





Einleitung
Die pfälzische Elwedritsch gehört zu den bekanntesten Fabelwesen des deutschen Südwestens. Ihre Herkunft ist bis heute Gegenstand unterschiedlicher Deutungen. Auffällig ist jedoch, dass sich der Name Elbedritsch bzw. Elwedritsch im Bayerischen Wörterbuch von Johann Andreas Schmeller nicht nachweisen lässt, obwohl die Pfalz zur Entstehungszeit des Werkes noch zum Königreich Bayern gehörte und somit grundsätzlich in Schmellers Erfassungsgebiet fiel. Stattdessen finden sich die mutmaßlichen Namensbestandteile Alb und Trud als eigenständige volksglaubensgeschichtliche Begriffe mit bemerkenswerten Parallelen zur Elwedritsch-Tradition.
Der vorliegende Beitrag untersucht die einschlägigen Schmeller-Belege und diskutiert ihre Bedeutung für die kulturhistorische Einordnung der Elwedritsch.
Das Bayerische Wörterbuch als Quelle
Johann Andreas Schmeller gilt als Begründer der modernen deutschen Dialektforschung. Sein vierbändiges Bayerisches Wörterbuch erschien zwischen 1827 und 1837 und erfasste nicht nur die bairischen Kerngebiete, sondern den gesamten Sprachraum des damaligen Königreichs Bayern, einschließlich der Rheinpfalz. Das Werk verbindet mundartliche Lexik mit historischen Quellen, volkskundlichen Nachrichten und etymologischen Überlegungen.
Ein Eintrag Elbedritsch existiert nicht. Stattdessen sind die beiden Bestandteile Alb und Trud als selbständige dämonologische Vorstellungen im Text enthalten.
Die Alb als Druck- und Nachtgeist
Unter dem Lemma Alb/Alp beschreibt Schmeller einen überregional verbreiteten Nachtgeist. Er verweist auf althochdeutsche und mittelhochdeutsche Formen (alp, alb, elbe) und stellt Verbindungen zu Dämonen, Inkuben und Elbenvorstellungen her.
Besonders aufschlussreich sind die angeführten Quellenbelege. Schmeller zitiert mittelalterliche Texte, in denen Menschen „an alpen, an elben“ glauben. Damit erscheinen Alb und Elbe als eng verwandte oder teilweise austauschbare Wesenheiten. Die Wortgruppe verweist auf einen Komplex nächtlicher Geister, die Menschen bedrängen, täuschen oder körperlich beeinträchtigen können.
Von besonderem Interesse ist die Schilderung, dass ein Schwein, das sich auf der Weide gewälzt und dabei den Rücken verletzt hat, nach volkstümlicher Erklärung „von der Alpe geritten“ worden sei. Der Alb erscheint hier als ein Wesen, das Lebewesen nachts heimsucht und körperliche Schäden verursacht. Diese Vorstellung entspricht dem europaweit verbreiteten Motiv des nächtlichen Druckdämons. Die moderne Volkskunde hat diesen Komplex vielfach mit Schlafparalyse und entsprechenden Bedrohungserfahrungen in Verbindung gebracht.
Damit dokumentiert Schmeller für den süddeutschen Raum einen Glauben an einen schädigenden Nachtgeist, dessen Namensformen (Alb, Elbe) bereits einen der beiden Bestandteile der späteren Elbedritsch enthalten.
Die Trud als weiblicher Druckdämon
Noch näher an der späteren volkskundlichen Tradition liegt Schmellers Artikel Trud beziehungsweise Drud.
Er definiert die Trud als eine Art Hexe oder Unholdin, deren besondere Liebhaberei darin bestehe, sich nachts auf schlafende Menschen zu setzen. Sie erscheine in verschiedenen Gestalten, drücke auf die Brust und verursache jene Angstempfindung, die andernorts dem Alp oder Alpdrucken zugeschrieben werde.
Bemerkenswert ist Schmellers ausdrückliche Gleichsetzung:
„die man anderswo den Alp oder das Alpdrucken nennt“
Damit stellt er Alb und Trud nicht als völlig verschiedene Wesen dar, sondern als regionale Varianten desselben dämonischen Phänomens.
Der Artikel enthält zahlreiche historische Belege:
- lateinische Glossierungen, in denen incubus mit trut wiedergegeben wird;
- mittelalterliche Quellen, die vom nächtlichen Reiten der Frauen durch die Trud sprechen;
- volkssprachliche Redensarten wie „druden“, „drud drücken“ oder „von der Trud geplagt werden“;
- Hinweise auf Schutzmittel wie das sogenannte Drudenkreuz oder den Drudenfuß.
Die Trud erscheint somit als klassischer Druckdämon, der Menschen im Schlaf heimsucht, auf ihnen sitzt und körperliche wie psychische Beschwerden verursacht.
Alb und Trud als gemeinsamer Dämonenkomplex
Besonders wichtig ist, dass Schmeller beide Begriffe nicht isoliert behandelt. Die Artikel zeigen vielmehr, dass Alb und Trud innerhalb desselben volksglaubensgeschichtlichen Systems verortet werden.
Der Alb repräsentiert dabei die ältere germanische Tradition des Nachtgeistes beziehungsweise Elbenwesens. Die Trud erscheint als weiblich konnotierte Variante desselben Phänomens. Beide verursachen:
- nächtliche Bedrängnis,
- Druck auf die Brust,
- Angstzustände,
- körperliche Beschwerden,
- die Vorstellung eines „Reitens“ auf Menschen oder Tieren.
Aus kulturhistorischer Sicht handelt es sich somit um unterschiedliche regionale Ausprägungen eines gemeinsamen Dämonenglaubens.
Bedeutung für die Elwedritschforschung
Für die Erforschung der Elwedritsch besitzt dieser Befund erhebliche Bedeutung.
Obwohl Schmeller den Namen Elbedritsch nicht kennt, dokumentiert er beide mutmaßlichen Namensbestandteile:
- Elb/Alb als Nachtgeist,
- Trud/Drud als Druckdämon.
Zugleich beschreibt er ausführlich genau jene Praxis des nächtlichen Drückens und Reitens, die später in zahlreichen europäischen Sagen über Nachtmahre, Hexen und Schlafdämonen begegnet. Die semantische Nähe zwischen Alb und Trud ist bei Schmeller ausdrücklich belegt.
Damit zeigt sich, dass die Bestandteile eines Namens wie Elb-Drud beziehungsweise Elb-Trud bereits lange vor dem ersten schriftlichen Beleg der Elbedritsch/Elwedritsch als eigenständige volksglaubensgeschichtliche Konzepte existierten.
Schlussfolgerung
Das Bayerische Wörterbuch Johann Andreas Schmellers enthält keinen Eintrag zur Elwedritsch. Gleichwohl dokumentiert es mit den Lemmata Alb und Trud zwei zentrale Elemente, die für die Deutung des Namens und der Vorstellungswelt der Elwedritsch von großer Relevanz sind.
Schmeller beschreibt beide Wesen als Erscheinungsformen des nächtlichen Druckdämons und belegt ihre Existenz durch zahlreiche mittelalterliche und frühneuzeitliche Quellen. Der Alb steht dabei in enger Beziehung zu Elbenvorstellungen, während die Trud als weiblicher Nachtmahr erscheint. Gemeinsam bilden sie einen Dämonenkomplex, der genau jene Vorstellungen umfasst, die in der volkskundlichen Forschung häufig mit dem Phänomen des Alpdrucks beziehungsweise der Schlafparalyse in Verbindung gebracht werden.
Für die psychologisch-memetische Deutung der Elwedritsch ergibt sich daraus ein wichtiger Befund: Bereits Jahrzehnte bevor die Elwedritsch mit ersten schriftlichen Belegen als eigenständige Gestalt fassbar wird, waren ihre mutmaßlichen begrifflichen Bausteine und die zugehörigen Nachtmahrvorstellungen im süddeutschen Volksglauben fest verankert.
Quelle: Zum Wörterbuch von Johann Andreas Schmeller (1827-1837)