Abstract

Die Geschichte des linksrheinischen Raumes zwischen Oberrhein, Mittelrhein, Rheinhessen und Pfalz lässt sich nicht als Abfolge vollständig voneinander getrennter Bevölkerungen verstehen. Zwischen der späten Eisenzeit und dem frühen Mittelalter zeigt sich vielmehr ein Prozess mehrfacher politischer, demografischer und kultureller Transformation: auf eine keltisch geprägte Landschaft folgten römische Herrschaft und eine gallorömische Gesellschaft, die seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. mit germanischen Gruppen in intensiven Kontakt trat; im 5. und 6. Jahrhundert etablierte sich fränkische Herrschaft, und im 6. und 7. Jahrhundert entstand eine neue Siedlungslandschaft, deren Spuren in Ortsnamen, Reihengräberfeldern und archäologischen Befunden sichtbar werden. Das 8. Jahrhundert war dabei weniger die Phase einer erstmaligen „fränkischen Besiedlung“ als eine Zeit der Verdichtung, des Landesausbaus, der Christianisierung und der administrativen Integration.

Für die historische Volkskunde ist diese Entwicklung von besonderer Bedeutung. Kulturelle Vorstellungen müssen nicht in ununterbrochenen ethnischen Traditionslinien überliefert werden; sie können über Bevölkerungswechsel, Herrschaftswechsel, Christianisierung und sprachliche Transformation hinweg neu interpretiert, funktional verändert oder unabhängig voneinander rekonstruiert werden. Für die Elwedritsch-Forschung eröffnet dieses Modell die Möglichkeit, zwischen historischer Tiefenschichtung (Tiefenstruktur) und konkreter Traditionsüberlieferung (Oberflächenstruktur) zu unterscheiden. Eine germanische, keltische oder fränkische „Abstammung“ der Elwedritsch wäre demnach nicht vorauszusetzen; zu untersuchen wäre vielmehr, welche älteren kulturellen Motive und welche allgemeinmenschlichen kognitiven Dispositionen in unterschiedlichen historischen Kontexten die Entstehung und Transformation von Vorstellungen über nächtliche Wesen begünstigten.

Schlüsselwörter: Kelten, Germanen, Franken, Rheintal, Rheinhessen, Pfalz, fränkische Landnahme, Siedlungsgeschichte, kulturelle Evolution, Volkskunde, Elwedritsch

1. Einleitung: Keine ethnische Abfolge, sondern eine historische Schichtung

Die Bevölkerungsgeschichte des linksrheinischen Raumes wird in populären Darstellungen häufig als einfache Abfolge erzählt: zuerst Kelten, dann Römer, dann Germanen, schließlich Franken. Als grobe Orientierung ist dieses Modell verständlich, historisch jedoch irreführend, denn Bevölkerungsgruppen verschwanden nicht jeweils vollständig, sobald eine neue politische oder ethnische Bezeichnung auftrat.

Der Rhein war kein statischer Grenzraum, sondern zugleich Verkehrsweg, Wirtschaftszone, militärische Grenze und Kontaktzone. Bereits Tacitus beschreibt den Rhein als Trennlinie zwischen Gallien und Germanien – macht aber selbst deutlich, dass diese Grenze nicht undurchlässig war: In Germania 2 erklärt er, der Name „Germanen“ sei ursprünglich die Bezeichnung einer einzelnen Gruppe gewesen, die sich allmählich auf größere Bevölkerungen ausgedehnt habe (Tacitus, Germania 2). Ethnische Bezeichnungen sind also nicht identisch mit biologisch oder kulturell homogenen Bevölkerungen – ein Problem, das bereits in der antiken Quelle selbst angelegt ist.

Für den linksrheinischen Raum ist deshalb weniger die Frage entscheidend, wann „die Kelten gingen“ oder „die Germanen kamen“, sondern: Welche Bevölkerungsgruppen lebten zu welchem Zeitpunkt in welcher sozialen und kulturellen Konstellation zusammen, und welche kulturellen Formen konnten unter diesen Bedingungen fortbestehen, sich verändern oder neu entstehen? Diese Perspektive erlaubt es, für die historische Volkskunde zwischen Bevölkerungskontinuität, kultureller Kontinuität und funktionaler bzw. konvergenter Neubildung zu unterscheiden – eine Unterscheidung, auf die dieser Artikel in Kapitel 16 als Ergebnis zurückkommt.

2. Die keltische Ausgangslage

Bis in die späte Eisenzeit war der linksrheinische Raum – einschließlich der Gebiete des heutigen Rheinhessen und der Pfalz – erheblich keltisch geprägt. Archäologische Befunde zeigen eine Siedlungsgeschichte, die deutlich vor der römischen Eroberung einsetzt. „Keltisch“ sollte dabei nicht als moderne ethnische Kategorie verstanden werden: Die archäologisch fassbaren Kulturen der Latènezeit lassen sich nicht ohne Weiteres mit einem einheitlichen „keltischen Volk“ gleichsetzen, sondern bezeichnen unterschiedliche regionale Gesellschaften mit verwandten sprachlichen und kulturellen Merkmalen.

Schon vor Caesars Eroberung Galliens war der Rhein Kontaktzone zwischen keltischen und germanischen Gruppen. Besonders deutlich wird dies am Auftreten germanischer Gruppen am Oberrhein im 1. Jahrhundert v. Chr.: Caesar berichtet in De bello Gallico von Ariovist und seinen Sueben, die in den Raum östlich der Vogesen bzw. ins Elsass gelangten. Der Konflikt zwischen Caesar und Ariovist 58 v. Chr. markiert einen politischen Wendepunkt, nicht den Beginn jeglicher germanischer Präsenz am Rhein. Die Grenze zwischen „keltisch“ und „germanisch“ war somit schon vor der römischen Eroberung eine Kontaktzone, kein Bruch.

3. Romanisierung bedeutete keinen Bevölkerungsaustausch

Die römische Eroberung seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. führte zu einer tiefgreifenden politischen und wirtschaftlichen Integration des linksrheinischen Raumes. Städte wie Mainz, Worms und Speyer wurden Bestandteile des römischen Systems; Straßen, Militärlager, Gutshöfe und Verwaltungseinrichtungen veränderten die Landschaft. Romanisierung bedeutete jedoch nicht, dass die vorherige Bevölkerung verschwand und durch Römer ersetzt wurde.

Vielmehr entwickelte sich eine gallorömische Gesellschaft, in der lokale Bevölkerung, römische Verwaltung, Militärangehörige, Händler und germanische Gruppen miteinander verbunden waren; Sprache, Religion, materielle Kultur und soziale Organisation veränderten sich graduell. Aus keltischer Bevölkerung und Traditionen entwickelte sich unter römischer Herrschaft eine gallorömische Gesellschaft. Eine kulturelle Tradition musste in dieser Situation nicht unverändert „keltisch“ bleiben, um Elemente älterer Vorstellungen weiterzuführen; sie konnte in neuen religiösen und sozialen Zusammenhängen neue Bedeutungen erhalten. Für spätere Sagenstoffe ist das methodisch entscheidend: Selbst wenn ein Motiv eine lange Vorgeschichte besitzt, darf daraus nicht automatisch auf eine ungebrochene ethnische Überlieferung geschlossen werden.

4. Germanische Gruppen am Rhein

Bereits vor und während der römischen Kaiserzeit siedelten verschiedene germanische Gruppen im weiteren Rheinraum. Tacitus nennt in seiner Germania unter anderem die Bataver, die nach seiner Darstellung das Rheininselland bewohnten und ursprünglich mit den Chatten verbunden waren (Tacitus, Germania 29) – ein Beispiel für die Dynamik ethnischer Identitäten: Gruppen verlagerten sich und entwickelten neue politische Zugehörigkeiten.

Für den linksrheinischen Raum sind insbesondere die im Zusammenhang mit der römischen Neuordnung genannten Vangionen, Nemeter und Triboker relevant. Ihre genaue Herkunft und der Umfang, in dem sie neue Bevölkerungen darstellten oder ältere Gruppen überlagerten, ist nicht mit letzter Sicherheit zu beantworten. Eine moderne Siedlungsgeschichte muss deshalb mehrere Ebenen auseinanderhalten: archäologische Kultur, sprachliche Zugehörigkeit, politische Herrschaft, Selbstidentifikation, römische Fremdbezeichnung und tatsächliche demografische Mobilität. Die Bezeichnung „Germanen“ lässt sich also nicht ohne Weiteres mit einem bestimmten archäologischen Fundtyp gleichsetzen.

5. Das Ende der römischen Herrschaft

Im 4. und frühen 5. Jahrhundert geriet das römische Grenzsystem am Rhein zunehmend unter Druck – die politische Ordnung zerfiel jedoch nicht an einem einzigen Tag. Auch die ältere Vorstellung, mit dem Rheinübergang von 406/407 habe die gesamte römische Bevölkerung die linksrheinischen Gebiete verlassen, gilt heute als zu schematisch. Neuere siedlungsarchäologische Untersuchungen zeigen ein differenzierteres Bild: Am Mittelrhein blieben Teile der lokalen Bevölkerung auch nach dem Rückzug römischer Verwaltung und Truppen in der Region, während zugleich neue politische und soziale Strukturen entstanden. Die Franken orientierten sich teils an vorhandenen römischen Siedlungsplätzen, gründeten teils neue Siedlungen und entwickelten eigene Siedlungsmuster – ein Teil der Siedlungskontinuität knüpfte an römische Strukturen an, daneben entstanden neue Siedlungen. Für den Mittelrhein lässt sich somit nicht von einem vollständigen Bevölkerungsaustausch sprechen.

6. Die Franken: Herrschaftsübernahme und Siedlungsbewegung

Die Franken waren keine plötzlich im 8. Jahrhundert auftretende Bevölkerung; ihre Präsenz am Niederrhein reicht wesentlich weiter zurück. Im späten 3. bis 5. Jahrhundert intensivierten sich die Kontakte zwischen Franken und Römischem Reich. Roymans und Heeren beschreiben die Franken sogar als eine politische und soziale Formation, die in erheblichem Maße an der spätrömischen Grenze selbst entstand und durch die Interaktion mit dem Imperium geprägt wurde (Roymans & Heeren, 2021).

Im 5. Jahrhundert veränderte sich das Machtgefüge am Rhein grundlegend. Mit Chlodwig und seinen Nachfolgern entstand ein fränkisches Großreich, das römische und fränkische Traditionen miteinander verband. Die Rheinlande um 500 waren zunächst noch nicht einfach Teil eines bereits einheitlichen fränkischen Reiches; vielmehr bestanden verschiedene fränkische Teilherrschaften, die erst unter Chlodwig politisch zusammengeführt wurden. Chlodwigs Bedeutung liegt daher nicht darin, dass er „die Franken“ erstmals an den Rhein brachte, sondern in der politischen Konsolidierung und Expansion fränkischer Herrschaft.

7. Die eigentliche fränkische Siedlungsverdichtung: 6. und 7. Jahrhundert

Für Rheinhessen und die Pfalz ist die Zeit vom frühen 6. bis zum 7. Jahrhundert entscheidender als das 8. Jahrhundert. Fesser (2006) rekonstruiert die frühmittelalterliche Siedlungsentwicklung der nördlichen Vorderpfalz auf der Grundlage von Bodenfunden und karolingerzeitlichen Schriftquellen und zeigt, dass die archäologische Quellenlage stark von den merowingerzeitlichen Reihengräberfeldern geprägt ist.

Besonders wichtig ist eine Beobachtung Fessers: Die Reihengräberfelder werden ab etwa 700 mit wenigen Ausnahmen nicht mehr genutzt, während Schriftquellen im letzten Drittel des 8. Jahrhunderts zahlreicher werden. Die scheinbare Zunahme schriftlich belegter Orte im 8. Jahrhundert bedeutet also nicht automatisch, dass diese Orte erst in dieser Zeit entstanden – viele können wesentlich älter sein, ihre archäologische Sichtbarkeit ändert sich lediglich.

8. Ortsnamen als Spuren der fränkischen Siedlungslandschaft

Besonders sichtbar ist die frühmittelalterliche Siedlungsentwicklung in den Ortsnamen. Im linksrheinischen Raum treten zahlreiche Namen auf -heim, daneben auf -hausen/-husen, -ingen, -weiler/-wiler und -rod auf. Die ältere Forschung hat solche Namen teilweise schematisch einzelnen Stämmen zugeordnet: -heim als „fränkisch“, -ingen als „alamannisch“. Fesser weist darauf hin, dass gerade diese Zuordnung schon früh auf Widerspruch stieß. Ein Ortsname ist ein Indiz für eine Siedlungs- oder Benennungsphase, aber kein ethnischer Marker im strengen Sinn.

Gleichzeitig besteht kein Grund, die Aussagekraft der Ortsnamen vollständig zu verwerfen: Die Kombination von Ortsnamen, Archäologie und schriftlichen Quellen kann eine frühmittelalterliche Siedlungsbewegung sehr deutlich machen. In Rheinhessen zeigt sich eine besonders hohe Dichte solcher frühmittelalterlicher Namen; für Ingelheim etwa ist die frühe Form Ingilinhaim überliefert, die mit einem Personennamen in Verbindung gebracht und in die merowingerzeitliche Siedlungslandschaft eingeordnet wird.

9. Das 8. Jahrhundert: nicht Anfang, sondern Ausbau

Die Aussage, „die Franken“ hätten im 8. Jahrhundert viele Dörfer gegründet, ist im Kern richtig, aber chronologisch zu präzisieren: Der entscheidende Siedlungsschub setzt bereits im 6. und 7. Jahrhundert ein. Das 8. Jahrhundert bringt vor allem Verdichtung bestehender Siedlungen, Rodung und landwirtschaftliche Expansion, Ausbau von Verkehrs- und Wirtschaftsstrukturen, zunehmende Grundherrschaft, Christianisierung, Kirchenorganisation, Verschriftlichung von Besitzverhältnissen und stärkere Integration in das karolingische Herrschaftssystem. Fesser zeigt für die nördliche Vorderpfalz, dass gerade die karolingischen Schriftquellen ab dem letzten Drittel des 8. Jahrhunderts wesentlich zahlreicher werden. Das 8. Jahrhundert macht die frühmittelalterliche Siedlungslandschaft also vor allem sichtbar – es ist nicht notwendig ihr Entstehungszeitpunkt.

10. Christianisierung und Transformation älterer Vorstellungen

Mit der fränkischen Herrschaft ist eine weitere Transformation verbunden: die Christianisierung. Auch hier wäre die Vorstellung einer vollständigen, punktuellen Ablösung älterer Religion durch das Christentum zu schematisch. Vielmehr entstand eine neue religiöse Ordnung, in der ältere Vorstellungen bekämpft, umgedeutet, marginalisiert, dämonisiert, folklorisiert oder in neue Erzählformen integriert werden konnten.

Für den Mittelrhein ist die kirchliche Situation des 5. und 6. Jahrhunderts zunächst ausgesprochen instabil; die Bistümer Mainz, Worms, Speyer und Straßburg weisen in dieser Zeit erhebliche Überlieferungslücken auf, während sich im fränkischen Köln noch um 520/525 heidnische religiöse Strukturen erkennen lassen. Die Christianisierung war somit ein Prozess, kein Ereignis.

Das ist für die Volkskunde besonders wichtig: Wenn eine ältere Vorstellung von einem Nachtwesen im Mittelalter weiterbestand, müsste man nicht erwarten, dass sie noch genauso aussah wie in einer vorchristlichen Gesellschaft. Sie konnte sich semantisch verändern.

11. Bedeutung für die Elwedritsch-Forschung

Aus diesem Befund ergibt sich eine methodische Konsequenz, die den Kern dieses Artikels bildet: Was sich untersuchen lässt, ist die kulturelle Umwelt, in der Vorstellungen von nächtlichen Wesen entstehen und transformiert werden konnten.

Hier treffen dieselben Prozesse zusammen, die im übrigen Theoriegebäude dieser Website bereits ausgearbeitet sind: die naturräumliche Erfahrung dunkler Winter- und Herbstnächte; die kognitive Disposition, mehrdeutige Wahrnehmungen als Wirkung eines handelnden Wesens zu interpretieren (HADD – Hyperactive Agency Detection Device); religiöse Deutungssysteme, vorchristlich wie christlich; soziale Kommunikation in Erzählung, Warnung, Scherz und gemeinsamem Ritual; kulturelle Selektion, bei der einprägsame und sozial nützliche Erzählungen häufiger weitergegeben werden (Cultural Attraction Theory, CCT); und Humor bzw. Ritualisierung, durch die bedrohliche Inhalte in harmlose oder komische Formen überführt werden können (Benign Violation Theory, BVT). Die historische ethnische Schichtung des Rheintals, die dieser Artikel beschreibt, liefert damit nicht den Ursprung eines bestimmten Motivs, sondern den demografischen und kulturellen Resonanzraum, in dem diese kognitiven und kulturellen Mechanismen im Sinne der Dual Inheritance Theory (DIT) über Jahrhunderte hinweg wirken konnten.

Dieses Modell benötigt keine lineare Traditionskette. Es erklärt vielmehr, warum ähnliche Vorstellungen von Nachtwesen in unterschiedlichen Gesellschaften unabhängig voneinander entstehen können, während ihre konkrete Gestalt durch lokale Kultur, Sprache, Religion und soziale Praxis bestimmt wird.

12. Tiefenstruktur und Oberflächenstruktur

Für diese Unterscheidung ist das Begriffspaar Tiefenstruktur und Oberflächenstruktur analytisch hilfreich. Die Oberflächenstruktur eines Wesens kann außerordentlich spezifisch sein: Name, Aussehen, Körperform, Lebensraum, Verhalten, Jagdritual und lokale Erzählungen. Die Tiefenstruktur ist dagegen sehr viel allgemeiner: Ein Mensch erlebt nachts ein schwer erklärbares oder bedrohliches Phänomen und interpretiert es als Wirkung eines intentional handelnden Wesens. Die konkrete Gestalt dieses Wesens ist anschließend kulturell formbar – ein keltischer, römischer, germanischer, fränkischer oder christlicher Deutungsrahmen kann dieselbe grundlegende Erfahrung unterschiedlich codieren.

Damit wird die historische Tiefenschichtung des Rheintals nicht zum Beweis einer ungebrochenen Traditionslinie, sondern zu einem Resonanzraum kultureller Transformation: derselbe demografische und religionsgeschichtliche Prozess liefert wiederholt neue Gelegenheiten, dieselbe kognitive Grundstruktur neu zu codieren.

13. Was die fränkische Siedlungsgeschichte tatsächlich beweist – und was nicht

Aus der historischen Evidenz lassen sich einige Aussagen relativ sicher treffen: (1) Der linksrheinische Raum war lange vor den Franken besiedelt. (2) Keltische, römische und germanische Bevölkerungen bzw. kulturelle Traditionen standen über Jahrhunderte in Kontakt. (3) Die römische Herrschaft führte nicht zu einem vollständigen Austausch der Bevölkerung. (4) Die fränkische Herrschaft setzte sich im 5. und frühen 6. Jahrhundert durch. (5) Eine intensive fränkische Siedlungsverdichtung lässt sich insbesondere im 6. und 7. Jahrhundert nachweisen. (6) Das 8. Jahrhundert war eine Phase zunehmenden Landesausbaus, der Christianisierung und administrativen Integration. (7) Ortsnamen wie -heim können wichtige Hinweise auf frühmittelalterliche Siedlungsprozesse liefern, dürfen aber nicht schematisch als ethnische Beweise interpretiert werden. (8) Aus der Existenz fränkischer Siedlungen folgt keine direkte Kontinuität einer bestimmten vorchristlichen religiösen Vorstellung. Gerade der letzte Punkt ist für die Elwedritsch-Forschung zentral.

14. Schluss: Die Franken als Transformationsstufe, nicht als „Ursprung“

Die Franken waren nicht die ersten Germanen am Rhein, und sie kamen nicht in ein entleertes Gebiet. Sie trafen auf eine Landschaft, die bereits durch Jahrhunderte keltischer, römischer und germanischer Kontakte geprägt war. Im 5. und 6. Jahrhundert entstand eine neue politische Ordnung; im 6. und 7. Jahrhundert wurde die Landschaft zunehmend fränkisch geprägt; im 8. Jahrhundert verdichteten sich Siedlung, Grundherrschaft, Christianisierung und schriftliche Verwaltung. Die Geschichte des Rheintals ist deshalb keine Geschichte des Austauschs von Völkern, sondern eine Geschichte kultureller Überlagerung und Transformation.

Für die Elwedritsch bedeutet dies: Eine historische Erklärung muss nicht entscheiden, ob die Figur „keltisch“, „germanisch“ oder „fränkisch“ ist – eine solche Entscheidung setzt bereits voraus, dass kulturelle Formen an ethnische Gruppen gebunden und über Generationen unverändert weitergegeben werden. Wissenschaftlich produktiver ist die Frage, wie sich universelle kognitive Dispositionen mit historisch spezifischen kulturellen Bedingungen verbinden. Die fränkische Landnahme ist in diesem Modell keine „Geburtsstunde“ der Elwedritsch, sondern eine von mehreren historischen Transformationsstufen, in denen sich die kulturelle Umwelt des späteren Pfälzer Sagenschatzes herausbildete: Kognitive Voraussetzungen liefern die Möglichkeit, kulturelle Systeme liefern die Deutung, soziale Kommunikation stabilisiert die Vorstellung, kulturelle Evolution verändert ihre konkrete Gestalt.

Die historische Realität liegt wahrscheinlich – wie so häufig in der Kulturgeschichte – dazwischen: Nicht die Völker wandern unverändert durch die Jahrhunderte; Vorstellungen wandern, verschwinden, werden umgedeutet und können unter ähnlichen Bedingungen auch unabhängig voneinander neu entstehen. Das sind memetische Prozesse – kulturelle Evolution.

Literatur

Caesar, G. I. (2015). Der Gallische Krieg: De bello Gallico. Reclam.

Fesser, J. (2006). Frühmittelalterliche Siedlungen der nördlichen Vorderpfalz: Unter besonderer Berücksichtigung der merowingerzeitlichen Bodenfunde und der karolingerzeitlichen Schriftquellen (Dissertation). Universität Mannheim. Mannheim

Roymans, N., & Heeren, S. (2021). Romano-Frankish interaction in the Lower Rhine frontier zone from the late 3rd to the 5th century: Some key archaeological trends explored. Germania, 99, 133–156.

Tacitus, C. (1998). Germania. Reclam.

Weiterführende Literatur

Dumont, F. (1983). Frühe Spuren der Besiedlung. Appenheim.

Grathoff, S. (2004). Zur geschichtlichen Entwicklung am Mittelrhein.(Online-Portal regionalgeschichte.net)

Gregor von Tours. (2011). Zehn Bücher Geschichten: Historiae. Darmstadt.
Pohl, W. (2005). Die Germanen. München.Wolfram, H. (1990). Die Germanen. C. H. Beck.

Zotz, T. (1998). Das Frankenreich. Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

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