Der Banater „Elbentrütsch“ als empirischer Schlüsselbefund eines kulturellen Transformationsprozesses
Abstract
Der nachfolgende Artikel zeigt, dass die Elwedritsche nicht als originäres Fabeltier verstanden werden kann, sondern aus einem dämonologischen Bedeutungskomplex hervorgegangen ist, dessen Kern in der Drude bzw. der Albdrude liegt. Grundlage der Argumentation ist ein lexikographischer Befund aus dem Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten (WBdM), der eine gleichzeitige Koexistenz dämonischer, zoologischer und ritualisierter Bedeutungen dokumentiert. Diese „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ stellt einen empirisch fassbaren Übergangszustand dar und erlaubt es, den Transformationsprozess erstmals direkt nachzuweisen. Der psychologisch-memetische Ansatz wird als kohärente Erklärung dieses Prozesses eingeordnet.
1. Einleitung
Die Elwedritsche wird im heutigen kulturellen Kontext überwiegend als humoristische Figur wahrgenommen, deren Bedeutung sich vor allem im Rahmen sozialer Rituale erschließt. Diese Perspektive hat dazu geführt, dass ihr Ursprung häufig im Bereich des Spiels oder der kollektiven Unterhaltung verortet wird. Eine solche Sichtweise bleibt jedoch erklärungsbedürftig, da sie weder die sprachliche Struktur des Begriffs noch seine Einbindung in ältere Bedeutungssysteme angemessen berücksichtigt. Ebenso wird bei der Behauptung einer Entstehung der Elwedritsche im 19. Jahrhundert als Scherzfigur bzw. Fabeltier ausgeblendet, dass sie bereits seit dem 18. Jahrhundert im Banat und in Pennsylvania nachweisbar ist – und zwar mit dämonischen Zügen.
Insbesondere die auffällige Nähe zu Begriffen wie „Drude“ und „Alb“ verweist auf einen Zusammenhang mit vormodernen Dämonvorstellungen, der in der bisherigen Forschung zwar erkannt, jedoch selten systematisch belegt wurde. Das zentrale Problem besteht darin, dass der Übergang zwischen einem dämonischen Konzept und einer scheinbar harmlosen Volksfigur meist nur indirekt rekonstruiert werden kann.
Der vorliegende Beitrag argumentiert, dass ein solcher Übergang im Material selbst nachweisbar ist. Ausgangspunkt ist ein lexikographischer Befund, der es erlaubt, einen Transformationsprozess nicht nur zu vermuten, sondern empirisch zu beobachten.
2. Der lexikographische Befund
Im Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten findet sich unter dem Lemma „Drude“ eine Definition, die eindeutig dem bekannten Typus des Nachtgeistes entspricht. Die Drude wird dort als „Nachtgeist, böser Geist, weiblicher Alp, Gespenst“ beschrieben¹. Diese Einordnung wird durch Belege ergänzt, die den Angriff der Drude als körperlich erfahrbares Ereignis schildern, etwa wenn berichtet wird, dass sie sich nachts auf den Schlafenden legt und ein Gefühl des „Drückens“ hervorruft². Auch Tiere werden als von der Drude betroffen dargestellt³, was auf eine umfassende Wirksamkeit innerhalb des volksglaubensgebundenen Weltbildes hinweist.
Im selben Werk findet sich der Eintrag „Elbentrütsch“, der zunächst eine deutlich andere Bedeutungsebene eröffnet. Hier wird ein „Fabeltier, meist in Vogelgestalt“ beschrieben, das im Rahmen eines nächtlichen Fangrituals eine Rolle spielt⁴. Die entsprechende Szene ist klar strukturiert: Eine Person wird dazu gebracht, nachts mit einem Sack und einem Licht auf das vermeintliche Tier zu warten, während andere es angeblich herbeitreiben. Das erwartbare Ergebnis ist das Scheitern dieses Unternehmens⁵.
Bereits diese Beschreibung entspricht in wesentlichen Zügen der späteren Elwedritschenjagd. Der entscheidende Befund liegt jedoch nicht in dieser Parallele, sondern in einer weiteren Bedeutungsangabe innerhalb desselben Lemmas. Dort wird der Elbentrütsch als „Gespenst, Schreckgestalt“ bezeichnet und ausdrücklich mit der Drude gleichgesetzt: „Elbetrutsche oder Drude“⁶.
Diese Formulierung ist von zentraler Bedeutung, da sie keine bloße Ähnlichkeit oder Analogie beschreibt, sondern eine Identität im Bedeutungsfeld festhält. Der Eintrag wird zusätzlich durch einen internen Verweis („↑ Drude“)⁷ gestützt, der die Zugehörigkeit beider Begriffe zu einem gemeinsamen semantischen Komplex unterstreicht.
3. Minimalinterpretation und methodische Absicherung
Aus diesem Befund ergibt sich zunächst eine bewusst zurückhaltende Schlussfolgerung. Es lässt sich festhalten, dass Drude und Elbentrütsch historisch demselben Bedeutungskomplex angehören. Diese Aussage bleibt strikt innerhalb der Datenlage und verzichtet auf weitergehende theoretische Annahmen.
Gerade diese methodische Zurückhaltung ist entscheidend für die argumentative Stabilität. Sie ermöglicht es, einen Kernbefund zu isolieren, der unabhängig von weiterführenden Interpretationen Bestand hat. Der Beitrag setzt damit bewusst nicht bei einer umfassenden Theorie an, sondern bei einer minimalen, aber belastbaren Feststellung.
4. Die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ als Schlüsselbeobachtung
Der Eintrag „Elbentrütsch“ weist jedoch eine Besonderheit auf, die über diese Minimalinterpretation hinausführt. Er vereint mehrere Bedeutungsebenen in einem einzigen Lemma: Der Elbentrütsch erscheint zugleich als dämonische Gestalt, als Tier, als Objekt eines Rituals und als Bestandteil sozialer Kommunikation. Diese Gleichzeitigkeit ist kein zufälliges Nebeneinander, sondern verweist auf einen strukturellen Zustand, in dem unterschiedliche historische Schichten parallel präsent sind.
In der kulturwissenschaftlichen Terminologie lässt sich dieses Phänomen als „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ beschreiben. Gemeint ist damit die Überlagerung von Bedeutungen, die unterschiedlichen Entwicklungsstufen angehören, jedoch im Sprachgebrauch gleichzeitig wirksam bleiben.
Der Banater Befund dokumentiert genau einen solchen Zustand. Die Drude als dämonisches Konzept ist weiterhin präsent, während zugleich bereits eine Umformung in Richtung eines fassbaren Wesens und eines sozialen Rituals erfolgt ist. Der Elbentrütsch stellt somit keine abgeschlossene Figur dar, sondern einen Übergangszustand.
5. Sprachliche Struktur als zusätzliche Evidenz
Diese Interpretation wird durch die formale Struktur des Wortes gestützt. Der Bestandteil „Elb-“ verweist auf den althochdeutschen „Alb“, während „-trütsch“ als lautliche Variante von „Drude“ verstanden werden kann. Die Kombination beider Elemente innerhalb eines einzigen Wortes legt nahe, dass es sich um eine Zwischenform handelt, in der der ursprüngliche Bedeutungsgehalt noch erkennbar ist.
Der im Wörterbuch enthaltene Verweis auf „Drude“ bestätigt diese Verbindung zusätzlich. Sprachliche Form und semantische Struktur weisen somit in dieselbe Richtung und verstärken sich gegenseitig.
6. Erklärungsperspektiven
Die Frage, wie ein solcher Transformationsprozess zustande kommt, kann durch unterschiedliche theoretische Ansätze beantwortet werden. Der psychologisch-memetische Ansatz, wie er etwa auf elwedritsch.de entwickelt wird, bietet hierfür eine besonders kohärente Erklärung. Er geht davon aus, dass kulturelle Vorstellungen aus der Verarbeitung von Erfahrungen hervorgehen und sich im Laufe der Zeit verändern, ohne ihren ursprünglichen Kern vollständig zu verlieren.
Im vorliegenden Fall lässt sich dieser Prozess als eine Umdeutung eines bedrohlichen Dämonenbildes verstehen, das in eine kontrollierbare und sozial eingebettete Form überführt wird. Der Dämon verschwindet dabei nicht, sondern wird transformiert und in neue Bedeutungszusammenhänge integriert.
Gleichwohl ist zu betonen, dass diese Erklärung nicht Voraussetzung für die Gültigkeit des Befundes ist. Der Nachweis der Verbindung zwischen Drude und Elbentrütsch steht unabhängig von der Frage nach ihrer Ursache.
7. Diskussion und Abgrenzung
Die These eines rein spielerischen Ursprungs der Elwedritsche erweist sich vor diesem Hintergrund als unzureichend. Sie kann weder die explizite Gleichsetzung im WBdM noch die sprachliche Struktur des Begriffs angemessen erklären. Ebenso wenig überzeugt die Annahme einer bloß metaphorischen Beziehung, da der lexikographische Befund eine Identität und keine Analogie nahelegt.
Der hier vorgestellte Ansatz vermeidet jedoch eine Überdehnung der Argumentation. Er beansprucht nicht, den Ursprung der Elwedritsche abschließend zu erklären, sondern zeigt, dass der zugrunde liegende Transformationsprozess empirisch nachweisbar ist. Diese Differenz ist entscheidend, da sie den argumentativen Kern stabilisiert.
8. Schlussfolgerung
Der Banater Befund erlaubt es, einen Übergang zwischen einem dämonologischen Konzept und einer späteren Volksfigur unmittelbar zu beobachten. Die Elwedritsche erscheint vor diesem Hintergrund nicht als originäres Fabeltier, sondern als Ergebnis eines Transformationsprozesses, dessen Ausgangspunkt in der Drude liegt.
Die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, die im Eintrag „Elbentrütsch“ sichtbar wird, stellt dabei den entscheidenden Schlüssel dar. Sie macht einen Prozess greifbar, der in der Regel nur indirekt erschlossen werden kann.
Damit verschiebt sich die Perspektive grundlegend. Die Elwedritsche ist nicht mehr als isoliertes Phänomen zu betrachten, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs, der in den Albdruden-Komplex eingebettet ist. Der vorliegende Befund liefert hierfür nicht nur einen Hinweis, sondern erstmals einen direkten Nachweis.
Fußnoten
- Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten, S. 240: „Nachtgeist, böser Geist, weiblicher Alp, Gespenst“.
- Ebd.: „wann ich noch aamol bei dr Nacht so jommer, dann druckt mich die Drutt“.
- Ebd.: „Wann die Ross odr die Kih im Stall schwitze, no werre se vun die Drutte griit“.
- Ebd.: „Fabeltier, meist in Vogelgestalt …“.
- Ebd.: „Dazu muss er nachts mit einem Licht u. einem Sack … Natürlich wartet er vergebens.“
- Ebd.: „Gespenst, Schreckgestalt: Elbetrutsche oder Drude“.
- Ebd.: Verweis „↑ Drude“.