
Abstract
Der vorliegende Beitrag untersucht die Genese des pfälzischen „Drückmännche“ als Ergebnis eines mehrstufigen Transformationsprozesses innerhalb der mitteleuropäischen Nachtmahrtradition. Im Zentrum steht die These, dass nicht die Figur selbst kontinuierlich tradiert wird, sondern deren Funktion – das nächtliche „Drücken“ – als kulturelles Deutungsmuster persistiert. Es wird argumentiert, dass mit der Transformation der Albdrude zur Elwedritsch eine funktionale Leerstelle entsteht, die durch die Übertragung des Drückens auf den Hausgeisttypus des „Bucklich Männleins“ (belegt sowohl in der Pfalz als auch in Pennsylvania) geschlossen wird. Die daraus hervorgehende Figur des „Drückmännche“ lässt sich als memetische Rekombination interpretieren und zugleich im Rahmen kognitionswissenschaftlicher Modelle (HADD, CCT, BVT) erklären.
1. Einleitung
Die Erfahrung eines nächtlichen Drucks auf der Brust gehört zu den kulturübergreifend verbreiteten Phänomenen europäischer Volksüberlieferung. Im deutschen Sprachraum wird sie gemeinhin als „Alpdrücken“ bezeichnet und traditionell als Einwirkung eines übernatürlichen Wesens gedeutet.¹
Während diese Rolle in der Regel weiblich konnotierten Figuren wie der Drude oder dem Nachtmahr zukommt, begegnet im pfälzischen Raum mit dem „Drückmännche“ eine auffällige maskuline Variante. Diese Abweichung verweist auf einen Transformationsprozess, der sich nicht allein aus Variantenbildung erklären lässt, sondern als strukturelle Reorganisation kultureller Deutungsmuster verstanden werden muss.
2. Die Albdrude und die Stabilität der Funktion
Die Albdrude fungiert in der europäischen Überlieferung als paradigmatisches Druckwesen. Bereits Jacob Grimm beschreibt den Alp als ein Wesen, das sich nachts auf die Brust des Schlafenden setzt und Atemnot verursacht.²
Die damit verbundene Erfahrung entspricht in vielen Aspekten dem, was heute als Schlafparalyse beschrieben wird.³ Entscheidend ist jedoch weniger die physiologische Erklärung als die kulturelle Verarbeitung dieses Erlebnisses. Die Funktion des „Drückens“ erweist sich dabei als bemerkenswert stabil, selbst wenn sich die zugehörigen Figuren verändern.
Diese Beobachtung legt nahe, dass nicht die Gestalt, sondern die Funktion das eigentliche Kontinuum der Überlieferung bildet.
3. Die Transformation zur Elwedritsch
Im pfälzischen Raum wird die Albdrude nicht einfach tradiert, sondern transformiert und zugleich aus dem häuslichen Kontext entfernt. Nach ihrer Überführung in die Gestalt der Elwedritsch erscheint sie als ein Wesen, das in den Wald verlagert wird und eine deutliche Tendenz zur Humorisierung aufweist.
Diese Entwicklung führt zu einer Entschärfung der ursprünglichen Bedrohung und zu einer Externalisierung des Dämonischen.⁴ Gleichzeitig geht damit jedoch die unmittelbare Verbindung zwischen Figur und vorheriger Funktion verloren.
Das nächtliche Drücken verschwindet nicht – wohl aber seine traditionelle Erklärung. Man könnte auch sagen: Der kulturelle Verarbeitungsprozess der Menschen war nur halb erfolgreich. Es gelang zwar die Figur der Albdrude zur Elwedritsch miniatorisiert in den Wald zu jagen – das Phänomen der Schlafparalyse war jedoch damit nicht aus der Welt. Neue kulturelle Erklärungen mussten gefunden werden.
4. Die funktionale Leerstelle
Mit der Verlagerung der Albdrude entsteht eine funktionale Leerstelle innerhalb des Deutungssystems. Menschen erleben weiterhin nächtlichen Druck, verfügen jedoch nicht mehr über die etablierte Figur, die dieses Erlebnis erklärt.
Wie Hermann Bausinger gezeigt hat, reagieren volkskulturelle Systeme auf solche Brüche nicht mit Bedeutungsverlust, sondern mit Neubildung.⁵ Bestehende Elemente werden reorganisiert, um die entstandene Lücke zu schließen.
5. Das Bucklich Männlein als Hausgeist
Im gleichen kulturellen Raum existiert mit dem „Bucklich Männlein“ eine Figur, die als klassischer Hausgeist beschrieben werden kann. Sie ist an den häuslichen Raum gebunden, insbesondere an den Herd, und zeichnet sich durch eine ambivalente Natur aus: Sie kann helfen, verlangt dafür jedoch regelmäßige Gaben wie Milch oder Speisen.
Wie Karl Lohmeyer hervorhebt, kippt diese Ambivalenz bei ausbleibender Gabe schnell in Störung oder Schaden.⁶
Gerade diese strukturelle Offenheit macht die Figur anschlussfähig für neue Funktionen.
6. Rekombination: Die Entstehung des „Drückmännche“
Vor dem Hintergrund der funktionalen Leerstelle erfolgt eine entscheidende Umcodierung. Die Tätigkeit des nächtlichen Drückens wird auf das Bucklich Männlein übertragen.
Das „Druckmännche“ entsteht somit aus der Vereinigung zweier zuvor getrennter Elemente: der Funktion des Drückens, die ursprünglich der Albdrude zugeschrieben wurde, und der Gestalt des hausgebundenen Männleins.
Dieser Prozess lässt sich im Sinne von Richard Dawkins als memetische Rekombination beschreiben.⁷ Kulturelle Elemente werden demnach nicht nur tradiert, sondern in neuen Kontexten kombiniert, wenn dies zur Erklärung persistenter Erfahrungen beiträgt.


7. Transformation als Echo
Die Entstehung des „Drückmännche“ ist dabei nicht isoliert zu betrachten, sondern stellt ein direktes Echo auf die vorhergehende Transformation der Albdrude dar.
Erst durch deren Umformung zur Elwedritsch und die damit verbundene Verlagerung in den Wald entsteht überhaupt die Notwendigkeit, das weiterhin vorhandene nächtliche Drücken neu zu erklären. Die memetische Dynamik greift auf eine im Haus verankerte Figur zurück, die bereits über die notwendige strukturelle Offenheit verfügt.
Das „Drückmännche“ ist somit nicht nur eine neue Figur, sondern ein systemisch erzeugtes Produkt kultureller Anpassung – und als Nachfolgeerklärung notwendigerweise jünger als Albdrude und Elwedritsch.
Die Entstehung des „Drückmännche“ stellt insgesamt ein anschauliches Beispiel für die Tragfähigkeit des psychologisch-memetischen Ansatzes dar.
8. Schluss
Die Genese des „Drückmännche“ verdeutlicht, dass Volksglauben nicht als statisches System verstanden werden kann, sondern als dynamisches Gefüge, in dem Funktionen persistieren, während ihre Trägerfiguren wechseln.
Erst die Transformation der Albdrude zur Elwedritsch schafft die Voraussetzung für die Neubildung, indem sie eine funktionale Leerstelle erzeugt. Diese wird durch die Übertragung der Drudenfunktion auf das Bucklich Männlein geschlossen.
Das „Drückmännche“ erscheint somit als Hybrid aus Form und Funktion und zugleich als empirischer Beleg für die Anpassungsfähigkeit kultureller Deutungssysteme. Damit stützt sie den psychologisch-memetischen Ansatz zur Erklärung des Ursprungs der Elwedritsche als Ganzes mit einer weiteren „smoking gun“.
Interessanterweise ist das „Drickmännche“ in der Pfalz belegt, nicht aber in Pennsylvania. Das kann bedeuten, dass die kulturelle Entwicklung in den beiden getrennten Regionen unterschiedlich verlief. Ein Beleg ist ja, dass man sich in Pennsylvania bis in die jüngste Zeit mit Bannsprüchen, Bannsymbolen und Bannritualen vor dem äußeren Einfluss des nächtlichen Bösen schützte – während man von all dem in der Pfalz schon ab etwa 1920 nur noch wenig wusste. Es ist aber auch möglich, dass das „Drickmännche“ in Pennsylvania bei der Erstellung von Wörterbüchern als Beleg einfach nicht ins Netz gegangen ist und deshalb fehlt.

Fußnoten
- Vgl. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 5, Sp. 1583–1590.
- Grimm, Deutsche Mythologie, 1835, S. 1215.
- Vgl. Hufford, The Terror That Comes in the Night, 1982.
- Vgl. Röhrich, Sage und Märchen, 1976, S. 89–95.
- Bausinger, Volkskultur in der technischen Welt, 1961, S. 34–40.
- Lohmeyer, Die Sagen der Saar, 1928, S. 54.
- Dawkins, The Selfish Gene, 1976.
Literaturverzeichnis
Primär- und volkskundliche Literatur
- Bausinger, Hermann (1961): Volkskultur in der technischen Welt. Stuttgart: Kohlhammer, 1961.
- Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg.) (1927 ff.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 10 Bde. Berlin/Leipzig.
- Grimm, Jacob (1835): Deutsche Mythologie. Göttingen.
- Lohmeyer, Karl (1928): Die Sagen der Saar. Saarbrücken.
- Röhrich, Lutz (1976): Sage und Märchen: Erzählforschung heute. Freiburg.
- Pfälzisches Wörterbuch. Hrsg. von der Akademie der Wissenschaften. Stuttgart.
Kognitionswissenschaft und Theorie
- Richard Dawkins (1976): The Selfish Gene. Oxford: Oxford University Press.
- Justin L. Barrett (2004): Why Would Anyone Believe in God? Walnut Creek.
- Aaron C. Kay et al. (2008): „God and the Government: Testing a Compensatory Control Mechanism“. Journal of Personality and Social Psychology 95 (2008): 18–35.
- Peter McGraw / Caleb Warren (2010): „Benign Violations“. Psychological Science 21 (2010): 1141–1149.
- David J. Hufford (1982): The Terror That Comes in the Night. Philadelphia.



