Hexen, Aberglaube und der Alp-Mahr-Druden-Komplex in der Betoverde Wereld (1691–1693)
Abstract
Balthasar Bekkers De betoverde wereld (1691–1693) gehört zu den bedeutendsten kritischen Schriften gegen den frühneuzeitlichen Hexen- und Aberglauben. Bekker bestreitet dabei weder die Existenz Gottes noch die Existenz geistiger Wesen. Sein Angriff richtet sich vielmehr gegen die Annahme, der Teufel und andere Geister könnten innerhalb der materiellen Welt beliebig Naturgesetze außer Kraft setzen und dadurch Hexerei, Verwandlungen, Krankheiten, Unwetter oder Spuk verursachen. Die vorliegende Untersuchung analysiert Bekkers Position anhand seiner Behandlung des Hexenbegriffs, des Teufelspaktes, des Hexenflugs, der Verwandlung von Menschen in Tiere sowie insbesondere des Komplexes von Alp, Mahr, Drude und Nachtmahr. Es zeigt sich, dass Bekker nicht lediglich einzelne Formen des Aberglaubens zurückweist, sondern dessen erkenntnistheoretische Voraussetzungen untersucht. Besonders seine Erklärung der Nachtmerrie bzw. des Nachtdrückers ist von herausragender Bedeutung: Ein Erlebnis, das in der traditionellen Dämonologie als Angriff eines übernatürlichen Wesens gedeutet werden konnte, wird bei Bekker auf körperliche Zustände, Schlaf, Einbildungskraft und Sinnestäuschung zurückgeführt. Damit vollzieht Bekker einen entscheidenden Perspektivwechsel. Während ältere Autoren wie Johannes Praetorius einzelne Erscheinungen innerhalb eines grundsätzlich noch dämonologischen Weltbildes naturalisieren konnten, unterzieht Bekker die Dämonologie selbst einer rationalen Kritik. Der Text erscheint in einer Zeit, in der sich die Elwedritsch vom Motivkomplex Alb-Drude-Albdrude-Mahr löst und mit der Elwedritsche-Jagd ein neues kulturelles Muster entsteht.
Schlagwörter: Balthasar Bekker; De betoverde wereld; Hexen; Aberglaube; Dämonologie; Teufel; Alp; Mahr; Drude; Nachtmahr; Hexenverwandlung; Katzenverwandlung; Frühaufklärung.
1. Einleitung
Balthasar Bekkers De betoverde wereld nimmt innerhalb der europäischen Kritik am Hexen- und Dämonenglauben des späten 17. Jahrhunderts eine besondere Stellung ein. Das Werk unterscheidet sich von älteren skeptischen Schriften nicht allein durch die Schärfe seiner Kritik, sondern vor allem durch die Systematik, mit der Bekker die Voraussetzungen des traditionellen Geister- und Hexenglaubens untersucht. Bereits der Untertitel bezeichnet das Unternehmen als eine gründliche Untersuchung des „gemeenen gevoelen“, also der verbreiteten Auffassung über Geister, deren Wesen, Vermögen und Wirken. Die 1691 erschienene Ausgabe, die hier zugrunde liegt, enthält die ersten beiden Bücher des Werkes.
Bekkers Argumentation richtet sich dabei gegen eine zentrale Voraussetzung der frühneuzeitlichen Dämonologie: die Vorstellung, der Teufel könne Menschen mit übernatürlichen Kräften ausstatten und dadurch Wirkungen hervorbringen, welche die natürlichen Möglichkeiten des Menschen und der Natur übersteigen. Gerade diese Annahme bildet den theoretischen Unterbau des frühneuzeitlichen Hexenbegriffs. Die Hexe erscheint in diesem Modell als Mensch, der durch einen Bund mit dem Teufel Zugang zu einer übernatürlichen Macht erhält. Aus diesem Bund werden Hexenflug, Schadenszauber, Verwandlung, Wetterzauber, Krankheit und andere außergewöhnliche Wirkungen abgeleitet. Bekker beschreibt diesen Komplex zunächst ausführlich, um ihn anschließend auf seine logische und naturphilosophische Tragfähigkeit zu prüfen. In seiner Darstellung werden Teufelspakt, Hexenflug und die angebliche Fähigkeit der Hexen, Menschen oder Tiere zu schädigen, ausdrücklich als Bestandteile des verbreiteten Hexenglaubens vorgestellt.
Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass Bekker die Existenz geistiger Wesen nicht deshalb bestreitet, weil er eine materialistische Welterklärung vertreten würde. Sein Argument ist vielmehr theologisch und naturphilosophisch zugleich. Der Teufel ist für ihn selbst ein geschaffenes Wesen und deshalb den Grenzen der Schöpfung unterworfen. Er kann nicht einfach die Ordnung der Natur überschreiten. Bekker formuliert ausdrücklich, der Teufel vermöge „boven de nature niets“, also nichts über die Natur hinaus; hinsichtlich körperlicher Dinge besitze er sogar weniger unmittelbare Möglichkeiten als der Mensch, da ihm ein eigener Körper fehle. Damit wird die traditionelle Dämonologie an ihrem entscheidenden Punkt getroffen. Denn wenn der Teufel keine übernatürliche Macht über die Natur besitzt, kann auch die Hexe durch den Teufel keine Wirkungen hervorbringen, die den natürlichen Möglichkeiten widersprechen.
2. Vom Hexenpakt zur Kritik des Hexenbegriffs
Bekker kennt die klassische Konstruktion des Hexenbegriffs sehr genau. Der Hexenpakt wird als vollständige Übergabe des Menschen an den Teufel beschrieben. Die Hexe soll sich ihm verschreiben, ihm gehorchen, an nächtlichen Versammlungen teilnehmen und durch seine Hilfe außergewöhnliche Wirkungen hervorbringen. Zu diesem Komplex gehören auch die Vorstellungen von sexuellen Beziehungen zwischen Menschen und Dämonen, von nächtlichen Versammlungen und vom Flug zu diesen Versammlungen. Der Teufel erscheint dabei in unterschiedlichen Gestalten, unter anderem in menschlicher Gestalt oder als Bock; die Hexen werden durch Salben oder andere Mittel an den Versammlungsort gebracht.
Gerade weil Bekker diese Vorstellungen so ausführlich referiert, ist es wichtig, zwischen Darstellung und Zustimmung zu unterscheiden. Er reproduziert den Hexenglauben nicht einfach als eigene Überzeugung, sondern macht ihn zum Gegenstand einer Untersuchung. Sein Verfahren besteht darin, zunächst das verbreitete Modell möglichst vollständig zu rekonstruieren und anschließend zu fragen, welche seiner behaupteten Wirkungen tatsächlich möglich sind. So entsteht eine Argumentationsstruktur, die für die Geschichte der Aufklärung von besonderer Bedeutung ist: Bekker ersetzt die Frage nach dem übernatürlichen Akteur durch die Frage nach der Möglichkeit einer behaupteten Wirkung.
Dies wird besonders deutlich in seiner abschließenden Charakterisierung der sogenannten Zauberer, Hexen, Wahrsager, Sterndeuter und Traumdeuter. Bekker gelangt zu dem Grundsatz, dass diese Personen niemals über Wissen verfügen könnten, das ihnen auf natürlichem Wege unmöglich wäre, und ebenso wenig etwas tun könnten, was auf natürlichem Wege unmöglich sei. Wenn es den Anschein habe, als verfügten sie über ein solches Wissen oder eine solche Fähigkeit, müsse die Ursache entweder in der Unkenntnis natürlicher Kräfte oder in einem Betrug liegen. Der Beobachter kenne dann entweder die natürlichen Möglichkeiten nicht oder erkenne die Täuschung nicht, durch welche jemand vorgibt, etwas zu wissen oder zu tun, was er tatsächlich weder weiß noch tut.
Damit ist die Hexe in einem fundamentalen Sinn entzaubert. Bekker bestreitet nicht notwendig, dass Menschen ungewöhnliche Dinge tun, dass andere Menschen davon überzeugt sein können oder dass es reale Ereignisse gibt, die Anlass für Hexenvorwürfe geben. Er bestreitet vielmehr, dass aus solchen Ereignissen auf eine übernatürliche Fähigkeit der beschuldigten Person geschlossen werden darf. Die Hexe verliert dadurch ihre ontologische Sonderstellung. Sie ist nicht länger eine Person, die kraft eines Teufelspaktes die Natur beherrschen kann.
3. Die Katzenverwandlung als Testfall
Besonders anschaulich wird diese Argumentation bei der Vorstellung, Hexen könnten sich in Tiere verwandeln. Bekker führt die Verwandlung von Menschen in Wölfe und andere Tiere als Bestandteil des verbreiteten Glaubens an. Auch die Katze gehört in diesen Zusammenhang. In der zeitgenössischen Vorstellung konnte der Teufel den Menschen demnach in der Gestalt eines Tieres erscheinen lassen oder eine Hexe dazu befähigen, ihre menschliche Gestalt abzulegen. Bekker nimmt diese Vorstellungen gerade deshalb ernst, weil an ihnen die Frage nach den Grenzen dämonischer Macht besonders deutlich wird.
Seine Kritik beruht nicht allein auf der Feststellung, dass solche Verwandlungen ungewöhnlich seien. Entscheidend ist die Frage nach der körperlichen Identität. Eine tatsächliche Verwandlung eines Menschen in eine Katze oder einen Wolf würde eine Veränderung des menschlichen Körpers in einen vollständig anderen Organismus voraussetzen. Bekker stellt damit die traditionelle Vorstellung vor ein naturphilosophisches Problem: Wenn ein Mensch tatsächlich zur Katze geworden ist, was geschieht dann mit seinem menschlichen Körper? Und wie kann eine solche Veränderung durch ein geschaffenes Geistwesen bewirkt werden? Seine Argumentation gegen die Fähigkeit des Teufels, Körper nach Belieben zu verändern, schließt genau diese Möglichkeit aus.
Die Katzenverwandlung ist deshalb nicht nur eine Kuriosität der Hexensage. Sie ist für Bekker ein Testfall für die Reichweite dämonischer Macht. Wenn der Teufel keine neue körperliche Substanz erschaffen und einen Menschen nicht tatsächlich in ein anderes Lebewesen verwandeln kann, dann kann auch die Hexe diese Fähigkeit nicht besitzen. Damit wird eine der auffälligsten Vorstellungen des volkstümlichen Hexenglaubens aus dem Bereich des Übernatürlichen herausgelöst.
Diese Kritik besitzt zugleich eine erkenntnistheoretische Dimension. Bekker fragt nicht nur, ob eine Verwandlung möglich ist, sondern auch, warum Menschen glauben, eine solche Verwandlung beobachtet zu haben. Damit verschiebt sich die Untersuchung von der Ontologie des Dämons zur Psychologie und Erkenntnistheorie des Menschen. Die entscheidende Frage lautet nun nicht mehr: „Wie kann der Teufel einen Menschen in eine Katze verwandeln?“, sondern: „Warum entsteht bei Menschen der Eindruck, eine solche Verwandlung habe stattgefunden?“
4. Der Alp-, Mahr- und Drudenkomplex
Besonders deutlich wird dieser Perspektivwechsel im Bereich der nächtlichen Erscheinungen. Hier ist allerdings eine begriffsgeschichtliche Präzisierung notwendig. Bekker arbeitet nicht mit dem modernen kulturwissenschaftlichen Sammelbegriff „Alp-Mahr-Druden-Komplex“. Sein niederländisches Vokabular umfasst insbesondere Begriffe wie „Nachtdrukkers“ und „Nachtmerrien“. Diese Erscheinungen gehören jedoch funktional zu jenem europäischen Komplex nächtlicher Erfahrungen, der im deutschen Sprachraum unter anderem mit Alp, Mahr und Drude bezeichnet werden konnte. Die Gleichsetzung ist daher nicht als Behauptung einer terminologischen Identität zu verstehen, sondern als Bezeichnung eines vergleichbaren Vorstellungs- und Erfahrungszusammenhangs.
Die traditionelle Deutung solcher Erlebnisse konnte auf einen nächtlichen Geist zurückgreifen, der sich auf den Schlafenden legt, ihn bedrückt und ihm die Atmung erschwert. In der gelehrten Dämonologie wurde dieser Erfahrungskomplex unter anderem mit Incubi und Succubi verbunden. Bekker kennt diese Deutungen und stellt die verbreiteten Vorstellungen von Nachtmerrien und Nachtdrückern ausdrücklich in den Zusammenhang des zeitgenössischen Geisterglaubens. Zugleich untersucht er die Möglichkeit, dass die betreffende Erfahrung ohne die Anwesenheit eines äußeren Geistes erklärt werden kann.
Hier liegt einer der bemerkenswertesten Aspekte seiner Argumentation. Bekker nimmt die subjektive Erfahrung des Betroffenen ernst, ohne dessen Interpretation zu übernehmen. Ein Mensch kann tatsächlich das Gefühl haben, dass etwas auf seiner Brust liegt, dass er bedrängt wird oder dass ihm die Luft genommen wird. Daraus folgt für Bekker jedoch nicht, dass ein Geist anwesend gewesen sein muss. Die Erfahrung selbst und ihre Erklärung sind zwei unterschiedliche Dinge. Diese Unterscheidung ist für seine gesamte Kritik des Aberglaubens zentral.
Bekker führt körperliche und psychische Vorgänge zusammen. Schlaf, körperliche Verfassung, Einbildungskraft und die Tätigkeit des Gehirns können nach seiner Auffassung Wahrnehmungen erzeugen, die dem Betroffenen vollkommen real erscheinen. Die nächtliche Erscheinung besitzt damit einen realen Erfahrungsgehalt, aber keine notwendigerweise übernatürliche Ursache. Die traditionelle Gestalt des Nachtwesens wird zu einer Interpretation eines körperlichen und psychischen Erlebnisses.
Besonders bemerkenswert ist, dass Bekker dabei auch sexuelle Erfahrungen berücksichtigt. Die ältere Dämonologie hatte sexuelle Träume und nächtliche sexuelle Erlebnisse als mögliche Begegnung mit einem Incubus oder Succubus deuten können. Bekker interpretiert solche Erfahrungen dagegen im Zusammenhang mit körperlichen Zuständen, Vorstellungen und der Einbildungskraft während des Schlafes. Damit wird ein zentraler Bereich der Dämonologie psychologisch naturalisiert.
Noch weiter geht Bekker bei der Erklärung körperlicher Spuren. Selbst wenn ein Mensch nach einer solchen Nacht blaue Flecken oder andere Verletzungen feststellt, muss dies für ihn kein Beweis für den Angriff eines übernatürlichen Wesens sein. Der Mensch kann sich im Schlaf selbst bewegen, stoßen oder verletzen und die Ursache der Verletzung anschließend falsch interpretieren. Auf diese Weise erklärt Bekker, wie ein zunächst rein subjektives Erlebnis durch eine tatsächlich vorhandene körperliche Spur nachträglich den Anschein eines objektiven Beweises gewinnen kann.
Gerade hierin liegt die besondere Bedeutung seiner Argumentation für die Geschichte des Alp- und Mahrglaubens. Bekker beseitigt nicht die Erfahrung des nächtlichen Drucks. Er beseitigt vielmehr die Notwendigkeit, diese Erfahrung durch ein übernatürliches Wesen zu erklären. Der „Alp“ beziehungsweise die „Nachtmerrie“ wird damit von einer vermeintlichen Ursache zu einer kulturellen Interpretation eines Erlebnisses.
5. Wahrnehmung, Einbildung und Aberglaube
Bekkers Kritik des Aberglaubens beruht daher auf einer allgemeinen Theorie menschlicher Wahrnehmung. Der Mensch kann etwas tatsächlich erleben und es dennoch falsch erklären. Diese Unterscheidung ermöglicht es Bekker, auch solche Erscheinungen zu naturalisieren, die für den Betroffenen selbst vollkommen überzeugend sind.
Seine Kritik richtet sich deshalb nicht einfach gegen „dumme“ oder „ungebildete“ Menschen. Vielmehr beschreibt er einen allgemeinen Mechanismus menschlicher Erkenntnis. Wo die natürlichen Ursachen eines Ereignisses unbekannt sind, sucht der Mensch nach einer Erklärung. Die kulturell verfügbaren Vorstellungen stellen dafür ein Deutungsangebot bereit. Wo eine Gesellschaft an Geister, Teufel und Hexen glaubt, werden ungewöhnliche Ereignisse entsprechend interpretiert.
Bekker sieht gerade in dieser Unkenntnis eine wesentliche Ursache des Aberglaubens. Seine Kritik an der dämonologischen Erklärung ist deshalb zugleich eine Kritik an der mangelnden Kenntnis der Natur. Je besser die natürlichen Zusammenhänge bekannt sind, desto weniger Anlass besteht, Ereignisse dem Teufel zuzuschreiben. Diese Argumentation wird bei ihm zu einer allgemeinen erkenntnistheoretischen Regel.
Besonders deutlich formuliert Bekker diese Kritik im Zusammenhang mit dem Begriff des Vorurteils. Er beschreibt, dass die Vorstellungen von Teufel und Spuk bereits durch Erziehung und Kindheitserfahrungen vermittelt werden. Kinder würden durch Erzählungen, Drohungen und „alte Weiber-Geschichten“ mit Vorstellungen von Spuk und übernatürlichen Wesen vertraut gemacht. Dadurch entstehe ein Deutungsmuster, das später die Wahrnehmung unbekannter Ereignisse beeinflusse.
Aberglaube ist somit für Bekker nicht lediglich eine falsche Meinung über einzelne Gegenstände. Er ist ein erlerntes Interpretationsschema. Wer gelernt hat, ungewöhnliche Vorgänge als Werk des Teufels zu verstehen, wird bei einem unerklärlichen Ereignis zuerst nach einer dämonischen Ursache suchen. Die Aufklärung des Aberglaubens muss folglich nicht nur einzelne Behauptungen widerlegen, sondern die Mechanismen offenlegen, durch die solche Behauptungen entstehen und sich erhalten.
6. Bekker und die Grenze des Übernatürlichen
Die Radikalität dieser Position wird besonders deutlich, wenn Bekker zwischen der Existenz geistiger Wesen und deren vermeintlichen Wirkungen unterscheidet. Er akzeptiert Engel und Dämonen als geistige Wesen innerhalb seines theologischen Weltbildes. Zugleich lehnt er die populäre Vorstellung ab, der Teufel sei eine Art Gegen-Gott, der beinahe unbegrenzt in die Welt eingreifen könne.
Bekker kritisiert ausdrücklich die Tendenz, dem Teufel nahezu jede außergewöhnliche Erscheinung zuzuschreiben. In der verbreiteten Vorstellung werde der Teufel immer größer und mächtiger gemacht, bis seine Macht beinahe derjenigen Gottes gleichkomme. Das aber sei theologisch absurd, weil der Teufel selbst ein Geschöpf und zudem ein besiegter bzw. gefangener Feind Gottes sei.
Diese Kritik ist von zentraler Bedeutung. Bekker ist nicht deshalb rationalistisch, weil er das Christentum aufgibt, sondern weil er die Macht des Teufels innerhalb einer christlichen Kosmologie begrenzt. Der Teufel kann nicht deshalb etwas, weil Menschen es ihm zuschreiben. Auch die biblische Rede vom Teufel darf nicht automatisch zur Bestätigung jeder volkstümlichen Vorstellung über Dämonen gemacht werden.
Damit richtet sich Bekkers Kritik nicht nur gegen das Volk. Sie richtet sich ebenso gegen die gelehrte Dämonologie. Er stellt ausdrücklich fest, dass auch Gelehrte unterschiedliche Auffassungen vertreten und dass manche fast alles glauben, was das Volk glaubt, während andere wesentlich weniger akzeptieren. Die Grenze zwischen „Volksglauben“ und „gelehrtem Glauben“ ist daher für Bekker keineswegs selbstverständlich. Auch Gelehrte können Vorurteile übernehmen.
7. Von Praetorius zu Bekker
In diesem Punkt lässt sich Bekkers Position besonders produktiv mit Johannes Praetorius vergleichen. Praetorius konnte bereits 1668 einzelne Erscheinungen naturalisieren. Bei ihm lässt sich etwa die Überzeugung beobachten, dass ein nächtliches Druckgefühl natürliche Ursachen besitzen könne. Dennoch bleibt Praetorius grundsätzlich innerhalb eines dämonologischen Weltbildes. Er kann eine bestimmte Erscheinung rational erklären und zugleich die Existenz anderer dämonischer Wirkungen akzeptieren.
Bekker vollzieht dagegen einen strukturell anderen Schritt. Er naturalisiert nicht lediglich einzelne Phänomene, sondern stellt die Erklärungsmethode der Dämonologie selbst infrage. Bei Praetorius lautet die Frage noch häufig: Welche der überlieferten Erscheinungen haben eine natürliche und welche eine übernatürliche Ursache? Bei Bekker wird daraus die grundsätzlichere Frage, ob die angebliche übernatürliche Ursache überhaupt notwendig oder möglich ist.
Dies lässt sich besonders prägnant am Nachtmahr zeigen. Praetorius trennt das Erlebnis von seiner traditionellen Erklärung, indem er dem nächtlichen Druck eine natürliche Ursache zuschreibt. Bekker geht weiter, indem er auch die Wahrnehmung eines Wesens als Produkt von Schlaf, körperlichem Zustand und Einbildungskraft erklärt. Die Entwicklung lässt sich daher als eine Bewegung von der Naturalisation einzelner Erscheinungen zur Naturalisation der Erklärung selbst beschreiben.
Dasselbe gilt für die Hexenverwandlung. Wo ein früherer Autor die Behauptung, eine Hexe werde zur Katze, zurückweisen konnte, ohne den gesamten Hexenglauben aufzugeben, fragt Bekker nach den ontologischen Voraussetzungen einer solchen Verwandlung und schließt sie aus seiner Theorie der Natur und der dämonischen Macht aus. Der Teufel kann dem Menschen keine Fähigkeit verleihen, die selbst ihm nicht zukommt.
8. Bekker als Vertreter einer frühen Erkenntniskritik
Bekkers eigentliche Leistung liegt deshalb weniger in der einzelnen Widerlegung einer Hexensage als in der Veränderung des Erkenntnisinteresses. Die traditionelle Dämonologie fragt nach den Eigenschaften und Handlungen übernatürlicher Wesen. Bekker fragt dagegen, wie Menschen zu der Überzeugung gelangen, dass solche Wesen gehandelt haben.
Seine Argumentation lässt sich idealtypisch in vier Stufen beschreiben: Zunächst steht ein ungewöhnliches oder tatsächlich belastendes Erlebnis. Anschließend interpretiert die menschliche Einbildungskraft dieses Erlebnis. Danach wird nach einer Ursache gesucht. Schließlich wird diese Ursache mit den kulturell verfügbaren Vorstellungen von Teufel, Hexe oder Geist identifiziert. Der Aberglaube entsteht somit nicht notwendigerweise aus einer vollständig erfundenen Erfahrung. Er kann vielmehr aus der falschen Deutung einer realen Erfahrung hervorgehen.
Gerade diese Struktur macht Bekker für die moderne historische Erforschung von Sagen und Volksglauben interessant. Sie erlaubt es, zwischen drei Ebenen zu unterscheiden: dem möglicherweise realen Erlebnis, seiner subjektiven Wahrnehmung und seiner kulturellen Interpretation. Der historische Volksglaube ist damit weder einfach „erfunden“ noch eine unmittelbare Abbildung einer übernatürlichen Wirklichkeit. Er ist eine Form kultureller Sinngebung.
Beim Alp- und Mahrglauben wird diese Struktur besonders deutlich. Ein reales nächtliches Druckgefühl kann zur Vorstellung eines Wesens führen, das auf der Brust sitzt. Die kulturelle Tradition liefert anschließend die Begriffe und Bilder, mit denen dieses Erlebnis interpretiert wird. Im deutschen Sprachraum können hierfür Vorstellungen von Alp, Mahr oder Drude bereitstehen; bei Bekker begegnet der entsprechende Komplex unter anderem als Nachtmerrie und Nachtdrücker. Die historische Existenz solcher Wesen muss daher nicht vorausgesetzt werden, um die Entstehung und Stabilität des Glaubens an sie erklären zu können.
9. Schluss
Balthasar Bekkers De betoverde wereld markiert einen wichtigen Einschnitt in der Geschichte der europäischen Kritik an Hexerei und Aberglauben. Seine Besonderheit besteht nicht darin, dass er als Erster einzelne Formen des Hexenglaubens bezweifelt hätte. Neu ist vielmehr die Konsequenz, mit der er die Voraussetzungen des dämonologischen Denkens untersucht. Der Teufel wird seiner vermeintlich grenzenlosen Macht beraubt; die Hexe verliert dadurch ihre Fähigkeit, übernatürliche Wirkungen hervorzubringen; die Katzen- und Tierverwandlung wird naturphilosophisch ausgeschlossen; der Hexenflug wird auf seine physische Möglichkeit hin befragt; und die vermeintlichen Wirkungen der Zauberei werden auf natürliche Vorgänge, menschlichen Betrug oder Fehlinterpretationen zurückgeführt.
Besonders bedeutsam ist Bekkers Behandlung der Nachtmerrie bzw. des Nachtdrückers. Hier lässt sich exemplarisch beobachten, wie ein traditionell dämonologisch interpretiertes Erlebnis aus dem Bereich des Übernatürlichen herausgelöst wird. Bekker bestreitet nicht die Erfahrung des Drucks, der Angst, der Atemnot oder einer wahrgenommenen Gestalt. Er bestreitet vielmehr, dass aus der Erfahrung die Anwesenheit eines Dämons folgen müsse. Körperliche Zustände, Schlaf und Einbildungskraft können nach seiner Auffassung hinreichend erklären, warum der Mensch ein solches Erlebnis für eine Begegnung mit einem Geist hält.
Damit vollzieht Bekker einen entscheidenden Perspektivwechsel. Die traditionelle Dämonologie fragt: Was tut der Teufel? Bekker fragt: Was geschieht tatsächlich – und warum glaubt der Mensch, der Teufel habe es getan? Aus der Dämonologie wird damit schrittweise eine Erkenntniskritik.
Gerade im Vergleich mit Johannes Praetorius wird die historische Bedeutung dieses Wandels deutlich. Praetorius konnte innerhalb eines weiterhin dämonologischen Weltbildes einzelne Erscheinungen naturalisieren. Bekker geht einen Schritt weiter: Er macht die Dämonologie selbst zum Gegenstand rationaler Prüfung. Während bei Praetorius noch eine Spannung zwischen dämonologischem Weltbild und rationalisierender Kritik besteht, wird bei Bekker die rationalisierende Kritik zum systematischen Prinzip.
Für die Geschichte des Alp-, Mahr- und Drudenglaubens ist dies von besonderer Bedeutung. Bekker zeigt, wie eine nächtliche Erfahrung, die über Jahrhunderte als Begegnung mit einem übernatürlichen Wesen interpretiert worden war, innerhalb der Frühen Neuzeit selbst zu einem Gegenstand naturphilosophischer und psychologischer Erklärung werden konnte. Die historische Entwicklung lässt sich daher nicht einfach als Übergang vom „Glauben“ zum „Unglauben“ beschreiben. Entscheidender ist die Veränderung der Erklärungsordnung: Das Erlebnis bleibt bestehen, während sich seine Ursache verändert. Aus dem Geist wird ein körperlicher Zustand, aus dem Dämon eine Einbildung, aus der Hexe eine menschliche Person ohne übernatürliche Macht und aus dem Aberglauben ein Gegenstand der Erkenntniskritik.
Bekkers Werk steht damit an einer Schwelle zwischen der frühneuzeitlichen Dämonologie und einer aufklärerischen Untersuchung der Bedingungen, unter denen Menschen an übernatürliche Ursachen glauben. Gerade deshalb ist De betoverde wereld nicht nur als antimagisches Pamphlet, sondern als ein Schlüsseltext für die Geschichte der Entzauberung von Hexe, Dämon und Spuk zu verstehen.
Literaturverzeichnis
Bekker, B. (1691). De betoverde wereld: Zijnde een grondig ondersoek van ‚t gemeen gevoelen aangaande de geesten, derselver aart en vermogen, bewind en bedrijf. Leeuwarden.
Bekker, B. (1691–1693). De betoverde wereld. Amsterdam/Leeuwarden.
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