Von Michael Werner (Mainz)
Zusammenfassung
Übernatürliche Vorstellungen gehören zu den langlebigsten und zugleich wandelbarsten Elementen menschlicher Kultur. Dämonen, Nachtwesen, Geister, Hexen, Fabelwesen und andere übernatürliche Akteure treten in sehr unterschiedlichen Gesellschaften und historischen Epochen auf. Ihre konkrete Gestalt ist kulturell variabel; zugleich weisen zahlreiche Überlieferungen bemerkenswerte strukturelle Gemeinsamkeiten auf. Die Erklärung dieser Gemeinsamkeiten stellt eine zentrale interdisziplinäre Herausforderung dar: Ähnliche Vorstellungen können durch historische Transmission, Migration und kulturellen Kontakt entstehen, aber auch unter vergleichbaren kognitiven und sozialen Bedingungen unabhängig voneinander hervorgebracht werden. Hinzu kommen Prozesse der kulturellen Selektion, Ritualisierung, Humorisierung und funktionalen Transformation. Man kann sehen, dass sich schon jetzt auf der Seite „elwedritsch.de“ Vertreterinnen und Vertreter universitärer Einrichtungen bewegen, lesen und recherchieren. Es wäre schön, wenn Lehrstuhlinhaberinnern und -inhaber ihre Studierenden auf diesen Themenkomplex hinwiesen und zu Abschlussarbeiten und Promotionsvorhaben ermutigen würden. Um das Geheimnis übernatürlicher Nachtwesen abschließend wissenschaftlich zu bearbeiten, wird hier eine universitätsübergreifende interdisziplinäre Zusammenarbeit vorgeschlagen.
Ein mögliches Graduiertenkolleg mit Titel „Kulturelle Evolution übernatürlicher Vorstellungen. Kognition, Transmission, Ritual und Transformation von Nachtwesen“ untersucht die Themen dieser Website im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprogramms zur kulturellen Evolution übernatürlicher Vorstellungen. Die Elwedritsch dient dabei als zentraler europäischer Anker- und Testfall. Sie verbindet historische und dialektale Überlieferung, Beziehungen zum europäischen Komplex der Nachtwesen, Migrations- und Transferprozesse, eine ausgeprägte Ritualgeschichte und eine moderne Funktion als humoristische regionale Identifikationsfigur. Die Elwedritsch wird jedoch ausdrücklich nicht als ausschließlich regionaler Forschungsgegenstand behandelt. Vielmehr soll anhand ihrer Entwicklung eine allgemeinere Forschungsfrage untersucht werden: Wie entstehen übernatürliche Vorstellungen, wie werden sie kulturell stabilisiert und weitergegeben, und unter welchen Bedingungen verändern sie ihre Bedeutung und soziale Funktion? Das Forschungsprogramm verbindet historische Linguistik, Europäische Ethnologie und Kulturanthropologie, Kognitionswissenschaft und Psychologie, Cultural-Evolution-Forschung, Soziologie, Ritual- und Humorforschung, Migrationsgeschichte, Amerikanistik sowie digitale und quantitative Methoden. Acht miteinander verbundene Promotionsprojekte bilden den Kern des Programms. Sie untersuchen die kognitiven Voraussetzungen von Nachtwesen, historische Semantik und Überlieferung, kulturelle Konvergenz, die Transformation von Bedrohung in Humor, Ritualisierung, kulturelle Persistenz, den Wandel der Elwedritsch zur regionalen Identitätsfigur sowie transatlantische Kulturtransfers. Eine gemeinsame Dateninfrastruktur und ein auf die Forschungsfragen abgestimmtes Qualifizierungsprogramm gewährleisten die Integration der Projekte. Ziel ist nicht die Bestätigung einer vorab festgelegten Theorie, sondern die empirische Prüfung, Differenzierung und gegebenenfalls Revision der zugrunde liegenden Hypothesen. Das Jahr 2035 ist als Startpunkt bewusst gewählt. In diesem Jahr wird Jakob Grimms Werk „Deutsche Mythologie“ 200 Jahre alt. Es ist Zeit, diese Perspektive endgültig durch ein modernes Forschungsdesign für das 21. Jahrhundert zu ersetzen.
1. Wissenschaftlicher Ausgangspunkt
Die Forschung über Fabelwesen und übernatürliche Vorstellungen verfügt über eine lange Tradition. Historische Volkskunde, Europäische Ethnologie, Religionswissenschaft, Sprachwissenschaft und historische Kulturforschung haben eine große Zahl regionaler Überlieferungen dokumentiert und deren Verbreitung, Benennungen, historische Kontexte und soziale Funktionen untersucht. Eine systematische Verbindung dieser Forschung mit Kognitionswissenschaft, Cultural Evolution und quantitativen kulturvergleichenden Methoden ist dagegen bislang weniger etabliert.
Hier setzt das vorgeschlagene Forschungsprogramm an. Es geht von der Annahme aus, dass die Entstehung und Veränderung übernatürlicher Vorstellungen nicht auf eine einzige Erklärungsebene reduziert werden kann. Individuelle Wahrnehmungs- und Interpretationsprozesse, soziale Bedürfnisse, narrative Traditionen, historische Kontakte, Migration, kulturelle Transmission, Rituale und Veränderungen sozialer Funktionen können miteinander interagieren. Ein überzeugendes Erklärungsmodell muss deshalb verschiedene Ebenen miteinander verbinden und zugleich empirisch zwischen ihnen unterscheiden.
Die Elwedritsch stellt für eine solche Untersuchung einen besonders geeigneten Fall dar. Die heutige pfälzische Elwedritsch ist vor allem als humoristisches Fabelwesen und Gegenstand der Elwedritschenjagd bekannt. Ihre historische und sprachliche Überlieferung verweist jedoch auf ein komplexeres Beziehungsfeld von Nachtwesen, darunter Alb-, Alp-, Mahr- und Drude-Traditionen sowie verschiedene sprachliche Formen des Elbedritsch-Komplexes. Hinzu kommen Belege aus deutschen Migrationsräumen und eine ausgeprägte moderne Ritual- und Identitätsfunktion. Damit vereinigt die Elwedritsch in ungewöhnlicher Weise mehrere Forschungsdimensionen, die bei anderen Fabelwesen häufig nur getrennt untersucht werden können.
Gerade diese Mehrdimensionalität macht sie zu einem geeigneten Ankerfall für ein interdisziplinäres Forschungsprogramm. Das Ziel besteht nicht darin, die Geschichte der Elwedritsch isoliert zu rekonstruieren, sondern anhand dieses Falles allgemeine Mechanismen kultureller Evolution zu untersuchen.
2. Zentrale Forschungsfrage und Arbeitshypothesen
Die übergeordnete Forschungsfrage lautet: Wie entstehen übernatürliche Vorstellungen, wie werden sie kulturell tradiert und stabilisiert, und unter welchen Bedingungen verändern sie ihre Bedeutung und soziale Funktion?
Diese Frage wird in fünf miteinander verbundenen Arbeitshypothesen konkretisiert.
Erstens wird geprüft, ob außergewöhnliche nächtliche Erfahrungen, insbesondere Erfahrungen, die mit Schlafparalyse und wahrgenommener Präsenz verbunden sind, bestimmte wiederkehrende Merkmalsbündel historischer Nachtwesen erklären können. Zweitens wird untersucht, ob vergleichbare Merkmalskombinationen auch in kulturell und historisch unabhängigen Traditionen auftreten und damit Hinweise auf konvergente kulturelle Evolution liefern. Drittens wird geprüft, unter welchen Bedingungen ursprünglich bedrohliche oder ambivalente Vorstellungen humorisiert und in sozial akzeptierte Figuren transformiert werden. Viertens wird untersucht, ob Ritualisierung und wiederholte soziale Interaktion die kulturelle Persistenz übernatürlicher Vorstellungen erhöhen. Fünftens wird analysiert, wie sich die soziale Funktion einer übernatürlichen Figur verändert, wenn sie von einer möglichen Deutungsfigur außergewöhnlicher Erfahrungen zu einer Sage, Scherzfigur, Ritualfigur, regionalen Identitätsmarke oder modernen Medienfigur wird.
Diese Hypothesen sind ausdrücklich offen für alternative Ergebnisse. Das Forschungsprogramm ist deshalb nicht als Bestätigungsprogramm einer bereits feststehenden Theorie konzipiert. Ein zentrales Ziel besteht vielmehr darin, konkurrierende Erklärungen empirisch gegeneinander abzuwägen.
3. Theoretischer Rahmen
Als theoretischer Ausgangspunkt dient der kognitiv-evolutionäre Ansatz zur Erklärung übernatürlicher Vorstellungen. Er verbindet Ansätze der Agency Detection, der Verarbeitung von Kontrollverlust und Unsicherheit, der Humortheorie, der Ritualforschung und der Cultural Evolution. Die Dual Inheritance Theory beziehungsweise die breitere Forschung zur kulturellen Evolution bildet den übergeordneten Rahmen für Prozesse sozialer Transmission und kultureller Veränderung.
Innerhalb dieses Rahmens werden vier Mechanismen besonders untersucht: Agency Detection, Compensatory Control, Benign Violation und Interaction Ritual Chains. Diese Komponenten werden nicht als universelle lineare Abfolge verstanden. Vielmehr stellen sie unterschiedliche, empirisch zu prüfende Mechanismen dar. Ihre Bedeutung kann zwischen Kulturen, historischen Perioden und Typen übernatürlicher Vorstellungen variieren.
Die wissenschaftliche Innovation besteht daher nicht allein in der Kombination vorhandener Theorien. Entscheidend ist die Überführung dieser theoretischen Annahmen in überprüfbare Hypothesen und vergleichbare Daten. Damit soll eine Brücke zwischen historisch-hermeneutischer Forschung und empirisch-quantitativer Untersuchung geschaffen werden.
4. Forschungsprogramm und innere Kohärenz
Das Forschungsprogramm ist in drei miteinander verbundene Forschungsbereiche gegliedert: Entstehung, Transformation und kulturelle Persistenz.
Der erste Bereich untersucht die Entstehungsbedingungen übernatürlicher Vorstellungen. Hierzu gehören außergewöhnliche Erfahrungen, Agency Detection, historische Semantik und die Frage nach Konvergenz beziehungsweise kultureller Transmission. Der zweite Bereich untersucht die Transformation übernatürlicher Figuren. Im Mittelpunkt stehen Humorisierung, Ritualisierung und Veränderung sozialer Funktionen. Der dritte Bereich untersucht die langfristige kulturelle Stabilisierung und Weitergabe sowie die Rolle von Migration, Identität und modernen Medien.
Die einzelnen Promotionsprojekte sind deshalb nicht als zehn unabhängige Fallstudien angelegt. Jedes Projekt bearbeitet eine klar definierte Teilfrage des übergeordneten Forschungsproblems und erzeugt zugleich Daten oder theoretische Ergebnisse, die für andere Projekte relevant sind. Die Kognitionsforschung liefert beispielsweise Merkmalskategorien für die kulturvergleichende Datenbank. Die historische Linguistik überprüft historische Kontinuitäten, die für die Konvergenzanalyse entscheidend sind. Die Ritualforschung untersucht einen Mechanismus, der anschließend in Cultural-Transmission-Experimenten operationalisiert werden kann. Die Humorforschung liefert Messverfahren für die Untersuchung historischer Transformationen. Dadurch entsteht ein echter Verbundmehrwert.
5. Promotionsprojekte
Projekt 1: Nacht, Bewegungslosigkeit und Agentenwahrnehmung
Fachgebiet: Kognitionspsychologie / Cognitive Science / Psychologie
Das erste Projekt untersucht den Zusammenhang zwischen außergewöhnlichen nächtlichen Erfahrungen und der kulturellen Konstruktion übernatürlicher Akteure. Im Zentrum steht die Frage, ob Merkmale von Schlafparalyse und verwandten Erfahrungen in historischen Nachtwesen systematisch wiederkehren. Erfasst werden unter anderem wahrgenommene Präsenz, Bewegungsunfähigkeit, Druckgefühl, Atemnot, Angst, Berührung und intentional handelnde Akteure.
Methodisch sollen psychologische Untersuchungen mit einem historischen Merkmalskorpus verbunden werden. Das Projekt besitzt damit sowohl eine eigenständige empirische Fragestellung als auch eine direkte Schnittstelle zu den kulturvergleichenden Projekten.
Projekt 2: Der Alb, die Drude und die Elwedritsch
Fachgebiet: Historische Linguistik / Germanistische Sprachwissenschaft / Historische Semantik
Das zweite Projekt rekonstruiert die sprachliche und semantische Entwicklung des Komplexes aus Alb, Alp, Mahr, Drude, Trud, Elb, Elbedritsch und Elwetritsch. Es untersucht historische Kontinuitäten ebenso wie Bedeutungswandel, Sprachkontakt und regionale Differenzierung.
Das Projekt besitzt eine besondere Funktion für das Gesamtprogramm, weil es die historische Evidenzbasis für die Unterscheidung zwischen Transmission und Konvergenz bereitstellt. Es soll ausdrücklich verhindern, dass formale oder motivische Ähnlichkeiten vorschnell als historische Abstammung interpretiert werden.
Projekt 3: Konvergente Evolution von Nachtwesen
Fachgebiet: Cultural Evolution / Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie
Das dritte Projekt erstellt eine vergleichende Datenbank von Nachtwesen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Zunächst sollen etwa 20 bis 40 Fallbeispiele systematisch codiert werden. Erfasst werden Merkmale wie Nachtbezug, Präsenzwahrnehmung, Bewegungsunfähigkeit, Druckempfindungen, Tiergestalt, Bedrohlichkeit, Intentionalität, Humor, Ritualisierung und soziale Funktion. Mit kulturvergleichenden und gegebenenfalls kulturphylogenetischen Verfahren soll untersucht werden, ob bestimmte Merkmalskombinationen unabhängig voneinander entstehen. Historische Verwandtschaft und kultureller Kontakt werden dabei als alternative Erklärungen kontrolliert.
Projekt 4: Von der Bedrohung zum Witz
Fachgebiet: Psychologie / Sozialpsychologie / Humorforschung
Das vierte Projekt untersucht die Transformation bedrohlicher übernatürlicher Figuren in humoristische Gestalten. Experimentell soll geprüft werden, unter welchen Bedingungen ein übernatürliches Wesen gleichzeitig als ungewöhnlich, aber ungefährlich wahrgenommen wird und dadurch Humor entsteht.
Die Elwedritsch bietet hierfür einen besonders geeigneten Fall, weil ihre heutige humoristische Funktion deutlich ausgeprägt ist. Die Ergebnisse sollen anschließend mit historischen Transformationen verglichen werden.
Projekt 5: Die Elwedritschenjagd als Interaktionsritual
Fachgebiet: Soziologie / Ritualforschung / Mikrosoziologie
Das fünfte Projekt untersucht die Elwedritschenjagd als soziale Praxis. Analysiert werden gemeinsame Aufmerksamkeit, emotionale Synchronisierung, Rollen, symbolische Gegenstände, Wiederholung, Gruppenzugehörigkeit und kollektive Erinnerung.
Das Projekt soll klären, ob die Ritualisierung der Elwedritsch zur Stabilisierung ihrer kulturellen Bedeutung beiträgt. Historische und gegenwärtige Formen der Elwedritschenjagd werden miteinander verglichen.
Projekt 6: Warum überleben manche Fabelwesen?
Fachgebiet: Cultural Evolution / Evolutionsanthropologie / Computational Social Science
Das sechste Projekt untersucht kulturelle Persistenz. Es fragt, welche Eigenschaften übernatürlicher Vorstellungen ihre Weitergabe über mehrere Generationen begünstigen. Emotionale Intensität, narrative Einfachheit, Überraschung, Humor, Ritualisierung und soziale Funktion werden als mögliche Einflussgrößen untersucht.
Historische Korpusdaten sollen mit Cultural-Transmission-Experimenten verbunden werden. Dadurch kann geprüft werden, welche Merkmale unter kontrollierten Bedingungen besonders stabil weitergegeben werden.
Projekt 7: Vom Nachtgeist zum Identitätsmarker
Fachgebiet: Kulturwissenschaft / Europäische Ethnologie / Tourismus- und Regionalforschung
Das siebte Projekt untersucht die langfristige Transformation der sozialen Funktion der Elwedritsch. Es analysiert historische Quellen, Presse, Heimatliteratur, Vereinsmaterial, Tourismuskommunikation, Museen, Theater, Kinderliteratur und digitale Medien.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage, wann und wie sich die Elwedritsch von einer möglichen Deutungsfigur nächtlicher Erfahrungen zu einer humoristischen Figur, einem Ritualobjekt und schließlich einem regionalen Identitätsmarker entwickelt.
Projekt 8: Die Elwedritsch im transatlantischen Kulturtransfer
Fachgebiet: Amerikanistik / German-American Studies / Migrationsgeschichte
Das achte Projekt untersucht die Überlieferung der Elbedritsch beziehungsweise verwandter Formen in deutschen Migrationsräumen, insbesondere in Pennsylvania. Ergänzend können weitere Sprachinsel- und Migrationskontexte einbezogen werden.
Das Projekt untersucht, welche Veränderungen durch Migration, Sprachkontakt, kulturelle Isolation und Neuinterpretation entstehen und in welchem Verhältnis diese Prozesse zu europäischen Überlieferungen stehen.
6. Gemeinsame Dateninfrastruktur
Ein zentrales Ergebnis des Kollegs soll eine gemeinsame Forschungsdateninfrastruktur sein. Vorgeschlagen wird eine standardisierte Datenbank „Supernatural Beings Database“, die historische, linguistische, psychologische, soziale und ritualbezogene Merkmale übernatürlicher Wesen dokumentiert. Die Datenbank dient nicht lediglich der Ablage von Forschungsergebnissen. Sie bildet eine gemeinsame methodische Grundlage des Kollegs. Einheitliche Codierregeln, dokumentierte Quellen, Angaben zur Belegsicherheit und transparente Unsicherheitskategorien sollen gewährleisten, dass die Daten aus unterschiedlichen Disziplinen vergleichbar werden.
Das Datenmanagement wird von Beginn an als Bestandteil der Forschungsplanung konzipiert. Die Daten sollen, soweit rechtlich und quellenbedingt möglich, langfristig auffindbar, zugänglich und nachnutzbar gemacht werden. Für sensible oder urheberrechtlich geschützte Materialien werden geeignete Zugriffsstufen vorgesehen.
7. Arbeitsprogramm
Die erste Förderphase sollte fünf Jahre umfassen. In den ersten zwölf Monaten stehen gemeinsame Konzeptualisierung, Aufbau der Dateninfrastruktur, Operationalisierung der Variablen und Pilotstudien im Mittelpunkt. Parallel beginnen die Promotionsprojekte mit ihren jeweiligen Quellen- und Methodenvorbereitungen. Im zweiten und dritten Jahr werden die empirischen Hauptarbeiten durchgeführt. Die historische Linguistik und Kulturwissenschaft erschließen und codieren die Quellenbestände, während die psychologischen Projekte Experimente und Erhebungen durchführen. Parallel entsteht die kulturvergleichende Datenbank. Regelmäßige Verbundworkshops dienen dazu, die Ergebnisse projektübergreifend abzugleichen. Im vierten Jahr stehen vergleichende Analysen, Synthese und Publikationen im Vordergrund. Die Promovierenden sollen erste gemeinsame Veröffentlichungen und Datensätze vorlegen. Im fünften Jahr werden die Ergebnisse in einer übergreifenden Synthese zusammengeführt und die Grundlage für eine mögliche zweite Förderphase gelegt. Die einzelnen Promotionen sollen so geplant werden, dass die gemeinsame Infrastruktur und das Studienprogramm die Dissertationen unterstützen, ohne deren Bearbeitungszeit unnötig zu verlängern.
8. Qualifizierungs- und Betreuungskonzept
Die Qualifizierung ist unmittelbar aus dem Forschungsprogramm abzuleiten. Sie soll über die regulären Anforderungen der einzelnen Promotionsfächer hinausgehen und zugleich einen verbindlichen gemeinsamen wissenschaftlichen Raum schaffen. Das Studienprogramm umfasst daher eine Methodenschule, eine Theorieschule, eine Quellenwerkstatt, ein interdisziplinäres Forschungskolloquium, Workshops zu Forschungsdatenmanagement und guter wissenschaftlicher Praxis sowie Angebote zu wissenschaftlicher Kommunikation und beruflichen Perspektiven. Ein solches auf das Forschungsprogramm zugeschnittenes Studienprogramm entspricht der zentralen Funktion des Qualifizierungskonzepts und soll zugleich promotionsverlängernde Zusatzbelastungen vermeiden. Besondere Bedeutung erhält die Mehrfachbetreuung. Jede Promotion soll mindestens zwei fachlich komplementäre Betreuungsperspektiven erhalten. Eine Dissertation zur Elwedritschenjagd könnte beispielsweise durch eine soziologische und eine kulturwissenschaftliche Betreuung begleitet werden; die Arbeit zur Konvergenz von Nachtwesen durch Cultural Evolution und Europäische Ethnologie. Dadurch wird die Interdisziplinarität unmittelbar in der Betreuungspraxis verankert. Gleichzeitig muss die wissenschaftliche Eigenständigkeit der Promovierenden systematisch gefördert werden. Neben verbindlichen gemeinsamen Veranstaltungen sollen daher individuelle Forschungspläne, regelmäßige Entwicklungsgespräche, eigenständige Konferenzteilnahmen und eigene Publikationsprojekte vorgesehen werden.
9. Internationalisierung
Die Internationalisierung soll nicht lediglich über einzelne Gastvorträge erfolgen. Vorgesehen ist ein dauerhaftes internationales Netzwerk mit Forschungsgruppen aus Cognitive Science, Cultural Evolution, Anthropology, Folklore Studies, Religious Studies und German-American Studies.
Internationale Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler werden gezielt in das Studienprogramm integriert. Jährlich soll ein internationales Workshopformat stattfinden. Promovierende sollen Forschungsaufenthalte bei geeigneten Partnerinstitutionen durchführen können. Auf diese Weise wird Internationalisierung unmittelbar mit den Forschungsfragen des Kollegs verbunden. Die internationale Perspektive ist inhaltlich notwendig, weil die zentrale Hypothese der kulturellen Konvergenz nur durch kulturübergreifende Vergleiche angemessen geprüft werden kann.
10. Standort- und Verbundmehrwert
Das Forschungsprogramm ist seiner Anlage nach auf einen Verbund verschiedener Fachgebiete angewiesen. Keine einzelne Disziplin verfügt über die Methoden, um die Forschungsfrage vollständig zu bearbeiten. Die historische Linguistik kann Kontinuität und Bedeutungswandel rekonstruieren, aber keine psychologischen Mechanismen experimentell prüfen. Die Psychologie kann kognitive Prozesse untersuchen, aber keine jahrhundertealten Überlieferungsketten rekonstruieren. Cultural Evolution kann Transmission modellieren, benötigt dafür aber historisch und kulturwissenschaftlich valide Daten.
Der Mehrwert des Kollegs entsteht daher aus der systematischen Verbindung dieser Kompetenzen. Die Zusammenarbeit ist nicht additiv, sondern integrativ: Die einzelnen Projekte liefern Daten, Begriffe und Methoden füreinander. Genau darin liegt die besondere Eignung des Themas für ein strukturiertes Promotionsprogramm.
11. Wissenschaftliches Umfeld und Zusammensetzung der Forschungsgruppe
Für die Durchführung des Kollegs wird eine Gruppe von etwa acht beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorgeschlagen. Damit kann ein breites, aber noch kohärentes Kompetenzprofil abgedeckt werden. Die vorgesehenen Fachgebiete sind Europäische Ethnologie beziehungsweise Empirische Kulturwissenschaft, historische Linguistik, Kognitionspsychologie beziehungsweise Cognitive Science, Cultural Evolution beziehungsweise Evolutionsanthropologie, Soziologie und Ritualforschung, Humorforschung beziehungsweise Sozialpsychologie, Amerikanistik beziehungsweise Migrationsgeschichte sowie digitale oder quantitative Kulturforschung.
Eine solche Zusammensetzung entspricht zugleich der für ein Graduiertenkolleg vorgesehenen Größenordnung einer tragenden Wissenschaftlergruppe von fünf bis zehn Personen. Die Beteiligung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Karrierestufen soll ausdrücklich ermöglicht werden.
Für den Standort ist entscheidend, dass das Thema an vorhandene Forschungsschwerpunkte anschließt und zugleich einen erkennbaren neuen Verbund schafft. Vorhandene Projekte und Infrastrukturen sollen einbezogen, Doppelstrukturen jedoch vermieden werden. Ein wesentlicher Bestandteil der Vorbereitung wäre deshalb eine systematische Kartierung des vorhandenen wissenschaftlichen Umfelds.
12. Gleichstellung, Diversität und Vereinbarkeit
Die Auswahl der Promovierenden soll transparent, international offen und leistungsbezogen erfolgen. Das Kolleg soll geeignete Maßnahmen zur Förderung von Wissenschaftlerinnen, zur Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Arbeit und Familie sowie zur Unterstützung unterschiedlicher Karrierewege vorsehen. Auch inhaltlich ist Diversität für das Forschungsprogramm relevant. Die Untersuchung kultureller Vorstellungen darf nicht von einer einzelnen europäischen Perspektive ausgehen. Kulturvergleich und internationale Zusammenarbeit sind deshalb nicht nur Mittel zur Internationalisierung, sondern Bestandteil der wissenschaftlichen Fragestellung.
13. Karriereperspektiven
Die Qualifizierung soll die Promovierenden sowohl für akademische als auch für außerakademische Tätigkeitsfelder vorbereiten. Für wissenschaftliche Karrieren sind insbesondere interdisziplinäre Publikationserfahrung, internationale Netzwerke, Konferenzpraxis, Forschungsdatenmanagement, Drittmittelkompetenz und eigenständige Projektentwicklung relevant.
Außerhalb der Universität eröffnen sich Perspektiven unter anderem in Museen, Archiven, Kulturinstitutionen, Medien, Tourismus, kultureller Bildung, digitalen Wissensprojekten, wissenschaftsnahen Einrichtungen und Forschungsmanagement. Die Qualifizierungsangebote sollen deshalb neben wissenschaftlichen Methoden auch Wissenschaftskommunikation, Projektmanagement, digitale Methoden und den Umgang mit öffentlichen und kulturellen Institutionen umfassen.
14. Erwarteter Erkenntnisgewinn
Der zentrale Erkenntnisgewinn des Kollegs liegt in der empirischen Differenzierung verschiedener Mechanismen kultureller Veränderung. Das Forschungsprogramm soll klären, welche Merkmale übernatürlicher Vorstellungen möglicherweise auf wiederkehrende kognitive Bedingungen zurückgehen, welche durch historische Transmission erklärt werden können und welche durch soziale Interaktion, Ritualisierung, Humor oder kulturelle Selektion entstehen.
Damit wird eine häufig dichotomische Gegenüberstellung von „historischer Kontinuität“ und „unabhängiger Entstehung“ überwunden. Beide Prozesse können gleichzeitig wirksam sein. Eine kulturelle Tradition kann historische Vorläufer besitzen und dennoch neue Merkmale konvergent entwickeln. Sie kann durch Migration übertragen und anschließend in einem neuen sozialen Kontext transformiert werden. Sie kann ihre ursprüngliche Funktion verlieren und durch Ritualisierung eine neue Funktion erhalten. Die Elwedritsch bildet hierfür einen besonders geeigneten Fall. Ihre wissenschaftliche Bedeutung liegt gerade darin, dass sich an ihr historische Überlieferung, sprachlicher Wandel, kultureller Transfer, kognitive Erklärung, Ritualisierung, Humor und regionale Identitätsbildung miteinander untersuchen lassen.
15. Wissenschaftliche Risiken und alternative Strategien
Das Forschungsprogramm ist mit mehreren wissenschaftlichen Risiken verbunden. Die wichtigste Unsicherheit betrifft die Nachweisbarkeit konvergenter Muster. Sollten sich bei kulturvergleichenden Analysen keine signifikanten Gemeinsamkeiten ergeben, wäre dies kein Scheitern des Gesamtprogramms. Vielmehr würde dies die Konvergenzhypothese einschränken und die Bedeutung historischer Transmission stärker gewichten.
Ein zweites Risiko besteht darin, dass historische Quellen die für quantitative Analysen erforderliche Vergleichbarkeit nicht erreichen. Hier sollen mehrere Codierungsstufen und Unsicherheitskategorien verwendet werden. Ein drittes Risiko betrifft die Übertragbarkeit moderner psychologischer Befunde auf historische Gesellschaften. Die Projekte sollen deshalb strikt zwischen gegenwärtigen empirischen Befunden und historischen Interpretationen unterscheiden.
Diese Offenheit ist ein wesentlicher Bestandteil des Forschungsdesigns. Das Kolleg soll nicht darauf angelegt sein, eine bestimmte Theorie zu bestätigen, sondern wissenschaftlich belastbare Aussagen darüber zu ermöglichen, welche Erklärungsebenen durch welche Evidenz gestützt werden.
16. Perspektive einer zweiten Forschungsphase
Eine zweite Förderphase könnte auf der ersten empirischen Basis aufbauen und die Untersuchung auf weitere Klassen übernatürlicher Wesen ausweiten. Insbesondere könnten dann Feen, Kobolde, Hexen, Wasserwesen und Waldwesen einbezogen werden. Auch die digitale Transformation übernatürlicher Vorstellungen könnte stärker untersucht werden.
Der entscheidende Übergang bestünde damit von einer zunächst auf Nachtwesen konzentrierten Forschung zu einer allgemeineren Theorie kultureller Evolution übernatürlicher Vorstellungen. Die in der ersten Phase entwickelte Datenbank und Methodeninfrastruktur würde hierfür eine dauerhafte Grundlage bilden.
17. Schlussfolgerung
Das vorgeschlagene Graduiertenkolleg verbindet ein klar fokussiertes Forschungsproblem mit einer interdisziplinären Forschungsarchitektur und einem eigenständigen Qualifizierungsprogramm. Sein Ausgangspunkt ist die Frage nach der Entstehung, Stabilisierung und Transformation übernatürlicher Vorstellungen. Die Elwedritsch dient dabei als zentraler europäischer Ankerfall, ohne den Gegenstand des Kollegs auf eine regionale Einzeltradition zu beschränken.
Die wissenschaftliche Originalität des Vorhabens liegt in der Verbindung von historischer und empirischer Kulturforschung mit Kognitionswissenschaft und Cultural Evolution. Die Promotionsprojekte sind nicht nur thematisch miteinander verbunden, sondern methodisch aufeinander bezogen. Gemeinsame Datenstrukturen, Mehrfachbetreuung, ein verbindliches Studienprogramm und internationale Kooperationen schaffen einen Rahmen, in dem die einzelnen Dissertationen einen Erkenntnisgewinn erzeugen können, der über ihre jeweiligen Einzelthemen hinausgeht. Das entscheidende wissenschaftliche Ziel besteht darin, eine bislang überwiegend fallbezogene Forschung über Fabelwesen in eine empirisch vergleichende Forschung über kulturelle Evolution zu überführen. Die zentrale Frage lautet nicht mehr allein, von welchem historischen Wesen eine bestimmte Figur abstammt, sondern welche Kombination aus menschlicher Kognition, außergewöhnlicher Erfahrung, sozialer Interaktion, kultureller Transmission, historischer Kontingenz und kultureller Selektion die Entstehung und Transformation übernatürlicher Vorstellungen erklären kann. Die Elwedritsch wäre damit nicht lediglich Gegenstand eines Graduiertenkollegs. Sie könnte zum Anchor Case einer international anschlussfähigen Forschungsagenda über die kulturelle Evolution übernatürlicher Vorstellungen werden. Gerade die Verbindung von regional außergewöhnlich dichter Quellenlage mit einer universell formulierten Forschungsfrage eröffnet die Möglichkeit, aus einem scheinbar begrenzten kulturhistorischen Gegenstand ein international relevantes Forschungsprogramm zu entwickeln.