Eine volkskundliche und kognitionswissenschaftliche Analyse nach Heinrich von Wlislocki

1. Die Siebenbürger Sachsen: Herkunft und historische Einordnung
Die Siebenbürger Sachsen sind eine deutschsprachige Bevölkerungsgruppe, die seit dem Hochmittelalter im heutigen Rumänien, insbesondere in Siebenbürgen (Transsilvanien), ansässig war. Ihre Ansiedlung erfolgte im 12. und 13. Jahrhundert im Zuge der hochmittelalterlichen Ostsiedlung. Ungarische Könige riefen Siedler aus dem westlichen Mitteleuropa – vor allem aus dem Rhein-Mosel-Gebiet, Flandern und Luxemburg – ins Land, um Grenzregionen zu sichern und wirtschaftlich zu erschließen.
Im sogenannten Andreanum (1224) wurden ihnen weitreichende Privilegien zugesichert, darunter Selbstverwaltung und eigene Gerichtsbarkeit. Trotz unterschiedlicher Herkunft entwickelte sich eine gemeinsame kulturelle Identität. Über Jahrhunderte hinweg bewahrten die Siebenbürger Sachsen ihre Sprache und Traditionen – darunter auch ihren reichen Volksglauben, in dem der „Alb“ eine zentrale Rolle einnimmt.






2. Einleitung
Der Glaube an übernatürliche Wesen ist ein grundlegender Bestandteil vormoderner Weltdeutung. Unter diesen nimmt der „Alb“ (auch Alp oder Alf) eine besondere Stellung ein. Im Volksglauben der Siebenbürger Sachsen erscheint er als nächtlicher Dämon, der den Menschen im Schlaf heimsucht.
Die vorliegende Untersuchung basiert auf Heinrich von Wlislockis Werk „Volksglaube und Volksbrauch der Siebenbürger Sachsen“ (1893) sowie auf den im bereitgestellten Dokument enthaltenen Textpassagen. Ziel ist es, diese historischen Beschreibungen mit modernen Erkenntnissen der kognitiven Religionsforschung zu verbinden.
3. Der Alb als nächtlicher Dämon
Wlislocki beschreibt den Alb als ein Wesen, das den Menschen im Schlaf befällt und sich auf dessen Brust setzt. Dabei kommt es zu einem Zustand, der durch Angst, Atemnot und Bewegungsunfähigkeit gekennzeichnet ist.¹
Besonders charakteristisch ist die Wandelbarkeit seiner Erscheinung. Der Alb kann als Mensch, Tier oder Mischwesen auftreten, häufig als schwarzer Hund oder Katze.² Diese Variabilität entspricht einem verbreiteten Muster dämonischer Vorstellungen in Europa.
4. Physiognomie und konkrete Erscheinungsberichte
Neben diesen variablen Erscheinungen existieren auch konkrete Beschreibungen. Wlislocki überliefert Darstellungen eines kleinen, gedrungenen Wesens mit großem Kopf, struppigem Haar und kurzen Gliedmaßen.³
Ein typischer Bericht schildert, wie ein Schlafender ein solches Wesen auf seiner Brust wahrnimmt und sich nicht bewegen kann. Diese Erfahrung wird als reale Begegnung interpretiert, obwohl sie auf inneren Wahrnehmungsprozessen beruht.
5. Der Alb als Produkt des Traumerlebens im Lichte der HADD-Theorie
Wlislocki erkennt bereits, dass der Alb-Glaube auf Traumerfahrungen zurückzuführen ist. Er schreibt, dass solche Erscheinungen „aus dem Traume hervorgehen und später als Wirklichkeit gedeutet werden“.⁴
Diese Einsicht lässt sich mit der modernen Theorie des Hyperactive Agency Detection Device (HADD) verbinden. Diese beschreibt die menschliche Tendenz, in unklaren Situationen intentional handelnde Akteure zu vermuten.
Gerade im Zustand der Schlafparalyse – einer Kombination aus Wachbewusstsein und körperlicher Bewegungsunfähigkeit – entsteht eine Situation maximaler Unsicherheit. Das Gehirn interpretiert diese Erfahrung, indem es eine Ursache konstruiert: ein handelndes Wesen.
Der Alb ist somit das Ergebnis eines mehrstufigen Prozesses:
- physiologische Erfahrung (Schlafparalyse)
- kognitive Agentenzuschreibung (HADD)
- kulturelle Ausgestaltung (Volksglaube)
Die auf elwedritsch.de entwickelte Erweiterung dieses Ansatzes zeigt zudem, dass solche Agentenzuschreibungen in narrative Strukturen überführt werden und dadurch kulturelle Stabilität gewinnen.
6. Verbindung zu Totenglauben und Geistervorstellungen
Der Alb wird – jedenfalls in Siebenbürgen – auch mit Verstorbenen in Verbindung gebracht. Wlislocki berichtet, dass er als Geist eines Toten erscheinen kann, insbesondere wenn zwischen Lebenden und Verstorbenen noch „Bindungen“ bestehen.⁵
Dies verweist auf eine psychologische Dimension: Der Alb dient als Projektionsfläche für emotionale Konflikte und unverarbeitete Erfahrungen.
7. Abwehrpraktiken und magische Handlungen
Der Volksglaube kennt zahlreiche Maßnahmen zur Abwehr des Albs. Dazu zählen das Verbrennen von Gegenständen, rituelle Handlungen oder gezielte Versuche, das Wesen zu vertreiben oder zu bannen.⁶
Solche Praktiken erfüllen eine wichtige Funktion: Sie stellen Handlungsfähigkeit her und geben dem Einzelnen das Gefühl von Kontrolle über das Unheimliche.
8. Der Alb im Kontext verwandter Wesen
Wlislocki zeigt, dass der Alb nicht klar von anderen Wesen abgegrenzt ist. Er überschneidet sich mit Vorstellungen von Hexen, Elfen oder sogenannten Truden.⁷

Auch Verbindungen zu Zwergenwesen werden hergestellt. Diese begriffliche Offenheit weist auf ein komplexes Netzwerk von Vorstellungen hin, das sich historisch entwickelt hat. Es ist das Konglomerat, aus dem sich in vielen Regionen Wesen wie die Elbedritsch entwickelt haben.
9. Der Wechselbalg-Glaube
Ein weiterer Aspekt ist die Verbindung zum Wechselbalg-Glauben. Der Alb wird dabei als Ursache für Veränderungen bei Kindern angesehen, die als „ausgetauscht“ gelten.⁸
Solche Vorstellungen dienten dazu, unerklärliche Entwicklungen – etwa Krankheiten oder Verhaltensauffälligkeiten – kulturell zu deuten.
10. Kulturhistorische und kognitionswissenschaftliche Einordnung
Vergleichbare Figuren wie der „Nachtmahr“ oder die skandinavische „Mare“ zeigen, dass es sich um ein gesamteuropäisches Phänomen handelt.
Im Licht der HADD-Theorie erscheint der Alb als typisches Beispiel für die menschliche Tendenz, in Situationen von Unsicherheit unsichtbare Akteure anzunehmen. Diese werden anschließend kulturell stabilisiert und tradiert.
11. Fazit
Der Alb im Volksglauben der Siebenbürger Sachsen ist ein komplexes kulturelles Konstrukt. Er entsteht aus der Wechselwirkung von körperlichen Erfahrungen, kognitiven Mechanismen und sozialen Deutungsmustern.
Die Verbindung von Wlislockis Beobachtungen mit modernen Theorien zeigt, dass der Alb nicht als reale Entität verstanden werden muss, sondern als Ausdruck menschlicher Wahrnehmung und Interpretation.
Er ist damit ein Beispiel dafür, wie der Mensch aus Angst Bedeutung erzeugt – und aus Erfahrung Mythos.
Literaturverzeichnis
- Wlislocki, Heinrich von (1893): Volksglaube und Volksbrauch der Siebenbürger Sachsen. Leipzig. Online verfügbar über Internet Archive.
- Boyer, Pascal (2001): Religion Explained: The Evolutionary Origins of Religious Thought. New York.
- Barrett, Justin L. (2004): Why Would Anyone Believe in God? Walnut Creek.
- McNamara, Patrick (2009): The Neuroscience of Religious Experience. Cambridge.