Polnische „Zmora“ (Mara) – selbstverständlich katzenartig! (Quelle: Wikipedia)

Abstract

Die slawische Figur der Mara (auch Zmora, Mora, Nočnitsa etc.) ist ein archetypischer Nachtgeist, der in der Volksüberlieferung für Alpträume, Schlafparalyse und das „Drücken auf der Brust“ verantwortlich gemacht wird. Neben seriösen Abwehr- und Bannpraktiken existieren zahlreiche humorvoll-ritualisierte Versuche, die Mara zu fangen – diese Rituale sind per Definition immer erfolglos. Hier zeigen sich die Ähnlichkeiten zu Alben, Druden bzw. Albdruden und deren kulturellen Verarbeitung zu Elwedritschen mit der ritualisierten Elwedritsche-Jagd.

Dieser Beitrag untersucht aus folkloristischer Perspektive die kulturelle, soziale und psychologische Funktion solcher Rituale. Basierend auf historischen Quellen, slawischen Studien und vergleichender Mythologie werden 14 exemplarische Rituale vorgestellt, ihre Bedeutung analysiert und ihre systemische Rolle im Umgang mit Angst und Unsicherheit diskutiert.

1. Einführung

Der Glaube an die Mara oder Zmora ist tief im slawischen Volksglauben verwurzelt: Als eine Art nächtlicher Dämon wird sie mit Schlafparalyse, Albträumen und einem bedrückenden Gewicht auf der Brust der Schlafenden in Verbindung gebracht. Solche Phänomene sind kulturübergreifend bekannt, doch die slawischen Varianten besitzen spezifische lokale Ausprägungen. Während die Forschung häufig die dunklere Seite — etwa medizinisch-psychologische Erklärungen oder dämonologische Ängste — beleuchtet, bleiben spielerisch-ritualisierte Praktiken, mit denen Menschen versuchen, die Mara zu fangen, oft unaufgearbeitet.

Diese Rituale sind bemerkenswert: Sie sind nicht selten absurd, humorvoll und ausdrücklich als „immer erfolglos“ überliefert. Doch gerade hierin liegt ihre kulturelle Bedeutung: Das Scheitern ist Teil des Rituals, die Unsichtbarkeit der Mara wird ritualisiert, das kollektive Spiel an der Grenze zwischen Realität und Aberglaube wird zum Ausdruck einer sozialen Strategie der Angstbewältigung.

2. Theoretischer und kultureller Hintergrund

2.1 Etymologie und historische Wurzeln

Der Begriff „Mara / Mora / Zmora“ lässt sich etymologisch auf die indogermanische Wurzel mor‑ / mer‑ zurückführen, die Bedeutungen wie „Tod“, „Zerdrücken“ oder „Quetschen“ enthält. In zahlreichen Sprachen Europas findet sich diese Wurzel: Deutsch (Mahr, Alb), Altenglisch (mære), Altisländisch (mara), Französisch (cauchemar) etc.  In slawischen Sprachen wird etwa das polnische zmora oder das südslawische mora verwendet. 

Laut Povetkina (2022) zeigen slawische Traditionen starke Gemeinsamkeiten in der Darstellung von zmora / mora (z. B. in Polen, Tschechien, Serbien).  Das deutet darauf hin, dass es nicht nur isolierte lokale Dämonfiguren sind, sondern ein weitverbreiteter mythischer Komplex mit gemeinsamen Motiven. Zudem gibt es in manchen Traditionen Verbindungen zu alten Göttinnen wie Morana / Marzanna, die den Tod, den Winter oder das Übergangsritual symbolisieren. 

2.2 Funktion in der Folklore und im Volksglauben

Die Mara ist mehr als eine mythologische Figur: Sie fungiert als kultureller Deutungsrahmen für unerklärliche nächtliche Phänomene wie Schlafparalyse oder Albträume. In slawischen Gemeinschaften war sie eine plausible Erklärung für das Erleben von „Druck auf der Brust“, Atemnot oder Lähmung im Schlaf. 

Darüber hinaus ist die Mara ein Bestandteil eines größeren sozialen Systems: Sie verbindet Aberglaube, Volksreligion, Alltagspsychologie und Gemeinschaftsrituale. In vielen Regionen wurden Schutzmaßnahmen praktiziert, z. B. das Platzieren von Eisenobjekten am Bett, das Aussprechen von Gebeten oder Bannformeln. 

Eine weiterführende Untersuchung (z. B. durch Pócs) zeigt, dass es nicht nur Dämonenvorstellungen, sondern auch schamanistische oder tranceartige Elemente gibt: In manchen Überlieferungen können Menschen ihre Seele nachts verlassen, in tierische Formen (Schlange, Motte, Katze) verwandelt sein oder sogar als Maras auftreten. 

3. Methodik

Für diese vertiefte Analyse wurden verschiedene Quellen kombiniert:

  1. Wissenschaftliche Artikel: z. B. Povetkina (2022) zur arealen Verbreitung von zmora / mora in slawischen Kulturen. 
  2. Mythologische / folkloristische Lexika und Enzyklopädien: z. B. Darstellungen auf Slavic-Mythology.com. 
  3. Historische und vergleichende Mythologie: Etymologische Arbeiten und alte Texte (z. B. Tronsky über den indogermanischen Ursprung). 
  4. Moderner populärwissenschaftlicher und digitaler Folkloresprachgebrauch: Blogs, Mythologie-Webseiten (z. B. Crazy Alchemist) 
  5. Sekundärtheoretische Literatur zur Ritualtheorie: Ansätze aus der Ritualanthropologie, Psychologie des Volksglaubens sowie Folkloreanalyse (z. B. Pócs, Rohde, etc.). Auf dieser Basis wurde eine Typologie der Rituale erstellt, die typische symbolische Muster herausarbeitet und ihre kulturelle Bedeutung diskutiert.

4. Typologie und Beschreibung ritualisierter, humorvoller und erfolgloser „Mara‑Fänge“

Nachfolgend werden 14 exemplarische Rituale dargestellt, die in verschiedenen slawischen Regionen belegt sind oder als plausible Rekonstruktionen gelten. Alle diese Rituale enthalten das Element des absichtlichen Scheiterns, das Teil ihrer symbolischen Funktion ist:

Nr.RitualBeschreibung
1. Kissen‑FangUm das Bett und insbesondere die Brust des Schlafenden werden Kissen oder Decken arrangiert, um die Mara physisch „einzufangen“.Die Mara bleibt unsichtbar, die Beteiligten „fangen“ nur Kissen – das Scheitern ist absichtlich komisch, weil das vermeintliche Ziel rein imaginär ist.
2. Licht‑ZirkelEin Kreis aus Kerzen, Laternen oder Lampen wird um das Bett errichtet, während Beschwörungsformeln oder Lieder gesprochen oder gesungen werden.Das Flackern der Kerzen, das Hantieren im Dunkeln, das Stolpern von Kindern erzeugt Slapstick‑Effekte. Gleichzeitig symbolisiert der Lichtkreis Schutz, ohne dass die Mara tatsächlich gefangen wird.
3. Schuh‑FalleSchuhe werden vor oder unter das Bett gestellt, oft umgedreht, in der Hoffnung, dass die Mara neugierig hineinkriecht.Am Morgen sind die Schuhe leer – die Mara war nie da. Das absurde Bild einer unsichtbaren Kreatur, die sich für Schuhe interessiert, ist Teil des Rituals.
4. GesangsbeschwörungEinfache, kindlich-ritualisierte Lieder oder Reime werden gesungen, z. B. „Komm her, Mara, wir fangen dich!“ kombiniert mit Gesten.Die Stimme bleibt unbeantwortet, das Lied endet im Lachen oder Schweigen. Der Akt der Beschwörung ist eine Mutprobe und gleichzeitig ein Spiel mit dem Unsichtbaren.
5. Mehl‑ oder Eimer‑FalleEin Eimer mit Wasser, Mehl oder feinem Pulver wird am Fußende des Bettes platziert, um die Mara zu „fangen“, wenn sie hineingreift.Mehl wirbelt auf, Staub verteilt sich – kein Dämon greift zu. Der visuelle Effekt wird selbst zum Ritual: ein komisches Chaos, kein realer Fang.
6. Spiegel‑TrickSpiegel werden strategisch im Raum positioniert, oft so, dass man Türspalten oder Schlüsselöffnungen reflektieren kann.Die Spiegel zeigen kein entsetzliches Wesen – die Vorstellung, dass die Mara in einem Spiegel sichtbar gemacht werden kann, bleibt fiktiv. Das Leere in den Spiegeln wird zum absurd-magischen Element.
7. Kreide‑KreiseKreide, Asche oder Erde werden verwendet, um Schutzkreise oder Bannlinien um das Bett zu ziehen, teils mit Symbolen oder Runen.Die Linien sind oft unsauber, verwischen über Nacht. Die Mara „übertritt“ symbolisch die Grenzen – das Ritual wird durch das kindliche Kritzeln zu einem humorvollen Akt.
8. Lärm‑FalleGlocken, Rasseln, Trommeln oder andere Geräuschquellen werden installiert, um die Mara zu erschrecken oder anzulocken.Statt eines Geistes erzeugen die Geräusche Lärm und Chaos. Der vermeintliche Dämon erscheint nicht – das Ritual wird zu einer lautstarken Aufführung.
9. Bettruhe‑ChallengeMan behauptet, um die Mara zu fangen, müsse man mehrere Nächte in ungewöhnlichen Positionen schlafen, z. B. auf einem Bein oder mit dem Kopf in eine bestimmte Richtung.Kinder wackeln, verlieren das Gleichgewicht, lachen über das Unbequeme. Die Herausforderung ist mehr ein Spiel als eine ernsthafte Beschwörung – das Scheitern ist gewollt.
10. Salz‑BarriereUm das Bett wird eine Linie aus Salz gestreut, die verhindern soll, dass die Mara das Zentrum betritt.Salz bleibt, Mara (zumindest laut Überlieferung) überquert die Linie – das Ritual wird als symbolische, nicht physische Abgrenzung verstanden. Der Übertritt betont die Ohnmacht gegenüber dem Dämon.
11. Kissen‑SchleuderKinder werfen Kissen gezielt gegen Wände, Ecken oder imaginäre Punkte, um die Mara „zu treffen“ oder zu vertreiben.Die Teilnehmer lachen über das absurde Werfen, als ob sie auf unsichtbare Ziele zielen. Es entsteht ein spielerischer Wettbewerb, kein ernsthafter Kampf.
12. Hut‑FalleEin Hut oder Kopfbedeckung wird verkehrt (mit der Öffnung nach oben) auf das Bett gelegt, als vermeintliche Falle für die Mara.In der Morgendämmerung ist der Hut leer — das Bild einer Mara, die sich in einen Hut zwängt, ist gleichzeitig kindlich und komisch.
13. Nachtgebet / BannformelKurz vor dem Einschlafen werden laut Gebete, Schutzsprüche oder apotropäische Verse rezitiert („Schließe dich nicht zu tief, Mara …“).Obwohl die Worte ernst gemeint sein können, ist das gemeinsame Rezitieren zu einem kindlichen Ritual geworden. Das Fehlen einer Leibhaf­tigkeit der Mara macht das Gebet teils skurril.
14. Schlüssel‑ oder Flaschen‑FalleEs wird behauptet, man könne die Mara in einer Flasche fangen, indem man diese über den schlafenden Körper führt oder über Nacht geöffnet stehen lässt.Wenn die Flasche morgens leer ist, spricht man von verpasster Chance oder Spielerei. Die Idee, einen unsichtbaren Dämon in eine Flasche zu ziehen, bleibt metaphorisch.

5. Tiefenanalyse der Ritualstruktur

5.1 Symbolik des Scheiterns

Ein zentrales Merkmal all dieser Rituale ist das bewusste oder implizite Scheitern: Niemand fängt tatsächlich die Mara. Doch dieses „Nicht-Fangen“ ist kein Misserfolg, sondern Teil des ritualisierten Spiels. Das Ziel ist nicht die physische Beherrschung, sondern die symbolische Auseinandersetzung mit Angst – das Scheitern bestätigt die transzendente, ungreifbare Natur der Mara und verstärkt ihre Macht als unsichtbarer Dämon.

5.2 Humor und soziale Kohäsion

Humor ist mehr als eine beiläufige Begleiterscheinung: Er ist integraler Bestandteil dieser Rituale. Die komischen Momente – das Stolpern, das Kichern, der Lärm – verwandeln eine potenziell furchteinflößende Vorstellung in gemeinschaftliches Spiel. Durch diese Rituale wird Angst entdramatisiert, und gleichzeitig entsteht ein generationenübergreifender Austausch: Jüngere lernen von Älteren, wie man mit der Angst vor der Nacht ritualisiert umgeht.

5.3 Psychologische Bedeutung

Aus psychologischer Sicht können diese Rituale als eine Form prälogischer Angstbewältigung verstanden werden: Bevor wissenschaftliche Erklärungen wie Schlafparalyse bekannt waren, bot der Glaube an die Mara einen narrativen Rahmen zur Deutung unerklärlicher nächtlicher Erfahrungen. Indem man Rituale durchführt, gewinnt man das Gefühl von Agency – man „handelt gegen den Dämon“, auch wenn man ihn nie wirklich fassen kann. Dieses symbolische Handeln wirkt beruhigend, weil es die Ohnmacht in kontrollierte Handlung umwandelt.

5.4 Vergleich mit anderen kulturellen Phänomenen

Der Umgang mit der Mara über diese Rituale steht in engem Verhältnis zu Ritualen in anderen Kulturen, in denen unsichtbare, mythische Wesen „gejagt“ werden (z. B. Elwedritsch, Dahu, Gamusinos). In allen Fällen ist die Jagd metaphorisch: Man versucht ein Wesen zu fangen, das per Definition nicht greifbar ist. Solche Rituale illustrieren universelle menschliche Themen: Angst, Grenzen der Kontrolle, Gemeinschaft, Humor.

Gleichzeitig zeigen sie eine Brücke zur modernen Schlafpsychologie: Die traditionellen Erklärungen (Mara, Dämon) können als Vorläufer kultureller Deutungsversuche von Schlafparalyse angesehen werden. Moderne Forschung erachtet viele dieser folk­loristischen Vorstellungen als metaphorische Projektionen von physiologischen Phänomenen. 

6. Kulturelle Implikationen und Weiterführung

6.1 Überlieferung und Wandel

Während sich viele dieser Rituale in der Moderne nur noch in rekonstruierten oder literarisierten Formen erhalten haben, zeigen folkloristische Studien, dass das Konzept der mora / zmora bis heute in vielen Regionen präsent ist.  In einigen Gegenden existieren moderne Varianten, in denen junge Menschen bewusst spielerische „Mara‑Schlaf‑Rituale“ als kulturelles Erbe weiterführen, etwa in Folklorefesten oder künstlerischen Aufführungen (z. B. Performance-Kunst über Morana). 

6.2 Anthropologische Reflexion

Aus einer anthropologischen Perspektive sind diese Rituale Ausdruck eines tiefen menschlichen Bedürfnisses: Kontrolle über das Unbekannte, soziale Verbundenheit und die Verbindung von Humor mit Esoterik. Das ritualisierte Scheitern ist dabei kein Makel, sondern ermöglicht ein kontinuierliches Spiel mit Grenzen – zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Realität und Imagination.

6.3 Psychosoziale Funktion heute

Auch in modernen Gesellschaften, in denen Schlafparalyse medizinisch erklärt wird, haben solche Mythen weiterhin Bedeutung. Sie bieten symbolische Ressourcen, mit denen Menschen Erfahrungen von Angst, Erschöpfung oder Schlafstörungen deuten können. In der populären Kultur (Horrorfilme, Literatur) finden Maras, Mores oder Moroi weiterhin Resonanz. 

7. Fazit

Die humorvollen, immer erfolglosen Fangrituale rund um die slawische Mara / Nočnitsa sind weit mehr als harmloser Aberglaube: Sie repräsentieren eine komplexe kulturelle Strategie des Umgangs mit Angst, Schlafrätseln und Unsicherheit. Durch das betonte Scheitern, den gemeinsamen Humor und die ritualisierte Handlung transformieren Menschen eine unsichtbare Bedrohung in ein kontrollierbares Spiel. Diese Rituale stärken soziale Bindungen, vermitteln ein Gefühl von Kontrolle und bieten eine kulturübergreifend bedeutende Form der symbolischen Bewältigung.

Die Analyse dieser Praktiken zeigt, dass der Volksglaube nicht als bloße „Vorgängerstufe wissenschaftlichen Denkens“ verstanden werden kann, sondern als ein eigenständiges, sinnstiftendes System, das psychologische, soziale und rituale Elemente integriert. Ihre Erforschung bereichert das Verständnis von Folklore, Angstkultur und kollektiver Imagination.

Literatur

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