
Einleitung
Die Gestalt der Drude ist ein zentrales Element des deutschsprachigen Dämonenglaubens und der Volksmythologie. Im Spannungsfeld zwischen Schlafphänomen, Dämonologie und historischer Rechtspraxis (z. B. der Hexenprozesse) verankert, gewährt die Drude Einblicke in die mentalen und soziokulturellen Bedingungen früherer Epochen. Dieser Artikel untersucht die Drude – ihre Herkunft, Funktion, Gestaltwandlung, die Unterscheidung zu Hexen, ihre Rolle in juristischen Prozessen und ihren Wandel im Laufe der Zeit – mit einem wissenschaftlich-analytischen Ansatz und unter Bezugnahme einschlägiger Forschung.
1. Etymologie und historische Ursprünge
1.1 Linguistische Wurzeln
Der Begriff Drude (Plural Druden) lässt sich philologisch auf das mittelhochdeutsche trûte zurückführen, wobei die genaue Etymologie unsicher bleibt. Manche sehen eine Verbindung zum altnordischen „trudan“ (treten). Laut Jacob Grimm könnte eine Verbindung zu „trût / traut“ („lieb, vertraut“) bestehen, eine euphemistische Umschreibung dämonischer Wesen. Gleichzeitig schlägt Grimm eine mögliche Verbindung zur altnordischen Walkürenfigur Þrúðr vor.
Darüber hinaus gibt es volksetymologische Assoziationen mit dem Druidentum, also der Bezeichnung Druide, obwohl diese Herleitung etymologisch nicht haltbar ist. Ab dem 19. Jahrhundert wird in Quellen auch der Begriff „Albdrude“ als Synonym greifbar. Das Kompositum dürfte aber deutlich älter sein.
1.2 Volkmythische und religiöse Wurzeln
Druden sind eng verwandt mit anderen Nachtgeistgestalten wie dem Alp (Nachtalp) oder der Mara. In der älteren germanischen Vorstellung waren solche Wesen weniger mit persönlicher Schuld verbunden als mit allgemeinen Kräften des Unheils, Krankheit oder mahnenden, ambivalenten Mächten. Später, im frühneuzeitlichen Kontext, wurden solche alten Vorstellungen zunehmend im Raster christlich-dämonologischer Konzepte interpretiert.
Der Volkskundler Wilhelm Mannhardt, ein Pionier der vergleichenden Religionsforschung, widmete sich den Dämonenglauben seiner Zeit und sammelte darüber Sagen und Berichte, die auch Figuren wie die Drude tangieren. Zudem reflektieren neuere Arbeiten zur Dämonologie, dass Druden im vor- und frühneuzeitlichen Europa teils als integraler Teil eines lebendigen Volksglaubens fungierten, der nicht einfach durch kirchliche Dämonologien ersetzt wurde.
2. Funktion des nächtlichen Brustdrucks („Alpdruck“)
2.1 Phänomenologische Deutung
Das markanteste Attribut der Drude ist ihr nächtliches Aufhocken auf den Brustkorb schlafender Menschen, wodurch Atemnot und Schlafstörungen (z. B. Schlafparalyse) verursacht werden. Dieses Phänomen korrespondiert eng mit dem kulturhistorischen Begriff des Alpdrucks (später „Albdrücken“). In prä‑modernen Gesellschaften diente die Drude als mythisches Erklärungsmuster für Erfahrungen, die heute medizinisch unter Schlafparalyse, Hypnagogen Halluzinationen oder sogar psychosomatischen Ursachen verstanden werden.
2.2 Sozial‑kulturelle und symbolische Bedeutung
- Moralische Ambivalenz: Die Drude ist nicht nur destruktiv, sondern kann Scham- oder Schuldgefühle verkörpern; sie ist ein Spiegel kollektiver Ängste vor Kontrollverlust im Schlafzustand.
- Apotropäischer Gebrauch: Um die Drude abzuwehren, wurde das Symbol des Drudenfußes („Drudenfuss“) verwendet – ein Pentagramm, das schützend auf Haus oder Schlafraum angewendet wurde.
- Volksmedizinische Praktiken: Schutzrituale, Sprüche oder Gegenstände (z. B. Drudensteine – kleine Steine mit Loch) wurden genutzt, um Nachtgeister abzuwehren und schlafbezogene Leiden zu mildern.
3. Gestaltwandel und Metamorphosen
3.1 Typische Erscheinungsformen
Überlieferungen beschreiben Druden als Gestaltwandler. Zu den häufig berichteten Formen gehören:
- Alte, hagere Frauengestalt
- Tiere (Vögel wie Eulen oder Krähen, Katzen, Marder)
- Nebel, Wind oder andere immaterielle Formen
Diese Wandelbarkeit betont ihre liminale Natur – sie ist weder rein physisch noch ganz spirituell, sondern vermittelt zwischen Welten.
3.2 Bedeutung des Gestaltwandels
- Symbolik der Fluidität: Der Wechsel zwischen Tier, Mensch und Element zeigt die instabile, grenzüberschreitende Identität von Dämonenwesen in der Volksvorstellung.
- Erklärung nächtlicher Phänomene: Inösen Gestalten lässt sich leichter imaginiert ein nächtliches Eindringen in Häuser zuschreiben – Tiere oder Nebel können durch Ritzen gelangen, was das Bedrücken im Schlaf metaphorisch „sichtbar“ macht.
- Moralisch-rituelle Funktion: In manchen Versionen sind Druden Seelen von Frauen, die im Leben unerfüllt waren oder einen sozialen Ritus wie die Taufe nicht korrekt durchlaufen haben. In solchen Geschichten „reisen“ ihre Seelen nachts in anderer Form, was das Gestaltwandeln begründet.
4. Abgrenzung von Druden zu Hexen
4.1 Ontologische Differenzierung
- Druden: Übernatürliche – erst ab dem 16. Jahrhundert auch menschliche – Wesen, häufig mit dämonischen oder geisterhaften Qualitäten, aber nicht notwendigerweise moralisch „böse“ im modernen Sinn.
- Hexen: Menschliche (meist weibliche) Personen, denen durch Kirche und Justiz Magie, Pakt mit dem Teufel oder schädliche Zauberei unterstellt wurde.
Diese Unterscheidung ist zentral: Druden sind kein konkretes soziales Subjekt, sondern ein mythologisches Konzept – Hexen hingegen sind Teil realer historischer Prozesse, insbesondere der Hexenverfolgung.
4.2 Überschneidungen und Vermischungen
- Im 16. Jahrhundert begann der Begriff Drude auch als allgemeine Bezeichnung für „Hexe“ verwendet zu werden (etwa bei Hans Sachs).
- Einige Dämonologen mischten in ihren Schriften die Vorstellungen von Druden und Hexen, was in hexenrechtlichen Kontexten zu begrifflicher Unschärfe führte.
- Gleichzeitig blieb ein Teil des Volksglaubens bestehen, in dem Druden nicht unbedingt mit Hexerei gleichgesetzt wurden.
5. Druden in Hexenprozessen
5.1 Seltenheit in Prozessakten
Obwohl Druden ein prominentes Motiv im Volksglauben waren, tauchen sie in den Prozessakten der Hexenverfolgungen nur selten als juristisch relevante Kategorie auf. In den meisten Fällen standen der Teufelspakt, Hexensabbat oder magische Schädigungen im Zentrum der Anklagen. Die Drude als spezifische Dämonengestalt war daher für die Richter meist keine eigene Kategorie.
5.2 Indirekte Erwähnungen
- In einigen regionalen Protokollen finden sich Begriffe wie Trute oder Trudenflug, was auf Vorstellungen von nächtlichen Dämonenreisen hindeutet.
- Ein prominentes Beispiel ist der Shaman von Oberstdorf (Chonrad Stoeckhlin): Historiker wie Wolfgang Behringer untersuchen in seinem Werk die „Phantome der Nacht“, in deren Rahmen Vorstellungen von Nachtwesen, Visionen und dämonischen Begegnungen eine Rolle spielen.
- Wissenschaftliche Studien der Dämonologie betonen, dass frühneuzeitliche Schriften (z. B. von Theologen und Juristen) zwar Volksglauben aufnahmen, ihn aber oft neu konzeptualisierten – Druden wurden so eher symbolisch denn juristisch verhandelt.
6. Wandel im modernen Kontext
6.1 Aufklärung und romantische Rezeption
Mit der Aufklärung verloren Druden zunehmend ihren realen Schrecken: Sie galten als Aberglaube, der durch Rationalismus und naturwissenschaftliche Erklärungen ersetzt werden konnte. In der Romantik jedoch erlebten sie eine Wiederbelebung – als poetische, mythische Figuren, Teil romantischer Sagen und literarischer Dämonologie.
6.2 Zeitgenössische Interpretation
Heute werden Druden häufig kulturwissenschaftlich und psychologisch interpretiert:
- Psychologie: Druden als metaphorische Projektion für Schlafparalyse, Angst, Trauma.
- Volkskunde und Kulturanthropologie: Untersuchung von Druden im Brauchtum (z. B. Drudenfuß, Drudenstein) als Teil des immateriellen Kulturerbes.
- Popkultur: In Literatur, Horror-Genres oder Esoterik werden Druden wieder aufgenommen, oft mit modernen Elementen (z. B. Dämonen, Albträume, magische Schutzzeichen).
Schlussfolgerung
Die Drude stellt ein paradigmatisches Beispiel für die Vermischung von Volksglauben, psychologischen Erfahrungen und religiöser Dämonologie dar. Sie verdeutlicht, wie vormoderne Gesellschaften unerklärliche Phänomene wie Schlafparalyse in mythische Gestalten übersetzten. Während ihre Rolle in hexenrechtlichen Verfahren begrenzt war, bleibt ihre kulturelle und symbolische Bedeutung hoch – sowohl historisch als auch in der heutigen Forschung.
Literatur
- Behringer, Wolfgang: Chonrad Stoeckhlin und die Nachtschar: Eine Geschichte aus der frühen Neuzeit. Piper, München 1994.
- Durrant, Jonathan / Bailey, Michael D.: Historical Dictionary of Witchcraft. Rowman & Littlefield, Lanham 2012.
- Scholz Williams, Gerhild: „Demonologies: Writing about Magic and Witchcraft.“ In: Early Modern German Literature 1350–1700. Cambridge University Press, 2023.
- Mannhardt, Wilhelm: verschiedene volkskundliche Sammlungen (u.a. zu Dämonenglauben).
- Nicholls, Angus: „Dämonisch, das Dämonische.“ In: Goethe-Lexikon (Eintrag zum Daemonischen), zur Kulturgeschichte dämonischer Vorstellungen.