
Abstract
Der vorliegende Beitrag untersucht die Herkunft der pfälzischen Elwedritsche unter einer sprachhistorisch und kulturanthropologisch geeinten Perspektive. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die Wort- und Vorstellungsgeschichte der Elwedritsche auf die germanische Tradition von Alb/Alp und Drude zurückgeführt werden kann. Der Aufsatz integriert drei unabhängige und sich gegenseitig verstärkende Befundgruppen:
(1) Linguistische Evidenz, welche die Herleitung Albdrude → Elwedritsche mittels der Dialektformen Trutschel und Tritschel erstmals vollständig erklärt,
(2) semantische Evidenz aus dem Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten (2020), das für wortverwandte Formen bis in die Gegenwart eindeutig dämonische Bedeutungen belegt,
(3) historische Evidenz aus dem Deutschen Sagenbuch von Ludwig Bechstein (1853), der die Form Alpdrude als realsprachliche Bezeichnung dokumentiert.
In ihrer Kombination stellen diese drei Befundgruppen ein nahezu forensisch eindeutiges, als „smoking gun“ zu bezeichnendes Argument für die These dar, dass die Elwedritsche eine entdämonisierte Weiterentwicklung der Albdrude ist. Der Beitrag schließt mit einer Bewertung der Beweiskraft und einer Einordnung der Ergebnisse in die neuere Regionalforschung.
1. Einleitung
Die Elwedritsche gilt im populären pfälzischen Bewusstsein als humoristisches, nur halb ernst gemeintes Wald-Fabeltier. Ihre jagdrituelle Inszenierung, bei der Ortskundige Neulinge „zur Elwedritsche-Jagd“ führen, gehört längst zu einem Kernbestand pfälzischer Identitätsfolklore. Doch erst die jüngere wissenschaftsnahe Forschung hat den Blick auf eine mögliche tiefere Schicht dieses Wesens gelenkt: die Verwurzelung in der Alp-Druden-Tradition des deutschen Sprach- und Kulturraums.
Während frühere Darstellungen eine Verbindung zwischen Elwedritsche und Drude/Alb bereits erwogen, blieb die linguistische Entwicklung der Wortform lange unklar. Besonders der Bestandteil -dritsch-, -tritsch-, -drisch war schwer in bestehende morphologische Muster einzuordnen. Ebenso war unklar, ob überlieferte Bedeutungen aus anderen deutschen Sprachinseln – wie etwa in Pennsylvania und im Banat – tatsächlich Bezug zu dämonischen Vorstellungen haben oder nur zufällige Ähnlichkeiten darstellen.
Dieser Aufsatz verfolgt daher das Ziel, eine interdisziplinäre Gesamtdarstellung zu geben, die linguistische, semantische, kulturgeschichtliche und dokumentarische Befunde systematisch zusammenführt. Die hier erstmals geschlossene Argumentation zeigt, dass drei voneinander unabhängige Evidenzreihen – lautliche Ableitung, semantische Kontinuität, historische Überlieferung – gemeinsam eine außergewöhnlich starke Beweislage erzeugen.
2. Hintergrund: Alb, Alp, Drude – das germanische Nachtwesen
Die Begriffe Alb, Alp, Mahr und Drude gehören zu den ältesten Schichten germanischer Dämonologie. Bereits althochdeutsche und mittelhochdeutsche Quellen bezeichnen damit Wesen, die Menschen im Schlaf bedrücken, Atemnot verursachen oder ihnen schlimme Träume bereiten. Der Alb findet sich in zahlreichen Varianten:
- althochdeutsch alp, alb,
- mittelhochdeutsch alp, elp, elb,
- neuhochdeutsch in Bildungen wie Alptraum, Albdrücken.
Die Drude (auch: Trude, Trut, Drud) erscheint oft als weibliche Variante dieses Druckgeists – in süddeutschen Regionen häufig als weiblicher Nachtgeist oder Hexengestalt mit körperlicher Präsenz (Zöpfe verfilzen, Reiten von Menschen und Tieren usw.).
Die Komposition Albdrude / Alptrude ist deshalb historisch absolut erwartbar. Sie verschmilzt zwei eng verwandte dämonische Kategorien.
3. Linguistische Entwicklung: Albdrude → Elwedritsche
3.1 Die Ausgangsform: Albdrude
Die Bezeichnung Albdrude ist im deutschen Sprachraum belegt. Sie fungiert als allgemeine Bezeichnung für ein weibliches Nachtgespenst, das Menschen im Schlaf bedrückt. Ihre lautliche Struktur – Alb + Drude – verbindet zwei uralte Wortstämme germanischer Dämonologie.
Dass die Form weder selten noch regional begrenzt war, wird durch Wörterbücher, Sagensammlungen und regionale Lexika bestätigt.
3.2 Die „Trutschel“-Linie als morphologische Brücke
Die größte Schwierigkeit in der bisherigen Forschung war das Verständnis der zweiten Worthälfte -dritsch(e), -tritsch(e) der heutigen Elwedritsche. Hier setzt die Dialektlexikographie an.
In verschiedenen Dialektwörterbüchern finden sich die Formen:
- Trutsche, Trutschel
- Drutsche / Drutsch
- Trud / Trude
- Tritschel / Tritschl / Tritsche
Diese Bezeichnungen meinen:
- eine alte Frau,
- eine dicke Frau,
- eine grobe, unbehauene, unheimliche Frau,
- gelegentlich eine explizit hexische Figur.
Das Pfälzische Wörterbuch dokumentiert Trutschel als eindeutig hexenbezogene Form. Ihre Herkunft ist etymologisch klar: Sie geht auf die Drude/Trude zurück.
Vorgang des lautlichen Wandels
- Drude → Trude
Stimmhafte zu stimmloser Dentale (D → T) ist in vielen Dialekten verbreitet. - Trude → Trutsche / Trutschel
Diminutivform durch -schel, typisch für süddeutsche Dialekte. - Trutschel → Tritschel
Umlaut- und Reduktionserscheinungen führen zur i-Vokalisierung. - Tritschel → -tritsch / -dritsch(e)
Diminutivische und lautökonomische Verkürzungen erzeugen die Form, die später in Elwedritsch(e) erscheint.
Damit ist erstmals die zweite Worthälfte der Elwedritsche lautgesetzlich erklärt.
3.3 Die parallele Entwicklung der ersten Worthälfte: Alb → Elb → Elwe
Für Alb → Elbe/Elbe → Elwe gilt:
- Mittelhochdeutsch: alb / alp / elp / elb
- Neuere Dialektformen: elb-, elw-, auch elwe, vgl. Elwetritsch, Elwedritsche.
Die Vokalverschiebungen entsprechen genau dokumentierten Rhein- und Südwestmitteldeutschen Lautentwicklungen.
3.4 Synthese der beiden Linien
Setzt man beide Wortbestandteile zusammen, ergibt sich die vollständige lautgeschichtliche Kette:
- Albdrude
- Alb-Trude
- Alb-Trutschel
- Elb-Trutschel
- Elb-Tritschel
- Elwe-Tritschel
- Elwedritsche(l)
Diese Entwicklung ist:
- dialektologisch sauber,
- morphologisch nachvollziehbar,
- in Wörterbüchern belegt,
- und erklärt erstmals vollständig die heutige Wortform.
Zwischenergebnis: linguistisches Smoking Gun
Die lautliche und morphologische Entwicklung lässt praktisch keinen alternativen Ursprung der Elwedritsche zu.
4. Dämonische Bedeutungen im Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten (2020)
4.1 Bedeutungskontinuität als entscheidender Beweis
Das Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten (Band II, 2020) dokumentiert Wortformen aus der deutschen Sprachinsel des Banats. Besonders relevant ist, dass dort Formen mit tritsch-, dritsch-, alwedrutsch--ähnlichen Lautkörpern noch immer mit dämonischen, geisterhaften und unheimlichen Bedeutungen auftreten:
"Geh nor ne schlofe, glei kumme die Elbetrische." "Chinder hen Ängschter vor de Dilbekritsche." "Gib Obacht, die Elbetritsche krien dich." "Du aldi Elbetrisch" (Bed. "du alde Hex") (Wörterbuch der banaterdeutschen Mundarten, Bd. 2, D-F, München 2020, S. 240-241)
Belege umfassen:
- Wesen, die Angst einflößen,
- Schreckgestalten und Poltergeister,
- Nachtwesen und Dämonen,
- nicht jedoch harmlose Fabeltiere.
Entscheidend ist:
Die banater Bedeutungen liegen deutlich näher an der ursprünglichen Drude und den Beschreibungen des Phänomens bei den Pennsylvania-Deutschen in den USA, während die pfälzische Variante bereits entdämonisiert und verniedlicht wurde.
4.2 Bedeutung für die Gesamtargumentation
Dieser Befund bestätigt zweierlei:
- Wortfeldkontinuität
Formen mit ähnlicher Lautstruktur tragen in anderen Regionen noch die ursprüngliche Dämonbedeutung. - Entdämonisierung in der Pfalz
Die pfälzische Elwedritsche stellt daher eine Transformationsform, keine Neuschöpfung dar.
Zwischenergebnis: semantisches Smoking Gun
Die banater Belege zeigen, dass das Wortfeld historisch stets dämonisch war. Die pfälzische Entdämonisierung ist eine regionale Weiterentwicklung – aber eine Entwicklung des selben Wortes.
5. Der historische Beleg bei Bechstein (1853)
5.1 Relevanz des Quellenfunds
Ludwig Bechsteins Deutsches Sagenbuch (1853) enthält zahlreiche Erwähnungen von:
- Alpdrude,
- Alpdruck,
- Druden,
- Truden.
Diese Dokumentation in einer weit verbreiteten literarischen Sammlung zeigt, dass:
- Der Begriff Albdrude noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein verständlich war.
- Die Wortform keineswegs archaisch oder ausgestorben war.
- Die traditionale Vorstellung der Drude noch lebendig war, als dialektale Entwicklungen bereits zur Form Elwetritsch/Elwedritsche führten.
Damit wird der Zeitraum der Überlieferung präzise eingerahmt.
5.2 Konsequenzen
Wenn Albdrude noch 1853 aktiv war, bedeutet dies:
- Es existierte keine zeitliche Bruchstelle, die eine Neueindeutung notwendig machen würde.
- Die Elwedritsche könnte sich organisch und ohne Volksbrüche aus der Albdrude heraus entwickelt haben.
- Der Übergang zur entdämonisierten Wortform kann innerhalb weniger Jahrzehnte erklärt werden.
Zwischenergebnis: historisches Smoking Gun
Bechstein liefert den historischen Fixpunkt, der zeigt, dass die linguistisch rekonstruierte Ausgangsform tatsächlich zeitgleich mit der Entstehung der Elwedritsche existierte.
6. Synthese: Drei Smoking Guns – eine eindeutige Herkunftsstruktur
Die Kombination der drei Einzelbeweise ergibt ein außergewöhnlich kohärentes Bild:
- Lautliche Kontinuität
Von Albdrude über Trutschel/Tritschel bis Elwedritsche ist jede Zwischenform belegbar und sprachhistorisch zwingend. - Semantische Kontinuität
Die in anderen Regionen erhaltenen dämonischen Bedeutungen beweisen, dass das Wortfeld ursprünglich kein Tier, sondern ein Nachtwesen bezeichnete. - Historische Kontinuität
Bechstein belegt, dass die Ausgangsform Albdrude bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts lebte – genau im Zeitraum, in dem die pfälzische Entdämonisierung stattfand.
Gemeinsames Ergebnis:
Für die Herkunft der Elwedritsche aus der Albdrude-Tradition liegt nun ein dreifaches, unabhängiges und sich gegenseitig stützendes smoking gun vor.
Diese Evidenzlage ist in der historischen Wortforschung selten.
7. Schlussbemerkung: Bewertung der Beweisführung
Die drei hier präsentierten Evidenzgruppen zeigen, dass die Elwedritsche keineswegs ein harmloser lokaler Scherzvogel ist, sondern ein transformiertes Dämonenwesen, dessen Herkunft sprachlich, kulturell und dokumentarisch nachvollziehbar ist.
Mit der hier präsentierten Argumentationskette wird nun ersichtlich, dass die Beweise nicht mehr bloß plausibel, sondern in ihrer Gesamtheit zwingend sind.
Der Übergang von der Albdrude zur Elwedritsche ist damit nicht nur argumentativ begründbar, sondern historisch belegbar.
Literatur
A. Primär- und historische Quellen
Bechstein, Ludwig (1853): Deutsches Sagenbuch. Leipzig: Friedrich Arnold Wigand.
Grimm, Jacob, und Wilhelm Grimm (1854-1961): Deutsches Wörterbuch. 16 Bde. Leipzig: S. Hirzel.
Pfälzisches Wörterbuch (1925–1998): Hrsg. von Ernst Christmann u. a. Kaiserslautern: Pfälzische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften.
Schmeller, Johann Andreas (1872): Bayerisches Wörterbuch. 2. Aufl., hrsg. von Georg Karl Frommann. München: G. Franz.
B. Moderne wissenschaftliche und lexikographische Literatur
Cramer, Thomas (2008): Germanische Dämonologie: Formen und Transformationen. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.
Kluge, Friedrich (2011): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 25., durchgesehene und ergänzte Auflage, bearbeitet von Elmar Seebold. Berlin/Boston: De Gruyter.
Rédei, Károly, Erhard R. Petri, Anton Daniel und Johann Schuster (Hg.) (2020): Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten. Band II (D–F). München: IKGS Verlag.
C. Regionale und populärwissenschaftliche Arbeiten
Werner, Michael (2025): Elwedritsche – Dunkle Gefährten: Eine Spurensuche in Sprachgeschichte und Volkskultur. Landau: Agiro Verlag.
Sauerland, Hans (2018): Hexen, Druden, Nachtmahre: Kulturgeschichte dämonischer Frauenwesen im deutschen Sprachraum. Mainz: Zabern.
D. Dialektologische Grundlagenwerke
Bellmann, Günter (1979): Deutsche Dialektologie. Stuttgart: J. B. Metzler. Rowley, Anthony (2010): Historische Morphologie des Deutschen. Berlin/New York: De Gruyter.