
Einleitung: Materialität, Metapher und Magie
Die Verbreitung des Motivs, scharfe Metallklingen gegen unsichtbare Gefahren einzusetzen, ist auffällig und kulturübergreifend. Messer und Schwerter treten nicht nur als praktische Werkzeuge auf, sondern als materiell-symbolische Linien, die Grenzen markieren: zwischen Innen und Außen, Leben und Tod, Geburt und Gefahr. In diesem Essay werden archäologische, textliche und ethnographische Befunde vorgestellt und Kontinuitäten und Wandlungen vom 2. Jahrtausend v. Chr. bis in die Gegenwart aufgezeigt. Da sogenannte „Drudenmesser“ in Pennsylvania zur Abwehr des „Trotterkopfes“ (Albdrude) im Einsatz waren, ist das Thema im Kontext der pfälzischen Elwedritsche hochrelevant.
1. Vorläufer: Alte Kulturen und die materielle Logik der Abwehr (2. Jt. v. Chr. – 1. Jt. v. Chr.)
1.1 Früheste Formen apotropäischer Materiellemagie
In Mesopotamien und angrenzenden Kulturen finden sich seit dem 2.–1. Jahrtausend v. Chr. zahlreiche Beispiele für apotropäische Ausstattung: Inklusionsfunde (Amulette, eingeschnittene Texte, Schutzschalen / „apotropaic bowls“) und figürliche Darstellungen, die das Bedürfnis nach physischer und sprachlicher Abwehr dokumentieren. Solche Objekte zielten immer darauf ab, einen verwundbaren Körperraum — insbesondere den Bett- oder Geburtsraum — vor Dämonen zu schützen.
1.2 Materialwahl: Metall (Eisen) als Schutzstoff
In vielen frühen Kulturen wurde Eisen (später allgemein „Metall“) als besonders wirksames Schutzmaterial angesehen. Die Herstellung, der Glanz, die Schärfe und die „transformativen“ Arbeitsschritte (Schmelzen, Schmieden) führten zu einer Zuschreibung von Macht: Eisen „durchschneidet“ Gefahren, schafft Grenze. Solche Denkfiguren begegnen uns in Eurasien wiederholt — als zugeschriebene Wirkmächtigkeit des Materials selbst.
2. Indoeuropäische und mittelalterliche europäische Formen: Bett, Wiege, Geburtsraum (ca. 2. Jt. v. Chr. – 19. Jh.)
2.1 Bronzezeitliche und eisenzeitliche Hinterlassenschaften
Archäologische Befunde (z. B. Klingenfunde unter Hausböden, in Schwellen, bei Kindergräbern) werden seit lange als Indizien für schutzrituelle Deponierung interpretiert: Klinge als „Hauszaun“ in miniaturisierter Form. Solche Befunde sind jedoch oft interpretativ offen — die Verbindung zur Apotropäik stützt sich hier sowohl auf Kontext (Sichtbarkeit, Lage) als auch auf vergleichende Ethnographie. Hierzu wurde einiges in Studien zur Hausritualik in bronze- und eisenzeitlichen Kontexten publiziert.
2.2 Volksbräuche im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa
Die Schriftquellen und Volksüberlieferungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit bezeugen mannigfaltige Messer-/Eisen-Schutzpraktiken: Messer unter dem Kopfkissen gegen Albträume; Scheren offen unter dem Kopfkissen (als Zeichen „getrennter“ Form, die Geister fernhält); Sicheln, Schwerter oder Messer über der Wiege; Messer, die in Türrahmen gesteckt oder an Kopfenden befestigt wurden. Diese Praktiken sind in regionaler Folklore, Gerichtsdokumenten, Chroniken und Reiseberichten überliefert. Die Wirkmächtigkeit des Eisens wurde auch theologisch umgedeutet (Eisen als Symbol, das das Dämonische abwehrt).
2.3 Ritualgesten: Kreisbewegungen, Ausrichtung, Beschwörungsformeln
In mehreren ethnographischen Beschreibungen findet sich der Hinweis, dass die Klinge nicht nur passiv deponiert, sondern aktiv geführt wurde: Der Vater oder ein Beschwörer führt mit einem Messer symbolische Stiche in die Luft, stößt das Messer in die Ecken des Zimmers oder dreht / schwingt es in einem Kreis, um Grenzen zu markieren und Richtung zu geben. Diese Gestik verbindet materielle Grenze mit performativer Grenzziehung. (Siehe Berichte zu „Wach-Nacht“-Zeremonien und Beschwörungen am Bett.)
3. Jüdischer Kulturkreis: Texte, Volkspraktiken und die „Kreis-/Kreismesser“-Tradition
3.1 Dämonologie und Vulnerabilität der Geburt
Die jüdische Überlieferung kennt Dämonenarten (u. a. Lilith und verschiedene mazzikim), denen eine besondere Gefährdung für Neugeborene und Wöchnerinnen zugeschrieben wurde. Rabbinische Texte diskutieren Dämonen, Schutzsalbungen und Amulette; parallel dazu hat sich in der Volksfrömmigkeit eine Palette konkreter Gegenstände entwickelt, mit denen der schutzbedürftige Raum ausgezeichnet wurde. Amulette (beschriebene Briefe, „kimpet-brivl“ u.ä.) und geschriebene Segenstexte sind gut dokumentiert.
3.2 Die belegte Tradition des „Kreismessers“ / „Kreis-/Krasmesser“
Mehrere frühneuzeitliche Berichte und ethnographische Studien belegen eine spezielle Form: das sogenannte Kreismesser (auch „Krasmesser“, regional variierend). Quellen beschreiben, wie — insbesondere in deutschsprachigen (aschkenasischen) Gemeinden — ein kleines Schwert oder Messer in der Nähe des Bettes aufgehängt oder während der ersten Tage aktiv geführt wurde. In einigen Berichten wird es für eine festgelegte Zeit (z. B. 30 Tage) verwendet; die Hausväter oder ausgewählte Männer führten damit rituelle Bewegungen (z. B. Stiche oder Ausrichtung des Messers in die vier Himmelsrichtungen) und sprachen Schutzverse, um Lilith und andere Gefahren abzuwehren. Paul Christian Kirchner (18. Jh.) illustriert und beschreibt solche Geburtszeremonien; später synthetisieren Forscher wie Shalom Sabar diese Darstellungen mit zeitgenössischen ethnographischen Befunden. Die Darstellung in Kirchners Werk und die anschließende Auswertung durch moderne Forscher bieten einen direkten Beleg dafür, dass eine Messer-/Schwert-Rolle in jüdischen Geburtsritualen real vorhanden war.
3.3 Weitere jüdische Schutzmittel: Amulette, Beschwörungen, Schrift
Neben Metall wurden schriftliche Amulette (beschriebene Papiere mit Psalmversen, Namen Gottes, heidnischen Formeln) über dem Bett oder an den Wänden angebracht. Trachtenberg (klassische Studie zur Volksmagie im Judentum) dokumentiert eine Vielzahl volkskundlicher Praktiken, die Messer, Amulette und Beschwörungen kombinieren; diese Kombination zeigt, dass materielle Klingen oft Teil eines Ensemble-Ritus waren (materialer Marker + gesprochener Segen).
4. Christlicher Kontext: Übernahme, Anpassung, Widerstand (Spätantike – Moderne)
4.1 Christianisierung alter Praktiken
Mit der Christianisierung Europas wurden zahlreiche ältere, apotropäische Praktiken entweder assimiliert, umgedeutet oder offiziell verurteilt. Trotz kirchlicher Polemik gegen „Aberglauben“ blieben Messer als populäre Schutzobjekte erhalten; vielfach erhielten sie nun christliche Sinnbezüge (z. B. als „Schwert des Erzengels“ oder als Zeichen des göttlichen Schutzes). Ethnographisch dokumentierte Verwendungsweisen stimmen häufig mit den jüdischen und vorchristlichen Praktiken überein (Messer/Schwert an Bettpfosten, unter Kissen etc.).
4.2 Volkstümliche Geburtsrituale
Im christlichen Volksglauben finden sich Parallelen: nächtliche Wachen, Gebete, das Aufstellen von Eisengegenständen im Raum und das Ausrichten entsprechender Performances durch männliche Haushaltsmitglieder oder Hebammen. Das Motiv, die Klinge als Grenzzeichner (auch physisch, indem sie in Schwellen gesteckt wurde) zu verstehen, ist verbreitet. Diese Volkspraxis lässt sich in Reiseberichten, Ritualbeschreibungen und volkskundlichen Sammlungen nachweisen.
5. Frühe Neuzeit bis Moderne: Persistenz, Wandel und Kontextualisierung (16. – 21. Jh.)
5.1 Frühe Neuzeit / Hexenzeit
In der frühneuzeitlichen Atmosphäre von Hexenverfolgungen, verstärkter Dämonologie und religiöser Unsicherheit gewann apotropäische Materialmagie weiter an Bedeutung — sowohl defensiv (Schutz der Familie) als auch aggressiv (Markierung von Grenzen gegen vermeintliche Zauberei). Dokumentarisch finden sich Messer/Scheren/Schwerter in zahlreichen Berichten über Hausbrauch und Abwehr.
5.2 Ethnographische Überlieferung bis 19.–20. Jh.
Ethnographische Sammlungen aus Ost- und Mitteleuropa bis in das 19. und frühe 20. Jahrhundert dokumentieren weiterhin Messer-Bräuche: Messer unter Kinderkissen, Schwerter über Wiegen, Messer an Türpfosten. Innerhalb jüdischer Gemeinden überdauerte die Kombination aus Amuletten, Schriftformeln und metallenen Schutzzeichen länger in ländlichen Gemeinschaften (z. B. aschkenasische und mizrahische Traditionen). Moderne Untersuchungen betonen die funktionale Logik: Materielle Marker sind leicht verfügbar, sichtbar und sozial leicht zur Schau zu stellen — Eigenschaften, die sie zu effektiven Alltags-Apotropäika machen.
6. Funktionen, symbolische Logik und soziokulturelle Einbettung
6.1 Schutz durch Grenze: Klinge als „unsichtbare Linie“
Die wiederkehrende Logik ist konsistent: Die Klinge markiert oder schneidet eine Grenze — die Grenze kann physisch (Tür, Schwelle), symbolisch (Bettumkreis) oder performativ (Kreisbewegung) sein. Durch das Platzieren oder Bewegen der Klinge wird die Unsichtbarkeit der Grenze sichtbar gemacht; die Handlung richtet gemeinschaftliche Aufmerksamkeit auf die Verwundbarkeit des Raums und vermittelt dadurch soziale Sicherheit.
6.2 Materialität und Symbolik zugleich
Eisen/Metall bringt eine doppelte Wirkmächtigkeit: material (schneiden, verletzen, bannen) und metaphysisch (das Material ist aufgrund seiner Herstellung und seiner Interaktion mit Leben/Tod „geladen“). Zusätzlich ist die Klinge sozial sichtbar — sie ist ein öffentliches Zeichen, das auch kommunikativ wirkt (siehe Ritualtheorie).
6.3 Gender- und Rollenmuster
In vielen Berichten ist beobachtbar, dass die aktive Führung der Klinge (Performanz, Beschwören) häufig Männern zugeschrieben wurde (Vater, Hausherr, weltlicher Beschwörer), während die Wöchnerin selbst in einer schutzbedürftigen Rolle verharrte. Gleichzeitig gibt es Hinweise auf weibliche Praxisformen (Hebammen, Frauen in Wachnächten), die die Klinge handhabten oder andere apotropäische Substitute nutzten. Die Kreismesser-Quellen zeigen, dass auch Frauen oder spezifische ritualisierte männliche Akteure eine aktive Rolle innehatten.
7. Fazit
Die apotropäische Verwendung von Messern ist ein langlebiges, adaptives Phänomen, das sich über weite Teile Eurasiens erstreckt. Im jüdischen Kulturkreis ist die Verankerung im Kontext der Geburt deutlich belegt — mit spezifischen Instrumenten (z. B. Kreismesser/Krasmesser), zeitlich normierten Verwendungsdauern (Berichte über etwa 30 Tage) und kombinierten Schutzpraktiken (Amulette, Psalmen, Wachnächte). In christlichen und indoeuropäischen Kontexten gibt es zahlreiche Parallelen; die materielle Logik (Eisen = Grenze) bleibt konstant, auch wenn theologische Deutungen variierten. Insgesamt zeigt sich eine Kontinuität: die Klinge bleibt primär ein Grenzzeichen — weniger als offensive Waffe, mehr als sichtbare, materielle Linie gegen das Unsichtbare.
In Pennsylvania bei den Nachfahren der deutschsprachigen Einwanderer aus Südwestdeutschland hat sich das „Drudenmesser“ lange gehalten. Das meist als Klappmesser konzipierte Artefakt wurde oft von Fuhrleuten geführt, die nicht wissen konnten, in welchem Haus sie in der nächsten Nacht übernachten würden. Damit auch auch unklar, ob der Hauseigentümer für die notwendige Dämonenabwehr gesorgt hatte, z.B. durch Anbringung entsprechender Schutzsymbole oder Bannsprüche. Um mit dieser Unsicherheit umgehen zu können, rammten die Fuhrleute Drudenmesser mit der Klinge nach außen ins das hölzerne Fußteil der Bettkonstruktion. Da die Drude immer vom Fuß her ins Bett steigen musste, bot diese Maßnahme effektiven Schutz. Sollte sie es versuchen, würde sie sich verletzen und von ihrem Opfer ablassen. Aus der Drude (auch Trotterkopf, Albdrude) entwickelte sich durch Miniaturisierung und Verbannung in den Wald die Elwedritsch.
Literatur
Sabar, Shalom. „Childbirth and Magic: Jewish Folklore and Material Culture.“ In Cultures of the Jews: A New History, herausgegeben von David Biale, S. 670–722. New York: Schocken Books, 2002.
Kirchner, Paul Christian; herausgegeben von Sebastian Jacob Jungendres. Jüdisches Ceremoniel, oder Beschreibung dererjenigen Gebräuche, welche die Juden … in acht zu nehmen pflegen. Nürnberg: Peter Conrad Monath, 1724.
Trachtenberg, Joshua. Jewish Magic and Superstition: A Study in Folk Religion. New York: Pantheon Books, 1939. (Neuauflage / Nachdruck: Martino Fine Books, 2013, ISBN 978-1-61427-407-0.)