Abstract

Johannes Praetorius’ Blockes-Berges Verrichtung von 1668 gehört zu den eigentümlich ambivalenten Texten der spätfrühneuzeitlichen Dämonologie. Das Werk reproduziert in großer Breite den zeitgenössischen Hexendiskurs: Teufelspakt, Hexenflug, Teufelsbuhlschaft, Schadenszauber, Hexensabbat und dämonische Verwandlungen werden aus gelehrten und volkstümlichen Quellen zusammengetragen. Zugleich enthält die Schrift Passagen, in denen Praetorius übernatürliche Erklärungen ausdrücklich zurückweist oder durch natürliche Ursachen ersetzt. Besonders aufschlussreich sind die Erklärung des Alp- bzw. Mahr-Erlebnisses als körperlich verursachtes Phänomen, die Distanzierung von der Vorstellung, Hexen könnten sich in Katzen verwandeln, sowie die ausführliche Diskussion der Hexen-Wasserprobe. Hinzu kommen kritische Bemerkungen über volkstümliche Gegenzauber und magische Schutzpraktiken. Der Beitrag untersucht diese Passagen quellenkritisch und fragt, was an Praetorius’ Position traditionell, was neu und was tatsächlich als Vorform einer aufklärerischen Rationalisierung verstanden werden kann. Dabei zeigt sich, dass Praetorius nicht als aufgeklärter Gegner des Hexenglaubens gelten kann. Neu ist vielmehr seine selektive Kritik: Er unterscheidet zwischen dem tatsächlichen Erlebnis und seiner volkstümlichen Deutung, zwischen möglicher Zauberei und vermeintlichen Beweisen für sie sowie zwischen christlich-dämonologischer Lehre und Aberglauben. Gerade diese innere Differenzierung macht die Blockes-Berges Verrichtung zu einem wichtigen Dokument des Übergangs von der frühneuzeitlichen Dämonologie zu einer rationalisierenden Kritik des Volksglaubens. Oder in einem Satz: Praetorius überwindet 1668 den Hexenglauben noch nicht – aber er beginnt, ihn zu einem Gegenstand kritischer Prüfung zu machen. Der Text entsteht in einer Zeit, in der sich die Elwedritsch aus dem Cluster von Alb, Drude und Mahr zu lösen beginnt und die Elwedritsch-Jagd entsteht.

Schlüsselwörter: Johannes Praetorius, Hexenglaube, Dämonologie, Alp, Mahr, Katzenverwandlung, Wasserprobe, Aberglaube, Frühe Neuzeit, Rationalisierung

1. Einleitung

Johannes Praetorius’ Blockes-Berges Verrichtung erschien 1668 in Leipzig. Der vollständige Titel kündigt ausdrücklich einen Bericht über den Blocksberg, die „Hexenfahrt“ und die „Zauber-Sabbathe“ an. Das Werk wurde „aus vielen Autoribus abgefasset“ und verbindet geographische Beschreibung, gelehrte Dämonologie, Anekdotik und volkstümliche Erzählstoffe.

Damit scheint die Einordnung zunächst eindeutig: Praetorius gehört in die Welt des frühneuzeitlichen Hexenglaubens. Tatsächlich finden sich in seinem Werk nahezu alle zentralen Elemente des elaborierten Hexereibegriffs: Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Hexenflug, Hexensabbat und Schadenszauber. Die Forschung hat deshalb zu Recht hervorgehoben, dass Praetorius keineswegs von der Existenz der Hexerei im modernen Sinne abrückt.

Eine solche Einordnung greift jedoch zu kurz. Denn gerade innerhalb der Blockes-Berges Verrichtung finden sich Passagen, in denen Praetorius traditionelle Vorstellungen einer bemerkenswert scharfen Prüfung unterzieht. Er erklärt den Alp nicht als Dämon, sondern als körperlich verursachtes Erlebnis; er weist die Vorstellung der Verwandlung von Hexen in Katzen zurück – wenn auch unter Berufung auf ältere Autoritäten – und behandelt die Wasserprobe als ein problematisches Erkenntnisverfahren. Schließlich bezeichnet er verschiedene volkstümliche Schutz- und Gegenzauberrituale ausdrücklich als „Aberglauben“ und fragt nach ihrer „natürlichen Wirckung“.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Praetorius „an Hexen glaubte“ oder „aufgeklärt“ war. Beides lässt sich in dieser einfachen Form nicht angemessen beantworten. Vielmehr ist zu untersuchen, wie Praetorius innerhalb eines grundsätzlich noch dämonologischen Weltbildes zwischen glaubwürdigen und unglaubwürdigen Vorstellungen, realen Erfahrungen und falschen Deutungen sowie zwischen Zauberei und Aberglauben unterscheidet.

2. Praetorius als Autor zwischen Kompilation und Kritik

Schon die Anlage des Werkes ist für seine Interpretation wichtig. Praetorius tritt nicht primär als systematischer Theoretiker auf. Er sammelt, referiert, vergleicht und kommentiert eine große Zahl älterer Autoritäten. Das Werk verarbeitet unter anderem Bodin, Weyer, Luther, verschiedene Dämonologen, antike Autoren und biblische Zeugnisse. Der Titel selbst macht den kompilatorischen Charakter ausdrücklich kenntlich: Das Werk ist „aus vielen Autoribus abgefasset“.

Das bedeutet für die Quellenkritik: Nicht jede Aussage im Buch darf ohne weiteres als persönliche Überzeugung des Autors behandelt werden.

Gerade für die hier interessierende Ambivalenz ist diese Unterscheidung entscheidend.

Wenn Praetorius beispielsweise die Verwandlung von Hexen in Katzen behandelt, referiert er zunächst eine ältere Autorität. Er schreibt:

„Aber daß sie auff Besē, Gabeln, auf den Böcken unn dergleichen reitē, auffahrē … wil er nicht zulassen, und saget daß es nicht glaubig sey.“

Anschließend folgt die Aussage:

„Daß die alten Hexen sich sollen in Katzen verwandeln, und deß Nachts herumb lauffen, ist verbotten zu gläuben, daß es war sey.“

Die Passage stammt also nicht isoliert aus einem eigenen empirischen Urteil des Praetorius. Er referiert hier insbesondere eine ältere protestantische Autorität. Die Bedeutung der Stelle liegt deshalb weniger darin, dass Praetorius erstmals selbst die Katzenverwandlung widerlegt hätte, sondern darin, dass er diese skeptische Position in seine eigene Darstellung der Hexerei aufnimmt und ihr innerhalb seines Hexenbuches Raum und argumentative Bedeutung gibt.

Das ist ein wesentlicher Unterschied.

3. Das Alte: Praetorius bleibt tief in der Dämonologie verankert

Eine moderne Interpretation darf deshalb die traditionelle Seite des Werkes nicht unterschlagen.

Praetorius behandelt Hexen als reale Akteure eines dämonischen Geschehens. Der Teufel ist für ihn keine bloße Metapher. Er kann Menschen verführen, täuschen und – zumindest grundsätzlich – auch körperlich bewegen. Im Zusammenhang mit dem Hexenflug argumentiert Praetorius sogar ausdrücklich, dass der Teufel Menschen tatsächlich durch die Luft führen könne, wobei er sich auf biblische Beispiele beruft.

Auch die sexuelle Verbindung zwischen Dämonen und Menschen wird ausführlich diskutiert. Auf S. 334–338 werden Incubi und Succubi, die dämonische Gestalt des Bockes und die Möglichkeit dämonischer geschlechtlicher Verbindung behandelt.

Das ist eindeutig die Gedankenwelt der frühneuzeitlichen Dämonologie.

Ebenso werden antike und christliche Traditionen miteinander verbunden. Die Namen und Erscheinungsformen von Hexen werden unter anderem mit Lamia, Strix, Druten, Milchdiebinnen und anderen Gestalten in Verbindung gebracht.

Auch die Vorstellung des Hexenschadens bleibt grundsätzlich erhalten. Krankheiten von Menschen und Tieren, Milchzauber und andere Schädigungen werden ausführlich behandelt.

Praetorius ist daher kein Aufklärer gegen den Hexenglauben.

4. Das Neue: Die Unterscheidung zwischen Erlebnis und Deutung

Gerade vor diesem Hintergrund ist die Behandlung des Alps von herausragender Bedeutung.

4.1 Der Alp als Gespenst

Auf der gedruckten Seite 335 der Blockes-Berges Verrichtung behandelt Praetorius einen Zustand, den er mit dem griechischen φιάλτης (Ephialtes) und deutsch mit Mahr beziehungsweise Alp bezeichnet.

Zunächst referiert er die traditionelle Vorstellung:

„die alten Weiber halten für eine Art eines Gespenstes“

Dann folgt jedoch eine außerordentlich bemerkenswerte Korrektur:

„da es doch seine natürliche Ursachen hat.“

Das ist keine bloße Einschränkung, sondern ein grundlegender Wechsel der Erklärungsebene.

Praetorius beschreibt nun einen Menschen, der nachts auf dem Rücken liegt. Dadurch werde – so seine damalige physiologische Vorstellung – das Herz gedrückt:

„Dann so jemand auff den Rücken lieget, so rühret gleichsam der Ruckgrad unn drucket das Hertz.“

Durch diese „compression“ werde die Bewegung des Herzens beeinträchtigt. Daraus wiederum entstünden körperliche und mentale Vorgänge:

„grobe Dünste“ versammelten sich und stiegen zum Gehirn auf.

Diese verursachten schließlich „Phantaseyen und Einbildungen“, als befinde sich tatsächlich ein Gespenst auf der Brust.

Noch weiter geht Praetorius bei der Erklärung der Atemnot. Der Druck auf das Herz werde auf die Lunge übertragen; dadurch würden Sprache und Atmung erschwert. Deshalb könne der Betroffene nicht um Hilfe rufen, selbst wenn er dies wolle.

4.2 Was hier methodisch geschieht

Diese Passage ist vielleicht der stärkste Beleg für eine rationalisierende Denkweise bei Praetorius.

Er bestreitet nicht das Erlebnis.

Der Mensch empfindet tatsächlich:

  • Druck auf der Brust,
  • Atemnot,
  • Unfähigkeit zu sprechen,
  • Angst,
  • eine vermeintliche Präsenz.

Was er bestreitet, ist die traditionelle Interpretation dieses Erlebnisses als Gespenst.

Die Erklärungskette lautet:

körperlicher Zustand → subjektives Erleben → Phantasie/Vorstellung → Gespensterdeutung

und nicht:

Gespenst → körperlicher Druck.

Damit vollzieht Praetorius eine epistemische Operation, die für die spätere Aufklärung charakteristisch werden sollte: Er trennt Erscheinung und Erklärung.

Das ist wesentlich mehr als eine bloße Ablehnung von Aberglauben.

5. Die Katzenverwandlung: Kritik an der physischen Metamorphose der Hexe

Noch deutlicher zeigt sich diese Differenzierung bei der Katzenverwandlung.

Praetorius referiert die Auffassung, dass Hexen auf Besen, Gabeln oder Böcken durch die Luft reiten könnten, und fügt die kritische Position hinzu, dies sei „nicht glaubig“. Noch entschiedener heißt es:

„Daß die alten Hexen sich sollen in Katzen verwandeln … ist verbotten zu gläuben, daß es war sey.“

Interessant ist nun die anschließende Argumentation.

Praetorius referiert eine mögliche Entstehung der Erzählung: Ein Mann habe in einem verlassenen Haus geschlafen und mehrere Katzen verletzt. Am nächsten Morgen seien dort alte Frauen gewesen. Daraus habe sich die Vorstellung ergeben können, die Katzen seien eigentlich die alten Frauen gewesen.

Die Erklärung lautet:

„Allein solches ist entweder erdichtet, oder der Teuffel selbst hat solche alte Hexen verwundet …“

Als weitere Möglichkeit wird sogar ein Traum- oder Ekstasezustand genannt: Den Hexen könne geträumt haben, sie seien herumgelaufen und verwundet worden, während sie tatsächlich im Bett lagen.

Hier finden wir eine bemerkenswerte Mehrfacherklärung:

  1. Die Geschichte kann erfunden sein.
  2. Sie kann durch Täuschung entstanden sein.
  3. Sie kann auf einem Traumerlebnis beruhen.
  4. Sie kann innerhalb der damaligen Dämonologie als teuflische Täuschung interpretiert werden.

Gerade der vierte Punkt zeigt die Grenze der Rationalisierung: Der Teufel bleibt als Erklärungsmöglichkeit erhalten.

Trotzdem ist die entscheidende Neuerung nicht zu übersehen. Die physische Metamorphose wird nicht als selbstverständlich akzeptiert.

6. Die Wasserprobe: Ein besonders aufschlussreicher Zwischenfall

Noch komplizierter und deshalb wissenschaftlich besonders ergiebig ist die Behandlung der Wasserprobe.

Praetorius fragt zunächst ausdrücklich:

„was davon zuhalten“ sei, wenn man Personen, die der Zauberei verdächtigt werden, ins Wasser setze, und ob dies „gewiß und unfehlbar“ zur Überführung eines Zauberers geeignet sei.

Das ist bereits eine wichtige Veränderung der Fragestellung.

Nicht:

Wie funktioniert die Wasserprobe?

sondern:

Kann sie überhaupt als Beweis gelten?

Allerdings ist Praetorius hier keineswegs von Anfang an skeptisch. Zunächst erklärt er die Probe und erwägt sogar, ob man aus dem Schwimmen einer verdächtigten Person eine Vermutung gegen sie ableiten könne.

Damit ist die Passage gerade kein einfacher Beleg für aufgeklärte Kritik.

Vielmehr wird ein Streit verschiedener Positionen sichtbar.

Praetorius führt unter anderem Weyer und Timpler als Gegner der Wasserprobe an, lässt aber auch Argumente zu ihrer Verteidigung zu.

Dann aber reproduziert er die scharfe Kritik des Anton Praetorius, der die Wasserprobe grundsätzlich verwirft.

Diese Kritik ist außerordentlich rational argumentiert. Die entscheidende Frage lautet: Wenn die biblische Wasserprobe aus Numeri 5 als Beleg angeführt wird, warum wird sie dann in der Gegenwart völlig anders durchgeführt?

Anton Praetorius zählt dreizehn Unterschiede auf: Das biblische Ritual habe einen anderen Anlass, eine andere Personengruppe, einen anderen Ort, ein anderes Wasser, eine andere Durchführung und eine andere Wirkung gehabt. Daraus könne die zeitgenössische Hexen-Wasserprobe nicht legitim abgeleitet werden.

Die Pointe lautet:

„Exempel sind keine Reguln.“

Noch schärfer wird die Kritik, wenn die Wasserprobe als „Heydnisch, tyrannisch, verführisch und Teufflisch“ bezeichnet wird.

7. Naturbeobachtung gegen magische Beweisführung

Besonders wichtig ist der anschließende physikalische Gedankengang.

Die Behauptung, ein Mensch müsse untergehen, weil sein Körper schwer sei, wird durch alltägliche Naturbeobachtung problematisiert:

  • Manche Menschen schwimmen,
  • andere sinken,
  • Holz kann schwimmen,
  • manche Holzarten können sinken,
  • auch schwere Steine können unter bestimmten Bedingungen schwimmen.

Der entscheidende Satz lautet:

„etliche schwimmen / etliche sincken auß natürlicher Eygenschafft.“

Damit wird ein vermeintliches Wunder in den Bereich der natürlichen Variation zurückgeführt.

Das ist erkenntnistheoretisch von erheblicher Bedeutung. Denn die Wasserprobe setzt voraus:

ungewöhnliches Verhalten → übernatürliche Ursache.

Die Gegenargumentation lautet:

ungewöhnliches Verhalten → zunächst natürliche Ursachen prüfen.

Genau hierin liegt eine der stärksten rationalisierenden Bewegungen des Textes.

8. Der Begriff „Vernunft“

Besonders bemerkenswert ist, dass die Kritik nicht nur religiös, sondern ausdrücklich rational argumentiert.

Praetorius schreibt, die Vertreter der Wasserprobe suchten „seltzamer Vrsachen und Gründe“, diese aber

„widerstreben der Vernunfft“.

Das ist terminologisch wichtig.

Die Gegenposition zur magischen Erklärung wird nicht ausschließlich mit Bibel und Kirchenrecht begründet. Sie wird auch mit Vernunft und Naturbeobachtung begründet.

Damit überschreitet die Argumentation eine rein konfessionelle Kritik.

9. Der entscheidende Vorbehalt: Der Teufel verschwindet nicht

Allerdings zeigt sich unmittelbar danach die Grenze dieser Rationalisierung.

Praetorius lässt weiterhin die Möglichkeit zu, dass der Teufel Menschen im Wasser halten könne. Auch das Schwimmen kann innerhalb seines Weltbildes als dämonische Einwirkung interpretiert werden.

Damit entsteht eine bemerkenswerte Doppelstruktur:

natürliche Erklärung möglich – dämonische Erklärung ebenfalls möglich.

Praetorius ersetzt die Dämonologie also nicht durch Naturwissenschaft.

Vielmehr erweitert er den Bereich legitimer Erklärungsmöglichkeiten.

Das ist für die historische Einordnung entscheidend.

Man sollte deshalb nicht von einem Übergang

„Aberglaube → Aufklärung“

sprechen.

Präziser ist:

„monokausale dämonologische Erklärung → konkurrierende natürliche und dämonologische Erklärungsmöglichkeiten“.

10. Kritik am Aberglauben: Gegenzauber und Volksmagie

Eine weitere Gruppe von Belegen findet sich bei den volkstümlichen Gegenmaßnahmen gegen vermeintliche Zauberei.

Praetorius beschreibt beispielsweise Praktiken, mit denen man angeblich Hexenzauber aufheben könne:

  • Säcke werden geschlagen,
  • Wachsbilder werden gestochen,
  • Besen werden verbrannt,
  • Milch wird mit Stöcken bearbeitet,
  • Vieh wird mit Kreuzzeichen und Weihwasser behandelt.

Hier nimmt die Kritik einen geradezu polemischen Charakter an.

Praetorius fragt:

„was ist doch für natürliche Wirckung darin?“

Diese Frage ist von großer Bedeutung. Denn damit wird die magische Handlung an einem Kausalitätskriterium gemessen:

Wie soll diese Handlung physisch auf eine abwesende Hexe wirken?

Die Antwort ist letztlich: überhaupt nicht.

Praetorius spricht hier von „Aberglauben“ und von „Thorheit“.

Das ist ein bemerkenswert modernes Argumentationsmuster.

11. Eine paradoxe Konstellation

Hier tritt die ganze Ambivalenz des Werkes offen hervor.

Praetorius kann gleichzeitig sagen:

  • Hexen existieren.
  • Der Teufel existiert.
  • Der Teufel kann Menschen beeinflussen.
  • Hexerei kann Menschen und Vieh schädigen.

Und dennoch:

  • Nicht jede Erzählung über Hexen ist wahr.
  • Hexen können sich nicht ohne weiteres in Katzen verwandeln.
  • Ein nächtliches Druckerlebnis ist nicht notwendig ein Gespenst.
  • Die Wasserprobe ist kein zuverlässiger Beweis.
  • Gegenzauber mit Säcken, Wachs, Besen und Milch besitzen keine natürliche Wirksamkeit.
  • Volksbräuche können „Aberglauben“ sein.

Das ist kein logischer Fehler des Textes, sondern Ausdruck einer Transformation des frühneuzeitlichen Wissenssystems.

Praetorius unterscheidet zunehmend zwischen unterschiedlichen Graden und Arten von Übernatürlichkeit.

12. Was ist daran „alt“?

Die traditionellen Elemente lassen sich klar bestimmen.

12.1 Dämonologische Ontologie

Teufel und Dämonen sind reale Wesen.

12.2 Hexerei als reale Möglichkeit

Praetorius verwirft die Hexerei als solche nicht.

12.3 Schadenszauber

Die Vorstellung, Hexen könnten Menschen und Tiere schädigen, bleibt erhalten.

12.4 Teufelsbuhlschaft und Hexensabbat

Diese gehören zentral zur Darstellung.

12.5 Gelehrte Autoritäten

Praetorius argumentiert mit Bodin, Weyer, Luther, antiken Autoren und theologischen Autoritäten. Das entspricht der frühneuzeitlichen Gelehrtenkultur.

12.6 Bibel als letzte Autorität

Auch seine Kritik erfolgt immer wieder innerhalb eines christlich-theologischen Rahmens.

13. Was ist neu?

Das Neue liegt nicht primär in einem neuen Weltbild, sondern in einer neuen Art der Prüfung einzelner Behauptungen.

13.1 Das Erlebnis wird von seiner Deutung getrennt

Beim Alp ist dies besonders deutlich.

Das Erlebnis ist real; die Erklärung als Gespenst ist falsch.

13.2 Naturbeobachtung gewinnt argumentative Autorität

Bei der Wasserprobe wird das Verhalten von Körpern im Wasser als Gegenargument zur magischen Interpretation eingesetzt.

13.3 „Vernunft“ wird als Prüfungsinstanz eingeführt

Magische Erklärungen müssen sich vor der Vernunft rechtfertigen.

13.4 Volksüberlieferung ist nicht automatisch Wahrheit

Die Tatsache, dass „man sagt“, dass Hexen sich verwandeln, genügt nicht.

13.5 Magische Praktiken werden auf ihre Kausalität geprüft

Die Frage „Was ist die natürliche Wirkung darin?“ ist ein besonders deutlicher Schritt in Richtung rationaler Kritik.

14. Was leistet Praetorius tatsächlich?

Die Leistung des Praetorius sollte daher weder überschätzt noch unterschätzt werden.

Er überwindet die Dämonologie nicht.

Aber er verändert ihre epistemische Struktur.

Er macht etwas, das für die spätere Aufklärung entscheidend werden sollte: Er beginnt, innerhalb eines religiös-dämonologischen Weltbildes einzelne Erfahrungsberichte und Erklärungen auf ihre Plausibilität hin zu prüfen.

Das lässt sich als innere Rationalisierung der Dämonologie beschreiben.

Sein Vorgehen lautet nicht:

„Es gibt keine Hexen.“

Sondern:

„Es gibt Hexen – aber daraus folgt nicht, dass jede Geschichte über Hexen wahr ist.“

Ebenso lautet die Argumentation beim Alp nicht:

„Die Menschen empfinden nichts.“

Sondern:

„Sie empfinden etwas Reales, aber ihre Erklärung dieses Erlebnisses ist falsch.“

Und bei der Wasserprobe:

„Es gibt Verdächtigungen wegen Zauberei – aber dieses Verfahren beweist keine Zauberei.“

Damit entsteht eine neue epistemische Hierarchie:

Erfahrung → Beobachtung → Prüfung → Erklärung

anstelle der einfachen Gleichung:

Erfahrung → volkstümliche Deutung → Wahrheit.

15. Die besondere Bedeutung für die Geschichte des Aberglaubens

Gerade deshalb ist Praetorius für die Geschichte des Aberglaubens interessant.

Der traditionelle Aberglaubensbegriff setzt voraus, dass bestimmte Praktiken oder Erzählungen geglaubt werden. Praetorius beginnt dagegen, den Glauben selbst zum Gegenstand der Kritik zu machen.

Das zeigt sich besonders schön bei den Gegenzaubern. Ein Mensch glaubt, dass eine Hexe seine Kuh verhext hat. Daraufhin schlägt er einen Sack oder bearbeitet die Milch.

Praetorius fragt nicht nur:

„Ist die Hexe böse?“

sondern:

„Welche Wirkung soll diese Handlung überhaupt haben?“

Damit verschiebt sich der Untersuchungsgegenstand:

vom vermeintlichen Zauberer zur Plausibilität der Erklärung.

Das ist ein wesentlicher Schritt in Richtung moderner Kritik des Volksglaubens.

16. Die Katzenstelle und ihre Grenzen

Für die Forschung zur Elwedritsch ist die Katzenpassage besonders interessant, muss aber äußerst vorsichtig verwendet werden.

Sie beweist nicht, dass Praetorius selbst bereits eine naturwissenschaftliche Erklärung der Katzenverwandlung entwickelt hätte.

Vielmehr:

  1. Praetorius referiert eine ältere skeptische Position.
  2. Diese Position lehnt die körperliche Verwandlung ausdrücklich ab.
  3. Als alternative Erklärungen werden Täuschung und Traum genannt.
  4. Die Passage wird in den Kontext der Hexenflug-Diskussion eingebaut.

Die entscheidende Aussage lautet deshalb nicht:

„Praetorius erklärt 1668 die Katzenverwandlung rational.“

Sondern:

„Praetorius dokumentiert und integriert 1668 eine gelehrte Kritik an der physischen Verwandlung von Hexen in Tiere und stellt dieser traditionellen Vorstellung alternative Erklärungsmodelle gegenüber.“

Das ist quellenkritisch wesentlich sauberer.

17. Einordnung in die Geschichte der Hexenkritik

Praetorius steht damit in einer Traditionslinie, die älter ist als die eigentliche Aufklärung.

Besonders wichtig ist die Auseinandersetzung mit Autoren wie Johann Weyer, der bereits im 16. Jahrhundert viele vermeintlich dämonische Erscheinungen kritisch untersuchte. Auch Anton Praetorius, dessen Gründlicher Bericht von Zauberey und Zauberern bereits 1629 erschien, hatte die Wasserprobe scharf bekämpft.

Praetorius von 1668 ist daher nicht der Erfinder dieser Skepsis.

Seine Bedeutung liegt vielmehr darin, dass er kritische, skeptische und naturalisierende Argumente mit einem umfangreichen populären Hexendiskurs kombiniert.

Genau darin liegt seine historische Eigentümlichkeit.

Er ist weder schlicht „Hexengläubiger“ noch „Aufklärer“.

Er ist ein Kompilator an der Schwelle einer epistemischen Veränderung.

Die Forschung hat diese Zwischenstellung bereits hervorgehoben: Sebastian Dregger beschreibt die Blockes-Berges-Verrichtung als Werk zwischen starkem Hexenglauben und der allmählichen Überwindung des frühneuzeitlichen Hexenwahns. Diese Einschätzung lässt sich durch die hier untersuchten Passagen präzisieren: Die Überwindung erfolgt bei Praetorius nicht als geschlossenes Gegenprogramm, sondern stückweise, fallbezogen und widersprüchlich.

18. Fazit

Johannes Praetorius’ Blockes-Berges Verrichtung von 1668 ist kein aufgeklärtes Werk über Hexen. Sein Weltbild bleibt wesentlich von der frühneuzeitlichen Dämonologie bestimmt. Teufel, Hexen, Dämonen, Schadenszauber und Hexensabbat werden als reale Möglichkeiten behandelt. Die Schrift steht damit eindeutig in der Tradition der frühneuzeitlichen Hexenliteratur.

Gleichzeitig enthält sie aber Elemente, die über diese Tradition hinausweisen.

Am deutlichsten ist dies beim Alp/Mahr. Praetorius erklärt ein traditionell als Gespensterspuk verstandenes Erlebnis ausdrücklich durch „natürliche Ursachen“. Er beschreibt körperliche Vorgänge, die Druckempfindung, Atemnot und phantastische Wahrnehmungen erklären sollen.

Bei der Katzenverwandlung wird die Vorstellung ausdrücklich als nicht glaubwürdig bezeichnet. Zwar handelt es sich hier um die Wiedergabe älterer Autoritäten, doch wird damit die Vorstellung einer physischen Tierverwandlung innerhalb des eigenen Hexendiskurses zurückgewiesen.

Bei der Wasserprobe schließlich zeigt sich die Ambivalenz am deutlichsten. Praetorius lässt zunächst Argumente für ihre mögliche Aussagekraft zu, präsentiert aber zugleich eine scharfe juristische, theologische und naturkundliche Kritik. Besonders die Berufung auf natürliche Unterschiede beim Schwimmen und auf die „Vernunfft“ markiert eine rationalisierende Tendenz.

Auch die volkstümlichen Gegenzauber werden auf ihre Kausalität geprüft. Die Frage, „was … für natürliche Wirckung darin“ liege, stellt einen Maßstab dar, der über eine bloße Berufung auf kirchliche Autorität hinausgeht.

Praetorius leistet damit etwas historisch Bedeutsames: Er zerstört die Dämonologie nicht, aber er beginnt, ihre einzelnen Behauptungen unterschiedlich zu gewichten. Er unterscheidet zwischen Erlebnis und Deutung, Überlieferung und Wahrheit, Zauberei und Aberglauben sowie möglicher dämonischer Einwirkung und natürlicher Ursache.

Gerade darin liegt seine Stellung zwischen zwei Epochen. Das Alte besteht in der fortdauernden Überzeugung von einer realen dämonischen Welt. Das Neue liegt in der Bereitschaft, innerhalb dieser Welt einzelne Behauptungen empirisch, kausal und rational zu prüfen.

Die angemessenste Bezeichnung für diese Position ist daher nicht „Aufklärung“, sondern rationalisierende Kritik innerhalb der frühneuzeitlichen Dämonologie. Praetorius ist kein aufgeklärter Gegner des Hexenglaubens; er ist vielmehr ein Autor, bei dem sich bereits jene epistemische Bewegung beobachten lässt, die den Hexenglauben im 18. Jahrhundert zunehmend seiner Selbstverständlichkeit berauben sollte.

Für die Geschichte der Vorstellungen vom Alp, Mahr und später auch der Elwedritsch ist dieser Befund besonders interessant: Bereits im 17. Jahrhundert konnte ein übernatürlich interpretiertes Erlebnis als real erfahren, aber falsch gedeutet werden. Die Existenz einer Erzählung oder eines Erlebnisses war damit nicht mehr automatisch ein Beweis für die Existenz des darin behaupteten Wesens. Diese Unterscheidung bildet einen wichtigen methodischen Vorläufer der späteren volkskundlichen und aufklärerischen Kritik an Sagen und Gespensterglauben.


Literaturverzeichnis

Primärquellen

Praetorius, J. (1668). Blockes-Berges Verrichtung: Oder ausführlicher geographischer Bericht von den hohen trefflich alt- und berühmten Blockes-Berge: Ingleichen von der Hexenfahrt und Zauber-Sabbathe, so auff solchen Berge die Unholden aus gantz Teutschland jährlich den 1. Maij in Sanct-Walpurgis Nachte anstellen sollen. Aus vielen Autoribus abgefasset und mit schönen Raritäten angeschmücket, samt zugehörigen Figuren. Nebenst einen Appendice vom Blockes-Berge, wie auch des Alten Reinsteins und der Baumans Höle am Hartz. Leipzig.

Praetorius, A. (1629). Gründlicher Bericht von Zauberey und Zauberern. Frankfurt am Main.

Weyer, J. (1563). De praestigiis daemonum et incantationibus ac veneficiis libri sex. Basel.

Forschungsliteratur

Behringer, W. (1987). Meinungsbildende Befürworter und Gegner der Hexenverfolgung (15.–18. Jahrhundert). In H. Valentinitsch (Hrsg.), Hexen und Zauberer (S. 219–237). Graz.

Dregger, S. (2008). Zwischen manischem Hexenglauben und Überwindung des frühneuzeitlichen Hexenwahns: Die anekdotenhafte Darstellung des Hexenwesens durch den Barockautor Johannes Praetorius (1630–1680) in dessen Hexenbuch „Blockes-Berges-Verrichtung“ (1668). aventinus nova, 10. München.

Henning, H. (1968). Johannes Praetorius und sein Hexenbuch von 1668. In J. Praetorius, Blockes-Berges Verrichtung: Mit einer Einführung (S. I–XXV). Weimar.

Roper, L. (2006). Witchcraft and the Western imagination. Transactions of the Royal Historical Society, 16, 117–141.

Soldan, W. G., & Heppe, H. (1911). Geschichte der Hexenprozesse (Bd. 1). Stuttgart.

Voltmer, R. (2005). Vom getrübten Blick auf die frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen. Magister Botanicus Magische Blätter, 7, 61–72.

Voltmer, R. (2006). Prätorius, Johannes (1630–1680). In R. M. Golden (Hrsg.), Encyclopedia of Witchcraft: The Western Tradition (Bd. 3, S. 929–930). Santa Barbara.

Waibler, H. (1979). Johannes Prätorius (1630–1680). Ein Barockautor und seine Werke. Archiv für Geschichte des Buchwesens, 20, 953–1151.


Quellenlage und Digitalisate

Das untersuchte Digitalisat ist die Ausgabe von 1668. Der Text ist außerdem als digitale Volltextedition im TextGrid Repository verfügbar. Die für die Argumentation zentralen Stellen sind im Digitalisat besonders gut überprüfbar: Alp/Mahr, S. 335–336; Katzenverwandlung, S. 214–215; Wasserprobe, S. 99–110; Gegenzauber und Aberglauben, S. 114–117.

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