Zusammenfassung

Der kognitiv-evolutionäre Ansatz zur Erklärung der Elwedritsch grenzt sich von der genealogischen Kontinuitätsthese Jacob Grimms ab. Zugleich greift er bei der Rekonstruktion der historischen Oberflächenstruktur auf germanischsprachige und mittelalterliche Vorstellungswelten zurück – Nachtwesen, Alben, Druden, die Wilde Jagd, Frau Holle. Daraus ergibt sich eine methodisch relevante Angriffsfläche: Wenn historische Figuren als Stationen einer Entwicklung zur Elwedritsch erscheinen, entsteht der Eindruck, der Ansatz reproduziere unter kognitionswissenschaftlichem Vorzeichen eine abgeschwächte Kontinuitätsthese.

Der Beitrag zeigt, dass diese Gleichsetzung nicht gerechtfertigt ist, sofern eine einzige Unterscheidung konsequent eingehalten wird: die zwischen genealogischer Substanzkontinuität und der Tiefenkontinuität generativer kognitiver Mechanismen. Holle dient dabei als methodischer Prüfstein: Sie ist nicht Vorfahrin, sondern historischer Vergleichs- und Kontextfall innerhalb eines größeren kulturellen Evolutionsraums.

1. Die Kontinuitätsfrage

Eine Erklärung der Elwedritsch-Genese kann erstens nach einer historischen Traditionslinie fragen, die eine konkrete Gestalt über Epochen hinweg mit einer späteren Erscheinung verbindet. Oder sie kann zweitens nach den Bedingungen fragen, unter denen ähnliche kulturelle Vorstellungen unabhängig voneinander entstehen, transformiert und stabilisiert werden.

Der kognitiv-evolutionäre Ansatz verfolgt die zweite Perspektive: die psychologische Prozesskette aus HADD, CCT, BVT und IRC – eingebettet in die Dual Inheritance Theory (DIT) als Rahmen kultureller Variation, Selektion und Tradierung. Die historische Rekonstruktion verwendet dabei jedoch Figuren des germanischsprachigen und mittelalterlichen Traditionsraums: Alb, Alp, Drude, Mahr, Wilde Jagd, Percht, Frau Holle. Wenn die Argumentation lautet: germanische Nachtdämonen → Alb/Drude/Mahr → regionale Dämonenvorstellungen → Elwedritsch, kann ein Kritiker fragen, ob sich dahinter nicht doch eine historische Abstammungsthese verbirgt.

Die Frage lautet daher: Wie weit kann ein kognitiv-evolutionärer Ansatz historische germanische Traditionskomplexe einbeziehen, ohne selbst in eine Variante der Grimmschen Kontinuitätsthese zurückzufallen?

2. Grimms genealogisches Modell

Jacob Grimms Deutsche Mythologie interpretiert mittelalterliche und neuzeitliche Volksüberlieferungen vielfach als transformierte Reste älterer vorchristlicher Vorstellungen. Bei Holle zeigt sich das besonders deutlich: Grimm stellt sie in einen weitreichenden mythologischen Zusammenhang und verbindet sie mit Elben, Percht und weiteren Gestalten; in der Deutschen Mythologie erscheint Holle als Königin und Führerin der Elben. Ähnlich verfährt Grimm bei der Wilden Jagd, wo christliche und volkstümliche Überlieferungen mit vorchristlichen Gottheiten in Beziehung gesetzt werden.

Entscheidend ist dabei nicht die Feststellung von Ähnlichkeit, sondern die Annahme einer historischen Genealogie: Eine spätere Gestalt gilt als transformierte Erscheinungsform einer älteren Gestalt. Kulturelle Ähnlichkeit wird damit grundsätzlich als möglicher Hinweis auf historische Kontinuität gelesen. Das Problem einer solchen Konstruktion: Die einzelnen Übergänge müssten historisch belegt werden. Ähnlichkeit allein genügt nicht als Beweis einer Traditionslinie.

3. Die zentrale Differenz: Substanzkontinuität und Tiefenkontinuität

Der kognitiv-evolutionäre Ansatz lässt sich von Grimm nur dann überzeugend unterscheiden, wenn zwei Formen von Kontinuität strikt auseinandergehalten werden.

3.1 Genealogische Kontinuität

Eine kulturelle Vorstellung A wird historisch an B weitergegeben und bildet eine wesentliche Ursache für dessen Entstehung. Es besteht eine historische Verbindung zwischen konkreten kulturellen Varianten. Das ist Grimms Modell.

3.2 Tiefenkontinuität generativer Mechanismen

Die psychologischen Voraussetzungen, unter denen bestimmte kulturelle Vorstellungen entstehen können, bleiben über historische und kulturelle Veränderungen hinweg bestehen. Ein Mensch des Mittelalters und ein Mensch der Neuzeit verfügen über dieselben kognitiven Mechanismen der Agentendetektion, Mustererkennung und sozialen Bedeutungsbildung. Daraus folgt jedoch nicht, dass eine konkrete mittelalterliche Vorstellung direkt auf eine ältere zurückgeht.

Diese Unterscheidung ist für das gesamte Modell fundamental: Grimm behauptet historische Kontinuität der kulturellen Substanz; der kognitiv-evolutionäre Ansatz behauptet Kontinuität der generativen Bedingungen bei gleichzeitiger kultureller Variation. Alles Weitere im vorliegenden Beitrag folgt aus dieser einen Unterscheidung – sie trägt das gesamte Argument und sollte nicht durch zusätzliche, letztlich redundante Sicherungskriterien verdeckt werden.

4. Holle als methodischer Prüfstein

Holle eignet sich für diese Frage besonders gut, weil Grimm sie ausführlich in einen germanisch-mythologischen Zusammenhang gestellt hat. Die Figur ist historisch vielgestaltig – sie verbindet Winter, Wetter, Nacht, Wildnis, Tod, Fruchtbarkeit, Hausarbeit, Grenzräume und übernatürliche Agentenvorstellungen in wechselnden regionalen Konstellationen. Genau diese Vielgestaltigkeit macht sie für einen kognitiv-evolutionären Ansatz interessant: Sie zeigt, wie ähnliche Funktionsbereiche in unterschiedlichen kulturellen Systemen zu unterschiedlichen Gestalten kombiniert werden können.

Die entscheidende Frage lautet: Wird Holle als historische Ursache einer späteren Gestalt behandelt – oder als eine von mehreren kulturellen Varianten ähnlicher generativer Prozesse? Nur im zweiten Fall bleibt die Abgrenzung von Grimm konsequent. Die Website beschreibt diese Perspektive bereits am Beispiel der Wilden Jagd: Wodan, Percht, Frau Holle, Belznickel und Elwedritsch sind nicht als Fortsetzungen einer einzigen Urgestalt zu verstehen, sondern als historisch entstandene kulturelle Ausprägungen ähnlicher kognitiver Ausgangsbedingungen. Holle wird damit nicht benötigt, um die Elwedritsch genealogisch zu erklären, sondern um zu zeigen, wie unterschiedlich kulturelle Systeme ähnliche Erfahrungs- und Deutungsprobleme bearbeiten können – ein Befund, der mit der Dual Inheritance Theory (Boyd & Richerson) unmittelbar kompatibel ist.

5. Erklärungsebenen

Die theoretische Stärke des Ansatzes liegt darin, mehrere Erklärungsebenen zu verbinden, an deren Ende erst die konkrete Figur steht:

  • Kognitive Voraussetzungen: die Tendenz zur Agentenzuschreibung bei mehrdeutigen Reizen (HADD).
  • Kontrolle und Sinnbildung: Kontrollverlust verstärkt die Wahrnehmung illusorischer Muster (Whitson & Galinsky 2008).
  • Kulturelle Stabilisierung: individuelle Erfahrung wird sozial interpretiert und tradierbar.
  • Kulturelle Selektion: Varianten werden im sozialen Raum unterschiedlich häufig übernommen (DIT).
  • Historische Konkretisierung: erst hier treten Alb, Drude, Holle, Percht oder Elwedritsch als benannte Figuren auf.
  • Humoristische Transformation: die Elwedritsch als ritualisierte, entschärfte Form einer ursprünglich bedrohlichen Vorstellung (BVT).

Die historische Figur ist das Ergebnis dieser Kette, nicht ihr Ausgangspunkt.

6. Zur Unterscheidung der Ansätze

Der genealogischer und der kognitiv-evolutionäre Ansatz verstehen „Holle“ unterschiedlich:

Genealogische VolkskundeKognitiv-evolutionärer Ansatz
„Die Elwedritsch stammt von Holle ab.“„Holle bietet einen historischen Vergleichsfall.“
„Die germanische Mythologie lebt in der Elwedritsch fort.“„Germanischsprachige Traditionsräume können an der historischen Ausgestaltung beteiligt gewesen sein.“
„Der Alb wurde zur Elwedritsch.“„Alb- und Elwedritschvorstellungen weisen strukturelle Gemeinsamkeiten auf, deren Ursachen historisch und konvergent erklärt werden können.“
„Holle ist eine Vorläuferin der Elwedritsch.“„Holle gehört zu einem kulturellen Motiv- und Funktionsraum, der für die historische Kontextualisierung relevant ist.“
7. Konvergenz und Rekombination als Gegenmodell

Wenn ähnliche Nachtwesen unabhängig voneinander in unterschiedlichen Kontexten entstehen, kann ihre Ähnlichkeit nicht vollständig durch gemeinsame Abstammung erklärt werden. Das Modell fragt daher nicht nur, welche Figur von welcher anderen übernommen wurde, sondern auch, welche Eigenschaften wiederholt entstehen, wenn Menschen vergleichbare Erfahrungen kulturell verarbeiten. Diffusion (historische Übernahme) und Konvergenz (unabhängige Entstehung unter vergleichbaren Bedingungen) können dabei gleichzeitig wirken und miteinander interagieren – etwa in Form lokaler Rekombination bereits vorhandener Motive.

Für die Elwedritsch ergibt sich damit ein mehrstufiges Modell: kognitive Dispositionen → wiederkehrende außergewöhnliche Erfahrungen → nachtdämonische Agentenvorstellungen → kulturelle Interpretation, die sich in Konvergenz und historischer Diffusion verzweigt und in lokaler Rekombination, regionalem Motivkomplex sowie schließlich Humorisierung und Ritualisierung zur Elwedritsch zusammenführt. Germanische Traditionsformen können in diesem Modell erhebliche historische Bedeutung besitzen, ohne zur alleinigen Ursache erklärt zu werden.

Der vorgeschlagenen Unterscheidung ließe sich entgegenhalten, sie mache das Modell gegen jeden möglichen Befund immun: Ähnlichkeit wird als Konvergenz gedeutet, Nähe in Zeit und Raum als Diffusion, Widersprüche als lokale Rekombination – die Theorie könnte so jedes Ergebnis nachträglich einordnen, ohne durch einen Befund widerlegbar zu sein.

Diesem Einwand lässt sich nur begegnen, wenn ein Prüfkriterium benannt wird. Ein solches Kriterium ergibt sich aus der Art des Belegs, nicht aus der bloßen Ähnlichkeit der Motive: Genealogische Substanzkontinuität wäre anzunehmen, wenn sich eine konkrete, nicht-generische Einzelheit – ein spezifischer Bannspruch, ein bestimmtes Ritualobjekt, ein individueller Erzählzug – über eine lückenlose, dokumentierte Überlieferungskette nachweisen ließe, für die keine unabhängige kognitive oder kulturelle Erklärung plausibel ist. Umgekehrt spricht das Auftreten strukturell verwandter Vorstellungen in Kulturräumen, zwischen denen kein historischer Kontakt bestand, für Konvergenz statt Diffusion.

Damit ist die Unterscheidung nicht beliebig anwendbar, sondern an das Vorliegen bzw. Fehlen einer belegbaren Übertragungsroute gebunden. Das Modell beansprucht nicht, jeden Einzelfall a priori der einen oder anderen Kategorie zuzuordnen; es benennt vielmehr, welche Art von Evidenz nötig wäre, um eine Zuordnung zu rechtfertigen. Für die Elwedritsch bedeutet das: Solange ein direkter, dokumentierter Überlieferungsweg von Holle oder verwandten Figuren zur Elwedritsch fehlt, bleibt Tiefenkontinuität die sparsamere Erklärung – nicht weil sie unwiderlegbar wäre, sondern weil die stärkere Alternative den Beleg bislang nicht erbracht hat.

8. Konsequenzen: drei Ebenen

Für die Elwedritsch-Forschung ergibt sich eine dreifache Erklärungsperspektive. Die Tiefenstruktur bezeichnet die kognitiven Voraussetzungen der Agentendetektion, des Umgangs mit Kontrollverlust und sozialer Bedeutungsbildung. Die historische Zwischenebene (Transformationsstruktur) umfasst kulturelle Traditionen, Migration, religiöse Transformation und lokale Überlieferung – hier können germanischsprachige und mittelalterliche Traditionsräume eine erhebliche Rolle spielen. Die Oberflächenstruktur ist die konkrete Elwedritsch: ihr Aussehen, ihre Benennung, ihre regionalen Eigenschaften, ihre Jagdrituale und ihre humoristische Funktion.

Diese drei Ebenen dürfen nicht verwechselt werden: Die germanische Tradition erklärt nicht notwendig die Existenz des Nachtdämons, wohl aber, warum er in einem bestimmten historischen Raum bestimmte Eigenschaften annimmt. Genau diese Differenz macht den Ansatz von einer klassischen Kontinuitätsthese unterscheidbar.

9. Schlussfolgerung

Holle ist in diesem Sinne nicht die „Mutter“ der Elwedritsch, sondern ein besonders aufschlussreicher historischer Vergleichsfall. Der eigentliche Paradigmenwechsel liegt nicht in der Verneinung historischer Kontinuität, sondern in ihrer Entthronung als alleinige Erklärung. Grimm fragt: Welche ältere mythologische Gestalt lebt in der späteren Überlieferung fort? Der kognitiv-evolutionäre Ansatz fragt: Welche kognitiven und kulturellen Prozesse erzeugen, transformieren und selektieren solche Gestalten – und welchen Anteil haben dabei historische Traditionskontakte? Damit wird historische Forschung nicht überflüssig, sondern erhält eine präzisere Aufgabe: nicht eine hypothetische Gesamtkontinuität zu beweisen, sondern konkret zu untersuchen, welche kulturellen Elemente tatsächlich übernommen, verändert oder rekombiniert wurden.

Literaturverzeichnis

Barrett, J. L. (2004). Why would anyone believe in God? AltaMira Press.

Bausinger, H. (1971). Volkskunde: Von der Altertumsforschung zur Kulturanalyse. de Gruyter.

Boyd, R., & Richerson, P. J. (1985). Culture and the evolutionary process. University of Chicago Press.

Boyd, R., & Richerson, P. J. (2005). The origin and evolution of cultures. Oxford University Press.

Grimm, J. (1835). Deutsche Mythologie. Dieterich.

McGraw, A. P., & Warren, C. (2010). Benign violations: Making immoral behavior funny. Psychological Science, 21(8), 1141–1149.

Russell, C. J. S., & Muthukrishna, M. (2021). Dual inheritance theory. In Encyclopedia of evolutionary psychological science (pp. 2140–2146). Springer.

Whitson, J. A., & Galinsky, A. D. (2008). Lacking control increases illusory pattern perception. Science, 322(5898), 115–117.

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