
Zur möglichen Kontinuität des Hexafoils als Ornament, Heils- und Schutzzeichen
Abstract
Die sechsblättrige Rosette – in der englischsprachigen Forschung häufig hexfoil, hexafoil oder daisy wheel genannt – gehört zu den langlebigsten geometrischen Ornamentformen Europas, deren Geschichte sich weit vor das Mittelalter zurückverfolgen lässt. Besonders auf jüdischen Ossuarien der späten Zweiten-Tempel-Zeit in Jerusalem erscheint sie in auffälliger Häufigkeit, und auch im römischen Mainz ist sie als Bestandteil sepulkraler Steinmetzkunst belegt. Für die Merowingerzeit lässt sie sich wiederum in frühchristlich interpretierten Kontexten nachweisen, darunter auf dem Totenbett von Lauchheim, während sie im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Rheinland und in der Pfalz an Kirchen, Fachwerkhäusern, Türen, Fenstern, Möbeln und Haussegnungen begegnet; besonders aufschlussreich sind hier Beispiele aus Ober-Olm (Rosetten über Kirchentumfenstern) und Rommersheim (Rosetten auf einem Fachwerkhaus) – beide in Rheinhessen. Mit der Auswanderung deutschsprachiger Bevölkerung nach Pennsylvania gelangten vergleichbare geometrische Formen in die Kultur der Pennsylvania-Deutschen, wo sich seit dem späten 18. bzw. frühen 19. Jahrhundert die sogenannten barn stars und später die hex signs entwickelten; deutete die ältere Forschung diese noch als magische Schutzzeichen gegen Hexerei, differenziert die jüngere Forschung stärker zwischen dekorativer, religiöser, kosmologischer und apotropäischer Verwendung – je nach Kontext. Der Befund erlaubt somit keinen Nachweis einer ungebrochenen Linie „jüdisches Ossuar → europäischer Hexafoil → Pennsylvania-Dutch-Hex-Sign“, zeigt aber eine bemerkenswerte Konstanz der Form, der Platzierung an Schwellen und Übergängen sowie der Verbindung mit Tod, Heil, religiöser Ordnung und Haussegen. Die besonders enge Beziehung zwischen dem pfälzisch-rheinischen Kulturraum und der dem Pennsylvania Dutch Country macht diese Region zu einem wichtigen Untersuchungsfeld für die Frage nach kultureller Übertragung.
1. Problemstellung: Ornament oder Schutzzeichen?
Die sechsblättrige Rosette ist zunächst eine einfache geometrische Konstruktion, die sich mit einem Zirkel aus sechs gleich großen Kreisbögen erzeugen lässt. Gerade diese Einfachheit erklärt ihre weite Verbreitung, denn sie benötigt keine komplexe ikonographische Vorlage und kann von Steinmetzen, Holzschnitzern, Zimmerleuten und Laien gleichermaßen hergestellt werden. Damit entsteht allerdings ein methodisches Problem: Nicht jede sechsblättrige Rosette ist automatisch ein „Hexafoil“ im Sinne eines magischen Schutzzeichens, denn ein und dieselbe Form kann als Ornament, Blume, Stern, Sonnenzeichen, christliches Heilszeichen, Handwerkermotiv oder apotropäisches Zeichen verwendet werden. Robyn S. Lacy hat 2024 die internationale Geschichte des Hexfoils als Schutzzeichen untersucht und ausdrücklich darauf hingewiesen, dass solche Zeichen an Häusern, Kirchen, Türen, Möbeln und Gräbern über sehr lange Zeiträume auftreten; zugleich betont die Forschung zur materiellen Magie, dass die ursprüngliche Bedeutung eingeritzter Zeichen häufig nicht mehr dokumentarisch rekonstruierbar ist. Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob jede sechsblättrige Rosette ein Schutzzeichen sei, sondern unter welchen historischen Bedingungen die sechsblättrige Rosette zu einem Schutz-, Heils- oder Segenszeichen wurde. Gerade diese Fragestellung ermöglicht eine seriöse Verbindung der sehr unterschiedlichen Befunde, die im Folgenden chronologisch entfaltet werden.
2. Die jüdischen Ossuarien Jerusalems: ein früher Schlüsselbefund
Ein besonders eindrucksvoller Ausgangspunkt sind die jüdischen Ossuarien aus Jerusalem. Ein Ossuar ist ein kleiner Kalksteinkasten, in dem nach der primären Bestattung die Gebeine eines Verstorbenen sekundär beigesetzt wurden; die dekorierten Ossuarien gehören überwiegend in die späte Zweite-Tempel-Zeit, also etwa in das 1. Jahrhundert v. Chr. und 1. Jahrhundert n. Chr. Auf ihnen erscheint die Rosette außerordentlich häufig: Das Center for Jewish Art dokumentiert beispielsweise ein Ossuar aus dieser Zeit, dessen Schmalseiten jeweils eine sechsblättrige Spitzrosette innerhalb eines Doppelbandes tragen, während ein weiteres Ossuar auf der Vorderseite zwei sechsblättrige Rosetten aufweist, die von einem Zickzackband eingefasst werden und zwischen denen sich ein stilisierter Zweig befindet. Besonders wichtig ist ein wissenschaftlich publiziertes Ossuar der Miriam, Tochter des Yeshua, Sohn des Caiaphas, dessen Fassade zwei sechsblättrige Rosetten in Kreisen trägt; der Publikation zufolge gehören derartige Ossuarien zu einem Typus, bei dessen Dekoration der Zirkel verwendet wurde, und die Stücke werden in das Jahrhundert vor der Zerstörung des Zweiten Tempels datiert. Auch die National Library of Israel dokumentiert Ossuarien mit zwei sechsblättrigen Spitzrosetten, die ein zentrales Feld flankieren, und die Forschung bezeichnet die einfache sechsblättrige Rosette sogar als die häufigste Form innerhalb der Rosettenornamentik der Ossuarien. Hier ist allerdings Vorsicht geboten: Die Rosette kann nicht ohne weiteres als „jüdisches Schutzzeichen“ bezeichnet werden, die wahrscheinlichere Aussage lautet vielmehr, dass die sechsblättrige Rosette in der jüdischen Sepulkralkunst der späten Zweiten-Tempel-Zeit ein etabliertes und besonders häufiges Ornament war. Ob sie darüber hinaus Leben und Erneuerung, Licht und Sonne, kosmische Ordnung oder die Hoffnung auf Auferstehung symbolisierte oder eine konkrete apotropäische Funktion besaß, lässt sich nicht für jedes Stück nachweisen; gerade die Verbindung mit einem Behälter für die Gebeine Verstorbener macht die jüdischen Ossuarien jedoch für die spätere Geschichte des Hexfoils außerordentlich interessant.
3. Das römische Mainz: Die Rosette ist im Rheinraum angekommen
Für die hier untersuchte Traditionsgeschichte ist der römische Raum von besonderer Bedeutung. In Mainz/Mogontiacum ist die Rosette in der römischen Steinmetzkunst mehrfach belegt, insbesondere an den römischen Grabsteinen aus Zahlbach und anderen Mainzer Fundstellen. Eine Untersuchung der römischen Grabsteine der Rheinlande weist ausdrücklich zahlreiche Mainzer Grabstelen mit Rosetten im Giebelfeld nach; für den Grabstein „Mainz 67″ wird sogar eine große sechszackige Rosette beschrieben, aus deren Einschnitten eine zweite Rosette hervortritt. Damit ist eine sechsstrahlige Rosettenform nicht nur allgemein im Römischen Reich, sondern konkret in der römischen Sepulkralkunst von Mainz nachgewiesen. Auch römische Keramik aus Rheinzabern, dem antiken Tabernae in der heutigen Südpfalz, trägt sechsblättrige Rosetten: Dietwulf Baatz dokumentiert für römische Keramik aus dem Umfeld von Mainz eine sechsblättrige Rosette an den Verbindungsstellen und Enden von Perlstäben, die in die Zeit um 125–150 n. Chr. datiert werden. Damit besitzt der spätere rheinisch-pfälzische Kulturraum, in dem die Form sowohl im römischen Mainz als auch im südpfälzischen Rheinzabern begegnet, bereits in der römischen Epoche eine eigene Tradition der sechsblättrigen Rosette.
4. Die Merowingerzeit: eine wichtige Brücke
Die Merowingerzeit ist für die Fragestellung besonders wichtig, weil hier antike, germanische und christliche Bildtraditionen miteinander verschmelzen. Ein besonders aufschlussreicher Befund ist das Totenbett aus Lauchheim, auf dessen Giebelfeld sich eine sechsblättrige Rosette befindet; der Befund wird in einer Untersuchung frühmittelalterlicher christlicher Symbolik ausdrücklich erwähnt. Noch wichtiger ist der Kontext, denn die Untersuchung weist darauf hin, dass in merowingerzeitlichen Grabausstattungen sogenannte „heidnische“ und christlich interpretierte Symbole teilweise an denselben Stellen vorkommen, wobei Schutz- bzw. Heilsfunktionen insbesondere für Gegenstände diskutiert werden, die unmittelbar am Körper getragen oder den Toten beigegeben wurden. Damit entsteht eine interessante Verbindung von antiker Rosette über funeräre Verwendung zu frühmittelalterlicher Grabausstattung und christlicher Heilssemantik – das ist zwar noch kein Beweis für eine direkte Traditionslinie zum späteren Hexafoil, zeigt aber, dass die Rosette im frühen Mittelalter nicht einfach aus dem kulturellen Gedächtnis verschwand.
5. Spätantike und frühmittelalterliche Christianisierung
Besonders wichtig ist dabei die frühchristliche Kunst. Die Forschung zu frühmittelalterlichen Kirchen weist darauf hin, dass viele geometrische und vegetabile Motive bereits vorchristliche Vorläufer besitzen und anschließend in christlichen Kontexten weiterverwendet wurden; in frühchristlichen Mosaiken erscheinen sechsblättrige Rosetten bzw. lilienartige Formen neben Kreuzen, Knoten und anderen geometrischen Ornamenten. Das bedeutet nicht, dass die Christen ein magisches heidnisches Zeichen übernommen hätten, sondern lässt sich als allgemeinerer Prozess beschreiben, in dem ein vorhandenes Ornament in einen neuen religiösen Bedeutungsrahmen integriert wird. Gerade dieser Mechanismus ist für die spätere Geschichte des Hexfoils wahrscheinlich wichtiger als die Suche nach einer einzigen „Ur-Bedeutung“. Es handelt sich jeweils um Re-Codierung, nicht um Weitergabe einer Traditionslinie.
6. Das mittelalterliche Rheinland und die Pfalz
Für die Frage nach einer möglichen Kontinuität ist nun der Raum zwischen Rhein, Pfalz und Rheinhessen – der späteren SchUM-Region – besonders interessant, denn hier finden sich die Rosetten nicht nur in Kirchen, sondern auch in der Alltagsarchitektur. Eine besonders wichtige Zusammenstellung stammt von Patrick J. Donmoyer, die im Glencairn Museum publiziert wurde und ausdrücklich geometrische Sterne und Rosetten in den architektonischen Traditionen von Rheinland-Pfalz und Rheinhessen dokumentiert – darunter ein Türpaneel mit sechsstrahligen Rosetten in Kaiserslautern, Rosetten und ein Kreuz an den Lüftungsöffnungen der St.-Martins-Kirche in Ober-Olm, eine Haussegnung von 1891 in Oberalben, eine Rosette am Dachgesims eines Fachwerkhauses in Rommersheim sowie weitere Rosetten- und Sonnenmotive in Oberalben und Rommersheim. Das ist für unsere Untersuchung außerordentlich wichtig, denn hier verlässt das Motiv den Bereich der antiken und kirchlichen Kunst und wird Bestandteil der ländlichen Haus- und Hofkultur.
7. Ober-Olm und Rommersheim: zwei rheinhessische Befunde im Detail
Ober-Olm ist dabei keineswegs zufällig gewählt: Die katholische Pfarrkirche St. Martin besitzt einen romanischen Turm aus dem 12. Jahrhundert, und die Baugeschichte des Ortes reicht in die frühmittelalterliche Zeit zurück. Noch interessanter ist Rommersheim in Rheinhessen, wo Donmoyers Dokumentation ausdrücklich eine Rosette am Dachgesims eines Fachwerkhauses nennt. Rommersheim besitzt einen außergewöhnlich reichen historischen Fachwerkbestand; das ehemalige Rathaus stammt aus der Zeit um 1600, zahlreiche weitere Fachwerkhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Damit befindet sich die Rosette hier in genau jenem architektonischen Kontext, in dem das spätere Hexafoil besonders interessant wird: am Haus, an der Grenze zwischen Außen und Innen. Das ist kein beliebiger Ort, denn Tür, Fenster, Giebel und Traufe sind architektonische Übergangszonen, und in der europäischen Forschung werden gerade solche Stellen besonders häufig als Träger apotropäischer Zeichen beobachtet. Lacy weist darauf hin, dass Hexfoils an Türen, Wänden, Kirchen, Möbeln und Gräbern vorkommen, und Donmoyer beschreibt für den rheinischen Raum ebenfalls die Platzierung geometrischer Zeichen über Türen und Fenstern, an Toren, Kirchen, Dachgesimsen und Giebeln. Über alle untersuchten Epochen hinweg – vom jüdischen Ossuar über den römischen Grabstein, das merowingische Totenbett und die mittelalterliche Kirche bis zum frühneuzeitlichen Fachwerkhaus, dem bäuerlichen Hof und schließlich der Pennsylvania Barn – lässt sich dabei eine auffällige funktionale Gemeinsamkeit beobachten: Die Form bleibt nicht unbedingt identisch in ihrer Bedeutung, wandert aber auffällig häufig in Bereiche, die als Übergänge zwischen Tod und Jenseits, Heil und Sakralraum oder Haus und Außenwelt verstanden werden können. Das ist kulturwissenschaftlich interessanter als die Behauptung eines unveränderten „magischen Zeichens“.
8. Die Pfalz und Rheinhessen als Vermittlungsraum
Die Pfalz und Rheinhessen spielen in dieser Geschichte eine besondere Rolle. Donmoyer stellt ausdrücklich fest, dass sich in der Pfalz und in Rheinhessen zwar keine direkten Entsprechungen zu den großen bemalten Pennsylvania-Barns finden, dass aber dieselben grundlegenden Stern- und Rosettenmuster in rheinischer Architektur vorkommen; er nennt insbesondere Fachwerk, Möbel, Kirchen, Friedhöfe und Hausinschriften. Damit wird ein wichtiger Unterschied sichtbar: In der Pfalz und Rheinhessen handelt es sich um kleine, in Architektur integrierte Rosetten an Tür, Fenster, Dachgesims, Fachwerk, Möbel und Haussegnung, während in Pennsylvania große, weithin sichtbare geometrische Sterne an Haus, Scheune, Giebel und Barn entstehen. Die amerikanische Form ist daher nicht einfach eine Kopie des pfälzischen Vorbilds, sondern eine ältere europäische Formensprache wurde unter den Bedingungen der Neuen Welt vergrößert, farblich radikalisiert und in eine neue Architektur integriert.
9. Die Pennsylvania Dutch Barn: Kontinuität – aber keine einfache Kopie
Die Pennsylvania Barn selbst ist eine amerikanische Entwicklung, die allerdings europäische Bautechniken miteinander verbindet; die Forschung beschreibt insbesondere Kombinationen aus schweizerischen, deutschen und englischen Bautraditionen, aus denen Bankbauweise, Rampe und der charakteristische Vorbau (forebay) in Pennsylvania zu einer eigenständigen Form zusammengeführt wurden. Dasselbe gilt für die Stern- und Rosettenornamentik: Die frühen Pennsylvania-Barn-Stars sind nicht einfach „aus Deutschland importierte Hexafoils“. Thomas E. Graves und andere Forscher haben vielmehr darauf hingewiesen, dass ähnliche geometrische Muster in der europäischen Volkskunst bereits vorhanden waren, während die großformatige Bemalung der amerikanischen Scheunen eine Neuentwicklung der Neuen Welt war; früheste dokumentierte Barn Signs reichen nach dieser Forschung mindestens in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, schriftliche Hinweise auf frühere Formen bis in die 1830er Jahre. Die staatliche Denkmalpflege Pennsylvanias datiert die Verwendung entsprechender Zeichen sogar bis in die 1780er Jahre zurück, weist aber zugleich darauf hin, dass der Begriff hex sign erst in einer touristischen Publikation der 1920er Jahre populär wurde; die heutige Forschung bewertet die Barn Stars überwiegend als dekorative Volkskunst und warnt vor einer pauschalen Gleichsetzung mit Magie. Das ist für die Forschungsgeschichte entscheidend, denn die Vorstellung, die Pennsylvania Dutch hätten Hexenzeichen auf ihre Scheunen gemalt, um Hexen abzuwehren, ist nicht die ursprüngliche Selbstbezeichnung der Tradition – die Bezeichnung hex sign wurde erst im 20. Jahrhundert populär, während sich die ältere bäuerliche Terminologie vielmehr auf Sterne und Blumen bezog. Die spätere magische Interpretation wurde durch Tourismus, Publizistik und Folklore stark verbreitet, wie Graves/Yoder und Donmoyer ausführlich untersucht haben; Donmoyer weist zudem darauf hin, dass viele traditionelle Barn Painter ihre Arbeiten schlicht als Schtanne – Sterne – bezeichneten und die spätere Bezeichnung „hex sign“ mit Skepsis betrachteten.
10. Trotzdem existiert ein Schutz- und Segenskontext
Die Gegenposition, alles sei nur Dekoration gewesen, wäre allerdings ebenfalls zu einfach, denn die Kultur der Pennsylvania Dutch kennt durchaus Haussegnungen und religiöse Zeichen. Besonders interessant sind frühe Haus- und Scheunensegnungen mit Sternmotiven: Donmoyers Dokumentation zeigt beispielsweise europäische Haussegnungen mit Sternen, Datierungen und ausdrücklich formulierten Bitten um Schutz vor Krankheit, Sturm und Feuer. Ein besonders eindrucksvolles europäisches Vergleichsbeispiel ist das Schweizer Blümlisalp-Haus von 1571, dessen Inschrift ausdrücklich um Schutz des Hauses und Dorfes vor Krankheit, Sturm und Brand bittet und unter der sich große geometrische Formen befinden. Damit ist ein funktionales Bindeglied aus Rosette bzw. Stern, Haus, Schwelle, religiöser Segnung und Schutz sichtbar, was allerdings noch nicht bedeutet, dass jede Barn Star magisch war. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die ausdrücklich dokumentierte sechsblättrige Form: Donmoyer beschreibt unter anderem eine sechsblättrige Rosette mit zentralem Kreis, die bereits auf einem Gebäude aus dem späten 18. Jahrhundert erscheint, und auch die Kirchenarchitektur verwendet das Motiv – die 1767 errichtete New Hanover Lutheran Church besitzt eine sechsstrahlige Rosette auf dem Schlussstein über dem Eingang, eine weitere Rosettenserie findet sich an der Swamp Union Church von 1806. Das ist bemerkenswert, weil diese Beispiele vor der eigentlichen touristischen „Hex-Sign“-Mythologie liegen.
11. Die entscheidende Verbindung zur Kurpfalz
Nun zu dem Punkt der Auswanderer aus der Kurpfalz: Die Pennsylvania Dutch waren keine homogene Gruppe ausschließlich pfälzischer Herkunft, zu ihnen gehörten vielmehr Einwanderer aus verschiedenen deutschsprachigen Regionen, darunter Pfalz, Elsass, Baden, Württemberg, Schweiz, Hessen und weitere Gebiete. Deshalb wäre die Aussage, die Hex Signs stammten aus der Kurpfalz, historisch zu stark; die pfälzisch-rheinische Welt gehört aber zu den wichtigen europäischen Herkunftsräumen der Kultur der Pennsylvania-Deutschen, und genau hier wird der Vergleich mit den rheinhessischen und pfälzischen Rosetten interessant. Die von Donmoyer zusammengestellte Vergleichstafel enthält ausdrücklich Beispiele aus der Pfalz und Rheinhessen und stellt sie den Pennsylvania-Barn-Stars gegenüber, so dass zumindest eine plausible kulturelle Transferzone vom Rheinland bzw. der Pfalz über die Migration nach Pennsylvania bis zu einer neuen architektonischen Ausdrucksform besteht. Der Nachweis, dass ein bestimmtes Pennsylvania-Barn-Symbol von einem bestimmten kurpfälzischen Auswanderer mitgebracht wurde, ist dagegen bislang nicht erbracht.
12. Das Pennsylvania-Barn-Paradox
Die Forschung kommt hier zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Die Formen sind europäisch anschlussfähig, die Scheunenbemalung selbst ist aber weitgehend eine amerikanische Innovation. Genau diese Kombination macht das Phänomen kulturgeschichtlich interessant und lässt sich als eine europäische Formensprache beschreiben, die auf eine amerikanische Medienrevolution trifft. In Europa waren Rosetten relativ kleine, in Tür, Fenster, Balken, Möbel, Kirche und Haussegen integrierte Elemente; in Pennsylvania wurden daraus Giebel, Scheunenfront und große bemalte Medaillons. Das Zeichen wurde dadurch nicht nur Ornament, sondern Landschaftselement.
13. Dirmstein, Südpfalz und Kallstadt
Für die jüngere regionale Entwicklung sind auch pfälzische Beispiele interessant. Die auf elwedritsch.de zusammengestellte fotografische Dokumentation zeigt unter anderem Rosetten in Dirmstein, ein Schutzsymbol in Dirmstein, eine Rosette aus der Südpfalz, eine sechsstrahlige Rosetten- bzw. „Blume des Lebens“-Anordnung an einem Hoftor in Kallstadt, datiert 1904, sowie weitere Beispiele aus Rheinhessen und der Pfalz. Diese Beispiele sind für die regionale Forschung wertvoll, müssen aber methodisch anders behandelt werden als archäologisch publizierte Funde: Sie sind zunächst dokumentierte Beispiele für das Fortleben der Form, nicht automatisch Belege für deren ursprüngliche Bedeutung. Gerade das Kallstadter Hoftor ist jedoch aufgrund der Datierung 1904 interessant, denn die Form lebt hier noch im frühen 20. Jahrhundert in einem bäuerlich-höfischen Zusammenhang fort.
14. Zusammenführung der Befunde
Die dargestellten Phasen lassen sich nun zusammenführen: Auf die jüdischen Ossuarien mit ihren sechsblättrigen Rosetten auf Behältern für die Toten folgen das römische Mainz und Rheinzabern mit Rosetten in Grabkunst und Ornamentik; in der Merowingerzeit erscheint die sechsblättrige Rosette auf dem Totenbett von Lauchheim, während Rosetten und andere Motive in christlich geprägte Symbolwelten integriert werden; im Mittelalter werden Rosetten Ornament und Heilszeichen an Kirchen und sakraler Architektur; in der frühen Neuzeit finden sie sich im Rheinland, in Rheinhessen und in der Pfalz an Türen, Fenstern, Fachwerk, Dachgesimsen, Kirchen, Möbeln und Haussegnungen, wofür die Dokumentation von Kaiserslautern, Ober-Olm und Rommersheim besonders wichtig ist; in Pennsylvania schließlich werden Sterne und Rosetten Bestandteil von Häusern, Kirchen, Haussegnungen und Scheunen und entwickeln sich zu Barn Stars und später zu „Hex Signs“, bevor im 20. Jahrhundert aus Sternen und Blumen touristisch vermarktete „Hex Signs“ mit ihrer eigenen Mythologisierung werden. Eine ungebrochene Traditionslinie im strengen historischen Sinn lässt sich daraus jedoch nicht ableiten, denn dafür fehlen mehrere entscheidende Zwischenglieder: Weder die Verbindung vom jüdischen Ossuar zum merowingischen Hexafoil noch die vom merowingischen Hexafoil zum pfälzischen Fachwerkzeichen noch die vom pfälzischen Fachwerkzeichen zu einem bestimmten Pennsylvania Barn Sign lässt sich beweisen; das wäre eine unzulässige Verkürzung.
Was sich tatsächlich beobachten lässt, ist etwas anderes: eine bemerkenswerte Formkontinuität, in der die sechsblättrige Rosette über Jahrtausende erstaunlich stabil bleibt; eine Medienkontinuität, in der sie auf Stein, Keramik, Holz, Metall, Architektur und Möbeln erscheint; eine Kontextkontinuität, in der sie überdurchschnittlich häufig in religiösen, funerären oder architektonisch hervorgehobenen Zusammenhängen auftritt; eine Schwellenkontinuität, in der sie im Mittelalter und in der frühen Neuzeit auffällig häufig an Türen, Fenstern, Toren und Giebeln platziert wird; eine Segenskontinuität, in der die geometrische Form im europäischen Haussegen mit Bitten um Schutz des Hauses verbunden wird; und schließlich eine transatlantische Kontinuität, in der ähnliche Formen in Pennsylvania bei einer Bevölkerung erscheinen, deren kulturelle Wurzeln wesentlich auch im deutschen Südwesten liegen.
15. Ein neues Modell: nicht „Übertragung eines Symbols“, sondern „Übertragung einer Formensprache“
Damit lässt sich die bisherige Frage präziser beantworten. Die These, der Hexafoil sei ein uraltes Schutzsymbol, das von den Juden über die Römer bis zu den Pennsylvania Dutch weitergegeben wurde, ist historisch nicht nachweisbar. Die deutlich besser begründbare These lautet, dass die sechsblättrige Rosette zu einer langlebigen europäischen und mediterranen Formensprache gehört, die in unterschiedlichen Epochen wiederholt in funerären, religiösen, häuslichen und apotropäischen Kontexten eingesetzt wurde. Im rheinisch-pfälzischen Raum lässt sich diese Formensprache besonders deutlich in der ländlichen Architektur beobachten, und durch die Migration deutschsprachiger Bevölkerungsgruppen nach Pennsylvania gelangten entsprechende geometrische und religiös konnotierte Gestaltungsmuster in die Neue Welt, wo sie in der eigenständigen Pennsylvania-German-Baukultur eine neue, großformatige Ausdrucksform entwickelten. Das ist nach gegenwärtigem Forschungsstand die stärkere Aussage.
16. Bedeutung für die Elwedritsch-Forschung
Gerade hier entsteht eine interessante Verbindung zur bisherigen Elwedritsch-Forschung. Wenn die Elwedritsch als Alb- bzw. Drudenfigur verstanden wird, dann ist die Frage nach Schutzzeichen an Türen und Fenstern relevant, denn die europäische Volkskunde kennt die Vorstellung, dass bestimmte Zeichen an den Übergängen eines Hauses gegen schädliche nächtliche Wesen schützen. Der Hexafoil wäre dann nicht deshalb interessant, weil sich beweisen ließe, dass die Elwedritsch mit Hexafoils abgewehrt wurde – dafür gibt es keinen direkten historischen Beleg –, sondern weil der kulturgeschichtliche Raum, in dem Alb-, Druden- und andere Nachtgeistervorstellungen überliefert wurden, derselbe ländliche Kulturraum ist, in dem geometrische Haus- und Schutzzeichen an Türen, Fenstern und Giebeln vorkommen. Das eröffnet eine kontextuelle, aber keine direkte genealogische Verbindung.
17. Schlussfolgerung
Die Untersuchung führt zu einem differenzierten Ergebnis. Die sechsblättrige Rosette ist kein exklusiv jüdisches Symbol, kein ausschließlich germanisches Zeichen und auch keine Erfindung des Mittelalters, denn ihre Form ist erheblich älter und über zahlreiche Kulturen verbreitet. Die jüdischen Ossuarien Jerusalems sind dennoch ein Schlüsselbefund, weil sie zeigen, dass die sechsblättrige Rosette bereits in der Antike in einem ausgesprochen funerären Kontext eine prominente Rolle spielte; im römischen Mainz wird die Rosette anschließend Teil der regionalen Steinmetz- und Grabkunst. Die Merowingerzeit bildet eine weitere wichtige historische Scharnierphase, in der die Rosette in frühmittelalterlichen Grab- und Heilskontexten erscheint und in christliche Symbolsysteme integriert werden kann, wofür das Lauchheimer Totenbett ein besonders eindrucksvoller Beleg ist. Im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Rheinland und in der Pfalz wird die Form zunehmend Teil der Haus- und Alltagsarchitektur, wie besonders die Befunde aus Kaiserslautern, Ober-Olm und Rommersheim an Türen, Kirchen und Fachwerkhäusern zeigen. In Pennsylvania schließlich entsteht aus europäischen geometrischen Gestaltungstraditionen eine eigenständige Barn-Star-Kultur; die großen Scheunensterne sind dabei keine bloße Kopie europäischer Zeichen, sondern eine amerikanische Weiterentwicklung, deren Formen aber in einem europäischen kulturellen Erbe stehen, das auch den pfälzisch-rheinischen Raum einschließt. Die eigentliche historische Kontinuität liegt deshalb weniger in einem einzelnen unverändert überlieferten „magischen Zeichen“ als in der Weitergabe einer visuellen Formensprache – von der Rosette über den Stern zum Hauszeichen, zum Segenszeichen und schließlich zum Barn Star –, bei der sich die Bedeutungen verändern, während die geometrische Form erstaunlich stabil bleibt.
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