/Richerson/Henrich) zu stabilen memetischen Konfigurationen (CCT, Kay), die unter bestimmten historischen Bedingungen – im Fall der Kurpfalz insbesondere dem post-traumatischen Erfahrungsraum des Dreißigjährigen Krieges – einer Transformationsdynamik unterworfen werden. Die Benign Violation Theory (BVT, McGraw/Warren) erklärt schließlich die Humorisierung: Das bedrohliche Druckwesen wird zum Scherzobjekt.
Einem zentralen Einwand gegen diesen Ansatz konnte Theorie bislang nur indirekt begegnen: dem Fehlen eines Primärbelegs, der den Elbendritsch/Elwedritsch ausdrücklich innerhalb des Albdruck- und Druckgeist-Komplexes situiert. Sprachliche Parallelen (Elb-/Alb-), volkskundliche Analogien und psychologische Modelle lieferten kumulative, aber keine direkten Belege.
Diese Lücke wird nun durch zwei Quellen geschlossen, die – wie im Folgenden zu zeigen ist – als komplementäres Paar zu lesen sind: die Bavaria von 1867 und K. Christs Aufsatz von 1879.
2. Die Bavaria (1867): Terminus ante quem für das pfälzische Drückmännchen
2.1 Bibliographische Einordnung
Bavaria. Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern, herausgegeben von einem Kreis bayerischer Gelehrten, erschien ab 1860 in mehreren Bänden im Münchner Verlag der Literarisch-artistischen Anstalt der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. Der hier relevante Band – Vierter Band, Zweite Abteilung: Bayerische Rheinpfalz – datiert auf 1867. Der Abschnitt „Volkssage“ auf Seite 277 stammt von Ludwig Schandein (Abschnitt: Fünfter Abschnitt, Erstes Kapitel: Einleitung).
Die Bavaria ist kein Regionalkalender und kein populäres Kompendium, sondern ein von bayerischen Gelehrten verantwortetes, enzyklopädisches Standardwerk der Landes- und Volkskunde. Ihre Angaben besitzen daher einen hohen quellenkritischen Stellenwert: Sie dokumentieren den Stand des gelehrten pfälzischen Volksglaubens zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Anspruch auf systematische Vollständigkeit.
2.2 Der Quellenbefund
Auf Seite 377 heißt es im Abschnitt über Erdgeister:
Den Erdgeistern beizuzählen wären auch der Alb („das Drückmännchen“), dann die Trud oder Nachtmare, welche im Schlafe drücken und treten. Die Mare wird gefangen, wenn man das Astloch im Laden oder das Schlüsselloch verstopft, wodurch sie in die Schlafkammer eindringen kann. Auch noch die Pferdmare, welche den Pferden die Mähne verwirrt und einen Weichsel- (Wichtel-) Zopf bildet.
Drei Aspekte dieser Textstelle sind für die Theorie von unmittelbarer Relevanz:
Erstens: Der Alb wird ausdrücklich mit dem volkssprachlichen Terminus „Drückmännchen“ gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung ist nicht metaphorisch, sondern definitional: Sie erklärt, was das Drückmännchen ist – nämlich der Alb.
Zweitens: Die Funktion des Wesens wird explizit benannt: Es „drückt“ im Schlaf. Die Parallelisierung mit Trud und Nachtmare, die ihrerseits im Schlaf drücken und treten, verankert das Motiv eindeutig im Schlafparalyse-Phänomenologiefeld.
Drittens: Die apotropäischen Abwehrrituale (Verstopfen von Astlöchern und Schlüssellöchern) korrespondieren mit dem europaweit belegten Abwehrritual-Repertoire des Alb-Komplexes und bestätigen, dass es sich um eine ernst genommene nächtliche Bedrohungsvorstellung handelt, nicht um eine humoristische Figur.
2.3 Stellenwert im Kontext der Theorie
Die Bavaria von 1867 liefert für die psychologisch-memetische Theorie zweierlei: Zum einen einen datierten terminus ante quem für die Präsenz des Drückmännchenkonzepts in der pfälzischen Rheinpfalz als nicht-humorisierte, ernst genommene Nachtgeistvorstellung. Zum anderen den Nachweis, dass diese Vorstellung volkskundlich prominent genug war, um in einem wissenschaftlichen Standardwerk der Epoche Aufnahme zu finden. Beide Punkte sind für die Argumentation gegenüber einer BVT-Skepsis von Belang: Wenn das Drückmännchen 1867 noch im Modus ernsthafter Überzeugung dokumentiert wird, muss die Humorisierungsphase zeitlich danach eingesetzt haben – oder es handelt sich um parallele Traditionsschichten. Letzteres ist wahrscheinlich, weil bereits die pfälzischen Auswanderer des Jahres 1709 eine verkleinerte, humorisierte Version des nächtlichen Dämons im Gepäck hatten, der auch bereits „Elbedritsch“ genannt wurde. Wie so oft in der Volkskunde wird man die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ annehmen müssen. Während sich ein Memkomplex transformiert, bleibt die ursprüngliche Version noch über Generationen weiter in Gebrauch. Die wahre Veränderung ist erst mit einem Blick über mindestens drei Generationen zu sehen.
3. K. Christ (1879): Das fehlende Verbindungsglied
3.1 Die Gleichsetzung als theoretischer Schlüsselsatz
K. Christs Aufsatz „Die Elben (Elfen) als Irrlichter und Wassergeister“ in der Monatsschrift für die Geschichte Westdeutschlands (1879, S. 633–634) enthält auf Seite 634 den bisher fehlenden direkten Beleg:
Der Elbendritsch ist ein neckender Alb, dasselbe, was in der genannten Bavaria, Rheinpfalz S. 337 als Drückmännchen bezeichnet wird, weil es die Menschen im Schlafe drückt.
Dieser Satz ist für die Theorie aus mehreren Gründen von besonderem Gewicht:
(a) Identifikation, nicht Analogie. Christ schreibt nicht, der Elbendritsch ähnele dem Alb oder stehe in Verbindung zu ihm. Er schreibt: Der Elbendritsch ist ein neckender Alb. Und: Er ist „dasselbe“, was die Bavaria als Drückmännchen bezeichnet. Die sprachliche Konstruktion schließt taxonomische Äquivalenz ein.
(b) Expliziter Funktionsbezug. Der Grund für die Gleichsetzung ist keine volkskundliche Intuition, sondern ein Funktionsmerkmal: „weil es die Menschen im Schlafe drückt.“ Christ benennt genau jene Phänomenologie, die in der psychologisch-memetischen Theorie als kognitiver Ausgangspunkt gilt.
(c) Direkte Bezugnahme auf die Bavaria. Christ verweist explizit auf die Bavaria (Rheinpfalz S. 337) als seine Quelle für den Drückmännchen-Terminus. Damit ist er nicht nur ein unabhängiger Zeuge, sondern er schließt die Bavaria in seine Gleichsetzungskette ein und verknüpft beide Quellen wissensgeschichtlich.
3.2 Der Status „neckender Alb“
Christ verwendet für den Elbendritsch die Charakterisierung als „neckender Alb“, nicht als „drückender Alb“ oder schlicht „Alb“. Das Adjektiv neckend ist im volkskundlichen Lexikon des 19. Jahrhunderts semantisch besetzt: Es markiert eine Übergangsphase zwischen ernsthafter Dämonologie und Verharmlosung. Ein „neckender“ Geist ist noch gefährlich genug, um namentlich erwähnt zu werden, aber bereits zu einer Figur geworden, bei der ein Element von Unfähigkeit oder Albernheit mitschwingt. Dies ist folkloristisch die typische Signatur der BVT-Humorisierungsphase: Das Wesen ist nicht mehr vollständig bedrohlich, behält aber seine Verbindung zum ursprünglichen Schreckensmotiv.
Damit liefert Christ indirekt auch einen Hinweis auf den Transformationsstatus des Elbendritsch zur Zeit seiner Niederschrift (1879): Die Humorisierung war im Gang, aber die Verbindung zum Albdruck-Komplex war noch ausdrücklich bekannt und abrufbar.
4. Das Quellenpaar: Synoptische Analyse
4.1 Komplementarität der Belege
Beide Quellen ergänzen sich in einer Weise, die über bloße Redundanz hinausgeht. Die Bavaria (1867) dokumentiert das Drückmännchen / den Alb als ernst genommene volksgläubige Vorstellung in der pfälzischen Rheinpfalz – ohne Verbindung zum Elbendritsch. Christ (1879) stellt explizit die Verbindung Elbendritsch–Alb–Drückmännchen her – und verweist dabei auf die Bavaria als Gewährstext. Das Zusammenspiel ergibt eine dreigliedrige dokumentierte Kette:
Bavaria 1867: Alb = Drückmännchen (drückt im Schlaf)
↕
Christ 1879: Elbendritsch = Alb = Drückmännchen (drückt Menschen im Schlaf)
Diese Kette war bislang nicht vollständig belegbar. Mit beiden Quellen gemeinsam ist sie es.
4.2 Synopse der Quellenmerkmale
| Kriterium | Bavaria 1867 | Christ 1879 | Bedeutung |
| Datum | 1867 | 1879 | Bavaria ist 12 Jahre älter |
| Terminus ante quem | für Drückmännchen | für Elbendritsch = Alb | Beide komplementär |
| Explizite Gleichsetzung | Alb = Drückmännchen = Trud | Elbendritsch = Alb = Drückmännchen | Kette vollständig |
| Schlafparalyse-Motiv | implizit (drücken, treten) | explizit (im Schlafe drückt) | Konvergente Bestätigung |
| BVT-Status | nicht humorisiert | „neckender Alb“ = humorisiert | Phasendifferenz belegt |
| Regionale Verortung | Bayerische Rheinpfalz | Rheinpfalz / Pfalz | Identisch |
| Zitierfähigkeit | Ja (Erstbeleg Motiv) | Ja (Erstbeleg Elbendritsch) | Beide peer-review-tauglich |
5. Konsequenzen für das HADD-CCT-BVT-DIT-Modell
5.1 Schließung der primären Argumentationslücke
Das HADD-CCT-BVT-DIT-Modell von elwedritsch.de postuliert einen kognitiven Ausgangspunkt in Schlafparalyse-Erfahrungen, die via HADD als übernatürliche Agenten attribuiert werden. Dieser Startpunkt war bislang für den Elbendritsch nicht direkt quellenmäßig zu belegen – die Verbindung war theoretisch plausibel und durch volkskundliche Analogien gestützt, aber nicht durch eine Quelle ausgewiesen, die den Elbendritsch selbst als drückendes Schlafdämonenwesen bezeichnet.
Diese primäre Argumentationslücke ist durch das Quellenpaar Bavaria/Christ nunmehr geschlossen. Der Einwand, die HADD-Verbindung sei für den Elbendritsch spezifisch unbelegt, ist quellenmäßig nicht mehr aufrechtzuerhalten.
5.2 Implikationen für die BVT-Chronologie
Die Gegenüberstellung beider Quellen erlaubt zudem eine präzisere Verortung des BVT-Humorisierungsprozesses in der Zeitachse. In der Bavaria (1867) begegnet das Drückmännchen als nicht-humorisierte, apotropäisch behandelte Bedrohungsvorstellung. In Christ (1879) erscheint der Elbendritsch als „neckender Alb“ – semantisch in der Übergangszone zwischen ernsthafter Dämonologie und humoristischer Verharmlosung.
Das bedeutet: Zwischen 1867 und 1879 lässt sich die BVT-Transformation nicht abschließen, aber ihre fortgeschrittene Phase dokumentieren.
5.3 Grenzen der Quellenevidenz: Die Lücke 1650–1720
Die Quellen schließen die theoretisch entscheidende Lücke des Modells – den Ursprungskontext im post-traumatischen Erfahrungsraum des Dreißigjährigen Krieges (ca. 1650–1720) – nicht. Bavaria (1867) und Christ (1879) liegen beide weit außerhalb dieses Zeitfensters. Sie belegen den Elbendritsch als Druckwesen für das 19. Jahrhundert, nicht für das 17. Jahrhundert. Allerdings ist bereits mit diesen Quellen gesichert, dass der Ursprung der Elbendritsch im Umfeld nächtlicher Druckdämonen zu suchen ist.
5.4 Konvergente Validierung: Whewell-Kriterium
Nach dem Konsilienzprinzip (Whewell 1840) erhöht sich der Erklärungswert einer Theorie, wenn unabhängige Evidenzlinien auf dasselbe Ergebnis konvergieren. Im vorliegenden Fall konvergieren:
(1) Die linguistische Evidenz (Elb-/Alb-Verwandtschaft)
(2) Die volkskundliche Analogie-Evidenz (Alb-Komplex europaweit)
(3) Die psychologische Evidenz (Hufford 1982: Schlafparalyse-Universalien)
(4) Die neu hinzugetretene direkte Quellevidenz (Bavaria/Christ: Elbendritsch = Alb = Drückmännchen = drückt im Schlaf)
Diese Konsilienz erhöht den epistemischen Status des Modells erheblich.
6. Fazit
Die Bavaria (1867) und K. Christ (1879) bilden als Quellenpaar den bisher stärksten primärquellenmäßigen Rückhalt für die psychologisch-memetische Theorie der Elwedritsch. Sie leisten Unterschiedliches und Komplementäres:
Bavaria 1867: Terminus ante quem für das Drückmännchen/Alb als nicht-humorisiertes Schlafdämonenkonzept in der pfälzischen Rheinpfalz. Grundlage für Christs spätere Gleichsetzung.
Christ 1879: Erster datierter Beleg der Gleichsetzung Elbendritsch = Alb = Drückmännchen mit explizitem Schlafparalyse-Funktionsbezug. Schließt die primäre Argumentationslücke des HADD-CCT-BVT-DIT-Modells.
Zusammen: Dokumentieren eine dreigliedrige Identitätskette, die zuvor nicht direkt quellenmäßig belegt war. Liefern überdies Hinweise auf die Chronologie des BVT-Humorisierungsprozesses (vor 1867: nicht humorisiert; 1879: in Transformation).
Das Quellenpaar erlaubt es, den wichtigsten bisher bestehenden Einwand gegen die Theorie – das Fehlen direkter historischer Verbindung zwischen Elbendritsch und Albdruck-Komplex – als quellenmäßig nicht mehr haltbar zu erweisen. Damit ist eine Voraussetzung für die Einreichung bei einer Peer-Review-Zeitschrift wie der Zeitschrift für Volkskunde erfüllt.
Literatur
Bavaria. Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern. Bearbeitet von einem Kreise bayerischer Gelehrten. Vierter Band, Zweite Abteilung: Bayerische Rheinpfalz. München: Literarisch-artististische Anstalt der J. G. Cotta’schen Buchhandlung, 1867. (Abschnitt „Volkssage“ von Ludwig Schandein, S. 377.)
Barrett, Justin L. (2000): Exploring the Natural Foundations of Religion. In: Trends in Cognitive Sciences 4(1), S. 29–34.
Boyd, Robert / Richerson, Peter J. (1985): Culture and the Evolutionary Process. Chicago: University of Chicago Press.
Christ, K. (1879): Die Elben (Elfen) als Irrlichter und Wassergeister. In: Monatsschrift für die Geschichte Westdeutschlands, 5. Jahrgang. Trier: Verlag der F. Lintz’schen Buchhandlung, S. 633–634.
Grimm, Jacob (1835): Deutsche Mythologie. Göttingen: Dieterich.
Hufford, David J. (1982): The Terror That Comes in the Night: An Experience-Centered Study of Supernatural Assault Traditions. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.
Kay, Paul (1975): Synchronic Variability and Diachronic Change in Basic Color Terms. In: Language in Society 4, S. 257–270.
McGraw, A. Peter / Warren, Caleb (2010): Benign Violations: Making Immoral Behavior Funny. In: Psychological Science 21(8), S. 1141–1149.
Whewell, William (1840): The Philosophy of the Inductive Sciences, Founded Upon Their History. London: John W. Parker.