Ein erster Primärbeleg zur Einordnung des Elbedritsch in den europäischen Albdruck-Komplex

K. Christ (1879): „Der Elbendritsch ist ein neckender Alb, dasselbe, was in der genannten Bavaria (Quelle), Rheinpfalz (…) als ‚Drückmännchen‘ bezeichnet wird.“ (Digitale Quelle)

Zusammenfassung

Die Herkunft des pfälzischen Elbedritsch gehört zu den bislang ungelösten Fragen der deutschen Volkskunde. Verschiedene Forschungsansätze haben eine Verbindung zu Elben-, Alb- und Nachtgeistvorstellungen vermutet, ohne dass bisher ein eindeutiger historischer Beleg vorlag, der den (bzw. die) Elwedritsch bzw. Elbedritsch unmittelbar mit dem europäischen Albdruck-Glauben verknüpft.

Ein bislang unbeachteter Text aus der Monatsschrift für die Geschichte Westdeutschlands (1879) schließt diese Lücke. In seinem Aufsatz „Die Elben (Elfen) als Irrlichter und Wassergeister“ beschreibt K. Christ den „Elbendritsch“ ausdrücklich als „nachtenden Alb“ und setzt ihn mit dem „Drückmännchen“ gleich, das „die Menschen im Schlafe drückt“.

Der Beitrag untersucht die Bedeutung dieser Quelle für die Erforschung des Elbedritsch und diskutiert ihre Konsequenzen für den psychologisch-memetischen Ansatz, der den Elbedritsch als regionale Ausprägung eines europaweit verbreiteten Nachtgeist-Komplexes interpretiert.

Schlüsselwörter: Elwedritsch, Elbendritsch, Alb, Albdruck, Drückmännchen, Schlafparalyse, Volkskunde, Pfalz, Memetik

1. Einleitung

Die pfälzische Elbedritsch gehört zu den bekanntesten regionalen Fabelwesen Südwestdeutschlands. Trotz ihrer kulturellen Bedeutung ist ihre historische Herkunft bis heute umstritten.

Während moderne Darstellungen die Elbedritsch häufig als humoristische Jagdfigur behandeln, finden sich in älteren Quellen zahlreiche Hinweise auf Beziehungen zu Elben-, Alb- und Nachtgeistvorstellungen. Diese Hinweise blieben jedoch meist indirekt. Ein expliziter historischer Nachweis, der den Elbedritsch unmittelbar als drückendes Nachtwesen beschreibt, war bislang nicht bekannt.

Die hier vorgestellte Quelle aus dem Jahr 1879 besitzt daher besondere Bedeutung. Sie ist ein neuer Fund, der hier als Quelle erstmals beschrieben wird.

2. Forschungsstand

In der bisherigen Literatur lassen sich mehrere Interpretationslinien unterscheiden:

2.1 Die Brauchtums- und Jagdtheorie

Neuere populäre Darstellungen betrachten den Elbedritsch vor allem als Bestandteil regionaler Scherz- und Jagdbräuche. Diese Erklärungen beschreiben vor allem die heutige Funktion des Wesens, liefern jedoch nur begrenzte Aussagen über seine ursprüngliche Bedeutung.

2.2 Die Elben- und Albtheorie

Bereits früh wurde auf mögliche Zusammenhänge zwischen Elwedritsch, Elbendritsch, Elben und Alben hingewiesen.

Dabei spielen sowohl sprachliche Ähnlichkeiten als auch motivische Überschneidungen eine Rolle. Allerdings blieb vielfach unklar, ob tatsächlich eine historische Verbindung bestand oder lediglich eine spätere volksetymologische Annäherung vorlag.

2.3 Der psychologisch-memetische Ansatz

Der psychologisch-memetische Ansatz versteht den Elbedritsch als Teil eines größeren europäischen Komplexes von Nachtgeistvorstellungen.

Im Mittelpunkt steht die Annahme, dass Erfahrungen wie Schlafparalyse kulturübergreifend ähnliche Deutungsmuster erzeugen können:

  • Alben,
  • Nachtmahren,
  • Druckgeister,
  • Dämonen,
  • Elfenwesen.

Der Ansatz postuliert keine lineare Traditionskette von einer Ursprungsfigur zum Elbedritsch. Vielmehr wird von konvergenter kultureller Evolution ausgegangen, bei der ähnliche menschliche Erfahrungen immer wieder vergleichbare Vorstellungen hervorbringen.

Bislang fehlte jedoch ein historischer Beleg, der den Elbedritsch selbst ausdrücklich innerhalb dieses Bedeutungsfeldes verortet.

3. Die Quelle von 1879

3.1 Bibliographische Angaben

Christ, K. (1879):

„Die Elben (Elfen) als Irrlichter und Wassergeister.“

In: Monatsschrift für die Geschichte Westdeutschlands, 5. Jahrgang.

Trier: Verlag der F. Lintz’schen Buchhandlung.

S. 633–634.

3.2 Der entscheidende Passus

Auf Seite 634 schreibt Christ:

„Der Elbendritsch ist ein nachtender Alb, dasselbe, was in der genannten Bavaria, Rheinpfalz S. 337 als Drückmännchen bezeichnet wird, weil es die Menschen im Schlafe drückt.“ Der Vollständigkeit halber sei der Bavaria-Beleg (1867) hier ebenfalls angegeben:

Diese Aussage bei Christ (1879) enthält mehrere bemerkenswerte Elemente:

  1. Der Elbendritsch wird ausdrücklich als Alb bezeichnet.
  2. Der Elbendritsch wird ausdrücklich mit dem Drückmännchen gleichgesetzt.
  3. Seine Funktion wird als nächtliches Bedrängen schlafender Menschen beschrieben.

Alle drei Merkmale gehören zum klassischen europäischen Albdruck-Komplex. Die weiteren sprachlichen Ableitungen von K. Christ führen weitgehend in die Irre. Das ist für die Bedeutung der Quelle als „mising link“ zwischen Schlafparalyse einerseits und Elbedritsch andererseits jedoch zu vernachlässigen. Die Bezeichnung als „neckender Alb“ zeigt an, dass die Humorisierung („Benign Violation Theory“ gemäß HADD-CCT-BVT-Modell des psychologisch-memetischen Ansatzes) abgeschlossen war. Die Verbindung zum ursprünglichen Motiv, das mit der Schlafparalyse verbunden ist, wird jedoch explizit hergestellt.

4. Historische Einordnung

4.1 Der Alb in der europäischen Tradition

Der Alb zählt zu den ältesten belegten Nachtwesen Europas.

Bereits mittelalterliche Quellen beschreiben Wesen, die nachts auf Menschen lasten, ihnen den Atem nehmen oder sie bewegungsunfähig machen. Diese Vorstellungen finden sich in zahlreichen regionalen Varianten:

  • Alb
  • Nachtmahr
  • Mahr
  • Trud
  • Schrat
  • Drückgeist
  • Mare

Die Gemeinsamkeit dieser Figuren besteht in ihrer Verbindung zu nächtlicher Bedrängnis und Lähmung.

4.2 Das Drückmännchen

Der Begriff „Drückmännchen“ bezeichnet ein Wesen, das Menschen im Schlaf bedrängt oder „drückt“. Christ verwendet den Begriff nicht als Vergleich, sondern als Identifikation. Der Elbendritsch ist nach seiner Aussage dasselbe Wesen. Gerade dieser Punkt macht die Quelle so bedeutsam.

5. Bedeutung für die Elwedritsch-Forschung

Die Quelle erlaubt erstmals eine historisch dokumentierte Verbindung zwischen drei bislang nur hypothetisch verknüpften Ebenen:

EbeneBeleg
Albausdrücklich genannt
Drückmännchenausdrücklich genannt
Elbendritschausdrücklich genannt

Damit wird eine Verbindung dokumentiert, die bisher lediglich indirekt erschlossen werden konnte. Der Quellenwert liegt in der Dokumentation, wie ein Gelehrter des 19. Jahrhunderts den Elbendritsch verstand. Dieses Verständnis ordnet das Wesen eindeutig in den Bereich der Albdruck- und Druckgeistvorstellungen ein.

6. Konsequenzen für den psychologisch-memetischen Ansatz

Für den psychologisch-memetischen Ansatz besitzt die Quelle besondere Relevanz.

Bislang beruhte die Einordnung des Elbendritsch in den Albdruck-Komplex auf:

  • sprachlichen Parallelen,
  • volkskundlichen Analogien,
  • kulturvergleichenden Befunden,
  • psychologischen Modellen zur Schlafparalyse.

Mit dem Text von Christ tritt nun ein unmittelbarer historischer Beleg hinzu.

Der Fund beweist weder die Existenz von Schlafparalyse als Ursprung noch die gesamte Theorie. Er beseitigt jedoch einen zentralen Einwand gegen ihre Anwendung auf den Elbedritsch: Das Fehlen einer direkten historischen Verbindung zwischen Elbendritsch und Druckgeistvorstellungen.

Die Quelle zeigt, dass eine solche Verbindung bereits im 19. Jahrhundert ausdrücklich formuliert wurde.

7. Schlussfolgerung

Der Aufsatz von K. Christ aus dem Jahr 1879 stellt gegenwärtig den deutlichsten bekannten historischen Beleg für die Zugehörigkeit des Elbendritsch zum europäischen Albdruck-Komplex dar.

Durch die ausdrückliche Gleichsetzung von

Elbendritsch = Alb = Drückmännchen

wird erstmals dokumentiert, dass der Elbendritsch als drückendes Nachtwesen verstanden wurde.

Damit erhält die Interpretation des Elbendritsch als Teil eines größeren europäischen Nachtgeist-Komplexes eine wesentlich stärkere historische Grundlage als bisher.

Der Quellenfund stellt einen bedeutenden Baustein für zukünftige Forschungen dar und dürfte bei künftigen Diskussionen über Ursprung und Bedeutung der Elwedritsch-Tradition nicht mehr ignoriert werden können.

Literatur

Christ, K. (1879): Die Elben (Elfen) als Irrlichter und Wassergeister. In: Monatsschrift für die Geschichte Westdeutschlands, 5. Jahrgang, Trier, S. 633–634.

Grimm, Jacob (1835): Deutsche Mythologie. Göttingen.

Mannhardt, Wilhelm (1858): Germanische Mythen. Berlin.

Bächtold-Stäubli, Hanns (Hrsg.) (1927–1942): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin.

Hufford, David J. (1982): The Terror That Comes in the Night: An Experience-Centered Study of Supernatural Assault Traditions. Philadelphia.

Davies, Owen (2003): The Nightmare: A History of a Terror. Oxford.

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