1. Einleitung

Die sogenannte Elwedritsch gehört zu den bekanntesten Fabelwesen der pfälzischen Volksüberlieferung. Ihre Deutung schwankt zwischen humoristischer Jagdfigur, lokaler Mythengestalt und möglichem Relikt älterer Dämonvorstellungen. Während moderne Darstellungen meist den spielerischen Charakter betonen, legen historische und lexikalische Quellen nahe, dass der Begriff tiefere mythologische Wurzeln besitzen könnte.

Im Zentrum dieses Beitrags steht die Frage, ob und in welcher Weise eine Verbindung zwischen der Elwedritsch und der „Drude“ besteht – einem alp- bzw. mahrartigen Nachtwesen der europäischen Volksvorstellung.

Die Argumentation stützt sich dabei bewusst auf zwei voneinander unabhängige Quellenkomplexe, die beide auf elwedritsch.de dokumentiert sind:

  • die etymologische Analyse bei Albert Becker (1925)
  • die lexikalische Überlieferung im Wörterbuch der Banater Mundarten

Ziel ist es, diese beiden Beleglinien nicht isoliert, sondern gemeinsam zu betrachten.

2. Die Quellen

2.1 Albert Becker (1925, Seite 121)

"(...) gewöhnlich stellt man das Wort "Elbetritsch" zu mhd. alp, elbe und trute; E.H. Meyer vermutet hinter dem fabelhaften Tier einen Winddämon. Anscheinend ist der erste Teil des Wortes mit "Alp", "Elb" verwandt oder gleichbedeutend, der zweite hängt vielleicht mit "Trude" (= alp) zusammen, dem koboldartigen Wesen, das als "Mahr" die Menschen besonders gerne zur Nachtzeit quält, dem uralten Alpdämon, dem Alpdrücken, dem griechischen Ephialtes (...). 
(Albert Becker, Pfälzer Volkskunde, 1925, S. 121)

2.2 Wörterbuch der Banater Mundarten (Seite 240)

3. Doppelstruktur der Belege: Etymologie vs. Lexik

Die zentrale methodische Entscheidung dieses Beitrags besteht darin, zwei unterschiedliche Quellentypen systematisch zu vergleichen:

PerspektiveQuelleCharakter
Etymologisch-interpretativAlbert Becker (1925)bewusste wissenschaftliche Herleitung
Lexikalisch-dokumentarischWörterbuch der Banater Mundartenalltagssprachliche Koexistenz von Begriffen

Gerade diese Unterschiedlichkeit ist entscheidend: Wenn beide unabhängig voneinander auf denselben Bedeutungsraum verweisen, gewinnt die These einer inneren Verbindung erheblich an Plausibilität.

4. Erste Beleglinie: Albert Becker (1925)

Albert Becker liefert eine der frühesten systematischen Deutungen des Begriffs „Elbetritsch“. Seine Analyse zerlegt das Wort in zwei Bestandteile:

  • Elb / Alp
  • Trude

Dabei stellt Becker fest:

Der erste Bestandteil verweist auf den „Alp“ bzw. „Elb“ als nächtliches Druckwesen, während der zweite Bestandteil mit „Trude“ – ebenfalls einem alp- bzw. mahrartigen Wesen – zusammenhängt. Die Verwendung der Begriffe „anscheinend“ und „vielleicht“ macht deutlich, dass er vorsichtig formuliert. Doch gibt er gleichwohl der Diskussion eine Richtung:

Zentrale Beobachtung:
Beide Wortbestandteile gehören demselben dämonologischen Bedeutungsfeld an.

Das ist mehr als eine bloße Worterklärung. Becker beschreibt implizit eine semantische Verdopplung:

  • „Alp“ = Nachtgeist, Druckdämon
  • „Trude“ = funktional gleichartiges Wesen

Die „Elbetritsch“ wäre demnach kein neutrales Fantasietier, sondern ein Begriff, der zwei synonyme Dämonkonzepte kombiniert.

5. Zweite Beleglinie: Wörterbuch der Banater Mundarten

Die zweite Quelle liefert keinen interpretierenden Zugriff, sondern eine sprachliche Momentaufnahme. Es ist ein Eintrag im Wörterbuch der Banater Mundarten. Die Grundlage des Wörterbuchs bilden Materialien, die überwiegend im: frühen bis mittleren 20. Jahrhundert erhoben wurden (also etwa 1900 bis 1960er Jahre). Die Belege stammen aus:

  • dialektologischen Feldforschungen im Banat
  • handschriftlichen Sammlungen von Sprachforschern und Lehrern
  • älteren volkskundlichen und sprachwissenschaftlichen Projekten

Ein großer Teil des Materials wurde noch in einer Zeit aufgenommen, als die banatdeutschen Dialekte im Alltag lebendig gesprochen wurden – also vor den massiven Umbrüchen des 20. Jahrhunderts (Krieg, Migration, spätere Auswanderung).

Im Wörterbuch der Banater Mundarten erscheinen:

  • Elbedritsch
  • Trude

nebeneinander im selben lexikalischen Kontext.

Diese Gleichzeitigkeit ist methodisch besonders wertvoll:

  • Sie ist nicht theoriegeleitet
  • Sie spiegelt tatsächlichen Sprachgebrauch
  • Sie zeigt eine implizite semantische Nähe

Während Becker argumentiert:
Die Begriffe gehören zusammen

zeigt das Wörterbuch:
Die Begriffe existieren zusammen

6. Direkte Gegenüberstellung der beiden Beleglinien

Die eigentliche Aussagekraft entsteht erst durch die synoptische Betrachtung:

AspektBecker (1925)Banater Wörterbuch
Zugriffanalytischdokumentarisch
Beziehung Elb/Alp – Trudeexplizit hergestelltimplizit vorhanden
FunktionDeutungBeleg
Aussage„gehört zusammen“„tritt zusammen auf“

Schlüsselpunkt:
Beide Quellen operieren unabhängig voneinander, gelangen aber zum gleichen Ergebnis:
Elb/Alp und Trude gehören demselben Bedeutungsfeld an – und dieses Feld spiegelt sich im Begriff „Elbedritsch“.

7. Synthese: Konvergenz zweier unabhängiger Systeme

Die Kombination beider Beleglinien erlaubt eine deutlich stärkere Schlussfolgerung als jede für sich allein:

  1. Becker (1925) zeigt die innere Struktur des Wortes
  2. Das Banater Wörterbuch zeigt die äußere Verwendung im Sprachraum

Damit ergibt sich eine doppelte Absicherung:

  • semantisch (Bedeutungsebene)
  • lexikalisch (Gebrauchsebene)

Diese Konvergenz ist kaum zufällig zu erklären. Vielmehr spricht sie dafür, dass:

→ die Elwedritsch begrifflich im selben Dämonenkomplex steht wie
→ Alp, Mahr und Drude

8. Schlussfolgerung

Die Gegenüberstellung der beiden Quellen macht deutlich, dass die Verbindung zwischen Elwedritsch und Drude nicht nur eine hypothetische oder spekulative Annahme ist.

Vielmehr liegt eine doppelt belegte Struktur vor:

  • explizit durch etymologische Analyse (Becker)
  • implizit durch lexikalische Koexistenz (Banater Wörterbuch)

Damit kann die Elwedritsch als Relikt eines älteren alp- bzw. mahrartigen Dämonenglaubens verstanden werden. Der heute dominierende humoristische Charakter erscheint vor diesem Hintergrund eher als sekundäre Überformung.

9. Literatur

Becker, Albert (1925): Pfälzer Volkskunde. Frankfurt.

Ivanescu, Alwine / Irimescu, Ileana / Sandor, Mihaela (2020): Wörterbuch der banaterdeutschen Mundarten, Band II (D-F). München.

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