Abstract

Der folgende Beitrag untersucht die historische Entwicklung von Schlaf- und Druckdämonen im indoeuropäischen Raum anhand eines interdisziplinären Zugangs, der archäologische, philologische, mythologische und religionsgeschichtliche Perspektiven umfassend berücksichtigt. Ausgehend von den frühiranischen Kulturen des 3. Jahrtausends v. Chr. wird gezeigt, wie ein spezifischer, strukturell konsistenter Mythentyp – das nächtliche Wesen, das Schlafende bedrückt und ihnen Atem, Stimme oder Beweglichkeit raubt – sich sowohl nach Osten (Indien) als auch nach Westen (Anatolien, Griechenland, Rom, germanisch-keltische Randzonen) entfaltet. Die erweiterte Analyse betont die Rolle gemeinsamer indoeuropäischer linguistischer Wurzeln, archaischer Bildmotive und überdauernder anthropologischer Grundängste. Dabei zeigt sich, dass die indoeuropäischen Traditionen eine bemerkenswerte diachrone Stabilität in der Vorstellung des nächtlichen Druckdämons aufweisen, gleichzeitig aber vielfältige lokale Transformationen und kulturelle Neuinterpretationen hervorbringen. Die Wissenschaft spricht von kulturellen Mustern auch von „Memen“, die sich über Zeit und Raum immer wieder verändern, überformen und an neue kulturelle Gegebenheiten anpassen. Der Begriff entstand kontrastiv zu „Genen“ – so wurde neben die Genetik die Memetik gestellt. Die Entwicklung der Elwedritsche ist ein Paradebeispiel der Memetik mit einer Geschichte, die sich über 5000 Jahre erstreckt.

1. Einleitung

Die Faszination für nächtliche Angstzustände, Atemnot, Lähmung und das Gefühl einer überwältigenden Präsenz im Schlaf ist ein universales Menschheitserlebnis. Zahlreiche moderne Studien zur Schlafparalyse (Hufford 1982; Cheyne 1999; Jalal 2017) verweisen darauf, dass dieses Phänomen in nahezu allen Kulturen mythologisch interpretiert wurde. Gerade die indoeuropäischen Sprachen und Kulturen zeigen eine außergewöhnlich dichte Dokumentation solcher Interpretationen – von frühiranischen Dämonen über vedische Rākṣasas bis hin zu griechischen und römischen Konzeptualisierungen des ephialtēs bzw. incubus.

Die Frage, wie weit diese Traditionen auf eine gemeinsame proto-indoeuropäische Grundlage zurückgehen, beschäftigt die Forschung seit über einem Jahrhundert (Kroonen 2013; Mallory/Adams 2006; West 2007). Besonders das sprachliche und semantische Feld des „Drückens“, „Lastens“ und „Schreckens“ wird wiederholt als Indiz dafür gesehen, dass es bereits in der Frühzeit der indoeuropäischen Sprachen eine mythologische Personifikation dieses Erlebnisses gab.

Der vorliegende Artikel verfolgt daher drei Ziele:

  1. Die frühiranischen und proto-indoeuropäischen Ursprünge des Druckdämonenmotivs nachzuzeichnen.
  2. Die Ausbreitung und Transformation nach Ost und West anhand philologischer und ikonographischer Zeugnisse aufzuzeigen.
  3. Die vergleichenden Strukturmerkmale herauszuarbeiten, die trotz kultureller Vielfalt auf eine gemeinsame mythologische Matrix verweisen.

2. Frühiranischer und proto-indoeuropäischer Hintergrund (3.–2. Jahrtausend v. Chr.)

2.1 Sprachliche und mythologische Rekonstruktion des proto-indoeuropäischen Typs

Die wichtigste Grundlage für die Rekonstruktion eines proto-indoeuropäischen Druckdämons bildet die linguistische Evidenz. Mehrere indoeuropäische Sprachzweige bewahren Begriffe, die eindeutig mit Drücken, Würgen, Last und nächtlichem Schrecken zusammenhängen:

  • **PIE mer-, mor- = „drücken, pressen, würgen, töten“
    → führt u. a. zu
    • germ. marō (Mara, Mahr),
    • engl. mare, nightmare,
    • nord. mara,
    • slaw. mora.
      Diese Wortfamilie ist so breit indoeuropäisch belegbar, dass die Forschung sie oft als direkten Hinweis auf eine proto-indoeuropäische Figur deutet.
  • PIE bhau̯gʰ- = „erschrecken“
    → engl. bogey, bogle, möglicherweise baltische und slawische Nachtgeister.

Die gemeinsame semantische Struktur „Druck + Nacht + Schrecken“ ist in der Proto-Sprache bemerkenswert konsistent. Die verbreitete weibliche Markierung der späteren Gestalten (Mara, Mora, Alp als femininer Geist) legt nahe, dass ein proto-indoeuropäischer Nachtgeist weiblich konzipiert war, möglicherweise analog zu chthonischen, zwischenweltlichen Wesen.

2.2 Archäologische und ikonographische Hinweise im frühiranischen Kontext

Archäologisch lassen sich bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. ikonographische Motive identifizieren, die in die spätere Tradition passen:

  • Elamitische, baktrische und zentralasiatische Reliefs zeigen geflügelte Frauenwesen oder Mischgestalten, die auf liegenden Menschen knien oder auf ihnen sitzen (Amiet 1980; Francfort 1989).
  • BMAC-Funde weisen Schattenwesen auf, deren Körperhaltung – kniend, nach vorne gebeugt – im ikonographischen Denken späterer Dämonen (z. B. Mesopotamiens Lilu) weiterlebt.
  • Begräbnissiegel und Schutzamulette gegen „Nachtwesen“ deuten auf eine durch Rituale kontrollierte nächtliche Bedrohung.

Obwohl eine direkte Kontinuität nicht beweisbar ist, korrespondiert die Bildsprache auffällig mit spätere(n) iranischen Dämonologien.

2.3 Avesta und altiranische Dämonen

Im Avesta und der jüngeren zoroastrischen Literatur werden mehrere Gestalten beschrieben, die Funktionen des Druckdämons übernehmen:

  • Aēšma (Aeshma): personifizierte Wut, Rage, aber auch nächtlicher Bedränger; seine Rolle im „Ergreifen des Menschen“ wird wiederholt betont.
  • Bushyasta: Dämonin des Schlafs, der Lähmung, der Apathie; sie verhindert aktives Erwachen und moralischen Einsatz.
  • Vizaresh: Seelenräuber und nächtlicher Begleiter des Todesprozesses.

Besonders Bushyasta zeigt typische Elemente: Sie „lähmt den Körper“, „nimmt die Kraft aus den Gliedern“ und „legt sich auf den Schlafenden“.

3. Der Weg nach Osten: Indoiranische Wanderung und vedische Religion

3.1 Veda: Dämonologie des nächtlichen Drucks

Im vedischen Korpus finden sich mehrere Gestalten, die in Funktion und Struktur dem iranischen und indoeuropäischen Druckdämon entsprechen:

  • Rākṣasas: in Hymnen und Ritualtexten als nächtliche Überwältiger dargestellt, die Menschen im Schlaf bedrängen, ihnen Stimme oder Bewusstsein rauben und sie „niederdrücken“ (RV 1.133; 10.87).
  • Piśācas: körperlose, dunkle Wesen, die Schlafende anfallen, als „auf die Brust fallend“ beschrieben (MBh. 1.90).
  • Mṛtyu / Māra: ursprünglich Todespersonifikation, später in buddhistischer Tradition ein psychisch-physischer Bedränger.

Der vedische Begriff für Lebensatem (prāṇa) spielt eine zentrale Rolle: Der Angriff des Dämonen betrifft häufig das Zusammendrücken oder Wegsaugen der Prāṇa, was eine Indisierung eines pan-indoeuropäischen „Atemraubs“ darstellt.

3.2 Postvedische Entwicklungen und buddhistische Transformation

Das Konzept entwickelt sich im indischen Kulturraum weiter:

  • Vetālas (Leichendämonen) werden mit nächtlicher Überwältigung assoziiert; Texte des Kathāsaritsāgara sprechen von ihrem „Aufsitzen auf die Brust“.
  • In den Upanishaden wird der Traumkörper (svapna-śarīra) als verletzlich beschrieben – Angriffspunkt nächtlicher Wesen.
  • Māra wird im frühen Buddhismus universaler Versucher und nächtlicher Bedränger: seine Versuche, Buddha im Schlaf anzugreifen, repräsentieren sowohl körperliche als auch psychische Überwältigung (Carpenter 1997).

Der Osten integriert das Motiv in umfassende kosmologische Systeme: Dämonische Überwältigung wird zum Ausdruck karmischer und psychologischer Dynamiken.

4. Der Weg nach Westen: Mesopotamien, Anatolien und die Ägäis

4.1 Mesopotamischer Einfluss

Mesopotamien ist einer der wichtigsten Kontaktpunkte zwischen indoiranischen und westindoeuropäischen Kulturen.

Die Figuren:

  • Lilu / Lilitu / Ardat-lili
  • Šēdu, Gallû

weisen eindeutige Überschneidungen auf: Sie erscheinen ausschließlich nachts, setzen sich auf Schlafende, verursachen Atemnot oder erotisch aufgeladene Albträume. Die assyrischen Beschwörungstexte zeigen ein elaboriertes Schutzsystem gegen dieses Phänomen.

Die Forschung diskutiert, ob der indoeuropäische und mesopotamische Druckdämon gemeinsame Wurzeln hat oder ob es sich um kulturelle Konvergenz aufgrund einer universalen menschlichen Erfahrung handelt. Die Ähnlichkeit der ikonographischen Darstellungen – insbesondere im Motiv des Aufsitzens – ist jedoch so bemerkenswert, so dass kultureller Austausch in einer geographischen Nachbarschaft in diesem Fall die wahrscheinlichere Ursache ist, dass das Motiv sowohl im indoeuropäischen als auch im mesopotamischen Kulturraum bekannt war.

4.2 Anatolien und die hethitische Vermittlung

Hethitische Exorzismustexte nennen weibliche Nachtgeister und „Dämonen, die auf dem Menschen lasten“ (kattan išḫammi-).
Da die Hethiter ein indoeuropäisches Volk waren, gleichzeitig aber stark mesopotamisch beeinflusst, bilden sie ein wichtiges Bindeglied:

  • indoeuropäische Linguistik + mesopotamische Dämonik = hybride Tradition
  • hethitische Ritualbeschreibungen enthalten Diagnosen, die Schlafparalyse ähneln

Diese Kultur stellt einen Durchgangsraum für das Motiv auf dem Weg nach Griechenland dar.

5. Die klassische Antike: Griechenland und Rom

5.1 Griechenland: Ephialtēs und die medizinische Interpretation

Der griechische Begriff ἐφιάλτης („der Aufspringende“) ist die klarste antike Benennung eines Druckdämons. Autoren wie Aristoteles, Galen und später Rufus von Ephesos beschreiben:

  • das Gefühl, „als sitze etwas auf der Brust“,
  • Unfähigkeit zu sprechen,
  • Lähmung der Glieder,
  • Atemnot, Angst, Todesnähe.

Damit liefern die Griechen die erste medizinische Erklärung des Phänomens (als Mischung aus körperlicher Störung, Resttraum und psychischer Komponente).

Neben ephialtēs existieren:

  • Lamia, Mormo, Empousa: weibliche Nachtdämoninnen, die Männer bedrängen oder Kindern den Atem rauben
  • Oneiroi: Traumgeister, die Albträume personifizieren

Die griechische Kultur psychologisiert den Druckdämon stärker als alle vorherigen Kulturen.

5.2 Rom: Incubus und moralisch-erotische Deutungen

Die Römer übernehmen vieles aus Griechenland, aber setzen neue Akzente:

  • Incubus („der Aufliegende“) als expliziter Druckdämon
  • medizinische Beschreibungen bei Celsus und Caelius Aurelianus ähneln exakt moderner Diagnostik von Schlafparalyse
  • erotische bzw. sexuelle Komponenten werden betont (Vorläufer der späteren christlichen Incubi/Succubi)

Der römische Kulturraum transformiert das Phänomen stärker sozial-moralisch, oft im Zusammenhang mit Fragen der Scham und körperlichen Integrität.

6. Randbereiche: Germanische und keltische Traditionen

Obwohl später, bewahren germanische und keltische Traditionen besonders deutliche Spuren der proto-indoeuropäischen Grundlage.

Germanisch

  • Mara / Mahr / Marō
  • Alp → Ursprung des Wortes „Alptraum“
    Diese Figuren entsprechen in Funktion, Verhalten und Semantik fast perfekt der PIE-Wurzel mor-.

Keltisch

  • Bánánach, teilweise Morrígan
  • Verbindung mit nächtlicher Präsenz, Atemnot, Seelenentzug

Gerade im germanischen Raum scheint der Druckdämon in vergleichsweise archaischer Form fortzubestehen.

7. Vergleichende Analyse der Strukturen

Alle untersuchten Kulturen teilen sechs zentrale Merkmale:

  1. Aufsitzen / Drücken / Brustlast
  2. Atemnot, Lähmung, Stimmverlust
  3. Nächtlicher, schattenhafter Charakter
  4. Weibliche oder androgyn-dämonische Markierung
  5. Grenzstatus zwischen Leben und Tod
  6. Verbindung mit Sexualität, Angst, Bewusstseinszuständen

Die Haupttransformationstendenzen:

  • Iran → moralisch-dualistischer Kosmos
  • Indien → Integration in Atem- und Seelenlehren
  • Mesopotamien → sexualisierte Dämonik
  • Griechenland → medizinisch-psychologische Rationalisierung
  • Rom → moralisch-erotische Systematisierung
  • Germanen/Kelten → volkstümliche Persistenz

Damit erscheint der Druckdämon als eine der langlebigsten mythologischen Strukturen innerhalb der indoeuropäischen Welt.

8. Schluss

Die indoeuropäische Tradition des Druckdämons stellt einen eindrucksvollen Fall kultureller Langlebigkeit und Strukturkohärenz dar. Über mehrere Jahrtausende hinweg wird ein spezifisches menschliches Erlebnis – die Schlafparalyse – in mythische, rituelle und medizinische Systeme eingebunden, wobei die indoeuropäischen Kulturen charakteristisch ähnliche Personifikationen entwickeln. Die Analyse zeigt, dass zwar kulturelle Unterschiede bestehen, die tiefenstrukturelle Mythologie aber stark auf ein proto-indoeuropäisches Ursprungsmotiv verweist. In Europa und im germanischen Kulturraum angekommen, entwickelt sich das Motiv der Mahre über Alben und Druden bzw. Albdruden weiter. In einem letzten Schritt erfolgt die Marginalisierung des Dämons mit Hilfe von Verkleinerung und Verbannung: Aus der Albdrude wird die Elwedritsch, die man schlussendlich in den Wald jagt.

Literatur

Indogermanistik

  • West, M. L. (2007): Indo-European Poetry and Myth. Oxford.
  • Kroonen, G. (2013): Etymological Dictionary of Proto-Germanic. Leiden.

Iranistik

  • Skjærvø, P. O. (2011): The Spirit of Zoroastrianism. New Haven.
  • Boyce, M. (1982): A History of Zoroastrianism II. Leiden.

Indologie

  • Carpenter, J. (1997): Indian Buddhist Narratives. Delhi.
  • Doniger, W. (1999): Textual Sources for the Study of Hinduism. Manchester.

Mesopotamien

  • Wiggermann, F. A. M. (2000): “Protective Spirits and Demons.” In: Mesopotamian Magic.

Griechenland / Rom

  • Ogden, D. (2004): Archaeology of the Greek Underworld. London.
  • Van der Eijk, P. (2005): Medicine and Philosophy in Classical Antiquity. Cambridge.

Germanisch / Keltisch

  • Tolley, C. (2009): Shamanism in Norse Myth and Magic. Helsinki.
  • MacKillop, J. (2004): Dictionary of Celtic Mythology. Oxford.

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