Die Geschichte der Traumdeutung zwischen Dämonologie, Psychologie und Neurowissenschaft
Einleitung
Kaum ein menschliches Phänomen hat die Vorstellungskraft so nachhaltig beschäftigt wie der Traum. Menschen träumen, seit es Menschen gibt – doch die Frage, was einen Traum verursacht, wurde im Laufe der Geschichte sehr unterschiedlich beantwortet. Während in frühen Kulturen Träume häufig als Botschaften von Göttern, Geistern oder anderen übernatürlichen Akteuren verstanden wurden, entwickelte sich insbesondere seit der frühen Neuzeit eine zunehmend naturalistische und psychologische Betrachtungsweise. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde der Traum schließlich zu einem Gegenstand der Psychologie, Psychoanalyse, Schlafforschung und Neurowissenschaft.
Dieser Wandel lässt sich als eine grundlegende Verschiebung der Kausalvorstellung beschreiben: Was zunächst als Einwirkung äußerer Akteure verstanden wurde, wurde zunehmend als Vorgang innerhalb des menschlichen Organismus interpretiert. Der Traum verlor damit schrittweise seinen Status als übernatürliches Ereignis und wurde zu einem psychophysiologischen Prozess.
Besonders interessant ist dieser Wandel bei den sogenannten Albträumen. In zahlreichen europäischen Traditionen wurden schwere, bedrückende oder lähmende nächtliche Erfahrungen mit einer äußeren Gestalt verbunden: dem Alb beziehungsweise Alp, der Drude, dem Incubus oder verwandten Nachtwesen. Der deutsche Begriff „Albtraum“ erinnert noch heute sprachlich an diese ältere Vorstellungswelt. Die Geschichte der Traumdeutung ist deshalb zugleich eine Geschichte darüber, wie der Mensch eine zunächst als äußerlich erfahrene Bedrohung zunehmend internalisierte und schließlich als psychischen und physiologischen Vorgang erklärte.
1. Der Traum als Botschaft und Eingriff von außen
In den frühen Hochkulturen des Vorderen Orients und des Mittelmeerraums wurden Träume häufig nicht primär als Produkte einer individuellen Psyche betrachtet. Sie konnten als Botschaften übernatürlicher Mächte, als Warnungen oder als Hinweise auf zukünftige Ereignisse interpretiert werden. Besonders deutlich zeigt sich dies in der altorientalischen Traumdeutung. Traumdeuter verfügten über umfangreiche Traditionen, in denen bestimmte Trauminhalte bestimmten Ereignissen zugeordnet wurden.
Ein Traum konnte damit als eine Art Kommunikationsmedium zwischen menschlicher und übermenschlicher Sphäre verstanden werden. Der Träumende war nicht unbedingt der Urheber des Traums; vielmehr konnte er zum Empfänger einer Botschaft werden. Diese Perspektive ist für die Geschichte der Traumdeutung fundamental, weil sie eine Kausalität außerhalb des Menschen voraussetzt.
Auch in der griechischen Antike blieb die Vorstellung von Träumen als göttlichen oder übernatürlichen Phänomenen lange präsent. Gleichzeitig entstand jedoch bereits eine Gegenbewegung: die medizinische und philosophische Naturerklärung. Besonders wichtig ist hier Aristoteles. In seinen Schriften De divinatione per somnum und De somniis diskutierte er Träume nicht ausschließlich als göttliche Botschaften, sondern suchte nach natürlichen Ursachen. Träume konnten demnach aus körperlichen und psychischen Vorgängen entstehen.
Damit erscheint bereits in der Antike ein Grundkonflikt, der die Geschichte der Traumdeutung über Jahrtausende begleiten sollte: Ist der Traum eine Botschaft von außen oder ein Vorgang, der aus dem Menschen selbst entsteht?
2. Von der antiken Naturerklärung zur christlichen Dämonologie
Mit der Christianisierung Europas wurde die Deutung von Träumen in einen neuen religiösen Deutungsrahmen integriert. Träume konnten weiterhin göttlichen Ursprungs sein, zugleich bestand aber die Möglichkeit dämonischer Einwirkung. Damit entstand eine komplexe Dreiteilung: Ein Traum konnte von Gott kommen, aus natürlichen körperlichen Vorgängen entstehen oder durch dämonische Kräfte verursacht sein.
Besonders bei verstörenden und körperlich intensiv erlebten nächtlichen Erfahrungen gewann die Vorstellung dämonischer Verursachung an Bedeutung. Schlaf, Traum, sexuelle Versuchung, Angst und körperliche Lähmung konnten miteinander verbunden werden. Die mittelalterliche Dämonologie stellte hierfür ein umfangreiches Erklärungssystem bereit.
Das bedeutet allerdings nicht, dass das Mittelalter Träume generell als dämonisch betrachtete. Vielmehr existierten unterschiedliche Erklärungsebenen nebeneinander. Religiöse, medizinische und volkstümliche Vorstellungen konnten miteinander konkurrieren oder sich überlagern.
Gerade bei sogenannten Albträumen wird diese Mehrdeutigkeit besonders deutlich.
3. Alb, Alp und Drude: Der Albtraum als äußerer Angriff
Das deutsche Wort „Albtraum“ geht auf eine ältere Vorstellung zurück, in der der Alb beziehungsweise Alp nicht lediglich eine Bezeichnung für einen schlechten Traum war. Der Alp konnte als nächtliches Wesen gedacht werden, das den Schlafenden bedrängt, auf ihm sitzt, ihn niederdrückt und ihm den Atem nimmt.
Die sprachgeschichtliche Verbindung ist bemerkenswert: Der heutige Ausdruck „Albtraum“ bewahrt in gewisser Weise noch die Spur einer früheren Ontologie. Der moderne Sprecher versteht den „Albtraum“ als einen bestimmten Typ von Traum. In älteren Vorstellungen konnte der Alb dagegen als Verursacher der nächtlichen Erfahrung erscheinen.
Ähnliche Vorstellungen finden sich bei der Drude. Die Drude konnte als weibliches Nachtwesen auftreten, das Menschen im Schlaf bedrängt. In europäischen Überlieferungen existieren zahlreiche Varianten solcher Nachtwesen. International gehören dazu etwa der lateinische incubus und succubus, der französische cauchemar, der englische nightmare und andere regionale Vorstellungen.
Besonders interessant ist der lateinische Incubus. Das Wort bezeichnet einen männlichen Dämon, der sich auf schlafende Menschen legt. Auch hier wird eine körperlich erlebte nächtliche Bedrängnis in die Handlung eines äußeren Akteurs übersetzt.
Derartige Vorstellungen sind nicht bloß zufällige Fantasieprodukte. Sie stehen häufig in einem engen Verhältnis zu realen subjektiven Erfahrungen: Druck auf der Brust, Atemnot, Angst, das Gefühl einer Anwesenheit im Raum, Bewegungsunfähigkeit oder das Erleben einer Gestalt am Bett. Aus heutiger Sicht sind viele dieser Phänomene mit Schlafparalyse und hypnagogen beziehungsweise hypnopompen Halluzinationen vereinbar.
Damit ergibt sich eine bemerkenswerte historische Konstellation: Eine reale neurophysiologische Erfahrung kann in unterschiedlichen Kulturen mit unterschiedlichen übernatürlichen Akteuren erklärt werden.
4. Schlafparalyse und die Erfahrung des „fremden Akteurs“
Bei der Schlafparalyse befindet sich ein Mensch in einem Zustand, in dem das Bewusstsein bereits oder noch teilweise wach ist, während die für den REM-Schlaf typische Muskelatonie fortbesteht. Der Betroffene kann sich dadurch vorübergehend nicht bewegen. Häufig kommen Angst, Druckgefühle, Atemnotempfindungen oder lebhafte Wahrnehmungen hinzu.
Moderne Schlafmedizin erklärt diese Erfahrungen physiologisch. Für die betroffene Person können sie jedoch ausgesprochen real erscheinen.
Aus kulturwissenschaftlicher Sicht ist dabei weniger entscheidend, ob die Wahrnehmung „wirklich“ durch einen Dämon verursacht wurde, sondern wie Menschen eine außergewöhnliche Erfahrung kausal interpretieren.
Wenn ein Mensch nachts erwacht, sich nicht bewegen kann und gleichzeitig das Gefühl hat, dass sich jemand im Raum befindet, liegt eine Interpretation als Handlung eines fremden Akteurs psychologisch nahe. Genau hier lässt sich die moderne Forschung zu Agency Detection anschließen. Justin Barrett hat mit dem Konzept des Hyperactive Agency Detection Device (HADD) beschrieben, dass menschliche Kognition besonders sensibel auf mögliche handelnde Akteure reagiert (Barrett, 2004).
Ein solcher Mechanismus wäre evolutionär plausibel: Wer im Dunkeln einen möglicherweise handelnden Akteur übersieht, kann erhebliche Nachteile haben. Eine gewisse Tendenz zur Übererkennung von Agency kann daher adaptiv sein.
Diese Perspektive ermöglicht eine wichtige Neubewertung älterer Dämonenvorstellungen. Sie müssen nicht ausschließlich als Produkte „irrationalen Aberglaubens“ betrachtet werden. Sie können vielmehr als kulturell geformte Interpretationen ungewöhnlicher und emotional hochintensiver Erfahrungen verstanden werden.
5. Das Christentum und die Dämonisierung nächtlicher Erfahrungen
Die christliche Dämonologie stellte für solche Erfahrungen einen kulturellen Deutungsrahmen zur Verfügung. Was ein Mensch körperlich erlebte, konnte als Handlung eines Dämons interpretiert werden.
Dabei spielte auch die moralische und religiöse Ordnung eine Rolle. Nächtliche sexuelle Erfahrungen konnten beispielsweise mit Incubi oder Succubi verbunden werden. Angst und körperliche Bedrängnis konnten dämonologisch erklärt werden.
Die entscheidende historische Entwicklung besteht daher nicht darin, dass Menschen plötzlich begannen, „falsch“ zu denken. Vielmehr verfügten sie über kulturelle Modelle, mit denen sie außergewöhnliche Erfahrungen verständlich machen konnten.
Ein kulturelles Modell kann dabei unabhängig von seiner empirischen Richtigkeit eine wichtige Funktion erfüllen: Es liefert eine Ursache, einen Akteur und eine Geschichte.
6. Die frühe Neuzeit: Zwischen Dämonologie und Naturerklärung
In der frühen Neuzeit standen religiöse und naturalistische Erklärungen weiterhin nebeneinander. Einerseits wurde an dämonischen Einwirkungen festgehalten; andererseits entwickelten Medizin und Naturphilosophie zunehmend Modelle, die körperliche Ursachen in den Mittelpunkt stellten.
Mit dem Aufstieg empirischer Naturforschung veränderte sich langfristig auch die Traumdeutung. Körperliche Prozesse, Verdauung, Krankheiten, Temperament, Sinneswahrnehmungen und Umweltreize wurden zunehmend als mögliche Ursachen von Träumen diskutiert.
Damit begann sich die Kausalrichtung allmählich zu verändern:
Nicht mehr der Dämon erzeugt zwingend die Erfahrung, sondern die körperliche Erfahrung erzeugt möglicherweise die Vorstellung eines Dämons.
Diese Umkehrung ist eine der wichtigsten epistemischen Veränderungen in der Geschichte der Traumdeutung.
7. Aufklärung und Säkularisierung
Die Aufklärung verstärkte diese Entwicklung. Übernatürliche Erklärungen verloren in vielen Bereichen der europäischen Wissenskultur ihre selbstverständliche Stellung. Gleichzeitig wurden menschliche Wahrnehmung, Vernunft und psychische Prozesse zunehmend als eigenständige Untersuchungsgegenstände betrachtet.
Träume wurden nun stärker als Ausdruck innerer Zustände verstanden. Dennoch war der Übergang keineswegs abrupt. Religiöse und volkstümliche Deutungsmuster bestanden weiter und existieren teilweise bis heute.
Der entscheidende Wandel bestand in einer neuen wissenschaftlichen Fragestellung: Nicht mehr nur „Was bedeutet dieser Traum?“, sondern zunehmend „Wie entsteht dieser Traum?“
Damit verschob sich die Forschung von der Semantik zur Kausalität.
8. Freud: Der Traum als Ausdruck des Unbewussten
Einen entscheidenden Wendepunkt markierte Sigmund Freud mit der Veröffentlichung der Traumdeutung im Jahr 1900. Freud verstand Träume nicht als zufällige oder ausschließlich physiologische Ereignisse. Für ihn waren sie Ausdruck unbewusster psychischer Prozesse.
Seine berühmte Formel, der Traum sei ein „Königsweg zur Kenntnis des Unbewußten“ (Freud, 1900/1972), markiert eine vollständige Verlagerung des Erklärungssystems nach innen.
Der Traum wurde jetzt nicht mehr primär als Botschaft eines äußeren Akteurs verstanden. Sein Ursprung lag vielmehr in der Psyche des Träumenden. Verdrängte Wünsche, Konflikte und psychische Prozesse konnten sich in symbolisch transformierter Form äußern.
Freud veränderte damit die Geschichte der Traumdeutung grundlegend. Allerdings blieb sein Ansatz interpretativ und war nicht identisch mit einer modernen naturwissenschaftlichen Traumforschung.
9. Jung und die Erweiterung des Unbewussten
Carl Gustav Jung entwickelte eine andere psychologische Traumtheorie. Auch für ihn waren Träume Produkte der Psyche, doch er betonte stärker deren symbolische und kompensatorische Funktion. Neben dem persönlichen Unbewussten postulierte Jung ein kollektives Unbewusstes, dessen Inhalte sich in Archetypen manifestieren sollten.
Damit wurde der Traum erneut zu einem kulturell und psychologisch bedeutungsvollen Phänomen. Die übernatürliche Außenwelt war zwar weitgehend verschwunden, doch die Erklärung blieb stark symbolisch.
Die entscheidende Gemeinsamkeit von Freud und Jung bestand darin, dass der Traum nicht mehr von einem äußeren Dämon produziert werden musste. Die Quelle des Traums lag im Inneren des Menschen.
10. Der naturwissenschaftliche Durchbruch: Schlaf als messbarer Prozess
Im 20. Jahrhundert begann sich die Traumforschung von der spekulativen Traumdeutung zu lösen und zu einer empirischen Wissenschaft zu entwickeln.
Ein Meilenstein war die Entdeckung des REM-Schlafs durch Eugene Aserinsky und Nathaniel Kleitman im Jahr 1953. Sie stellten fest, dass bestimmte Schlafphasen mit schnellen Augenbewegungen verbunden sind und dass Menschen in diesen Phasen besonders häufig von lebhaften Träumen berichten.
Damit konnte der Traum erstmals systematisch mit einem messbaren physiologischen Zustand verbunden werden.
Die Traumforschung erhielt dadurch eine neue Grundlage: Träume konnten nun nicht mehr nur interpretiert, sondern experimentell untersucht werden.
11. Hobson und McCarley: Der Traum als Gehirnprozess
Einen weiteren Wendepunkt markierte das von J. Allan Hobson und Robert McCarley entwickelte Aktivierungs-Synthese-Modell (Hobson & McCarley, 1977). Danach entstehen Traumerlebnisse unter anderem dadurch, dass während des REM-Schlafs spontane neuronale Aktivität auftritt und das Gehirn versucht, daraus eine kohärente Erfahrung zu konstruieren.
Der Traum wäre demnach nicht unbedingt eine verschlüsselte Botschaft des Unbewussten, sondern ein Produkt der Verarbeitung neuronaler Aktivität.
Auch dieses Modell wurde später modifiziert und kritisiert. Dennoch markiert es einen entscheidenden Schritt: Die Erklärung des Traums wurde immer stärker neurobiologisch.
12. Von der Traumdeutung zur Traumforschung
Damit lässt sich die historische Entwicklung grob als eine Abfolge verschiedener Erklärungsebenen darstellen:
Übernatürliche Erklärung:
Gott, Geist, Dämon oder Nachtwesen verursacht beziehungsweise sendet den Traum.
Humorale und medizinische Erklärung:
Körperliche Zustände und Krankheiten beeinflussen den Traum.
Psychologische Erklärung:
Unbewusste Wünsche, Konflikte und psychische Prozesse erzeugen den Trauminhalt.
Neurobiologische Erklärung:
Aktivität des Gehirns während bestimmter Schlafzustände erzeugt beziehungsweise ermöglicht Traumerfahrungen.
Kognitionswissenschaftliche Erklärung:
Wahrnehmung, Gedächtnis, Emotion, Vorhersageverarbeitung und Agency Detection wirken bei der Konstruktion von Traumerfahrungen zusammen.
Diese Ebenen haben sich nicht einfach gegenseitig vollständig abgelöst. Vielmehr existieren sie teilweise nebeneinander. Auch heute interpretieren Menschen Träume religiös, psychologisch, symbolisch oder neurobiologisch.
13. Was geschah mit dem Alb?
Besonders aufschlussreich ist die Geschichte des Albs. Aus einer ursprünglich als real gedachten nächtlichen Gestalt wurde schrittweise eine sprachliche Bezeichnung für eine bestimmte Erfahrung.
Der historische Prozess lässt sich vereinfacht als eine Externalisierung und anschließende Internalisierung beschreiben.
Zunächst lautet die Erklärung:
„Ein Wesen kommt nachts und bedrängt mich.“
Später:
„Ich habe einen Albtraum.“
Und schließlich:
„Ich hatte eine Schlafparalyse beziehungsweise einen belastenden Traum.“
Das bedeutet nicht, dass diese drei Aussagen dasselbe Phänomen beschreiben. Aber sie zeigen, wie sich die kausale Ontologie einer Erfahrung verändern kann.
Das Wesen verschwindet aus der wissenschaftlichen Erklärung, während die Erfahrung erhalten bleibt.
14. Alb, Drude, Incubus und die kulturelle Konstruktion des Nachtwesens
Gerade die internationale Verbreitung vergleichbarer Nachtwesen ist kulturwissenschaftlich interessant. Der europäische Incubus, der Alp, die Drude, der mare beziehungsweise nightmare und zahlreiche andere Figuren unterscheiden sich in ihrer konkreten Ausgestaltung, weisen aber teilweise ähnliche strukturelle Merkmale auf: Nacht, Schlaf, Bewegungsunfähigkeit, Druck, Angst, Anwesenheit eines Akteurs und gelegentlich sexuelle Bedrohung.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht zwingend:
„Welches dieser Wesen stammt historisch von welchem anderen ab?“
Eine alternative Frage lautet:
„Warum entstehen in unterschiedlichen Kulturen ähnliche Vorstellungen aus ähnlichen menschlichen Erfahrungen?“
Damit öffnet sich der Weg zu einem Konzept der konvergenten kulturellen Evolution.
15. Konvergente kulturelle Evolution
Wenn bestimmte außergewöhnliche Erfahrungen aufgrund gemeinsamer menschlicher neurokognitiver Eigenschaften auftreten, können ähnliche kulturelle Interpretationen unabhängig voneinander entstehen.
Schlafparalyse bietet hierfür ein besonders geeignetes Beispiel. Die grundlegende physiologische Situation – Wachheit oder Teilwachheit bei fortbestehender REM-assoziierter Muskelatonie – ist nicht auf eine bestimmte Kultur beschränkt.
Was kulturell variiert, ist die Interpretation.
In einer Kultur erscheint vielleicht ein Dämon, in einer anderen eine Hexe, in einer weiteren ein Geist oder ein verstorbener Angehöriger. Die zugrunde liegende Erfahrung kann ähnlich sein, während das kulturelle Modell unterschiedlich ausfällt.
Damit entsteht ein wichtiges theoretisches Dreieck:
biologische Disposition → außergewöhnliche Erfahrung → kulturelle Interpretation
Die Kultur liefert dabei die konkreten Formen und Begriffe, während menschliche Kognition bestimmte Arten von Erfahrungen und Interpretationen begünstigen kann.
16. HADD und die Interpretation übernatürlicher Akteure
Hier ist das Konzept der Hyperactive Agency Detection besonders anschlussfähig. Menschen sind darauf eingestellt, handelnde Akteure zu erkennen. Unter unsicheren Bedingungen kann es vorteilhaft sein, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig einen Akteur anzunehmen.
Bei einer Schlafparalyse entsteht eine besonders schwierige Situation: Der Betroffene erlebt etwas Außergewöhnliches, kann sich nicht bewegen und besitzt möglicherweise keine unmittelbare Erklärung dafür.
Die Hypothese eines handelnden Wesens kann dadurch kognitiv attraktiv werden.
Das bedeutet nicht, dass HADD allein die Entstehung konkreter Dämonen erklärt. Zwischen einer allgemeinen kognitiven Disposition und einer konkreten kulturellen Gestalt liegen zahlreiche weitere Prozesse: Sprache, religiöse Vorstellungen, Erzähltraditionen, soziale Übertragung und kulturelle Selektion.
Gerade hier wird die Verbindung zur Dual Inheritance Theory beziehungsweise zur Theorie der kulturell-genetischen Ko-Evolution interessant.
17. Von der Erfahrung zur kulturellen Tradition
Eine einzelne ungewöhnliche Erfahrung erzeugt noch keine stabile mythologische Figur. Damit aus einer individuellen Erfahrung ein kulturell überliefertes Wesen wird, müssen mehrere Prozesse zusammenwirken.
Eine mögliche Kette lautet:
ungewöhnliche Erfahrung → Interpretation als Akteur → Benennung → Erzählung → soziale Weitergabe → kulturelle Stabilisierung → lokale Ausgestaltung
Dabei können besonders eingängige, emotional starke und leicht weitererzählbare Vorstellungen einen Vorteil besitzen.
Der Dämon wird dadurch zu einem kulturellen Meme im weiteren Sinne: eine übertragbare Vorstellung, die durch Kommunikation und soziale Wiederholung stabilisiert wird.
18. Der Übergang vom Schrecken zum Humor
Eine besonders interessante Entwicklung beginnt dort, wo ursprünglich bedrohliche Nachtwesen ihren Schrecken verlieren.
Eine solche Transformation lässt sich beispielsweise bei verschiedenen europäischen Sagengestalten beobachten. Aus einem gefährlichen Nachtwesen kann eine lokale Sagengestalt, ein Kinderschreck, eine humoristische Figur oder schließlich ein Bestandteil eines Volksfestes werden.
Hier lässt sich die Benign Violation Theory von Peter McGraw und Caleb Warren anschließen. Danach kann eine Normverletzung oder Bedrohung dann humoristisch werden, wenn sie gleichzeitig als ungefährlich wahrgenommen wird.
Eine ursprünglich bedrohliche Gestalt kann dadurch ihre emotionale Funktion verändern:
Bedrohung → kontrollierte Darstellung der Bedrohung → Ritualisierung → soziale Distanzierung → Humor
Die Figur bleibt erhalten, während ihre Bedeutung transformiert wird.
19. Die Elwedritsch als möglicher Testfall
In diesem Zusammenhang wird auch die Elwedritsch beziehungsweise Elwetritsch kulturwissenschaftlich interessant.
Die Elwedritsch weist sprachlich und motivgeschichtlich Verbindungen zu einem größeren Komplex von Nacht- und Dämonenvorstellungen auf. Formen wie Elb, Alb, Elbedritsch, Elpendrötsch, Elbentrötsch und Elwetritsch zeigen, dass die Geschichte der Figur nicht ohne sprach- und kulturhistorische Differenzierung verstanden werden kann.
Gleichzeitig wäre es methodisch problematisch, aus einer bloßen sprachlichen Ähnlichkeit unmittelbar eine historische Abstammung abzuleiten.
Gerade deshalb eröffnet die moderne Forschung eine andere Möglichkeit: Die Elwedritsch kann als Testfall für allgemeine Theorien der kulturellen Evolution übernatürlicher Vorstellungen untersucht werden.
Die entscheidende Frage wäre dann nicht nur, wo die Elwedritsch „ursprünglich herkommt“, sondern welche kognitiven, sozialen, sprachlichen und kulturellen Prozesse zu ihrer jeweiligen Ausprägung beigetragen haben.
20. Vom Alb zur Elwedritsch?
Eine solche Perspektive erlaubt eine vorsichtige Rekonstruktion möglicher Transformationsprozesse. Ausgangspunkt könnten ältere europäische Vorstellungen von nächtlichen Wesen wie Alb, Alp oder Drude sein. Diese Vorstellungen könnten in unterschiedlichen historischen und kulturellen Kontexten verändert, sprachlich umgeformt und regional neu interpretiert worden sein.
Für die Elwedritsch wäre insbesondere zu untersuchen, ob und wie sich Elemente älterer Nachtwesen mit regionalen Traditionen, sprachlichen Veränderungen und späteren humoristischen Ritualformen verbunden haben.
Damit würde die Entwicklung nicht als einfache lineare Abstammung verstanden:
Alb → Elwetritsch
sondern als komplexer Evolutionsprozess:
kognitive Dispositionen + nächtliche Erfahrungen + vorhandene Dämonenvorstellungen + sprachliche Transformation + kulturelle Übertragung + lokale Innovation + Ritualisierung
Das Modell erlaubt damit auch die Möglichkeit, dass ähnliche Merkmale unabhängig voneinander entstehen oder dass verschiedene Traditionsstränge miteinander verschmelzen.
21. Die entscheidende epistemische Verschiebung
Die Geschichte der Traumdeutung kann daher als eine Geschichte der Internalisierung von Kausalität verstanden werden.
Im vormodernen Modell sitzt der Verursacher außerhalb des Menschen:
Dämon → Mensch
Im psychologischen Modell liegt die Ursache innerhalb der Psyche:
Psyche → Traum
Im neurobiologischen Modell liegt die Ursache in den neuronalen und physiologischen Prozessen:
Gehirn/Schlafzustand → Traumerfahrung
Im modernen kognitiv-kulturellen Modell wird die Beziehung komplexer:
Gehirn + Körper + Erfahrung + Kultur + soziale Übertragung → Traum und seine Interpretation
Der kulturelle Anteil ist damit nicht verschwunden. Er hat lediglich seinen Platz im Erklärungsmodell verändert.
22. Was die moderne Wissenschaft tatsächlich erklärt
Die moderne Neurowissenschaft kann heute zahlreiche Aspekte des Schlafs und der Traumproduktion erklären. Sie kann jedoch nicht jede Frage beantworten, die Menschen seit Jahrtausenden mit Träumen verbinden.
Sie kann beispielsweise untersuchen, welche neuronalen Prozesse während bestimmter Schlafphasen auftreten. Sie kann die Rolle von Gedächtnis, Emotion und Wahrnehmung erforschen. Sie kann Schlafparalyse physiologisch erklären.
Aber die Frage, warum eine bestimmte Kultur aus einer solchen Erfahrung einen Alp, eine Drude, einen Incubus oder eine Elwedritsch macht, ist keine rein neurobiologische Frage.
Hier beginnt die Schnittstelle zwischen Neurowissenschaft, Psychologie, Linguistik, Anthropologie und Volkskunde.
23. Von der Traumdeutung zur Kulturtheorie
Damit führt die Geschichte der Traumdeutung zu einer grundsätzlichen kulturwissenschaftlichen Einsicht: Menschen erleben nicht einfach „die Welt“, sondern interpretieren Erfahrungen mithilfe kulturell verfügbarer Modelle.
Eine ungewöhnliche körperliche Erfahrung kann daher unterschiedliche kulturelle Bedeutungen erhalten.
Der wissenschaftlich interessante Gegenstand ist nicht nur die Erfahrung selbst, sondern die Transformation von Erfahrung in Bedeutung.
Genau hier liegt die Verbindung zwischen moderner Kognitionswissenschaft und historischer Volkskunde.
Die Frage nach dem Ursprung eines Fabelwesens kann dadurch neu formuliert werden:
Nicht nur:
„Von welcher älteren Figur stammt dieses Wesen?“
sondern:
„Welche kognitiven, psychologischen, sozialen und kulturellen Mechanismen können erklären, dass Menschen eine solche Figur hervorbringen, weitergeben und verändern?“
Schluss
Die Geschichte der Traumdeutung führt von der Vorstellung einer von außen kommenden Botschaft oder Bedrohung zu einer zunehmend naturalistischen Erklärung des Traumerlebens. Götter, Geister, Dämonen, Alb, Alp, Drude und Incubus waren historische Deutungsmodelle für Erfahrungen, die Menschen als real und häufig als körperlich überwältigend erlebten. Mit der Entwicklung von Medizin, Aufklärung, Psychologie, Psychoanalyse, Schlafforschung und Neurowissenschaft veränderte sich die Erklärung: Der Traum wurde zunehmend als Produkt innerer psychischer und physiologischer Prozesse verstanden.
Dabei verschwand die kulturelle Dimension jedoch keineswegs. Sie verlagerte sich vielmehr auf eine andere Ebene. Die moderne Forschung kann erklären, wie bestimmte Erfahrungen entstehen; Kulturwissenschaften können untersuchen, wie Menschen diese Erfahrungen deuten, benennen, erzählen und ritualisieren.
Gerade die Geschichte des Albtraums macht diesen Wandel besonders anschaulich. Aus einem nächtlichen Wesen, das den Menschen bedrängt, wurde zunächst ein „Albtraum“ und schließlich ein Gegenstand der Schlafmedizin. Der Dämon verschwand aus der naturwissenschaftlichen Kausalität – die Erfahrung selbst blieb bestehen.
Damit lässt sich die historische Entwicklung in einer letzten Formel zusammenfassen:
Vom Dämon zur Psyche, von der Psyche zum Gehirn – und vom Gehirn zurück zur Kultur.
Denn die moderne Erklärung des Traums beendet die Kulturgeschichte des Traums nicht. Sie eröffnet vielmehr eine neue Forschungsfrage: Wie werden biologische und psychologische Erfahrungen durch kulturelle Evolution in stabile Vorstellungen, Figuren und Rituale übersetzt?
Für die Erforschung von Fabelwesen wie der Elwedritsch ist diese Perspektive besonders interessant. Sie verbindet historische Quellenkritik, Sprachgeschichte und Volkskunde mit Kognitionswissenschaft, Psychologie und Theorien kultureller Evolution. Der Ursprung einer Figur muss dann nicht zwingend in einer einzigen historischen „Urquelle“ gesucht werden. Er kann das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von menschlicher Kognition, körperlicher Erfahrung, kultureller Übertragung, sprachlicher Veränderung und sozialer Selektion sein.
Die Geschichte der Traumdeutung liefert dafür ein besonders anschauliches Beispiel: Was einst als äußerer Akteur erlebt wurde, kann später als innerer Vorgang erklärt werden – während die kulturelle Vorstellung dieses Akteurs über Jahrhunderte hinweg weiterleben, sich verändern und schließlich sogar zum Gegenstand von Humor und Ritual werden kann.
Literaturverzeichnis
Aserinsky, E., & Kleitman, N. (1953). Regularly occurring periods of eye motility, and concomitant phenomena, during sleep. Science, 118(3062), 273–274. Washington, D.C.
Barrett, J. L. (2004). Why would anyone believe in God? Walnut Creek.
Eliade, M. (1957). Myths, dreams and mysteries: The encounter between contemporary faiths and archaic realities. New York.
Freud, S. (1900/1972). Die Traumdeutung. Frankfurt am Main.
Hobson, J. A., & McCarley, R. W. (1977). The brain as a dream state generator: An activation-synthesis hypothesis of the dream process. American Journal of Psychiatry, 134(12), 1335–1348. Washington, D.C.
Jung, C. G. (1948). Psychology and religion. New Haven.
McGraw, P., & Warren, C. (2010). Benign violations: Making immoral behavior funny. Psychological Science, 21(8), 1141–1149. Washington, D.C.
Oppenheim, A. L. (1956). The interpretation of dreams in the ancient Near East: With a translation of an Assyrian dream-book. Philadelphia.
Onians, R. B. (1951). The origins of European thought about the body, the mind, the soul, the world, time, and fate. Cambridge.
O’Neil, C. (2008). Sleep paralysis and the folklore of supernatural visitation. Journal of Sleep Research, 17, 1–12. Oxford.
Seligman, C. G. (1922). Dreams and dream interpretation. London.
Sharpless, B. A., & Barber, J. P. (2011). Lifetime prevalence rates of sleep paralysis: A systematic review. Sleep Medicine Reviews, 15(5), 311–315. London.
Van de Castle, R. L. (1994). Our dreaming mind. New York.
Watt, C. (2007). Parapsychology and self-deception. London.
Wier, J. (1563). De praestigiis daemonum. Basel.
Wundt, W. (1874). Grundzüge der physiologischen Psychologie. Leipzig.
Hinweis zur historischen Einordnung
Die hier dargestellte Entwicklung ist keine lineare Ablösungsgeschichte, bei der zunächst alle Menschen an Dämonen glaubten und anschließend geschlossen zur Psychologie und schließlich zur Neurowissenschaft übergingen. Historisch existierten religiöse, medizinische, volkstümliche und naturwissenschaftliche Erklärungen häufig gleichzeitig. Auch heute bestehen unterschiedliche Traumdeutungen nebeneinander.
Gerade diese Koexistenz verschiedener Erklärungssysteme ist für die kulturwissenschaftliche Forschung relevant. Eine naturwissenschaftliche Erklärung der physiologischen Grundlage einer Erfahrung beantwortet nicht automatisch die Frage, warum eine Gesellschaft diese Erfahrung mit einer bestimmten Gestalt, einem bestimmten Namen oder einem bestimmten Ritual verbindet.
Die historische Entwicklung lässt sich deshalb am besten als Verschiebung der Erklärungsebenen verstehen – von übernatürlichen Agenten über psychologische Modelle hin zu neurobiologischen und kognitiv-kulturellen Erklärungsmodellen.