Leander Petzolds Deutung der Elbentritsch (1990) und ihre Weiterentwicklung durch ein kognitiv-evolutionäres Modell aus HADD, CCT, BVT und IRC mit DIT-Rahmung

Abstract
Der volkskundliche Wörterbuchartikel „Elbentritsch“ von Leander Petzold aus dem Jahr 1990 stellt einen bemerkenswerten Ausgangspunkt für eine kognitiv-evolutionäre Erklärung der Elwedritsch dar. Petzold beschreibt die Elbentritsch einerseits als regional verbreiteten Neckgeist und Fabelvogel, andererseits eröffnet er ausdrücklich eine tiefere kulturgeschichtliche Interpretation: Hinter Elbentritschen, Rasselböcken, Dilldappen und verwandten Gestalten könne eine ältere dämonische Figur stehen, die im Verlauf ihrer kulturellen Entwicklung nicht mehr verstanden und dadurch „zum Neckgeist herabsank“. Auch sprachlich erwägt Petzold eine Verbindung des ersten Bestandteils mit Elb/Alp und des zweiten mit Trut/Trutsch.
Der vorliegende Beitrag interpretiert diese Überlegungen als Ansatzpunkt für ein Modell, das die von Petzold beschriebene Transformation nicht ausschließlich historisch-genealogisch, sondern als Zusammenspiel kognitiver Dispositionen und kultureller Evolution erklärt. Das Modell verbindet die Hyperactive Agency Detection Device (HADD), die Compensatory Control Theory (CCT), die Benign Violation Theory (BVT) und Interactive Ritual Chains (IRC). Die Dual Inheritance Theory (DIT) bildet dabei den übergeordneten Rahmen für kulturelle Variation, Selektion und Tradierung.
Die zentrale These lautet nicht, dass die moderne Elwedritsch nachweislich direkt aus einem historischen Alp oder einer Trut hervorgegangen sei. Vielmehr wird vorgeschlagen, Petzolds Befund als Hinweis auf eine Transformationslogik zu verstehen: Aus mehrdeutigen und potenziell bedrohlichen Erfahrungen können Vorstellungen von handelnden übernatürlichen Akteuren entstehen; kulturelle Deutungssysteme stabilisieren diese Vorstellungen; mit der Veränderung des Glaubensstatus können sie humoristisch transformiert werden; und in ritualisierten sozialen Praktiken können sie schließlich als gemeinschaftsstiftende Neckfiguren fortbestehen. Die Elwedritsch wäre damit weder bloß ein Relikt einer untergegangenen germanischen Mythologie noch eine völlig voraussetzungslose neuzeitliche Erfindung, sondern eine kulturell spezifische Oberflächenform tiefer liegender, wiederholt rekonstruierbarer kognitiver und sozialer Prozesse.
1. Einleitung: Von der Fabelgestalt zum Transformationsproblem
Die Elwedritsch gehört zu den bekanntesten regionalen Sagengestalten der Pfalz. In ihrer heutigen Form erscheint sie vor allem als groteskes, vogelartiges Fabelwesen, das in Erzählungen, Bildern, Souvenirs, touristischen Inszenierungen und insbesondere im Brauch der Elwedritschjagd präsent ist.
Eine rein gegenwartsbezogene Beschreibung könnte sich darauf beschränken, die Elwedritsch als humoristische regionale Identifikationsfigur zu betrachten. Eine historische Betrachtung stößt jedoch auf ein wesentlich komplexeres Befundbild. Die Namen variieren erheblich: Elbentritsch, Ilbetritsch, Elfetritsch, Elbertrötsch, Trilpetritsch und weitere Formen sind dokumentiert. Auch die Vorstellungen von der Gestalt sind nicht stabil. Petzold bezeichnet die Elbentritsch deshalb als einen „fabelhaften“ Vogel, dessen konkrete Erscheinung der Phantasie des Erzählers überlassen bleibt.
Noch wichtiger ist jedoch der von Petzold hergestellte Zusammenhang zwischen Elbentritsch und älteren Dämonenvorstellungen. Er erwägt ausdrücklich eine Verbindung zu Elb/Alp, dem Druckgeist und Nachtdämon, und nennt Trut beziehungsweise Trutsch als mögliche Erklärung des zweiten Bestandteils. Gleichzeitig stellt er die alternative Herleitung aus triezen/trirzen zur Diskussion.
Damit entsteht ein spezifisches Erklärungsproblem:
Wie kann aus einer möglicherweise dämonischen Gestalt ein humoristischer Neckgeist werden?
Petzold beantwortet diese Frage nicht vollständig. Er formuliert jedoch eine bemerkenswerte Transformationshypothese: Hinter den verschiedenen Neckgestalten könne eine ältere dämonische Gestalt stehen, die „im Laufe der Zeit nicht mehr verstanden wurde und so zum Neckgeist herabsank“.
Genau an diesem Punkt setzt der kognitiv-evolutionäre Ansatz an.
Er versucht nicht, Petzolds historische Hypothese durch eine neue lineare Abstammungsgeschichte zu ersetzen. Vielmehr fragt er, welche kognitiven und kulturellen Mechanismen eine solche Transformation überhaupt ermöglichen und erklären könnten.
2. Petzold als Ausgangspunkt: Drei Ebenen des Befundes
Petzolds Artikel enthält drei analytisch voneinander zu unterscheidende Ebenen.
2.1 Die dämonologische Ebene
Petzold bringt den ersten Bestandteil Elb mit Alp beziehungsweise dem Druckgeist und Nachtdämon in Verbindung. Damit wird die Elbentritsch in einen größeren Komplex nächtlicher übernatürlicher Akteure eingeordnet.
Der Alp ist in europäischen Volksglaubenstraditionen mit nächtlicher Bedrängnis, Druckempfindungen und außergewöhnlichen Erfahrungen verbunden. Entscheidend ist für die hier entwickelte Theorie weniger die Behauptung einer bestimmten historischen Abstammung als die Funktion des Motivs:
Ein schwer erklärbares nächtliches Erlebnis wird einem handelnden Wesen zugeschrieben.
2.2 Die sprachliche Ebene
Petzold erwägt für den zweiten Bestandteil eine Verbindung mit Trut/Trutsch. Damit eröffnet er eine etymologische Lesart, in der Elb und Trutsch möglicherweise Bestandteile einer ursprünglich bedeutungstragenden Bezeichnung gewesen sein könnten.
2.3 Die kulturgeschichtliche Ebene
Die wichtigste Aussage für das hier entwickelte Modell liegt möglicherweise nicht in der Etymologie, sondern in Petzolds Transformationshypothese.
Er stellt die Elbentritsch zusammen mit Rasselböcken, Dilldappen und anderen Neckgestalten in eine Entwicklungslinie, bei der eine ältere dämonische Gestalt ihren ursprünglichen Bedeutungsgehalt verlieren und zum Neckgeist werden könnte.
Damit beschreibt Petzold bereits eine grundlegende kulturelle Transformation:
Dämon → Bedeutungsverlust → Neckgeist.
Der kognitiv-evolutionäre Ansatz ergänzt diese Sequenz um die Frage:
Welche psychologischen und sozialen Mechanismen machen eine solche Transformation plausibel?
3. Von der historischen Kontinuität zur generativen Erklärung
Die klassische volkskundliche Forschung hat häufig nach historischen Kontinuitäten gefragt: Woher stammt ein Motiv? Welche ältere Gestalt liegt ihm zugrunde? Auf welchem Weg wurde es überliefert?
Eine solche genealogische Perspektive kann für die Elwedritsch wertvolle Ergebnisse liefern. Sie stößt jedoch auf ein grundsätzliches Problem: Die historische Überlieferung ist lückenhaft. Zwischen einem mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Dämon und einer modernen regionalen Sagengestalt liegen häufig Jahrhunderte, in denen direkte Überlieferungsketten nicht dokumentiert sind.
Hier setzt ein kognitiv-evolutionärer Ansatz an.
Er ersetzt die Frage
„Von welcher konkreten historischen Gestalt stammt die Elwedritsch ab?“
durch die ergänzende Frage:
„Welche Mechanismen können dazu führen, dass aus wiederkehrenden menschlichen Erfahrungen kulturell ähnliche Gestalten entstehen, transformiert und über Generationen weitergegeben werden?“
Diese Verschiebung ist entscheidend.
Denn eine solche Theorie benötigt keine lückenlose Traditionskette, um die Entstehung bestimmter Motivstrukturen zu erklären. Sie kann vielmehr zwischen genealogischer Kontinuität und generativer Kontinuität unterscheiden.
Genealogische Kontinuität bedeutet:
Eine konkrete kulturelle Vorstellung wird historisch von einer Generation zur nächsten weitergegeben.
Generative Kontinuität bedeutet dagegen:
Ähnliche menschliche kognitive und soziale Mechanismen erzeugen immer wieder vergleichbare kulturelle Formen.
Die beiden Möglichkeiten schließen sich nicht aus.
4. Das HADD-CCT-BVT-IRC-Modell
Der kognitiv-evolutionäre Ansatz verbindet vier theoretische Bausteine:
HADD → CCT → BVT → IRC
und ordnet diese innerhalb der Dual Inheritance Theory (DIT) ein.
Die vier Bausteine besitzen unterschiedliche Funktionen.
| Mechanismus | Leitfrage | Funktion im Modell |
| HADD | Wer oder was handelt hier? | Agentifizierung mehrdeutiger Erfahrungen |
| CCT | Wie lässt sich das Unerklärliche ordnen und kontrollieren? | kulturelle Deutung und Kontrollsysteme |
| BVT | Wie kann Bedrohliches komisch werden? | Entdämonisierung und Humor |
| IRC | Warum wird daraus ein wiederholbares soziales Ritual? | soziale Stabilisierung und emotionale Bindung |
| DIT | Welche Varianten werden weitergegeben? | kulturelle Evolution, Variation und Selektion |
DIT ist dabei kein fünfter psychologischer Schritt. Die Dual Inheritance Theory beschreibt vielmehr die kulturelle Ebene, auf der Varianten von Vorstellungen, Erzählungen und Praktiken sozial gelernt, verändert, selektiert und tradiert werden. In der Forschung ist DIT als Ansatz zur Modellierung kultureller Transmission und ihrer Wechselwirkung mit biologischer Evolution etabliert.
5. HADD: Vom unklaren Ereignis zum handelnden Wesen
Der erste Schritt des Modells betrifft die menschliche Tendenz, mehrdeutige Ereignisse als Handlungen von Akteuren zu interpretieren.
Das sogenannte Hyperactive Agency Detection Device (HADD) bezeichnet in der kognitionswissenschaftlichen Literatur die Tendenz, unter Unsicherheit eher einen handelnden Akteur anzunehmen, als dessen Abwesenheit zu unterstellen.
Für nächtliche außergewöhnliche Erfahrungen ist diese Perspektive besonders relevant.
Dunkelheit, eingeschränkte Wahrnehmung, Geräusche, Bewegungen, Schlaf-Wach-Übergänge oder körperliche Empfindungen können eine Situation erzeugen, in der Ursache und Wirkung schwer eindeutig zu bestimmen sind.
Aus:
„Da ist etwas.“
kann kognitiv werden:
„Da ist jemand.“
Und aus:
„Da ist jemand.“
kann kulturell werden:
„Da ist ein Alp.“
Die Theorie behauptet damit nicht, dass jede Dämonenvorstellung aus Schlafparalyse entstanden sei. Sie postuliert vielmehr eine generative kognitive Disposition, durch die außergewöhnliche Erfahrungen leichter in Form handelnder Wesen interpretiert werden können.
Damit wird der Alp nicht als bloßes sprachliches Relikt verstanden, sondern als kulturelle Spezifikation eines grundsätzlich möglichen kognitiven Musters.
6. CCT: Vom Akteur zur kulturellen Ordnung
Die Compensatory Control Theory erweitert diesen Ansatz um die Dimension des Kontrollbedürfnisses.
Ein unerklärliches, potenziell bedrohliches Ereignis stellt die Erwartung einer geordneten Welt infrage. Menschen können darauf reagieren, indem sie erklärende Modelle, Regeln, Rituale oder Schutzpraktiken entwickeln.
Damit wird aus einem bloßen Akteur eine kulturell interpretierte Figur.
Der Übergang lässt sich idealtypisch darstellen als:
Mehrdeutige Erfahrung → Akteur → Benennung → kulturelle Erklärung → Schutz- und Kontrollpraxis.
In diesem Modell wäre die Dämonologie nicht bloß eine Ansammlung irrationaler Vorstellungen. Sie erfüllt eine funktionale Aufgabe: Sie macht eine unübersichtliche Erfahrung interpretierbar und handhabbar.
Das bedeutet nicht, dass die kulturelle Erklärung objektiv richtig sein muss.
Ihre Funktion kann gerade darin bestehen, eine Situation psychologisch und sozial bearbeitbar zu machen.
Damit lässt sich Petzolds Hinweis auf ältere Dämonengestalten in einen generativen Prozess einordnen:
HADD erklärt die Entstehung eines möglichen Akteurs; CCT erklärt dessen kulturelle Stabilisierung als Deutungs- und Kontrollfigur.
7. Alb und Trut: Petzolds sprachlicher Befund im Modell
An dieser Stelle erhält Petzolds Hinweis auf Alb und Trut eine besondere theoretische Bedeutung.
Der Ansatz behauptet nicht, die Elwedritsch sei etymologisch bewiesen als Kombination von Alb + Trut. Eine solche Behauptung würde den vorsichtigen Charakter von Petzolds Formulierungen überschreiten.
Vielmehr lässt sich sagen:
Petzold identifiziert zwei mögliche Bedeutungsträger, die auf einen älteren dämonologischen Zusammenhang verweisen könnten:
Alb/Elb → nächtlicher Dämon
und
Trut/Trutsch → Bestandteil einer dämonologischen beziehungsweise verwandten Benennung.
Damit wird eine historische Semantik sichtbar, in der die Bezeichnung möglicherweise noch auf eine andere Funktion verweist als die heutige Bezeichnung eines grotesken Vogels.
Das ist genau der Punkt, an dem die Oberflächenstruktur der modernen Elwedritsch von einer möglichen älteren Tiefenstruktur unterschieden werden kann.
Man könnte das Modell daher dreistufig formulieren:
Tiefenstruktur:
menschliche Wahrnehmung, Agentendetektion, Bedrohungsverarbeitung
↓
Transformationsstruktur:
Dämonisierung, Benennung, kulturelle Deutung, Ritualisierung, Entdämonisierung
↓
Oberflächenstruktur:
Elbentritsch / Elwedritsch als regionale humoristische Sagengestalt.
Diese Unterscheidung verhindert zugleich einen klassischen Fehlschluss:
Aus einer Ähnlichkeit zwischen Alp, Trut und Elwedritsch folgt nicht automatisch eine lückenlose historische Abstammung.
Sie erlaubt aber, die Ähnlichkeit als Hinweis auf eine mögliche gemeinsame generative Struktur zu untersuchen.
8. BVT: Wie aus dem Dämon ein Neckgeist werden kann
Hier liegt der vielleicht unmittelbarste Anschluss an Petzolds Formulierung vom „Herabsinken“ zum Neckgeist.
Die Benign Violation Theory (BVT) beschreibt Humor als eine Konstellation, in der eine Verletzung beziehungsweise Abweichung zugleich als ungefährlich oder akzeptabel wahrgenommen wird.
Auf die Elwedritsch übertragen lässt sich daraus eine Transformation ableiten:
Bedrohung → Entschärfung → komische Abweichung → Humor.
Ein Wesen, das ursprünglich als gefährlicher nächtlicher Akteur interpretiert werden konnte, kann seine Bedrohlichkeit verlieren.
Es bleibt aber als kulturelle Figur erhalten.
Was sich verändert, ist nicht notwendigerweise die gesamte Motivstruktur, sondern ihre emotionale und soziale Funktion.
Der frühere Dämon kann zum grotesken Wesen werden.
Das Unheimliche wird komisch.
Der nächtliche Schrecken wird zur Geschichte.
Die Begegnung mit dem Dämon wird zur Jagd nach einem imaginären Tier.
Und genau hier bekommt Petzolds Formulierung „zum Neckgeist herabsank“ eine bemerkenswerte theoretische Präzisierung:
Der kulturelle Wandel muss nicht als vollständiges Verschwinden der alten Vorstellung verstanden werden. Er kann als Funktionswechsel derselben oder ähnlicher Motivstrukturen interpretiert werden.
9. Von der Dämonenjagd zur Elwedritschjagd
Die heutige Elwedritschjagd lässt sich innerhalb dieses Modells als eine besonders weitgehende Transformation verstehen.
Beim traditionellen „Elbentritschenfangen“ wird ein Fremder in eine Situation geschickt, in der er ein nicht existentes Wesen fangen soll.
Die soziale Struktur des Brauchs ist dabei bemerkenswert:
- Eine Gruppe kennt die Regeln.
- Ein Außenstehender kennt sie nicht.
- Die Gruppe konstruiert eine gemeinsame Wirklichkeit.
- Der Außenstehende akzeptiert diese zunächst.
- Die Absurdität wird schließlich offenbar.
- Die Situation erzeugt gemeinsames Lachen.
Der ursprüngliche Schrecken ist vollständig in ein soziales Spiel überführt.
Die Elwedritsch ist damit nicht mehr nur Gegenstand einer Erzählung, sondern Bestandteil einer Interaktionsordnung.
10. IRC: Warum der Neckbrauch kulturell stabil bleiben kann
Hier ergänzt Randall Collins‘ Theorie der Interaction Ritual Chains (IRC) das Modell um eine entscheidende soziale Dimension.
Collins versteht soziale Rituale als Interaktionsprozesse, in denen gemeinsame Aufmerksamkeit und emotionale Beteiligung Symbole der Gruppenzugehörigkeit und emotionale Energie erzeugen können.
Die Elwedritschjagd lässt sich unter diesem Gesichtspunkt als Interaktionsritual analysieren.
Ihre Funktion besteht dann nicht mehr primär darin, Informationen über ein Wesen zu vermitteln.
Sie produziert soziale Effekte:
- Insiderwissen,
- gemeinsame Aufmerksamkeit,
- Spannung,
- Überraschung,
- Lachen,
- Gruppenzugehörigkeit,
- Erinnerungen,
- Wiederholbarkeit.
Damit erklärt IRC etwas, was HADD, CCT und BVT allein nicht erklären können:
Warum wird ein einmal entstandener Brauch immer wieder aufgeführt?
Die Antwort lautet:
Weil er soziale Interaktion organisiert und dabei emotional attraktive Situationen erzeugen kann.
Die Elwedritsch wird somit vom Glaubensobjekt zum Ritualobjekt.
11. DIT: Die kulturelle Evolution der Elwedritsch
Die Dual Inheritance Theory bildet die übergeordnete Ebene des Modells.
DIT versteht Kultur als eigenständiges System sozialer Transmission, das mit biologischer Vererbung interagiert. Ihre klassischen Arbeiten gehen auf Cavalli-Sforza und Feldman sowie Boyd und Richerson zurück.
Für die Elwedritsch bedeutet dies:
Nicht jede Variante eines Nachtwesens bleibt erhalten.
Nicht jede Bezeichnung überlebt.
Nicht jeder Brauch wird weitergegeben.
Kulturell erfolgreiche Varianten können dagegen über Generationen hinweg stabilisiert werden.
Dabei spielen soziale Lernprozesse, Attraktivität, Einfachheit, emotionale Wirkung, lokale Identität und institutionelle Einbettung eine Rolle.
Die Elwedritsch besitzt hierfür besonders günstige Eigenschaften:
- ein einprägsamer Name,
- eine variable Gestalt,
- eine groteske Vorstellung,
- eine leicht erzählbare Geschichte,
- eine klare regionale Zuordnung,
- eine ritualisierte Jagd,
- ein humoristisches Überraschungsmoment,
- starke Möglichkeiten zur visuellen Darstellung,
- hohe Anschlussfähigkeit an regionale Identität.
Damit lässt sich erklären, warum eine Figur kulturell weiterleben kann, selbst wenn der ursprüngliche Glaube an einen gefährlichen Dämon verschwunden ist.
12. Das Gesamtmodell
Die von Petzold beschriebene Transformation lässt sich somit theoretisch erweitern:
Mehrdeutige nächtliche Erfahrung
↓
HADD – Agentendetektion
↓
übernatürlicher Akteur / Nachtdämon
↓
CCT – kulturelle Erklärung und Kontrolle
↓
Alb / Alp / Trut / Drude / Mahr und verwandte kulturelle Formen
↓
Veränderung des Glaubensstatus
↓
BVT – Entdämonisierung und Humor
↓
Neckgeist / Fabelwesen
↓
IRC – ritualisierte soziale Interaktion
↓
Elwedritschjagd
↓
DIT – soziale Transmission, Variation und kulturelle Selektion
↓
dauerhafte regionale Kulturfigur
Dieses Modell ist keine behauptete historische Stammbaumrekonstruktion.
Es ist ein generatives Modell kultureller Transformation.
13. „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“
Ein besonderer Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, dass er erklären kann, warum unterschiedliche Bedeutungsstufen derselben oder ähnlicher Figuren nebeneinander existieren können.
Historische Quellen können gleichzeitig zeigen:
- dämonische Wesen,
- Schreckgestalten,
- nächtliche Akteure,
- Neckgeister,
- Foppfiguren,
- humoristische Fabeltiere.
Daraus muss nicht geschlossen werden, dass eine einzige lückenlose Entwicklungslinie existiert.
Vielmehr können ältere und jüngere kulturelle Formen gleichzeitig nebeneinander bestehen.
Gerade für die Elwedritsch ist diese „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ theoretisch produktiv.
Ein Teil der kulturellen Struktur kann sehr alt sein, während ihre konkrete Gestalt, Benennung und soziale Funktion wesentlich jünger ist.
Die heutige Elwedritsch muss deshalb nicht identisch mit einem historischen Alp sein, um dennoch aus einer kulturellen Welt hervorgegangen zu sein, in der Vorstellungen von Alp, Trut, Drude und anderen Nachtdämonen wirksam waren.
14. Abgrenzung von Jacob Grimms Kontinuitätsthese
An dieser Stelle ist eine klare Abgrenzung erforderlich.
Eine traditionelle kontinuitätshistorische Interpretation könnte formulieren:
germanischer Nachtdämon → Alp/Trud → regionale Dämonengestalt → Elwedritsch.
Das wäre eine genealogische Abstammungshypothese.
Das hier entwickelte Modell behauptet dagegen:
universelle kognitive Dispositionen + kulturelle Deutung + historische Überlieferung + Transformation + soziale Ritualisierung → Elwedritsch.
Historische Kontinuität wird damit nicht ausgeschlossen.
Sie verliert jedoch ihren Status als notwendige Voraussetzung.
Eine historische Traditionslinie kann vorhanden sein und dennoch durch allgemeine kognitive Mechanismen immer wieder rekonstruiert, verändert und neu funktionalisiert werden. Hier greift das Prinzip der „Memetik“.
Die entscheidende theoretische Verschiebung lautet daher:
Nicht die unveränderte Überlieferung eines Mythos steht im Zentrum, sondern die kulturelle Rekonstruktion von Vorstellungsstrukturen unter jeweils neuen historischen Bedingungen.
Der Ansatz versteht sich deshalb als Theorie schwacher kultureller Kontinuität: Es kann Kontinuität geben, aber sie muss nicht in der unveränderten Identität einer Figur bestehen. Kontinuität kann auch darin bestehen, dass ähnliche kognitive und soziale Mechanismen ähnliche kulturelle Lösungen hervorbringen. Ein entsprechender Ansatz wird auch auf elwedritsch.de ausdrücklich gegenüber einer starken genealogischen Kontinuitätsthese formuliert.
15. Was Petzold damit bereits vorweggenommen hat – und was das neue Modell hinzufügt
Die theoretische Beziehung lässt sich prägnant zusammenfassen:
| Petzold | Kognitiv-evolutionäre Weiterentwicklung |
| Elb/Alp als möglicher Bestandteil | kognitive und kulturelle Entstehung von Nachtdämonen |
| Trut/Trutsch als mögliche Erklärung | historische Semantik als Teil kultureller Stabilisierung |
| ältere dämonische Gestalt | kulturell spezifizierter übernatürlicher Agent |
| Verlust des ursprünglichen Verständnisses | Veränderung der kulturellen Funktion |
| „Herabsinken“ zum Neckgeist | BVT: Entdämonisierung und Humor |
| Elbentritschen fangen | IRC: Interaktionsritual |
| regionale Weitergabe | DIT: kulturelle Transmission und Selektion |
| verwandte Figuren wie Rasselbock und Dilldapp | konvergente oder genealogisch verbundene kulturelle Varianten |
Petzold liefert damit keine Vorform des HADD-CCT-BVT-IRC-Modells im engeren wissenschaftsgeschichtlichen Sinn. Die theoretischen Bausteine stammen aus unterschiedlichen modernen Forschungsfeldern.
Aber Petzolds Transformationsproblem ist bemerkenswert kompatibel mit der Logik dieses Modells.
1. Der wissenschaftliche Mehrwert
Der wissenschaftliche Mehrwert des Modells liegt nicht darin, eine spektakuläre neue Herkunft der Elwedritsch zu behaupten.
Er liegt in einer Verknüpfung bislang häufig getrennt behandelter Erklärungsebenen.
Die historische Volkskunde kann fragen:
Welche Belege gibt es?
Die Sprachgeschichte kann fragen:
Wie verändern sich Namen und Bedeutungen?
Die Kognitionswissenschaft kann fragen:
Warum sind bestimmte Vorstellungen psychologisch attraktiv?
Die Sozialpsychologie kann fragen:
Wie werden Unsicherheit und Kontrollverlust kulturell verarbeitet?
Die Humorforschung kann fragen:
Wie wird Bedrohliches komisch?
Die Soziologie kann fragen:
Warum stabilisieren Rituale Gemeinschaft?
Die Kulturevolutionsforschung kann schließlich fragen:
Warum werden manche Varianten weitergegeben und andere nicht?
Das HADD-CCT-BVT-IRC-Modell mit DIT-Rahmung versucht, diese Ebenen in einem gemeinsamen Modell zu verbinden.
Seine Grundannahme lautet:
Die konkrete Elwedritsch hat historisch und kulturell entwickelt; die kognitiven und sozialen Bedingungen, unter denen eine solche Figur entstehen, transformiert und stabilisiert werden kann, sind dagegen teilweise allgemeiner Natur und damit evolutionär über lange Zeiträume stabil.
18. Schlussfolgerung
Leander Petzolds Wörterbuchartikel aus dem Jahr 1990 besitzt für die heutige Theoriebildung zur Elwedritsch eine größere Bedeutung, als seine knappe Form zunächst vermuten lässt.
Er beschreibt nicht lediglich ein pfälzisches Fabeltier.
Er dokumentiert vielmehr eine Transformationshypothese:
Eine möglicherweise ältere dämonische Gestalt kann im Laufe der kulturellen Entwicklung ihren ursprünglichen Bedeutungsgehalt verlieren und als Neckgeist fortbestehen.
Zugleich verweist Petzold auf mögliche sprachliche Bestandteile, die mit Alb und Trut verbunden werden können. Damit eröffnet er eine Verbindung zwischen Sprachgeschichte, Dämonologie und Brauchforschung.
Der kognitiv-evolutionäre Ansatz setzt genau an diesem Punkt an.
Er interpretiert den möglichen Übergang
Dämon → Neckgeist
nicht lediglich als historischen Bedeutungsverlust, sondern als einen Prozess, der durch das Zusammenwirken verschiedener Mechanismen erklärbar werden könnte:
HADD erklärt die Agentifizierung mehrdeutiger Erfahrungen.
CCT erklärt die kulturelle Einordnung und Kontrolle solcher Erfahrungen.
BVT erklärt die Möglichkeit ihrer humoristischen Entschärfung.
IRC erklärt die soziale Stabilisierung in wiederholbaren Interaktionsritualen.
DIT beschreibt den übergeordneten Prozess kultureller Variation, Transmission und Selektion.
Damit entsteht eine theoretische Entwicklung:
Alb/Trut als mögliche historische Tiefenstruktur → Dämon als kulturell spezifizierter Akteur → Entdämonisierung → Neckgeist → Foppbrauch → ritualisierte Elwedritschjagd → regionale Identifikationsfigur.
Diese Sequenz darf nicht als bereits bewiesene historische Abstammungslinie verstanden werden. Sie ist vielmehr ein generatives Modell, das historische Befunde, kognitive Mechanismen und kulturelle Evolution in Beziehung setzt.
Gerade darin liegt die Weiterführung von Petzolds Überlegung.
Petzold fragt sinngemäß:
Was geschieht, wenn eine ältere dämonische Gestalt nicht mehr verstanden wird?
Der kognitiv-evolutionäre Ansatz ergänzt:
Welche psychologischen und kulturellen Prozesse können erklären, warum sie nicht einfach verschwindet, sondern sich in eine neue, humoristische und sozial attraktive Form transformiert?
Die Elwedritsch wäre dann weder einfach ein „Überbleibsel“ germanischer Mythologie noch eine völlig neu erfundene pfälzische Fantasiefigur. Sie wäre das Ergebnis einer kulturellen Transformation, in der tieferliegende menschliche Dispositionen, historische Überlieferungen, sprachliche Rekonstruktionen, soziale Lernprozesse und humoristische Umdeutungen zusammenwirken.
Die entscheidende theoretische Konsequenz lautet damit:
Nicht die Identität der Figur über Jahrhunderte muss kontinuierlich sein. Kontinuierlich können vielmehr die menschlichen kognitiven Voraussetzungen und kulturellen Prozesse sein, durch die aus Angst Deutung, aus Deutung Dämonologie, aus Dämonologie Folklore, aus Folklore Humor und aus Humor ein dauerhaftes soziales Ritual werden kann.
In diesem Sinne lässt sich Petzolds „Herabsinken zum Neckgeist“ als historischer Befund und das HADD-CCT-BVT-IRC-Modell mit DIT-Rahmung als dessen kognitiv-kulturelle Erklärungshypothese lesen.
Literatur und theoretische Bezugspunkte
Boyd, Robert & Peter J. Richerson (1985): Culture and the Evolutionary Process. Chicago.
Collins, Randall (2004): Interaction Ritual Chains. Princeton.
Petzoldt, Leander (1990): Kleines Lexikon der Dämonen und Elementargeister. München.
Petzold, Leander: „Elbentritsch“ [Wörterbuchartikel; mit Verweisen auf Becker, Mulch und Jaberg] – daemonen-lexikon.de
Russell, Connair J. S. & Michael Muthukrishna (2021): „Dual Inheritance Theory“. In: Encyclopedia of Evolutionary Psychological Science.