Eine tausendjährige Kulturgeschichte von Gestaltwandel, Katzenhexe und Sackfang bis zur Elwedritsch-Jagd

Zusammenfassung

Die Verbindung von Hexe und Katze gehört zu den bekanntesten Motiven der europäischen Vorstellungs- und Kulturgeschichte. Ihre Entstehung war jedoch weder selbstverständlich noch das Ergebnis einer einzelnen kirchlichen Setzung. Vielmehr entwickelte sie sich über mehrere Jahrhunderte aus der Überlagerung verschiedener Traditionen: aus Vorstellungen nächtlicher Frauen, die auf Tieren durch die Nacht ziehen, aus Erzählungen über weibliche Nachtwesen und Gestaltwandlerinnen, aus der Dämonisierung von Katzen und Häresien, aus der Vorstellung tierischer Vertrauter von Zauberinnen sowie aus der frühneuzeitlichen Dämonologie, die Tierverwandlungen systematisierte. Ein besonders früher und für die spätere Entwicklung aufschlussreicher Beleg findet sich bei Gervasius von Tilbury um 1211: Frauen werden nachts in Katzengestalt gesehen und weisen am folgenden Tag Verletzungen auf, die sie offenbar in dieser Gestalt erlitten haben. Parallel erscheint die Katze im 12. und 13. Jahrhundert als dämonisch konnotiertes Tier, unter anderem bei Walter Map und in Gregors IX. Vox in Rama von 1233. Im 15. und 16. Jahrhundert verschmilzt die Vorstellung der Tierverwandlung zunehmend mit der gelehrten Hexendämonologie. Francesco Maria Guazzo überliefert schließlich aus den Hexenprozessen des späten 16. Jahrhunderts konkrete Fälle, in denen Beschuldigte angegeben haben sollen, sich in Katzen verwandelt zu haben, um nachts unbemerkt in Häuser einzudringen.

Für die pfälzische Überlieferung ist besonders eine bei Helmut Seebach dokumentierte Erzählung aus Bisterschied aufschlussreich. Dort erscheint eine Hexe als Katze im Stall; gegen die Erscheinung wird ausdrücklich ein Sack als Fanggerät eingesetzt. Damit sind die Elemente Hexe – Gestaltwandel – Katze – Stall – verborgenes Schadenswesen – Fang – Sack unmittelbar miteinander verbunden. Der Sack besitzt daneben eine eigenständige europäische Geschichte: als Behälter, Transportmittel, Fanggerät, Strafinstrument der Säckung und als Bestandteil des Motivs der „Katze im Sack“. Die historische Säckung konnte Tiere, darunter Katzen, in das Strafritual einbeziehen; zugleich wurde die Katze im Sack zu einem literarisch und sprichwörtlich tradierten Motiv des verborgenen Inhalts und der Täuschung.

Im Mittelpunkt des Beitrags steht die Kulturgeschichte eines Handlungskomplexes: Ein verborgenes oder übernatürliches Wesen erscheint in Tiergestalt, dringt in den menschlichen Lebensraum ein, wird als solches erkannt und soll eingefangen oder unschädlich gemacht werden. Die Elwedritsch-Jagd weist zu diesem Handlungsschema eine auffällige strukturelle Nähe auf: Auch hier wird nachts ein verborgenes Tierwesen erwartet, verfolgt und mit einem Sack gefangen. Der pfälzische Bisterschieder Beleg macht die Verbindung vom dämonischen Katzen-Fang und humorvollen Elwedritschen-Fang zu einer historisch ernstzunehmenden Forschungsfrage.

Schlüsselwörter: Katze, Katzenhexe, Hexe, Gestaltwandel, Tierverwandlung, Familiar, Sack, Säckung, Katze im Sack, Stall, Hexenverfolgung, Pfalz, Elwedritsch, Elwetritsch, Volksglaube, Kulturgeschichte

1. Einleitung: Die Katze als Hexentier – eine Selbstverständlichkeit, die keine ist

Wenn heute von der europäischen Hexe die Rede ist, erscheint neben Besen, Kessel und schwarzem Gewand fast zwangsläufig die Katze, insbesondere die schwarze Katze. Historisch ist diese Verbindung jedoch keineswegs selbstverständlich. Die Katze war im mittelalterlichen Europa zunächst ein alltägliches Haustier, Mäusefänger und Nutztier, zugleich aber ein ambivalentes Tier, das in literarischen und theologischen Texten auch mit Nacht, Heimlichkeit, Sexualität, Unreinheit, Häresie und Dämonen in Verbindung gebracht werden konnte. Ihre negative Konnotation entwickelte sich daher nicht durch einen einzelnen kirchlichen Akt, sondern durch die allmähliche Überlagerung verschiedener Motivtraditionen. Die Geschichte der Katzenhexe beginnt entsprechend nicht mit der Katze, sondern mit älteren Vorstellungen von nächtlich handelnden Frauen, tierischen Gestalten, Dämonen und Gestaltwandel. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, warum die Katze „schon immer“ das Tier der Hexe gewesen sei, sondern wie aus unterschiedlichen mittelalterlichen Vorstellungen über Nacht, Tiergestalt und weibliche Magie die frühneuzeitliche Katzenhexe entstand.

2. Von der nächtlichen Frau zur Tiergestalt

Ein früher Ausgangspunkt ist der Canon Episcopi, der spätestens im frühen 10. Jahrhundert bei Regino von Prüm überliefert und später unter anderem in das Decretum Burchards von Worms aufgenommen wurde. Der Text berichtet von Frauen, die glaubten, nachts mit Diana beziehungsweise Herodias durch die Lüfte zu ziehen und auf Tieren große Entfernungen zurückzulegen. Die kirchliche Position bestand zunächst gerade darin, die behaupteten Reisen und Verwandlungen nicht als körperliche Realität anzuerkennen, sondern als dämonisch verursachte Täuschungen zu erklären. Damit ist ein Motivkomplex dokumentiert, der für die spätere Hexenvorstellung grundlegend wurde: eine Frau, die nachts in eine andere Wirklichkeit eintritt, mit Tieren verbunden ist und ihre gewöhnliche menschliche Existenz überschreitet. Die Katze fehlt noch. Ebenso wichtig ist der weitere mittelalterliche Komplex der striga beziehungsweise strix (vgl. hierzu den Text zur Strix im Römischen Reich – und damit auch im Rheintal), dessen antike Wurzeln im Bereich nächtlicher, vogelartiger und dämonischer Wesen liegen und der später zunehmend auf weibliche übernatürliche Wesen und Hexen bezogen wurde.

Im frühen 12. Jahrhundert zeigt William of Malmesbury in seiner Geschichte der sogenannten Hexe von Berkeley eine magisch tätige Frau in einem dämonischen Kontext. Nach ihrem Tod wird ihr Leichnam von Dämonen aus dem Grab gerissen und fortgetragen. Die Episode enthält noch keine ausgeprägte Katzenhexe, zeigt aber die Verbindung von magisch tätiger Frau und übernatürlichen Begleitern, aus der sich später die Vorstellung des familiar spirit entwickeln konnte. Die Katze war zu diesem Zeitpunkt noch nicht das festgelegte Tier der Hexe; vielmehr existierte ein breiterer kultureller Raum, in dem Frauen, Dämonen, Tiere und nächtliche Erscheinungen miteinander verbunden werden konnten.

3. Die Katze betritt die dämonische Welt

Im späten 12. Jahrhundert wird die Katze selbst zunehmend in einen dämonischen Bedeutungsraum integriert. Walter Map schildert in den De nugis curialium einen großen schwarzen Kater im Zusammenhang mit dämonischen Vorstellungen. Noch deutlicher wird die Entwicklung 1233 in Gregors IX. Vox in Rama. Das Schreiben richtet sich gegen eine angebliche häretische Gruppierung und schildert einen schwarzen Kater als Bestandteil eines angeblichen dämonischen Rituals. Ein schwarzer Kater erscheint, wird von den Teilnehmern verehrt und damit in einen Gegenraum zur christlichen Religion gestellt. Vox in Rama ist dabei keineswegs als neutraler Bericht über einen tatsächlich existierenden Katzenkult zu lesen; seine Bedeutung liegt vielmehr darin, dass die Katze in einem kirchlichen Diskurs als Träger dämonischer Symbolik erscheint. Damit entsteht neben der älteren Vorstellung der nächtlichen Frau eine zweite Entwicklungslinie: Die Katze wird selbst zum dämonisch aufgeladenen Tier.

Der vielleicht entscheidende Schritt erfolgt jedoch bei Gervasius von Tilbury. In seinen Otia imperialia, die im frühen 13. Jahrhundert entstanden, berichtet er von Frauen, die nachts in Katzengestalt gesehen und verletzt worden seien. Der zentrale Satz lautet: „We know that some women have been seen and wounded in the form of cats …“ Anschließend beschreibt Gervasius, dass die Frauen am folgenden Tag entsprechende Verletzungen oder sogar fehlende Körperteile aufwiesen. Damit liegt um 1211 ein außerordentlich früher schriftlicher Beleg für das Motiv der Frau in Katzengestalt vor. Die Katze ist hier nicht bloß Begleiterin eines übernatürlichen Wesens und nicht lediglich selbst ein Dämon: Sie ist der Körper der Verwandlung. Gervasius stellt die Katzengestalten zugleich in die Nähe von lamiae, striges und anderen nächtlichen Erscheinungen. Damit ist bereits im frühen 13. Jahrhundert ein Motiv schriftlich greifbar, das später zum Kern der Katzenhexe wird.

4. Warum gerade die Katze?

Die Frage, warum ausgerechnet die Katze zur bevorzugten Tiergestalt werden konnte, lässt sich nicht allein theologisch beantworten. Die mittelalterliche Katze war ein ausgesprochen ambivalentes Tier. Sie lebte unmittelbar im menschlichen Haushalt, konnte aber gleichzeitig weitgehend unabhängig agieren. Sie bewegte sich bevorzugt in Dämmerung und Dunkelheit, war lautlos, konnte plötzlich verschwinden und an Orten auftauchen, an denen der Mensch sie nicht erwartet hatte. Anders als ein Wolf oder ein Fuchs gehörte sie zugleich zur vertrauten häuslichen Umgebung. Gerade diese Kombination machte sie für Erzählungen über verborgene Identität besonders geeignet: Eine Katze konnte völlig gewöhnlich wirken und dennoch in der Erzählung etwas anderes sein. Das kulturelle Problem lautete damit nicht nur „Was tut dieses Tier?“, sondern „Was ist dieses Tier eigentlich?“.

Die Katze war deshalb kein durchweg „böses“ mittelalterliches Tier. Sie blieb Haustier und Nutztier. Gerade ihre Ambivalenz machte sie jedoch symbolisch produktiv. Neben der alltäglichen Funktion als Mäusefänger konnte sie mit Nacht, Heimlichkeit, Dämonen und Häresie verbunden werden. Die Forschung hat deshalb zu Recht davor gewarnt, die moderne Gleichung „Katze = Hexe“ rückwirkend auf das gesamte Mittelalter zu übertragen. Im Mittelalter sind zunächst unterschiedliche Stränge zu erkennen: die Frau als nächtliche Gestaltwandlerin, die Katze als ambivalentes Tier, der schwarze Kater als dämonisches Symbol und die Vorstellung tierischer Vertrauter. Erst später verschmelzen diese Traditionen zur klassischen Katzenhexe.

5. Vom dämonischen Tier zum Familiar und zur Hexe in Katzengestalt

Im Spätmittelalter wird die Beziehung zwischen Hexe und Tier komplexer. Die Katze kann nun nicht nur die Gestalt sein, die eine Hexe selbst annimmt; sie kann auch ihr familiar, also ihr übernatürlicher Helfer oder Begleiter sein. Damit entstehen zwei nebeneinanderstehende Vorstellungen: Die Hexe ist die Katze und die Hexe hat die Katze. In der späteren Überlieferung können beide ineinander übergehen. Die Katze wird dadurch zu einem Identitätsproblem: Eine Katze kann eine gewöhnliche Katze sein, ein dämonischer Begleiter oder eine Hexe in verwandelter Gestalt.

Im 15. Jahrhundert wird die Tierverwandlung zunehmend in die gelehrte Dämonologie integriert. Sophie Page hat gezeigt, dass Tierverwandlungen im späten Mittelalter immer stärker als dämonisch verursachte Vorgänge interpretiert wurden. Vorstellungen von Frauen, die nachts in Tiergestalt Häuser betreten, sind insbesondere aus dem westlichen und südlichen Europa belegt. Der Malleus Maleficarum von 1486 steht in diesem Prozess. Heinrich Kramer diskutiert die Möglichkeit dämonischer Tiergestalten und greift dabei ältere Erzählstoffe auf. Bemerkenswert ist, dass der Katzenverwandlungskomplex damit nicht neu erfunden wird; ältere mittelalterliche Motive werden vielmehr in einen neuen dämonologischen Deutungsrahmen eingeordnet.

Im späten 16. Jahrhundert wird der Gestaltwandel schließlich als konkrete Handlung der Hexe dargestellt. Francesco Maria Guazzo berichtet in seinem Compendium Maleficarum von 1608 unter Berufung auf Nicolas Rémy, dass Beschuldigte angegeben hätten, sich in Katzen zu verwandeln, um nachts unbemerkt in fremde Häuser einzudringen. Guazzo führt den Fall der Barbelline Rayel an, die 1587 ausgesagt haben soll, sie sei als Katze in das Haus eines Jean Louis eingedrungen. Damit erhält die Tiergestalt eine konkrete Funktion: Sie dient als Tarnkörper. Die Hexe verwandelt sich nicht nur, um eine andere Gestalt zu besitzen, sondern um unerkannt in den menschlichen Lebensraum einzudringen. Die Katze ist dafür besonders geeignet, weil sie als alltägliches Tier auftreten kann, ohne sofort Verdacht zu erregen.

6. Der Stall als Schauplatz der Katzenhexe

Damit wird der Stall kulturgeschichtlich besonders interessant. Im ländlichen Europa war der Stall ein wirtschaftlich zentraler Raum: Hier befanden sich die Tiere, von deren Gesundheit und Leistungsfähigkeit die Existenz des Haushalts abhing. Milchverlust, Krankheit oder Tod eines Tieres konnten als konkrete Schäden erfahren werden. Wenn zugleich eine fremde Katze im Stall auftauchte, konnte diese Erscheinung erzählerisch zur sichtbaren Ursache eines ansonsten unsichtbaren Schadens werden. Die Katze wird dann zum Tarnkörper einer verborgenen Ursache.

Genau hier setzt die pfälzische Überlieferung ein. Helmut Seebach schreibt in Sagen in der Pfalz. Geister, Hexen, Teufel: „Die Hexe erscheint häufig in verschiedenen Tierverwandlungen, besonders aber als Katze.“ Weiter heißt es: „Die Sage von der als Katze verwandelten Hexe gibt es aus fast jedem Ort der Pfalz zu melden“ (Seebach, 1996, S. 120). Besonders aufschlussreich ist die von Seebach wiedergegebene Überlieferung aus Bisterschied. Dort erscheint eine als „mißliebige, häßliche alte Frau“ beschriebene Hexe in Katzengestalt im Stall. Die Katze wird als Schadenswesen erkannt; gegen sie wird ein Sack eingesetzt. In der Quelle heißt es: „Gewöhnlich hält ein oder zwei Mann einen Sack offen für das …, um die Hexe einspringen zu lassen.“ Die Überlieferung verbindet damit unmittelbar Hexe, Gestaltwandel, Katze, Stall, Schadenswirkung und Sackfang.

Dieser Befund ist besonders wichtig, weil er nicht erst durch eine moderne Interpretation erzeugt wird. Die einzelnen Elemente stehen bereits in der historischen Überlieferung nebeneinander. Die Hexe ist verborgen; sie erscheint in einer Tiergestalt; die Tiergestalt ist eine Katze; der Schauplatz ist der Stall; die Katze beziehungsweise Hexe soll gefangen werden; und der konkrete Gegenstand dafür ist der Sack.

7. Die Katze als verborgene Identität

Die Bedeutung der Katzenhexe liegt damit nicht allein darin, dass die Katze „böse“ ist. Entscheidend ist vielmehr die Differenz zwischen sichtbarer Gestalt und verborgener Identität. Der Betrachter sieht eine Katze, soll aber erkennen, dass sich dahinter möglicherweise eine Hexe verbirgt. Die Katze fungiert als Tarnkörper. Die sichtbare Erscheinung und das eigentliche Wesen fallen nicht zusammen.

Diese Struktur ist in der europäischen Kulturgeschichte ausgesprochen verbreitet. Verwandlungserzählungen spielen immer wieder mit der Differenz zwischen Erscheinung und Identität: Etwas sieht aus wie ein Tier, ist aber ein Mensch; etwas sieht aus wie ein Mensch, ist aber ein Dämon; etwas scheint harmlos, verbirgt aber eine gefährliche Identität. Die Katzenhexe gehört in genau diesen Bereich.

Der Bisterschieder Text ist deshalb so bemerkenswert, weil er die Frage nach der Identität unmittelbar mit der Fanghandlung verbindet. Man versucht nicht, eine Hexe in menschlicher Gestalt zu ergreifen. Man versucht, die Katze zu fangen. Wenn Katze und Hexe identisch sind, genügt im Grunde die Abwehr der Katze mit ihrem Ebenbild.  Seebach fasst diese Logik mit dem Begriff des Analogiezaubers: „Durch Analogiezauber wird die Katze, sprich Hexe, unschädlich gemacht“ (Seebach, 1996, S. 120). Der Fang mit Sack wäre die ultimative Abwehrhandlung, wenn der Analogiezauber vergessen wurde oder versagt hat.

8. Der Sack als Fanginstrument

Der Sack erhält in diesem Zusammenhang eine ausgesprochen konkrete Funktion. Er dient dazu, ein bewegliches, flüchtendes Wesen räumlich zu fixieren. Seine elementare Handlungssyntax lautet: öffnen, hineinbringen, schließen. Der Bisterschieder Text beschreibt genau diese Situation. Mehrere Männer halten einen Sack offen und warten darauf, dass die Katze beziehungsweise Hexe hineinspringt.

Der Sack ist damit das Gegenstück zur Gestaltwandlung. Die Hexe kann ihre Erscheinung verändern und sich der menschlichen Kontrolle entziehen; der Sack soll diese Beweglichkeit beenden. Er verwandelt ein frei bewegliches Wesen in einen eingeschlossenen Gegenstand. Die Erzählung muss dabei nicht erklären, wie genau die Verwandlung funktioniert. Entscheidend ist nur, dass die Katze als sichtbare Gestalt gefangen werden kann.

Damit wird der Sack zum Instrument der Fixierung einer verborgenen Identität. Die Hexe ist unsichtbar beziehungsweise verborgen; die Katze ist sichtbar; der Sack richtet sich gegen die sichtbare Gestalt.

9. Die zweite Geschichte des Sacks: die Säckung

Der Sack besitzt jedoch eine von der Katzenhexe unabhängige europäische Geschichte. Das Deutsche Rechtswörterbuch definiert die Säckung als „Ertränken einer Person in einem Sack als Todesstrafe“ und weist darauf hin, dass dabei häufig Tiere mit in den Sack eingeschlossen wurden. Die Praxis besitzt einen antiken Vorläufer in der römischen poena cullei. In der europäischen Rechtsgeschichte lebte die Säckung insbesondere im Zusammenhang mit schwersten Delikten wie Mord, Verwandtenmord und Kindsmord fort.

Für die vorliegende Untersuchung ist wichtig, dass Katzen tatsächlich Bestandteil solcher Strafrituale sein konnten. Ein Dresdner Fall von 1548 sieht bei einem wegen Muttermordes Verurteilten ebenfalls die gemeinsame Einbeziehung von Hund und Katze in den Sack vor. Auch für das 18. Jahrhundert sind vergleichbare Fälle belegt.

Diese Befunde dürfen allerdings nicht mit der Katzenhexenüberlieferung gleichgesetzt werden. Die Säckung war keine typische Hexenstrafe. Die Katze war dort Bestandteil eines Strafrituals und nicht notwendig Ausdruck eines Hexenglaubens. Dennoch zeigt die Rechtsgeschichte, dass die Kombination Sack + Katze im europäischen Kulturraum tatsächlich existierte und dass der Sack eine extreme Form der Einschließung und Unschädlichmachung symbolisieren konnte.

10. Katze und Sack als Motiv des Verborgenen

Eine dritte Bedeutungsdimension entsteht im deutschen Sprachraum durch das Motiv der „Katze im Sack“. Die Redewendung bezeichnet den Kauf beziehungsweise die Übernahme von etwas, dessen tatsächliche Beschaffenheit nicht überprüft wurde. Das Motiv ist literarisch unter anderem mit Till Eulenspiegel verbunden: Eine Katze wird in ein Hasenfell eingenäht, in einen Sack gesteckt und als Hase verkauft. Erst nach dem Kauf wird die Täuschung sichtbar.

Damit erhält die Verbindung von Katze und Sack eine weitere Bedeutungsebene. Der Sack ist nicht nur ein Behälter und nicht nur ein Fanginstrument; er ist auch ein Behälter des Verborgenen. Sein Inhalt ist nicht sichtbar. Die Katze wird zum Symbol einer falschen Erwartung und einer erst später erkannten Wahrheit. Die Redensart „die Katze aus dem Sack lassen“ verschiebt dieses Motiv nochmals: Was verborgen war, wird enthüllt.

Auch hier ist keine direkte Traditionslinie zur Katzenhexe nachweisbar. Aber die strukturelle Nähe ist bemerkenswert. Bei der Katzenhexe ist die sichtbare Katze möglicherweise etwas anderes, als sie zu sein scheint: eine Hexe. Bei der Katze im Sack ist der sichtbare Sack nicht durchschaubar: Sein Inhalt ist unbekannt. In beiden Fällen besteht eine Differenz zwischen äußerer Erscheinung und verborgenem Inhalt beziehungsweise Wesen.

11. Drei Bedeutungsfelder von Katze und Sack

Damit lassen sich drei historisch eigenständige, aber miteinander vergleichbare Motivkomplexe unterscheiden. Erstens die Katzenhexe: Die Katze ist die sichtbare Erscheinungsform eines verborgenen übernatürlichen Wesens. Zweitens die Säckung: Der Sack ist ein Instrument realer Einschließung und gegebenenfalls tödlicher Unschädlichmachung; Tiere wie Katzen können Bestandteil des Rituals sein. Drittens die Katze im Sack: Der Sack verbirgt seinen Inhalt und erzeugt eine Situation der Täuschung und Ungewissheit.

Diese drei Komplexe dürfen nicht zu einer einzigen historischen Tradition verschmolzen werden. Sie besitzen unterschiedliche Ursprünge und Funktionen. Dennoch erzeugen sie gemeinsam einen auffälligen kulturellen Bedeutungsraum: Katze, Sack, verborgene Identität, Einschließung, Täuschung und Fang.

Gerade deshalb ist die Bisterschieder Überlieferung so bemerkenswert. Dort treffen zwei dieser Bedeutungsfelder unmittelbar zusammen: Die Katze ist eine verborgene Hexe, und der Sack ist das Instrument, mit dem diese verborgene Gestalt eingefangen werden soll.

12. Von der Katzenhexe zur Elwedritsch-Jagd

Nun lässt sich die pfälzische Katzenhexenüberlieferung erstmals unmittelbar neben die Elwedritsch-Jagd stellen. In der Bisterschieder Erzählung ist ein übernatürliches Wesen verborgen; es erscheint als Tier; das Tier ist eine Katze; der Schauplatz ist ein ländlicher Wirtschaftsraum; das Wesen soll gefangen werden; der Sack ist das Fanggerät. In der Elwedritsch-Jagd ist ebenfalls ein Wesen verborgen; es soll als Tier erscheinen; die Jagd findet nachts im Wald, Weinberg oder einem vergleichbaren ländlichen Raum statt; der Teilnehmer wartet auf das Tier und versucht, es mit einem Sack einzufangen.

Die Übereinstimmung betrifft daher nicht nur einen Gegenstand. Sie betrifft eine Handlungsstruktur:

verborgenes Wesen → Tiergestalt → nächtlicher/ländlicher Raum → Erkennen oder Erwarten → Fangversuch → Sack.

Der entscheidende Unterschied liegt im Wahrheitsstatus der Handlung. In der Katzenhexenüberlieferung wird die Gefahr geglaubt und die Fanghandlung als reale Abwehr verstanden. In der Elwedritsch-Jagd wird die Gefahr inszeniert und die Fanghandlung zum Scherz. Die Struktur der Handlung kann dabei ähnlich bleiben, während sich ihr sozialer und emotionaler Sinn vollständig verändert.

13. Von der Abwehr zur Jagd

Diese Differenz ist kulturhistorisch wichtiger als die bloße Frage nach dem Requisit. Die Katzenhexe gehört zur Welt der Schadensabwehr: Eine Hexe kann dem Vieh schaden; deshalb muss die Erscheinung abgewehrt werden. Die Elwedritsch gehört zur Welt der Scherzjagd: Ein Wesen soll existieren; deshalb wird es gesucht und gefangen. In der ersten Form steht eine reale oder geglaubte Gefahr im Mittelpunkt, in der zweiten eine gemeinsam erzeugte Fiktion.

Man kann diese Veränderung deshalb als Verschiebung von Abwehr zu Jagd und von Jagd zu Spiel beschreiben. Gerade hier ist die pfälzische Überlieferung von besonderem Wert. Sie zeigt, dass ein Sackfang gegen ein übernatürliches Wesen in Tiergestalt nicht erst für die Elwedritsch-Jagd erfunden wurde. Das Handlungsmuster ist in der Region bereits anderweitig belegt.

14. Die Katze als Tarnkörper, der Sack als Kontrollkörper

Die beiden zentralen Gegenstände beziehungsweise Formen besitzen damit gegensätzliche Funktionen. Die Katze ermöglicht dem übernatürlichen Wesen, unerkannt zu bleiben. Sie ist der Tarnkörper. Der Sack soll dagegen die Beweglichkeit des Wesens beenden. Er ist der Kontroll- beziehungsweise Fangkörper. In der Katzenhexenerzählung treffen diese beiden Funktionen direkt aufeinander: Die Hexe verbirgt sich in der Katze; der Mensch versucht, die Katze im Sack zu fangen. Gerade diese Kombination macht den Bisterschieder Beleg für die Geschichte der Elwedritsch-Jagd so interessant.

15. Die Rolle der „Katze im Sack“

Das Motiv der „Katze im Sack“ fügt dieser Geschichte eine weitere interessante Dimension hinzu. Die Katze ist in der Katzenhexenerzählung etwas anderes, als sie zu sein scheint; im Sackmotiv ist der Inhalt etwas anderes, als der Käufer erwartet. Beide Geschichten handeln somit von einer Täuschung der Identität.

Bei der Katzenhexe gilt:

„Was wie eine Katze aussieht, kann eine Hexe sein.“

Bei der Katze im Sack:

„Was ich im Sack zu kaufen glaube, kann etwas anderes sein.“

Bei der Elwedritsch-Jagd:

„Was ich zu fangen glaube, existiert möglicherweise überhaupt nicht.“

Diese drei Formen dürfen nicht genealogisch miteinander gleichgesetzt werden. Sie bilden aber einen bemerkenswerten kulturgeschichtlichen Komplex von Erwartung, Verbergen, falscher Identität und nachträglicher Enthüllung.

16. Was sich historisch behaupten lässt

Die Quellenlage erlaubt eine klare Abstufung. Gut belegt sind die mittelalterliche Vorstellung nächtlicher Frauen und Tiergestalten, die Frau in Katzengestalt bei Gervasius von Tilbury um 1211, die dämonische Konnotation der Katze in mittelalterlichen häresiologischen und literarischen Quellen, die zunehmende Einbindung der Tierverwandlung in die frühneuzeitliche Hexendämonologie, konkrete Berichte des späten 16. Jahrhunderts über Hexen in Katzengestalt, die pfälzische Überlieferung der Katzenhexe und insbesondere der Bisterschieder Beleg des Sackfangs. Ebenso ist die Säckung mit Tieren einschließlich Katzen rechtsgeschichtlich belegt und das Motiv der Katze im Sack in der deutschen Schwank- und Sprichworttradition dokumentiert.

Der wissenschaftliche Befund lautet: In der pfälzischen Überlieferung existiert ein Handlungsschema, in dem eine Hexe als Katze in einen Stall eindringt und mit einem Sack eingefangen werden soll. Dieses Handlungsschema weist zu den späteren Elwedritsch-Jagden eine bemerkenswerte strukturelle Nähe auf.

17. Eine tausendjährige Motivgeschichte

Die Entwicklung lässt sich damit als Abfolge von Motivkomplexen beschreiben. Im frühen Mittelalter stehen nächtliche Frauen und ihre Beziehungen zu Tieren im Vordergrund. Im 12. Jahrhundert treten magische Frauen, Dämonen und tierische Begleiter hinzu. Um 1211 ist bei Gervasius von Tilbury die Frau in Katzengestalt belegt. Parallel wird die Katze im 12. und 13. Jahrhundert in bestimmten kirchlichen und literarischen Kontexten dämonisiert. Im späten Mittelalter wird die Tierverwandlung zunehmend dämonologisch interpretiert. Im 15. und 16. Jahrhundert verschmelzen die Vorstellungen von Hexe, Familiar und Tiergestalt; im späten 16. Jahrhundert ist die Katze als Tarnkörper der nachts handelnden Hexe konkret belegt. In der pfälzischen Überlieferung wird daraus die Katzenhexe im Stall, die mit einem Sack gefangen werden soll. Parallel besitzt der Sack eine eigenständige Geschichte als Behälter, Fanggerät, Strafinstrument und Behälter des Verborgenen. Schließlich begegnet uns in der Elwedritsch-Jagd erneut die Kombination aus verborgenem Tierwesen, nächtlicher Suche, Fang und Sack.

Diese Geschichte ist keine lückenlose Abstammungslinie. Sie ist eine Motivgeschichte, in der unterschiedliche Traditionen einander berühren, überlagern und in veränderten Zusammenhängen neu kombiniert werden können. Das ist Memetik in Reinform – kulturelle Evolution.

18. Schluss: Wie die Katze zum Hexentier wurde

Die Katze wurde nicht durch einen einzigen kirchlichen Beschluss zum Hexentier. Ihre Verbindung mit der Hexe entstand vielmehr über Jahrhunderte durch die Überlagerung verschiedener Vorstellungen. Den Ausgangspunkt bilden ältere Erzählungen von nächtlichen Frauen und tierischen Gefährten. Im 12. Jahrhundert treten dämonische Katzen und schwarze Kater hinzu. Bei Gervasius von Tilbury wird um 1211 erstmals besonders deutlich eine Frau in Katzengestalt beschrieben. Die Katze wird damit zum Körper des Gestaltwandels. In der späteren Dämonologie wird diese Vorstellung systematisiert und mit dem Hexenbegriff verbunden. Im 16. Jahrhundert ist die Katze schließlich als Tarnkörper der nachts handelnden Hexe greifbar. Die Katze kann nun selbst die Hexe sein oder als Familiar zu ihr gehören.

Die Gründe für ihre besondere Eignung liegen wahrscheinlich in ihrer kulturellen Ambivalenz: Sie ist Haustier und Nachtwesen, vertraut und eigenständig, sichtbar und lautlos, alltäglich und zugleich schwer kontrollierbar. Vor allem aber kann sie unauffällig in den menschlichen Lebensraum eindringen. In der Hexenüberlieferung wird daraus eine perfekte Gestalt für ein verborgenes Wesen.

Die pfälzische Überlieferung führt diese Entwicklung in eine besonders konkrete Handlungssituation. In Bisterschied erscheint die Hexe als Katze im Stall; sie wird als Ursache eines Schadens am Vieh verstanden und soll mit einem Sack eingefangen werden. Damit sind jene Elemente verbunden, die für die spätere Elwedritsch-Frage von besonderem Interesse sind: übernatürliches Wesen, Gestaltwandel, Katze, Nacht beziehungsweise Verborgenheit, ländlicher Raum, Fang und Sack.

Der Sack selbst besitzt dabei eine mehrfache Kulturgeschichte. Er ist Behälter und Fanggerät, aber auch historisches Strafinstrument. In der Säckung konnten Katzen Bestandteil eines makabren Strafrituals werden. In der deutschen Schwank- und Sprichworttradition wird der Sack dagegen zum Behälter des Unbekannten: „die Katze im Sack“ bezeichnet die Täuschung durch einen verborgenen Inhalt. Damit treffen sich im kulturellen Bedeutungsraum von Katze und Sack mehrere Motive: verborgene Identität, Einschließung, Fang, Täuschung und Enthüllung.

Vor diesem Hintergrund erhält die Elwedritsch-Jagd eine neue kulturhistorische Vergleichsperspektive. Auch dort ist das Wesen verborgen; auch dort wird es als Tier erwartet; auch dort findet die Handlung nachts beziehungsweise in einem ländlichen Außenraum statt; und auch dort dient der Sack als Fanggerät. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass die Katzenhexe eine geglaubte Gefahr verkörpert, während die Elwedritsch-Jagd eine spielerische Fiktion inszeniert.

Die derzeitige Quellenlage erlaubt die Feststellung: In der pfälzischen Überlieferung ist ein Handlungsschema belegt, das der späteren Elwedritsch-Jagd in wesentlichen Elementen auffallend nahekommt: Ein verborgenes übernatürliches Wesen erscheint in Tiergestalt, dringt in einen menschlich genutzten Raum ein und soll mit einem Sack eingefangen werden.

Damit verschiebt sich die kulturhistorische Fragestellung. Nicht der einzelne Sack und nicht die einzelne Katze müssen als unmittelbare Vorläufer der Elwedritsch identifiziert werden. Interessanter ist die Geschichte eines Handlungsmusters, das unterschiedliche Gestalten annehmen kann: Aus dem Versuch, eine als Katze erscheinende Hexe unschädlich zu machen, kann unter veränderten kulturellen Bedingungen die Jagd auf ein imaginäres Tierwesen werden. Der Ernst der Abwehr weicht dem Spiel, die Hexe dem Fabeltier, der Schaden dem Scherz – aber die grundlegende Handlung des Suchens und Fangens kann erstaunlich stabil bleiben.

Gerade deshalb ist der Bisterschieder Beleg ein Schlüsselzeugnis. Er beweist keine Traditionslinie zur Elwedritsch-Jagd. Er zeigt aber, dass Katze, Gestaltwandel, Schadenswesen, Stall, Fang und Sack in der pfälzischen Überlieferung bereits als zusammenhängende Handlungskonstellation existierten. Die Geschichte der Elwedritsch-Jagd muss vor diesem Hintergrund nicht neu geschrieben, wohl aber um einen wichtigen kulturhistorischen Vergleich erweitert werden.

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Francesco Maria Guazzo. Compendium Maleficarum, 1608. Enthält Berichte nach Nicolas Rémy über Hexen, die sich in Katzen verwandelt haben sollen, um nachts Häuser zu betreten.

Deutsches Rechtswörterbuch. Lemma „Säckung“ und Lemma „Katze“. Dokumentiert die Säckung als Todesstrafe und historische Fälle, in denen Katzen gemeinsam mit Verurteilten in Säcke gesteckt wurden.

Pfälzisches Wörterbuch / Fragebogenmaterial. Bisterschied, Fragebogenmaterial von 1927/1930; zitiert bei Seebach (1996, S. 120). Der Beleg beschreibt eine Hexe in Katzengestalt, die in den Stall einzudringen versucht, und einen Sack, der bereitgehalten wird, um sie einzufangen.

Till Eulenspiegel. Schwanktradition von der Katze im Sack: Eine Katze wird in ein Hasenfell eingenäht und als Hase verkauft. Das Motiv bildet einen literarischen Bezugspunkt der Redensarten „die Katze im Sack kaufen“ und „die Katze aus dem Sack lassen“.

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