„Nachtmahr“ von J. H. Füssli um 1781

1. Einleitung: Das Verhältnis zwischen Menschen, Göttern und nächtlichen Wesen

In der Welt der germanischen Religion war das Verhältnis zwischen Menschen und Göttern alles andere als statisch. Die Götter galten nicht als immer gütig, sondern als wechselhafte, machtvolle Kräfte, die sowohl belohnen als auch bestrafen konnten. Vor diesem Hintergrund ist die weit verbreitete Vorstellung verständlich, dass die Gottheiten selbst nächtliche Wesen – Alben – entsenden konnten, um Menschen zu quälen oder zu warnen.

Wie tief das Konzept nächtlicher Strafgeister in die Religionspraxis eingebunden war, welche textuellen Belege es gibt, und wie die Verbindung von Krankheit, Schlafphänomenen und göttlicher Strafe in germanischen Kulturen funktionierte, soll in diesem Beitrag erörtert werden.

Dies ist wichtig, um die große Bedeutung der Alben in der Lebenswelt der Germanen zu verstehen. Nur vor diesem Hintergrund wird der mit der Christianisierung einhergehende Wandel der Vorstellungswelt und die damit verbundene Veränderung der Einschätzung von Schlafparalyse-Episoden verständlich. Was in der germanischen Welt als Gottesstrafe angesehen war, wurde im christlichen Kontext als Menschenfluch betrachtet. Aus der Albe entwickelte sich die Drude bzw. Albdrude. Nicht mehr Götter straften, wenn sie auftrat. Hier wirkte ein Menschenfluch. Der Antrieb der Drude war meist Neid. Im weiteren Verlauf der Geschichte miniaturisierten die Menschen die Albdrude zur „Elwedritsch“ und jagten sie in den Wald – um sie zu bannen. Ohne den Blick auf die Germanen bleibt die Erklärung, was sich hinter den Elwedritsche verbirgt, unvollständig.

2. Begriffs- und Motivgeschichte der Alben

Die Bezeichnung Alb (ahd. alp, ags. ælf, an. álfr) ist in allen germanischen Sprachen belegt. Nach altgermanischer Vorstellung gehörten Alben zu einer Schicht übernatürlicher Wesen, die weder eindeutig gut noch böse waren. Rudolf Simek beschreibt diese Doppelnatur prägnant:

„Die Alben gehören zu den ambivalentesten Wesen der germanischen Mythologie: heilsam, hilfreich, aber ebenso gefährlich und krankmachend.“
(Simek, Lexikon der germanischen Mythologie, Stuttgart 2006)

Auch Jacob Grimm hebt die ursprüngliche negative Komponente hervor:

„Der alb ist ursprünglich ein drückender, beängstigender Nachtgeist.“
(Grimm, Deutsche Mythologie, Bd. 1, 1875)

Diese Charakterisierung ist nicht sekundär, sondern uralt. Bereits die altenglischen medizinischen Manuskripte sprechen von Krankheiten, die durch Elfen verursacht werden.

3. Alben im Willen der Götter: ihre religiöse Funktion als Strafgesandte

3.1. Götter als aktive Verursacher menschlicher Plagen

Die germanischen Götter griffen aktiv in das menschliche Leben ein. Diese Eingriffe konnten segensreich oder schädigend sein. Es ist daher logisch, dass sie auch Alben als „Werkzeuge“ einsetzten. Jan de Vries betont:

„Der Mensch sah sich als Objekt göttlicher Willensakte, deren Wirkung sich in Glück wie Unglück äußerte.“
(de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte, Bd. 1)

Wenn Prozessionen missachtet, Schwüre gebrochen oder heilige Orte entweiht wurden, konnte eine übernatürliche Sanktion folgen. Die nächtliche Qual – Albdrücken, Albträume, Schlafunfähigkeit – wurde als solche Strafe interpretiert.

4. Nächtliche Alben und der Alpdruck

4.1. Der Alpdruck als physisch empfundene göttliche Strafe

Der sogenannte Alpdruck – ein plötzlicher nächtlicher Zustand von Atemnot, Lähmung und dem Gefühl eines drückenden Wesens – war im germanischen Kulturkreis weit verbreitet. Hinter ihm verbarg sich das medizinisch fassbare Phänomen der Schlaflähmung (Schlafparalyse). Grimm schreibt:

„Der Alp setzt sich auf die Brust des Schlafenden, drückt und quält ihn, bis er keuchend erwacht.“
(Grimm, Deutsche Mythologie, Bd. 1)

Auch in der altnordischen Tradition ist dies bekannt. Die isländische Bezeichnung martröð („Mara-Drangsal“) zeigt dieselbe Vorstellung. Im Grettis saga wird beschrieben, wie ein Geist einen Schlafenden bedrückt:

„ok settisk hann þungliga á brjóstit honum“ – „und er setzte sich schwer auf seine Brust“
(Grettis saga, Kap. 65)

Die Symptome gleichen exakt der modernen Schlafparalyse – ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie ein physiologisches Erlebnis mythologisch interpretiert wurde.

4.2. Alben als gesandte Strafgeister

Während in manchen Volkserzählungen Alben autonom handeln, betonen religionsgeschichtliche Analysen, dass sie als Teil einer göttlichen Hierarchie verstanden wurden. Simek argumentiert, dass viele Krankheits- und Schreckgeister „im Auftrag größerer Mächte“ handeln.

„Geister wie Alben, Mara oder Draugr erscheinen oft als Erfüllungsgehilfen göttlicher Entscheidungen.“
(Simek, Lexikon der germanischen Mythologie)

Die Idee der „gesandten“ Alben passt somit gut in das religiöse System.

5. Die Alben in medizinischen und magischen Texten: Krankheiten als Zeichen göttlicher Missbilligung

5.1. Die altenglische Lacnunga – Elfen als medizinischer Faktor

Das altenglische Heilbuch Lacnunga (10./11. Jh.) zählt mehrere Krankheiten auf, die ausdrücklich von Elfen verursacht wurden.

„gif mon bið of ælfe gescotan“ – „wenn ein Mensch von einem Elfen getroffen worden ist“
(Lacnunga, Rezept 64)

Das Wort gescotan („beschossen“, „getroffen“) deutet an, dass die Krankheit durch einen übernatürlichen Angriff entsteht – oft als Strafe interpretiert.

5.2. Die Ælfsiden-Beschwörung: Besessene als Opfer übernatürlicher Gewalt

Eine der bedeutendsten Quellen ist die sogenannte Ælfsiden-Beschwörung:

„ælf and ælfsiden habbað þisne man“ – „Elf und Elfenzauber haben diesen Mann ergriffen“
(Lacnunga, Rezept 35)

Das Verb habbað („haben“, „besitzen“) beschreibt eine Form der Besessenheit – ein klarer Hinweis auf ein übernatürliches Strafgeschehen.

6. Die Stellung der Alben im mythologischen Kosmos

Snorri Sturluson unterscheidet zwei Alben-Arten:

„ljósálfar eru fegri en sól, dökkálfar svartari en bik“
„Die Lichtalben sind schöner als die Sonne, die Dunkelalben schwärzer als Pech.“
(Snorri, Gylfaginning, Kap. 17)

Diese Unterscheidung verweist auf die moralische Ambivalenz der Alben, aus der sich leicht die Vorstellung ableiten lässt, dass dunkle Alben zur Strafe gesandt werden konnten.

Snorri berichtet außerdem:

„Svartálfar búa niðri í jörðinni“ – „Die Schwarzalben wohnen tief in der Erde.“
(Snorri, Gylfaginning)

Dies erinnert an strafende Unterweltsgeister – ein Motiv, das europaweit verbreitet ist.

7. Vergleichende Perspektive: Mara, Nachtdrücker und nächtliche Seelenwanderer

Die alb-artigen Wesen stehen im germanischen Raum nicht allein. Ähnliche Gestalten sind:

  • Mara (Skandinavien)
  • Drude (Süddeutschland)
  • Nachtalp (Schweiz)
  • Night-mare (Englisch)

Die Niðrstigningarsaga beschreibt, wie eine Mara Menschen im Schlaf bedrückt:

„hon settisk á brjóst manna“ – „sie setzte sich auf die Brust der Menschen“
(Niðrstigningarsaga, 14. Jh.)

Der Mechanismus – nächtlicher Angriff, Atemnot, göttlicher Hintergrund – ist identisch.

8. Religionspsychologische Bedeutung: Der Alb als Mahner und Erzieher

Krankheit, Unglück und nächtliche Qualen wurden in vormodernen Kulturen fast nie rein naturalistisch gedeutet. Jan de Vries betont:

„Das Weltbild der Germanen war kausal-mythologisch: jedes Ereignis hatte eine übernatürliche Ursache.“
(de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte)

Der Alb ist damit nicht bloß ein Dämon, sondern ein Zeichen. Die Götter kommunizieren durch diese Wesen.

Menschen, die unter Nächten voller Albdruck litten, wurden oft aufgefordert:

  • Konflikte zu lösen,
  • Opfer zu bringen,
  • Tabubrüche einzustellen,
  • soziale Pflichten wieder aufzunehmen.

Der Alb stand also auch in einem sozialen Kontrollmechanismus – ein Aspekt, den moderne Forschung zunehmend betont.

9. Der Alb zwischen Mythos und Erfahrung: anthropologische Deutung

Religionsanthropologisch fungiert der Alb als Schnittstelle zwischen:

  • körperlicher Erfahrung (Schlafparalyse),
  • sozialen Normen (Tabu und Strafe),
  • religiösen Vorstellungen (göttlicher Wille),
  • mythologischer Erzählstruktur (gesandte Geister).

Rudolf Simek fasst dies treffend zusammen:

„Der Alb ist ein Beispiel für das Ineinandergreifen körperlicher Empfindungen und mythologischer Deutungsmuster.“
(Simek, Lexikon der germanischen Mythologie)

10. Schluss: Alben als Ausdruck göttlicher Präsenz und strafender Macht

Die germanische Vorstellung, dass Götter Menschen durch die Sendung nächtlicher Alben strafen, beruht auf einem breiten Fundament von Texten, Ritualen und überliefertem Volksglauben. Alben fungierten als:

  • Boten der Götter,
  • Vollstrecker göttlicher Sanktion,
  • Manifestationen körperlicher und psychischer Grenzerfahrungen,
  • soziale und religiöse Mahner.

Durch die Vielzahl von Primärtexten – Lacnunga, Edda, Sagas – lässt sich rekonstruieren, wie tief diese Vorstellung in die alltägliche Lebenswelt der Germanen eingebettet war.

Der Alb war kein Randphänomen – er war ein integraler Bestandteil eines religiösen Systems, das das Übernatürliche als durchgehend spürbare Realität verstand. Im Wort „Albtraum“ hat sich ein Rest dieses Glaubenssystems erhalten – und in den Elwedritsche, denen man ausschließlich in den Randbereichen der menschlichen Existenz – der Nacht, dem Wald, der Kälte und in trunkenem Zustand – begegnet.

Literatur

  1. Grimm, Jacob: Deutsche Mythologie. Bd. 1. 4. Aufl. Göttingen 1875.
  2. Grattan, J.H.G.; Singer, Charles: Anglo-Saxon Magic and Medicine Illustrated Specially from the Semi-Pagan Text „Lacnunga“. London 1952.
  3. Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie. Stuttgart 2006.
  4. de Vries, Jan: Altgermanische Religionsgeschichte. Bd. 1–2. Berlin 1956–57.
  5. North, Richard (Hg.): Heathen Gods in Old English Literature. Cambridge 1997.
  6. Snorri Sturluson: Edda. Prosa-Edda, Hrsg. Anthony Faulkes, London 1982.
  7. Orchard, Andy: Pride and Prodigies: Studies in the Monsters of the Beowulf-Manuscript. Toronto 2003.

Posted in , , , ,