1. Einleitung

Die Erforschung volkstümlicher Überlieferungen war über weite Strecken ihrer Fachgeschichte von der Frage nach deren Herkunft bestimmt. Seit den Arbeiten Jacob Grimms im 19. Jahrhundert galt die Rekonstruktion historischer Traditionslinien als zentrale Aufgabe der Volkskunde. Märchen, Sagen, Bräuche und Volksglauben wurden vor allem als Relikte einer älteren, vielfach vorchristlichen Kultur interpretiert, deren ursprüngliche Gestalt aus den erhaltenen Überlieferungen rekonstruiert werden sollte. Dieses genealogische Paradigma prägte die deutschsprachige Volkskunde bis weit in das 20. Jahrhundert hinein.

Mit Hermann Bausinger (1926–2021) vollzog das Fach jedoch einen grundlegenden Perspektivwechsel. An die Stelle der Suche nach vermeintlich unveränderten Traditionsresten trat die Untersuchung kultureller Prozesse in ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Gegenwart. Volkskultur erschien nun nicht mehr als statisches Erbe vergangener Zeiten, sondern als historisch wandelbare Praxis, deren Formen sich fortlaufend verändern, neue Funktionen übernehmen und unter wechselnden sozialen Bedingungen neu interpretiert werden. Diese Neuorientierung bildete einen wesentlichen Ausgangspunkt der heutigen Empirischen Kulturwissenschaft.

Parallel zu dieser Entwicklung entstanden außerhalb der deutschsprachigen Volkskunde theoretische Ansätze, welche kulturelle Überlieferungen aus der Perspektive der Evolutionspsychologie, der Kognitionswissenschaft und der Theorie kultureller Evolution untersuchen. Besonders die Dual Inheritance Theory (DIT) sowie neuere Modelle der Religions- und Kognitionsforschung legen nahe, dass kulturelle Vorstellungen nicht ausschließlich aus historischen Traditionslinien erklärt werden können, sondern auch mit universellen kognitiven Mechanismen in Zusammenhang stehen, die ihre Entstehung, Stabilisierung und Weitergabe begünstigen.

Vor diesem Hintergrund wurde zwischen 2020 und 2026 der psychologisch-memetischer Ansatz zur Erklärung der Entstehung der pfälzischen Elwedritsch entwickelt. Dieser verbindet evolutionspsychologische Modelle – insbesondere Hyperactive Agency Detection (HADD), Compensatory Control Theory (CCT) und Benign Violation Theory (BVT) – mit der Dual Inheritance Theory (DIT) zu einem mehrstufigen Erklärungsmodell kultureller Überlieferung. Ziel ist es, die Entstehung, Transformation und heutige Funktion der Elwedritsch nicht ausschließlich historisch, sondern auch als mögliches Ergebnis des Zusammenwirkens universeller psychologischer Dispositionen, kultureller Evolutionsprozesse und regionaler Traditionsbildung zu verstehen.

Auf den ersten Blick könnte dieser Ansatz im Widerspruch zu Bausingers kulturwissenschaftlichem Programm stehen. Während Bausinger kulturelle Bedeutungen, soziale Funktionen und gegenwärtige Praktiken untersucht, greift der psychologisch-memetische Ansatz auf Konzepte aus Evolutionsbiologie, Psychologie und Kognitionswissenschaft zurück. Der vorliegende Beitrag prüft, in welchem Verhältnis beide Perspektiven zueinander stehen – und macht dabei von Beginn an eine methodische Einschränkung kenntlich: Es geht nicht darum, Bausinger nachträglich für ein Programm zu reklamieren, dem er, soweit aus seinem Werk erkennbar, in dieser Form widersprochen hätte. Bausinger lehnte biologische und psychologische Erklärungen kultureller Phänomene ab; jede Parallelisierung seines Werks mit kognitionswissenschaftlichen Modellen ist daher als eine aus heutiger Perspektive gezogene strukturelle Analogie zu verstehen, nicht als Aussage über sein eigenes theoretisches Selbstverständnis.

Die These dieses Beitrags lautet entsprechend vorsichtig: Zwischen Bausingers Empirischer Kulturwissenschaft und dem psychologisch-memetischen Ansatz besteht kein vollständiger Gegensatz, wohl aber eine ungeklärte Spannung, die nicht durch bloße Behauptung von Komplementarität aufgelöst werden kann. Während Bausinger beschreibt, wie kulturelle Überlieferungen in ihrer jeweiligen Gegenwart funktionieren, fragt der psychologisch-memetische Ansatz danach, weshalb bestimmte Formen kultureller Überlieferung unter evolutionären und kognitiven Bedingungen wahrscheinlicher sind als andere. Ob sich diese beiden Fragestellungen tatsächlich ergänzen oder ob sie auf unvereinbaren Grundannahmen beruhen, ist eine offene Frage, der sich dieser Beitrag stellt, ohne sie vorschnell zugunsten des eigenen Modells zu entscheiden.

2. Hermann Bausingers Paradigmenwechsel: Von der Herkunft zur Funktion

Die wissenschaftliche Bedeutung Hermann Bausingers liegt weniger in einzelnen Forschungsergebnissen als in der grundlegenden Neuorientierung der deutschsprachigen Volkskunde. Während die klassische Volkskunde des 19. Jahrhunderts ihre Aufgabe vor allem in der Rekonstruktion historischer Ursprünge sah, verlagerte Bausinger den Fokus auf die Analyse gegenwärtiger kultureller Praxis. Dieser Perspektivwechsel markiert einen der tiefgreifendsten Paradigmenwechsel innerhalb des Faches.

Das genealogische Forschungsprogramm der älteren Volkskunde war eng mit den Arbeiten Jacob Grimms verbunden. Volksüberlieferungen galten als Überreste einer ursprünglich geschlossenen Volkskultur, deren Wurzeln vielfach in einer vorchristlichen germanischen Religions- und Mythenwelt gesucht wurden. Wissenschaftliche Erklärung bedeutete daher in erster Linie historische Ableitung: Die Herkunft einer Erzählung oder eines Brauches wurde als Schlüssel zu seinem Verständnis betrachtet.

Bausinger stellte dieses Forschungsprogramm grundlegend infrage. Bereits in Volkskultur in der technischen Welt (1961) kritisierte er die Vorstellung einer von der Moderne unberührten Volkskultur. Kultur erscheint bei ihm nicht als konserviertes Erbe vergangener Zeiten, sondern als fortlaufender Prozess gesellschaftlicher Aushandlung. Moderne Medien, Tourismus, Vereinswesen oder populäre Festkultur sind für ihn ebenso legitime Untersuchungsgegenstände wie Märchen, Sagen oder Bräuche. Entscheidend ist nicht das Alter einer kulturellen Erscheinung, sondern ihre gesellschaftliche Wirksamkeit.

Diese Neubestimmung des Forschungsgegenstandes führte zugleich zu einer Veränderung der wissenschaftlichen Fragestellung. An die Stelle der Frage „Woher stammt eine Überlieferung?“ trat die Frage „Welche Funktion erfüllt sie unter den Bedingungen ihrer jeweiligen Gegenwart?“. Volksüberlieferungen werden damit nicht länger als historische Dokumente betrachtet, sondern als kommunikative und soziale Praktiken, die innerhalb konkreter Lebenswelten bestimmte Aufgaben übernehmen.

Besonders deutlich wird dieser Perspektivwechsel in Bausingers Analyse volkspoetischer Gattungen. Märchen, Sagen, Schwänke oder Sprichwörter besitzen ihre wissenschaftliche Bedeutung nicht aufgrund ihres vermuteten Alters, sondern aufgrund ihrer sozialen Funktion. Sie dienen der Orientierung, der Deutung außergewöhnlicher Erfahrungen, der Stabilisierung gemeinsamer Weltbilder, der Konfliktregulation oder der Unterhaltung. Kultur erscheint somit als funktionales Gefüge sozialer Kommunikation.

Ebenso grundlegend verändert Bausinger den Begriff der Tradition. Tradition bedeutet für ihn nicht die unveränderte Weitergabe kultureller Inhalte über lange Zeiträume hinweg. Vielmehr entsteht Überlieferung in jedem historischen Kontext neu. Erzählerinnen und Erzähler greifen vorhandene Motive auf, verändern sie, passen sie neuen gesellschaftlichen Bedingungen an und verleihen ihnen neue Bedeutungen. Tradierung ist daher immer zugleich Rekonstruktion und Transformation.

Bausingers Kritik richtet sich gegen essentialistische Vorstellungen kultureller Kontinuität, nicht gegen die Erforschung historischer Entwicklungsprozesse als solche. Kultur besitzt bei ihm weder einen festen Ursprung noch eine unveränderliche Gestalt. Sie entwickelt sich durch fortlaufende Variation, soziale Selektion und funktionale Neubestimmung. Diese Ablehnung essentialistischer Kontinuität bezieht sich dabei, wie unten näher auszuführen ist, primär auf die Inhalte kultureller Überlieferung – auf die Vorstellung, eine bestimmte Sagengestalt wandere über Jahrhunderte hinweg im Wesentlichen unverändert weiter. Ob sie sich in gleicher Weise auch auf invariante Erklärungsstrukturen erstreckt, ist eine Frage, die für das Verhältnis zum psychologisch-memetischen Ansatz von erheblicher Bedeutung ist und in Abschnitt 4 aufgegriffen wird.

Bausinger formuliert seine Überlegungen ausschließlich kulturwissenschaftlich und verzichtet bewusst auf biologische oder psychologische Erklärungen. Seine Arbeiten liefern eine präzise Beschreibung der empirisch beobachtbaren Transformationsprozesse kultureller Überlieferung, ohne deren mögliche kognitive oder evolutionsbiologische Voraussetzungen zu thematisieren – und ohne dass aus seinem Werk hervorginge, dass er eine solche Thematisierung für ein sinnvolles oder notwendiges Unterfangen gehalten hätte. Der folgende Abschnitt stellt den psychologisch-memetischen Ansatz vor, bevor in Abschnitt 4 das Verhältnis beider Perspektiven – einschließlich der zwischen ihnen bestehenden Spannungen – systematisch untersucht wird.

3. Der psychologisch-memetische Ansatz: Kulturelle Überlieferung als Ergebnis kognitiver und kultureller Evolution

Der psychologisch-memetische Ansatz verfolgt eine andere Fragestellung als die Empirische Kulturwissenschaft. Während Bausinger danach fragt, welche gesellschaftlichen Funktionen kulturelle Überlieferungen erfüllen, richtet sich das Interesse hier auf die Bedingungen ihrer Entstehung und langfristigen Stabilisierung. Im Mittelpunkt steht somit nicht primär die Beschreibung kultureller Erscheinungsformen, sondern die Frage nach jenen psychologischen und evolutionsbiologischen Mechanismen, die bestimmte Überlieferungen wahrscheinlicher machen könnten.

Ausgangspunkt des Modells ist die Annahme, dass zahlreiche Elemente des Volksglaubens weder ausschließlich auf historische Traditionslinien noch allein auf kulturelle Konventionen zurückgeführt werden können. Vielmehr stehen sie möglicherweise auch mit universellen Eigenschaften menschlicher Wahrnehmung und Informationsverarbeitung in Zusammenhang. Kultur erscheint damit als Ergebnis eines Wechselspiels biologischer Dispositionen und kultureller Lernprozesse.

Den theoretischen Rahmen bildet die Dual Inheritance Theory (DIT), wie sie insbesondere von Robert Boyd, Peter J. Richerson und Joseph Henrich entwickelt wurde. Sie geht davon aus, dass menschliches Verhalten durch zwei miteinander verschränkte Evolutionssysteme geprägt wird: die genetische Evolution und die kulturelle Evolution. Während genetische Anpassungen biologische Dispositionen hervorbringen, verbreiten sich kulturelle Informationen über soziales Lernen, Imitation und kommunikative Weitergabe. Beide Systeme beeinflussen sich wechselseitig und unterliegen Selektionsprozessen.

Innerhalb dieses Rahmens integriert der psychologisch-memetische Ansatz mehrere kognitionswissenschaftliche Modelle. Von zentraler Bedeutung ist zunächst das Hyperactive Agency Detection Device (HADD). Dieses beschreibt die evolutionär entstandene Tendenz des Menschen, mehrdeutige oder unklare Wahrnehmungen vorsorglich als Handlungen intentionaler Akteure zu interpretieren. Aus evolutionsbiologischer Sicht war eine solche Überdetektion vermutlich adaptiv, da ein fälschlich angenommener Akteur geringere Kosten verursachte als das Übersehen einer tatsächlichen Bedrohung. HADD liefert damit einen möglichen Erklärungsbeitrag dafür, weshalb außergewöhnliche Erfahrungen häufig personifiziert und als Geister, Dämonen oder andere übernatürliche Wesen interpretiert werden.

Besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der Schlafparalyse zu. Das zeitweilige Zusammentreffen von Bewegungsunfähigkeit, intensiven Halluzinationen und einem ausgeprägten Bedrohungserleben stellt ein nahezu universelles menschliches Erfahrungsphänomen dar. Zahlreiche kulturvergleichende Studien zeigen, dass solche Erlebnisse in unterschiedlichen Gesellschaften regelmäßig durch Vorstellungen nächtlicher Angreifer oder Druckgeister gedeutet werden. Der psychologisch-memetische Ansatz versteht Schlafparalyse daher als einen möglichen Erfahrungskern, aus dem sich unter verschiedenen kulturellen Bedingungen vergleichbare Dämonenvorstellungen entwickeln können.

Ergänzt wird dieses Modell durch die Compensatory Control Theory (CCT). Sie geht davon aus, dass Menschen in Situationen des Kontrollverlustes symbolische Ordnungssysteme aktivieren, welche das subjektive Erleben von Sicherheit und Vorhersagbarkeit wiederherstellen. Übernatürliche Wesen, Schutzrituale oder religiöse Deutungsmuster erfüllen demnach nicht in erster Linie eine objektive Erklärungsfunktion, sondern dienen der psychologischen Kompensation existenzieller Unsicherheit.

Für die spätere Entwicklung volkstümlicher Überlieferungen besitzt schließlich die Benign Violation Theory (BVT) besondere Bedeutung. Nach dieser Theorie entsteht Humor dann, wenn eine Normverletzung zugleich als ungefährlich erlebt wird. Übertragen auf die Volksüberlieferung könnte dies erklären, weshalb ehemals bedrohliche Gestalten ihre furchteinflößende Funktion verlieren und zu humoristischen Figuren werden. Die Komik ersetzt dabei nicht die ursprüngliche Figur, sondern transformiert ihre kulturelle Funktion.

Die Verbindung dieser Modelle führt zu einem mehrstufigen Verständnis kultureller Evolution. Universelle psychologische Mechanismen erzeugen bestimmte Wahrnehmungs- und Deutungsmuster. Diese werden kulturell ausgestaltet, sprachlich fixiert, sozial tradiert und im Verlauf historischer Entwicklungen fortlaufend verändert. Vor diesem Hintergrund versteht der psychologisch-memetische Ansatz die Elwedritsch nicht als unmittelbares Überbleibsel einer bestimmten vorchristlichen Mythologie, sondern als mögliches Ergebnis langfristiger kultureller Evolution, bei der universelle Erfahrungsstrukturen, regionale Überlieferungen, sprachliche Entwicklungen und soziale Funktionsverschiebungen über viele Generationen hinweg zusammengewirkt haben könnten.

4. Strukturelle Parallelen und ihre Grenzen

Zwischen Bausingers Empirischer Kulturwissenschaft und dem psychologisch-memetischen Ansatz lassen sich auf den ersten Blick strukturelle Parallelen erkennen. Beide lehnen die Vorstellung ab, heutige Volksüberlieferungen seien unveränderte Relikte einer vorgeschichtlichen oder germanischen Vergangenheit, die in identischer Form über Jahrhunderte weitergegeben wurde. Beide betonen, dass kulturelle Formen fortlaufend variiert, sozial selektiert und an neue Kontexte angepasst werden. Am Beispiel der Elwedritsch lässt sich diese gemeinsame Dynamik veranschaulichen: Aus Vorstellungen nächtlicher Druck- und Dämonengestalten entwickeln sich regionale Erzähltraditionen, die im Laufe gesellschaftlicher Modernisierung zunehmend humorisiert werden und schließlich Bestandteil regionaler Identitätsbildung, touristischer Vermarktung und populärer Festkultur werden.

Diese Parallele trägt jedoch weniger weit, als es zunächst scheinen mag, und sie darf nicht vorschnell als Übereinstimmung in der Sache verstanden werden. Bausingers Ablehnung essentialistischer Kontinuität betrifft, wie in Abschnitt 2 angedeutet, in erster Linie die Kontinuität von Inhalten: die Vorstellung, eine bestimmte Sagengestalt oder ein bestimmter Brauch wandere im Wesentlichen unverändert durch die Geschichte. Der psychologisch-memetische Ansatz postuliert demgegenüber mit der Tiefenstruktur universeller kognitiver Dispositionen – etwa HADD oder dem Bedürfnis nach Kontrollkompensation – einen invarianten, generativen Unterbau, der über lange Zeiträume und über Kulturen hinweg ähnliche Oberflächenformen hervorbringt. Formal handelt es sich dabei um eine Konstruktion, die Bausinger kritisierte: ein konstantes Element, aus dem sich Variation ableitet.

Doch die Spannung zwischen Bausinger und dem psychologisch-memetischen Ansatz löst sich weitgehend auf. Denn eine kognitive Disposition wie HADD trifft selbst keine kulturelle Aussage über Herkunft oder Wesen einer bestimmten Gestalt, sondern benennt lediglich eine Wahrscheinlichkeitsbedingung für das Entstehen ähnlicher Deutungsmuster; die konkrete kulturelle Ausgestaltung bliebe damit ebenso historisch offen, wie Bausinger es für kulturelle Inhalte beschreibt. Dagegen lässt sich einwenden, dass auch eine solche Wahrscheinlichkeitsbedingung eine Form von Tiefenstruktur im von Bausinger kritisierten Sinne darstellt, sofern sie als erklärungskräftiger, transhistorisch stabiler Unterbau kultureller Phänomene behauptet wird. Eine Restspannung zwischen beiden Modellen bleibt demnach, auch wenn die psychologisch-memetische Theorie beispielsweise die Schlafparalyse als HADD-Trigger benennt, was wiederum das Entstehen von Dämonenerscheinungen stimuliert. Der psychologisch-memetische Ansatz lehnt die Perspektive Jakob Grimms ab, dass kulturelle Muster als Relikte auf frühere, vollständigere Versionen ihrer selbst zurückgeführt werden könnten.

5. Vorsichtige Parallelisierungen zu Bausingers Funktionsanalyse

Der folgende Abschnitt unternimmt den Versuch, einzelne Beobachtungen Bausingers mit Konzepten des psychologisch-memetischen Ansatzes in Beziehung zu setzen. Es wird nicht  beansprucht, Bausingers nachträglich zu einem Vorläufer oder Wegbereiter einer kognitiv-evolutionären Volkskunde zu erklären – ein Programm, dem er, soweit erkennbar, widersprochen hätte, da er biologische Erklärungen explizit zurückwies. Die folgenden Beobachtungen sind daher als heuristische, aus heutiger Perspektive gezogene Analogien zu lesen, nicht als Interpretation von Bausingers Intentionen.

Bausinger beschreibt die Sage als kulturelles Instrument der Weltdeutung: Sie dient der Deutung ungewöhnlicher Erfahrungen, der Erklärung bedrohlicher Ereignisse und der kommunikativen Ordnung einer als unsicher empfundenen Wirklichkeit. Diese funktionale Beschreibung lässt sich – ohne dass damit eine Aussage über ihre kognitiven Ursachen verbunden wäre, die Bausinger selbst nicht getroffen hat – in ein Verhältnis zum Konzept des Hyperactive Agency Detection Device (HADD) setzen: Wo Bausinger die soziale Funktion der Sage beschreibt, ließe sich aus heutiger Sicht zusätzlich fragen, ob die kulturübergreifende Attraktivität personaler Erklärungen auch mit einer überempfindlichen Akteurserkennung in Zusammenhang steht. Beide Beobachtungen schließen sich nicht notwendig aus; sie operieren jedoch auf unterschiedlichen analytischen Ebenen, deren Verhältnis zueinander – wie in Abschnitt 4 dargelegt – nicht voraussetzungslos ist.

Ein ähnlich vorsichtiger Vergleich lässt sich bei Bausingers Untersuchungen des Volksglaubens ziehen. Für ihn stellen volkstümliche Glaubensvorstellungen funktionale Deutungssysteme dar, welche Orientierung bieten und Unsicherheit bewältigen. Die Compensatory Control Theory (CCT) interpretiert religiöse und übernatürliche Vorstellungen aus psychologischer Perspektive als symbolische Strategien zur Wiederherstellung subjektiv empfundener Kontrolle. Auch hier gilt: Bausinger beschreibt eine kulturelle Funktion, ohne dass diese Beschreibung durch eine psychologische Mechanismushypothese gestützt oder benötigt würde; die Verbindung beider Beobachtungen ist eine Setzung des vorliegenden Beitrags, nicht ein in Bausingers Werk bereits angelegter Zusammenhang.

Auch Bausingers Analyse der Humorisierung ehemals bedrohlicher Figuren lässt sich in dieser vorsichtigen Weise neben die Benign Violation Theory (BVT) stellen. Bausinger deutet die Humorisierung als Folge veränderter gesellschaftlicher Bedingungen und fortschreitender Entdämonisierung der Alltagswelt – eine genuin kulturwissenschaftliche, gesellschaftsgeschichtliche Erklärung. Die Benign Violation Theory bietet eine andersartige, psychologische Erklärung desselben Phänomens. Dass beide Erklärungen dasselbe empirische Phänomen betreffen, bedeutet nicht, dass sie sich gegenseitig stützen oder ineinander aufgehen; sie können ebenso gut als zwei unabhängige, miteinander konkurrierende Deutungsangebote für denselben Befund verstanden werden, zwischen denen erst eine sorgfältige empirische Prüfung entscheiden könnte.

Schließlich weist auch Bausingers Verständnis von Tradierung als fortlaufender Rekonstruktion eine gewisse Nähe zum Verständnis kultureller Transmission innerhalb der Dual Inheritance Theory (DIT) auf, wonach kulturelle Informationen nicht kopiert, sondern durch soziales Lernen, kommunikative Selektion und situative Anpassung fortlaufend neu erzeugt werden. Diese Nähe ist bemerkenswert; sie sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Bausinger seine Tradierungstheorie ohne jeden Rückgriff auf Selektionsmechanismen im evolutionsbiologischen Sinne entwickelt hat und dass eine Übertragung dieses Vokabulars auf sein Werk eine Operation des vorliegenden Beitrags ist, nicht ein Befund über Bausinger selbst.

6. Ein integratives Drei-Ebenen-Modell kultureller Überlieferung

Aus der bisherigen Analyse ergibt sich die Möglichkeit, beide Perspektiven – unter den in Abschnitt 4 benannten Vorbehalten – innerhalb eines gemeinsamen heuristischen Rahmens anzuordnen. Ein solches Modell unterscheidet drei analytische Ebenen kultureller Überlieferung: Tiefenstruktur, Transformationsstruktur und Oberflächenstruktur. Diese Ebenen beschreiben nicht notwendig unterschiedliche Gegenstände, sondern verschiedene, hier vorgeschlagene Perspektiven auf denselben kulturellen Prozess.

Die Tiefenstruktur umfasst jene universellen biologischen und psychologischen Voraussetzungen, die kulturelle Vorstellungen nach Maßgabe des psychologisch-memetischen Modells begünstigen können. Hierzu zählen evolutionsgeschichtlich entstandene Dispositionen der menschlichen Kognition, insbesondere Mechanismen der Akteurserkennung (HADD), Erfahrungen wie die Schlafparalyse, Bedürfnisse nach Kontrolle sowie allgemeine Prinzipien sozialer Kognition.

Auf der zweiten Ebene befindet sich die Transformationsstruktur. Hier werden Wahrnehmungs- und Deutungsmuster in konkrete kulturelle Formen überführt: durch sprachlichen Wandel, religiöse Umdeutungen, soziale Kommunikation, Migration, regionale Traditionsbildung und Prozesse kultureller Selektion im Sinne der Dual Inheritance Theory (DIT). Bausingers Funktionsanalyse – sein Blick auf Form, Funktion und Situation kultureller Überlieferung – lässt sich am ehesten dieser Ebene zuordnen: Sie beschreibt mit großer Präzision, wie kulturelle Überlieferungen ihre Gestalt verändern, neue Bedeutungen erhalten und unter veränderten sozialen Bedingungen fortbestehen. Diese Zuordnung ist jedoch eine Einordnung von außen, vorgenommen durch den vorliegenden Beitrag; sie entspricht nicht Bausingers eigenem theoretischem Selbstverständnis, das sich gerade nicht als Beitrag zu einem Mehrebenenmodell mit einer vorgelagerten Tiefenstruktur verstand, sondern dieser Vorstellung, wie in Abschnitt 4 ausgeführt, in zentralen Punkten widersprach.

Die dritte Ebene bildet die Oberflächenstruktur: die empirisch beobachtbare Gestalt kultureller Überlieferungen – Erzählungen, Bräuche, Rituale, Feste, Museen, Tourismus, regionale Symbolik oder populäre Medienrepräsentationen. Am Beispiel der Elwedritsch lässt sich das Zusammenwirken aller drei Ebenen als Modellannahme veranschaulichen: Universelle Erfahrungen nächtlicher Bedrohung und entsprechende kognitive Mechanismen bildeten danach die Tiefenstruktur; historische Überlieferungsprozesse, sprachliche Entwicklungen und kulturelle Selektion formten daraus regionale Vorstellungen einer nächtlichen Dämonengestalt als Transformationsstruktur; in der Gegenwart erscheint die Elwedritsch schließlich als Bestandteil regionaler Identität, touristischer Vermarktung, Vereinskultur und humoristischer Erzähltradition als Oberflächenstruktur.

Die Tragfähigkeit dieses Modells hängt entscheidend davon ab, wie der in Abschnitt 4 benannte Einwand gegen die Tiefenstruktur-Annahme beantwortet wird. Im Moment ist es eine Arbeitshypothese, die sich in quellenkritischer und textnaher Forschung weiter beweisen muss.

7. Diskussion: Zwischen Komplementarität und ungelöster Spannung

Der Vergleich zwischen Bausingers Empirischer Kulturwissenschaft und dem psychologisch-memetischen Ansatz zeigt, dass beide Forschungsprogramme unterschiedliche Fragen an einen teilweise überlappenden Gegenstand richten. Bausingers Programm ist konsequent kulturwissenschaftlich angelegt: Es untersucht die gesellschaftliche Praxis kultureller Überlieferung, ihre Funktionen innerhalb konkreter historischer Kontexte und ihre fortwährende Umgestaltung im Alltag. Der psychologisch-memetische Ansatz fragt demgegenüber nach den Voraussetzungen der Entstehung kultureller Vorstellungen und führt sie auf mögliche universelle Mechanismen menschlicher Wahrnehmung, Kognition und sozialen Lernens zurück.

Eine Lesart dieses Befunds bestünde darin, beide Programme als komplementär zu beschreiben: Die eine Perspektive beschriebe den historischen und gesellschaftlichen Verlauf kultureller Entwicklung, die andere mögliche Bedingungen, unter denen bestimmte kulturelle Lösungen entstehen und sich behaupten. In diesem Sinne ließe sich die Dual Inheritance Theory (DIT) als übergeordneter Rahmen verstehen, der biologische und kulturelle Evolution verbindet, ohne eine der beiden Ebenen auf die andere zu reduzieren, während Bausingers Funktionsanalyse die kulturwissenschaftliche Rekonstruktion des dazwischenliegenden Transformationsprozesses leistete, der nicht aus kognitiven Dispositionen allein folgt.

Diese komplementäre Lesart ist plausibel, aber, wie in den Abschnitten 4 und 6 gezeigt, nicht voraussetzungslos: Sie setzt voraus, dass sich der Unterschied zwischen Inhalts- und Strukturessentialismus tatsächlich tragfähig durchhalten lässt, und sie setzt eine Bereitschaft voraus, Bausingers Werk in einem Rahmen zu verorten, den er selbst nicht geteilt hätte. Eine alternative, kritischere Lesart würde demgegenüber betonen, dass die Einführung einer Tiefenstruktur universeller kognitiver Dispositionen der Sache nach ein Erklärungsmodell darstellt, von dem Bausingers Werk sich bewusst und programmatisch abgrenzte – und dass eine Komplementaritätsbehauptung diese Abgrenzung eher verdeckt als auflöst. Welche dieser beiden Lesarten der Sache angemessener ist, kann auf der Grundlage des hier vorgelegten Vergleichs nicht abschließend entschieden werden. Methodisch lässt sich immerhin festhalten, dass historische Rekonstruktion, kulturwissenschaftliche Funktionsanalyse und kognitiv-evolutionäre Hypothesenbildung als unterschiedliche, nicht ohne Weiteres ineinander überführbare Erklärungsstrategien zu behandeln sind, deren Verhältnis von Fall zu Fall – und nicht durch eine pauschale Komplementaritätsformel – geklärt werden muss.

8. Schlussfolgerungen und offene Fragen

Der vorliegende Beitrag hatte das Ziel, das Verhältnis zwischen Hermann Bausingers Empirischer Kulturwissenschaft und dem psychologisch-memetischen Ansatz zur Erklärung der Elwedritsch zu bestimmen. Das Ergebnis fällt vorsichtiger aus, als es eine erste, oberflächliche Gegenüberstellung nahelegen könnte. Zwischen beiden Programmen bestehen Berührungspunkte – insbesondere die gemeinsame Skepsis gegenüber der Perspektive Jakob Grimms und einer unveränderten Weitergabe kultureller Inhalte sowie das Interesse an kultureller Dynamik. Diese Berührungspunkte rechtfertigen jedoch nicht die Behauptung, Bausinger sei ein Vorläufer oder verdeckter Wegbereiter einer kognitiv-evolutionären Volkskunde gewesen. Eine solche Zuschreibung würde ihn nachträglich für ein Programm vereinnahmen, dem er, soweit aus seinem Werk erkennbar, widersprochen hätte.

Was bleibt, ist, dass HADD, CCT, BVT und DIT ihre Erklärungskraft bei der Beschreibung des Ursprungs von Fabelwesen beweisen müssen – und dass die These einer „schwachen Kontinuität“, die durch Weitergabe kognitiv-evolutionärer Phänomene wie der Schlafparalyse (Tiefenstruktur) sowie ihrer Einbettung in sprachliche, religiöse und andere Systeme (Transformationsstruktur) weltweit zu völlig unterschiedlichen Dämonengestalten (Oberflächenstruktur) führt, korrekt ist. Die psychologisch-memetische Theorie postuliert, dass dem so ist.

Die Empirische Kulturwissenschaft beschreibt hervorragend kulturelle Praktiken. Die psychologisch-memetische Theorie erklärt deren Entstehung und Stabilisierung. Beide arbeiten damit letztlich auf unterschiedlichen Erklärungsebenen.

Die Empirische Kulturwissenschaft beschreibt kulturelle Praxis. Die psychologisch-memetische Theorie erklärt kulturelle Transmission.

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