1. Einleitung

Das Phänomen des Bakhtak (persisch بختک), häufig mit Schlafparalyse („night hag“) assoziiert, ist tief in der persisch-iranischen Volkskultur verwurzelt. Es verbindet folkloristische, religiöse und medizinische Elemente, die im Laufe der Jahrhunderte eine reiche Tradition der Abwehr („apotropäische Maßnahmen“) ausgebildet haben. Ziel dieses Artikels ist es, diese Tradition systematisch zu rekonstruieren, ihre historischen Wurzeln und ihre Deutung im Wandel zu zeigen sowie moderne medizinische Interpretationen (z. B. Schlafparalyse) zu integrieren. Hinter allen Abwehrmaßnahmen steht der Wunsch, „Kontrolle zu gewinnen“. Dies kann mit Dämonen abweisenden – apotropäischen – Maßnahmen ebenso erfolgen wie mit einer ritualisierten – immer erfolglosen – Scherzjagd wie der „Elwedritsche Jagd“. Interessant ist, dass es vergleichbare Gemeinschafts-Events im persisch-iranischen Raum nicht gibt. Dort – nahe des Ursprungs der neolithischen Revolution und der damit verbundenen frühen Praktiken gegen nächtliche Schaddämonen – hat sich der Respekt vor dem „Bösen“ ursprünglicher erhalten als im fernen Europa, wohin das kulturelle Muster („Mem“) erst im Laufe der indoeuropäischen Migration gelangte. So ist das mit der Memetik: Je weiter zwei Meme räumlich und zeitlich getrennt sind, desto unterschiedlicher können sie sein. Nur deshalb konnten sich im slawischen, germanischen und romanischen Kulturkreis rituelle Spaßjagden auf vermeintliche Fabeltiere (als memetisch verkleinerte Versionen des ursprünglichen Dämons) entwickeln. Hier, wo der ursprüngliche Kontext deutlich weiter entfernt ist als zum Beispiel in Teheran, kann sich ein kreativer Geist frei entfalten und etwas wie eine rituelle, aber immer erfolglose Jagd entwickeln, die letztlich auch Kontrollgewinn verspricht. In der iranisch-persischen Region überwiegen noch Angst und Respekt. Deshalb spielen Abwehrmaßnahmen gegen den nächtlichen Drückdämon weiter eine große Rolle.

2.1 Begriffliche und historische Verortung

In der Encyclopaedia Iranica wird Bakhtak als eine „she-creature of horrible shape, personifying a nightmare“ charakterisiert. Angeblich war sie eine der Sklavinnen Alexanders des Großen, die das „Wasser des Lebens“ (āb-e ḥayāt) trank, woraufhin sie unsterblich wurde. In Volksüberlieferungen wirft sich Bakhtak auf den Schlafenden, besonders auf seine Brust, was Druck, Atemnot und Bewegungsunfähigkeit bewirkt („suffocating black bundle“). Ihre Nase spielt eine symbolische Rolle: Wenn der Schlafende ihre Nase ergreift („grab her nose“), so heißt es in der Legende, verrät Bakhtak einen Schatz („wo alle Schätze der Erde verborgen sind“). Sie ist auch unter anderen Namen bekannt, z. B. Bīnīgelī („Ton-Nase“) oder Ḡūl („Ghul“), was ihre dämonische Natur unterstreicht. Verwandte Kreaturen in der regionalen Folklore sind etwa: die Āl (ein weiblicher Dämon), Taptapo (in der Region Rāmhormoz), Ševlī (Arāk) oder Šavah (Ḵomeyn). Die Verbindung zu anderen Kulturkreisen ist ebenfalls bemerkenswert: Das Konzept des „Night Hag“ ist nicht nur persisch, sondern in vielen Kulturen verbreitet.

 2.2 Mythologische und kulturelle Einbettung

Laut der Iranica ist Bakhtak nicht nur eine folkloristische Figur, sondern tief in Legenden verwoben: Ihre Herkunftsgeschichte mit Alexander dem Großen etwa deutet auf einen mythologischen Archetypus. Im Rahmen der persischen Folklore ist die Figur Teil eines größeren Systems von Dämonen- und Geisterglauben. So existiert etwa der Āl, ein Dämon, der besonders nach der Geburt von Neugeborenen angreift, was parallele Ätiologien mit Bakhtak erkennen lässt. In der Disziplin der Folkloreforschung Persiens spielt Bakhtak eine Rolle in der Volksüberlieferung der ʿaqāyed o rosūm („Glauben und Bräuche“).

3. Traditionelle Erklärungen: Ursachen, Ätiologie

3.1 Traditionelle Perspektiven

In der klassischen persischen bzw. islamisch-persischen Medizin wurden Zustände, die man heute mit Schlafparalyse assoziiert, unter Begriffen wie kabus beschrieben. Zum Beispiel behandelt Akhawayni (ca. 10. Jahrhundert) in seiner medizinischen Abhandlung „Hidayat al-mutaʿallemin fi al-tibb“ einen Zustand, der dem modernen Schlafparalyse-Phänomen sehr nahekommt. Golzari et al. (2012) analysieren diese Quellen und zeigen, dass Akhawayni Symptome wie das „Gefühl, etwas Schweres auf der Brust zu haben“, Immobiltät und Angst schildert. In der traditionellen persischen Medizin werden zwei Hauptursachen für Schlafparalyse angegeben: Erstens die „Evaporation von Dampf zum Gehirn“ (also übermäßige Feuchtigkeit oder Dämpfe, die in das Gehirn aufsteigen), zweitens eine „dystemperierte“ (fehlgeformte) Beschaffenheit des Gehirns, besonders durch Kälte. Solche metaphysisch-physiologischen Deutungen sind typisch für eine Medizin, in der das Gleichgewicht von Hitze, Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit (Temperament, „mizāj“) zentral ist.

3.2 Kulturelle und mythische Erklärungsmodelle

Aus folkloristischer Sicht ist Bakhtak nicht nur eine „Krankheit“, sondern ein aktives Wesen mit Absicht: In der Legende verrät sie Schätze, wenn man ihre Nase ergreift. Ihre personifizierte Gestalt (weiblich, dämonisch) korrespondiert mit anderen Dämonenfiguren wie der Āl, wodurch Angst vor dem Übernatürlichen mit medizinischen Erfahrungen (z. B. Schlafparalyse) verwoben wird.

Im persisch-iranischen Raum entwickelten sich im Laufe der Zeit vielfältige Strategien zum Schutz vor Bakhtak. Diese lassen sich systematisch in schriftsprachige, materielle, häusliche, medizinisch-therapeutische und rituelle Maßnahmen gliedern.

3.3 Schriftsprachige / Rituelle Maßnahmen

  1. Qurʾān-Rezitation / Ruqyah
    • In islamisch geprägten Regionen ist das Rezitieren heiliger Verse (z. B. Ayat al-Kursi, bestimmte Suren) eine weit verbreitete Praxis, um Dämonen abzuwehren.
    • Traditionelle Heiler (Ruqyah-Personen) führen regelmäßig ritualisierte Heilgebete durch, wenn jemand von nächtlichen Erfahrungen wie Bakhtak geplagt wird. In Pennsylvania würde man von Brauchern sprechen. Die gab es früher auch in der Pfalz.
    • Diese Praxis ist nicht nur spirituell motiviert, sondern hat auch eine psychologische Komponente: Das laute Rezitieren kann das subjektive Gefühl von Sicherheit erhöhen und Angst lindern.
  2. Volksformeln, Sprüche und Aberglaube
    • In ländlichen Gegenden existieren populäre Beschwörungsformeln oder „Hauszauber“, die in der gesprochenen Tradition weitergegeben werden.
    • Manche dieser Sprüche beinhalten konkrete Anweisungen, wie man die Nase des Dämons berühren soll (analog zur Legende), wodurch die Dämonenfigur gezähmt oder abgewehrt wird. Diese Spruchpraktiken können als eine Form von apotropischer Magie verstanden werden.

Materielle Schutzzeichen und Amulette

  1. Taʿwīz / Amulette
    • Kleine Schriftamulette („taʿwīz“) mit Qurʾān-Versen, Gottesnamen oder speziellen Zauberformeln werden häufig am Körper getragen (z. B. um den Hals) oder im Bett platziert.
    • Solche Talismane dienen als persönlicher Schutz gegen „das Böse“ und stehen in der lokalen Volksmedizin in enger Beziehung zur religiösen Heiltradition.
  2. Symbolische Objekte
    • Eisen (z. B. Nadeln) und Nadeln werden traditionell verwendet, um negative Kräfte abzuwehren. In vielen Kulturen gilt Eisen als apotropisch, also schützend gegen böse Geister.
    • Weitere Schutzsymbole können in Form von Handsymbolen (z. B. Hamsa) oder Augen-Amuletten („Nazar“) auftreten, die das Böse abwenden sollen.

Haus- und Alltagspraxen

  • Schlafpraktiken: Überlieferte Ratschläge betreffen die Ausrichtung des Bettes, das Vermeiden offener Fenster, das Einschalten von Licht oder Lampen in der Nacht oder das Platzieren von Salzgefäßen im Schlafraum. Solche Praktiken kombinieren symbolische und pragmatische Elemente.
  • Verhalten Schwangerer / Mütter: In vielen Regionen wird besonderer Schutz für schwangere Frauen und Neugeborene praktiziert. So sollen Sicherheitsnadeln an Kleidung befestigt werden oder bestimmte Amulette getragen werden, um Bakhtak oder ähnliche Geister fernzuhalten (vgl. Parallelen zum Dämon Āl). Dies verweist klar auf die Verbindung zu den frühen mesopotamischen Dämonen Li-li-tu (Lilith) und Lamashtu, die es bei ihren nächtlichen Attacken auf Schwangere, Wöchnerinnen und Säuglinge abgesehen hatten.

4. Medizinisch-therapeutische Interventionen in der traditionellen Medizin

In der persischen Medizin (PM) wurden neben rituellen Strategien auch medizinisch-therapeutische Empfehlungen gegeben:

  1. Diätetische Modifikation: Anpassung der Ernährung, um das Gleichgewicht der Körpersäfte (Humores) zu stabilisieren.
  2. Pflanzliche Therapien: Verwendung von Kräutern – sowohl oral als auch äußerlich – war gängige Praxis, um die „dampfförmigen“ Ursachen zu mildern.
  3. Manuelle Eingriffe: Eine bemerkenswerte Empfehlung ist Fasd (Aderlass, Phlebotomie), um überschüssige Feuchtigkeit oder pathologische Säfte zu entfernen und damit die zugeschriebene Ätiologie (z. B. feuchte Dämpfe) zu behandeln.

5. Psychosoziale und moderne Integrationen

In modernen ethno-medizinischen und kulturwissenschaftlichen Studien wird Bakhtak oft als kulturell überformte Interpretation der REM-Schlafparalyse gesehen. Wissenschaftler argumentieren, dass neurophysiologische Phänomene (Muskelatonie, hypnagogische Halluzinationen) in vielen Fällen durch das kulturelle Wissen über Bakhtak gedeutet werden – und umgekehrt die kulturelle Deutung das Erleben beeinflusst. Der Nutzen traditioneller Maßnahmen kann nicht ausschließlich medizinisch gemessen werden, aber ihre Wirksamkeit liegt oft im subjektiven Empfinden von Sicherheit, Ritualcharakter und sozialer Unterstützung.

6. Historische Fallbeispiele und Quellenanalyse

Der Mediziner Akhawayni (ca. 10. Jahrhundert) erwähnt in seinem Werk Hidayat al-mutaʿallemin fi al-tibb einen „night-mare“-Zustand vor seiner Beschreibung von Epilepsie. Golzari et al. (2012) analysieren Akhawaynis Beschreibungen: Er schildert u. a. das Gefühl, unbeweglich zu sein, Atemprobleme und Angst. Diese Merkmale stimmen erstaunlich gut mit modernen Beschreibungen der Schlafparalyse überein. Darüber hinaus vergleichen die Autoren Akhawaynis Schilderungen mit griechischen, mittelalterlichen und Renaissance-Texten zu ähnlichen Zuständen, was zeigt, dass das Phänomen in verschiedenen Kulturräumen bekannt war.

7. Synthese, Bedeutung und moderne Implikationen

Die Traditionen rund um Bakhtak verdeutlichen eine Schnittstelle zwischen Volksglauben und medizinischem Wissen. Während moderne Medizin Schlafparalyse überwiegend neurophysiologisch deutet, liefert die persische Volks- und Medizinkultur narrative und symbolische Deutungen, die für Betroffene oft genauso real sind wie körperliche Symptome. Apotropäische Maßnahmen haben folgende Funktionen:

  • Psychologische Komponente: Rituale, Amulette und Ruqyah bieten subjektive Sicherheit, eine Art „psychospirituellen Schutzraum“.
  • Soziale Funktion: Die Einbindung von Ruqyah-Heilern, Familienritualen oder das Tragen von Amuletten stärkt das Gemeinschaftsgefühl und bietet sozialen Halt.
  • Symbolische Bedeutung: Das Greifen nach der Nase von Bakhtak (wie in der Legende) kann psychologisch als aktive Handlung gegen Ohnmacht interpretiert werden — ein symbolischer Akt der Kontrolle über das Unheimliche.

8. Fazit

Bakhtak ist weit mehr als ein folkloristisches Gespenst: Sie ist ein kulturell verankerter Dämon, der medizinische, symbolische und soziale Dimensionen berührt. Die apotropäischen Maßnahmen gegen Bakhtak sind vielfältig: von Amuletten über Ruqyah bis hin zu diätetischer und pharmakologischer Therapie in der traditionellen persischen Medizin. Moderne Forschung interpretiert das Phänomen häufig als kulturell überformte REM-Schlafparalyse, was deutlich macht, dass wir es hier mit einem frühen Vorläufer der heutigen Elwedritsche zu tun haben.

Literatur

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  6. BAḴTAK – A folkloric she-creature of horrible shape, personifying a nightmare. In Encyclopaedia Iranica. Abgerufen von Iranica Online. (n.d.).

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