
1. Einleitung
Die Schlafparalyse (engl. sleep paralysis) ist ein biologisch gut erklärbares Phänomen: Während des Übergangs zwischen Schlaf und Wachsein kann der Körper vorübergehend bewegungsunfähig sein, häufig begleitet von Halluzinationen und dem Gefühl eines erdrückenden Gewichts auf der Brust. Doch die Erklärung des Erlebten fällt kulturell sehr unterschiedlich aus. In der Türkei wird dieses Phänomen häufig mit dem Dämon Karabasan assoziiert, während in mitteleuropäischen und germanischen Traditionen Figuren wie die Mahr / der Nachtmahr (auch Alp, Mare) eine ähnliche Rolle einnehmen. Der folgende Vergleich zeigt, wie zwei sehr verschiedene kulturelle Narrative ein universelles physiologisches Phänomen interpretieren, welche Gemeinsamkeiten und Differenzen bestehen und welche Implikationen sich daraus für die kulturpsychologische Forschung ergeben. Der türkische Karabasan ist für die pfälzischen Elwedritsche deshalb von Bedeutung, weil er als kulturelles Bindeglied zwischen Orient (Mesopotamien, Persien) und Okzizent (Mitteleuropa) fungiert. Mit ihm wird einmal mehr deutlich, dass das Konzept der nächtlichen Druckdämonen aus dem Morgenland nach Europa und in die Pfalz kam. Damit stützt der Karabasan die 2024/25 vorgestellte psychologisch-memetische These zur Entstehung der Elwedritsche.
2. Karabasan: Der Schlafdämon in der türkischen Kultur
2.1 Begriffsherkunft und volkstümliche Vorstellung
Der Begriff Karabasan setzt sich im Türkischen aus kara („schwarz, dunkel“) und basan („drückend, pressend“) zusammen. Das Wort beschreibt damit sehr bildhaft die Erfahrung eines schweren, drückenden Wesens: eine dunkle Kraft, die „auf einen drückt“ im Schlaf. In der wissenschaftlichen Literatur wird Karabasan klar als Teil des Erklärungsrahmens von Schlafparalyse (SP) betrachtet: In einer Studie mit 59 Studierenden in Istanbul im Jahr 2020 gaben 88 % an, dass sie den Begriff „Karabasan“ kannten, wenn sie über SP reden, und 17 % glaubten, dass ihre SP von genau diesem übernatürlichen Wesen verursacht sei.
Fallstudien belegen zudem religiöse und magisch-spirituelle Bewältigungsstrategien: 37 % der Studierenden berichteten, dass sie religiöse Praktiken wie das Rezitieren des Qur’an, das Sprechen von dua (Bittgebeten) oder das Tragen von Musqa (Amuletten mit Qur’an-Versen) nutzten, um weitere Angriffe abzuwehren. Das bedeutet: Im Gegensatz zu Mitteleuropa, wo wir uns das Konzept der Druden, Mahre und Alben heute historisch erschließen müssen, ist die Angst vor demselben Dämon in der Türkei des 21. Jahrhunderts noch immer Alltag!
2.2 Phänomenologie von Karabasan-Episoden
In den Interviews beschreiben Betroffene typische Symptome:
- Lähmung: Der Körper ist bewegungsunfähig, obwohl das Bewusstsein teilweise aktiviert ist.
- Druck auf der Brust: Viele berichten von einem schweren Druck, einem „Sitzgefühl“ auf dem Brustkorb, das die Atmung zu blockieren scheint.
- Halluzinationen: In Fallberichten erscheint Karabasan als dämonische Gestalt, z. B. eine Frau mit verbranntem Gesicht, die ein furchteinflößendes Geräusch macht und den Eindruck vermittelt, den Betroffenen körperlich zu berühren.
- Religiöse und moralische Interpretation: Einige Betroffene sehen die Besuche von Karabasan als spirituelle Strafe für das Vernachlässigen religiöser Pflichten (z. B. Gebet, Dua).
2.3 Schutz- und Abwehrpraktiken
Die traditionellen Gegenmaßnahmen gegen Karabasan sind vielfach religiöser Natur:
- Rezitation des Qur’an vor dem Schlafen, insbesondere bestimmter Suren.
- Tragen von Musqa (Amuletten), die mit Qur’an-Versen beschriftet sind.
- Bittgebete (Dua) vor dem Zubettgehen: Diese Praktiken zeigen, dass Karabasan nicht nur als Dämon, sondern häufig als Teil religiöser Weltbilder interpretiert wird, insbesondere im Kontext des islamischen Glaubens.
2.4 Kulturelle Einbettung und Bedeutung
Karabasan ist kein Randphänomen, sondern tief im türkischen Volksglauben verankert. Er ist eine kulturell spezifische Interpretation eines universellen physiologischen Zustands. Die starke Verbreitung des Begriffs in der präsentierten Studie (88 %) legt nahe, dass das Phänomen sowohl bekannt ist als auch sozial geteilt wird – nicht nur als medizinisches oder psychologisches Problem, sondern als spirituelle Bedrohung mit religiöser Bedeutung.
Darüber hinaus weist die folkloristische Forschung darauf hin, dass Karabasan zu einer Reihe von „basmak“-Dämonen gehört (das türkische Verb basmak bedeutet „drücken, niederdrücken“) – eng verwandt mit anderen Schlafdämonen wie Albastı.
3. Der Mahr / Nachtmahr: Das europäische Schlafdämon-Konzept
3.1 Begriff und historische Herkunft
Der Mahr (auch: Nachtmahr, Alp, Mare) ist eine Figur aus germanischer und mitteleuropäischer Folklore. In vielen Sprachen spiegelt sich seine Rolle wider: Das englische „nightmare“, das deutsche „Albtraum“ („Alp“ = Dämon, „Traum“ = Traum) oder das skandinavische mareritt.
Etymologisch leitet sich der Begriff „Mahr“ vom altnordischen mara bzw. proto-germanischen marōn ab. Diese Wörter bezeichnen ein übernatürliches Wesen, das auf den schlafenden Körper „reitet“ oder ihn „drückt“.
3.2 Phänomenologie und mythologische Beschreibung
Historisch wurde dem Mahr zugeschrieben, dass er auf der Brust des Schlafenden sitzt und ihn erstickt oder schwächt (manchmal im übertragenen Sinne, durch Albträume).
In der deutschen Folklore etwa drückt der Alp (eine Variante des Nachtmahrs) so lange auf den Schlafenden, bis dieser erwacht, oft mit panischem Atem und Gefühl von Erstickung oder Klaustrophobie.
Der Mahr ist dabei nicht immer klar personifiziert; manchmal handelt es sich um eine „lastende Präsenz“, oft aber auch um ein dämonisches Wesen, das in bestimmten Legenden eine konkrete Gestalt hat.
3.3 Kulturelle und sprachliche Bedeutung
Das Konzept des Mahr / Nachtmahrs ist tief in der europäischen Kulturgeschichte verwurzelt:
- Sprachlich ist das Wesen im Wort „Albtraum“ noch heute präsent („Alp“ = Dämon, „Traum“ = Traum).
- Mythisch existieren zahlreiche Variationen (Alp, Mare, Mahr), häufig weiblich, manchmal mit übernatürlichen Fähigkeiten wie Gestaltwechsel oder das Weben von Träumen.
- Psychologisch diente das Konzept früher als Erklärung für unerklärliche nächtliche Ängste, Atemnot im Schlaf oder andere Schlafstörungen, bevor moderne Schlafforschung existierte.
4. Vergleich: Karabasan vs. Mahr / Nachtmahr
In diesem Abschnitt werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Karabasan und dem Mahr / Nachtmahr systematisch herausgearbeitet.
4.1 Gemeinsamkeiten
- Phänomenologische Parallelen
- Beide werden mit dem Gefühl des Erstickens oder der Lähmung in Verbindung gebracht. Beim Karabasan berichten Betroffene von Druck auf der Brust und bewegungsunfähigkeit.
- Der Mahr / Alp wird traditionell als „Reiter“ auf der Brust des Schlafenden gesehen oder als drückende Präsenz, die das Atmen erschwert.
- Kulturelle Erklärung von Schlafparalyse
- In beiden Kulturen dienen diese Dämonenmythen als narrative Antwort auf ein beängstigendes physiologisches Erleben.
- Sie ermöglichen die Externalisierung von Angst: Statt das Phänomen rein als physiologisches Problem zu sehen, wird eine dämonische Entität verantwortlich gemacht.
- Verteidigungs- und Abwehrmechanismen
- Religiöse oder magische Praktiken: Im türkischen Fall mit Qur’an-Rezitation, Amuletten (Musqa) und Gebeten
- Im europäischen Kontext historisch verschiedene Schutzrituale, Volksglauben und Aberglauben (obwohl diese Praktiken sehr stark variieren abhängig von Region und Epoche).
- Universelle Menschliche Erfahrung
- Beide Phänomene zeigen, dass Schlafparalyse kulturell überformt wird, aber auf einem universellen neurophysiologischen Kern basiert.
- Solche Mythen existieren in vielen Gesellschaften: Die Sleep-Paralysis-Halluzination als „dämonischer Angriff“ ist kein türkisches oder europäisches Alleinstellungsmerkmal, sondern global verbreitet. Dies unterstreicht, wie Menschen biologische Realitäten mit kulturellen Erzählungen verbinden.
4.2 Unterschiede
- Kulturelle Einbettung und religiöser Kontext
- Karabasan ist stark im islamischen Rahmen verankert: Viele Betroffene deuten den Dämon als Jinn oder dämonisches Wesen aus islamischer Dämonologie, und die Abwehrmethoden sind religiös (Qur’an, Dua, Amulette).
- Mahr / Nachtmahr stammt aus vor- bzw. frühchristlichen, germanisch-europäischen Traditionen; seine mythologische Einbettung hat sich historisch stark gewandelt (mit Einflüssen aus Volksglauben, Christentum, Volksmedizin).
- Grad der Personifizierung
- Karabasan wird in Fallbeschreibungen oft sehr konkret personifiziert: Als gestaltlicher Dämon, mit brennendem oder verbranntem Gesicht, mit Stimme, Greifbarkeit.
- Der Mahr oder Alp ist tendenziell weniger fest konturiert: In manchen Überlieferungen ist er eine drückende Präsenz, in anderen ein mit Persönlichkeit ausgestattetes Wesen. Seine Erscheinungsformen sind variabler.
- Moderne Relevanz und Forschung
- Die Forschung zu Karabasan ist relativ aktuell: Die oben genannte Studie in Transcultural Psychiatry (Jalal, Eskici, Acartürk & Hinton, 2020) zeigt, dass das Konzept heute noch stark im Bewusstsein junger, städtischer Türken verankert ist.
- Der Mahr / Nachtmahr ist historisch gut belegt, aber in der modernen Schlafforschung weniger oft als spezifisches kulturelles Konzept untersucht; viele Untersuchungen konzentrieren sich auf übergreifende Phänomene wie night hag / Old Hag oder generelle Sleep-Paralysis-Mythen.
- Soziale Angst und Moral
- Bei Karabasan-Berichten finden sich moralische Bewertungen: Einige Betroffene sehen SP als „spirituelle Strafe“ für das Vernachlässigen religiöser Pflichten.
- Beim Mahr / Nachtmahr ist die moralische Interpretation weniger einheitlich: Er kann als generelles böse Wesen auftreten, aber nicht zwangsläufig als direkter moralischer Richter – der Fokus liegt oft auf dem unerklärlichen Albtraum oder Druckgefühl, weniger auf religiöser Buße.
5. Kulturell-psychologische Implikationen
5.1 Bedeutung für die klinische Praxis
- Kulturelle Sensibilität: Therapeutinnen und Schlafmedizinerinnen müssen die kulturellen Erklärungsmodelle wie Karabasan oder Mahr kennen, um Betroffene angemessen zu verstehen. Wenn jemand eine SP-Erfahrung als dämonischen Angriff deutet, kann eine rein neurophysiologische Erklärung unzureichend oder abwertend sein.
- Psychoedukation: Eine Kombination aus Aufklärung über neurophysiologische Aspekte und Respekt für kulturelle Narrative kann helfen. Beispielsweise kann man Betroffene über die REM-Atonie informieren und gleichzeitig ihre religiösen oder spirituellen Bewältigungsstrategien (z. B. Gebet, Amulette) anerkennen und integrieren.
5.2 Bedeutung für die Kulturforschung
- Der Vergleich zeigt, wie universelle biologische Phänomene kulturell interpretiert und lokal modifiziert werden.
- Solche Mythen sind nicht „reine Überreste alter Volksglauben“, sondern lebendige Teile moderner Deutungs- und Bewältigungssysteme.
- Forschungen wie die Studie von Jalal et al. (2020) zeigen, dass die Dämonisierung von Schlafparalyse relevant bleibt, selbst in säkularen Bevölkerungsgruppen.
5.3 Paradigmen für interdisziplinäre Forschung
- Ethnopsychologie: Analyse, wie Schlafparalyse in verschiedenen Kulturen erlebt, gedeutet und bewältigt wird.
- Religionswissenschaft: Untersuchung der Rolle religiöser Praktiken (z. B. Gebet, Amulette) als Schutzmechanismen gegen Karabasan.
- Schlafmedizin: Integration von kulturhistorischen Erkenntnissen in die klinische Diagnostik und Therapie, um Behandlungsansätze zu individualisieren.
6. Schlussbemerkung
Der Karabasan und der Mahr / Nachtmahr (Alp, Mare) sind eindrucksvolle Beispiele dafür, wie Menschen weltweit neurobiologische Erfahrungen mit kulturellen Erzählungen überlagern. Obwohl das zugrundeliegende Phänomen – die Schlafparalyse – universell ist, nehmen die Deutungen sehr unterschiedliche Formen an: religiös und strukturiert bei Karabasan, historisch mythisch und sprachlich variabel beim Mahr. Der Vergleich dieser Konzepte zeigt nicht nur kulturelle Vielfalt, sondern auch die psychologische Funktion solcher Mythen: Sie geben dem Erlebten Sinn, bieten Bewältigungsstrategien und helfen, die Angst vor dem „unheimlichen Ich“ zu externalisieren.
Literaturverzeichnis / Quellen (Auswahl)
- Jalal, Baland; Eskici, H. Sevde; Acartürk, Ceren; Hinton, Devon E. (2020). Beliefs about sleep paralysis in Turkey: Karabasan attack. Transcultural Psychiatry, 58(3), 414–426. DOI: 10.1177/1363461520909616.
- Hallaç, Ahmet Tacetdin; Yıldırım, Seyfullah (2024). „Mitik Varlıklar … Bastırık, Karabasan oder Albastı“. In: Folklor / Edebiyat, 30(117), S. 65–84. doi:10.22559/folklor.2625.
- Cox, David (2015, 30. Oktober). Vampires, ghosts and demons: the nightmare of sleep paralysis. The Guardian. (Populärwissenschaftlicher Überblick über kulturelle Interpretationen von SP)
- Scientific American (Online-Artikel). „Sleep Paralysis and the Monsters Inside Your Mind“. (Erklärt, wie Kulturen weltweit Schlafparalyse mythisch deuten)
- Herts-Repo (Universitäts-Repository): „The nightmare experience, sleep paralysis and witchcraft“. (Wissenschaftlicher Text zur Geschichte des Mahr / Nachtmahrs)
- Wiki-Artikel „Mare (Folklore)“. (Zusammenfassung mythologischer Aspekte des Mahrs / Nachtmahrs)
- Wikipedia „Nachtalb“. (Etymologie und Volkssagen)