Abstract

Mit dem 1915 erstmals veröffentlichten Werk Mary at the Farm and Book of Recipes von Edith M. Bertels Thomas wird eine bislang besonders im Hinblick auf die Gestaltbeschreibung und die konkrete Durchführung der Elwedritschenjagd aufschlussreiche Quelle für die vergleichende Forschung erschlossen. Das 25. Kapitel, „An Elbadritchel Hunt“, beschreibt die Elbadritchel als Mischwesen aus Schwalbe, Gans und Leierschwanz. Zugleich dokumentiert es zwei unterschiedliche Ebenen der Jagdüberlieferung: eine im Text geschilderte Fangmethode mit einem durch Fassreifen offengehaltenen Sack, in den eine brennende Kerze gestellt wird, sowie eine fotografisch dargestellte Fangszene mit einer metallischen Vorrichtung und einem länglichen Schlaginstrument.

Die Quelle belegt, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der pennsylvaniadeutschen Überlieferung eine erhebliche Variabilität sowohl hinsichtlich der vorgestellten Gestalt als auch hinsichtlich der Inszenierung der Jagd existierte. Im Vergleich dazu erscheint die nach 1922 einsetzende und sich in den folgenden Jahrzehnten verstärkende bildliche Standardisierung der pfälzischen Elwedritsch als ein eigenständiger kulturhistorischer Prozess. Der Befund ist mit der kognitiv-evolutionären Theorie von elwedritsch.de vereinbar: Er lenkt die Aufmerksamkeit auf kulturelle Variation, Weitergabe, Selektion und die Transformation eines überlieferten Motivkomplexes. Die Quelle beweist allerdings weder eine bestimmte Abstammungslinie noch den vollständigen Verlauf dieser Standardisierung. Sie erweitert vielmehr die empirische Grundlage, auf der beides untersucht werden kann.

Schlüsselwörter: Elwedritsche, Elbadritchel, Pennsylvania Germans, Pennsylvania Dutch, Elwedritschenjagd, Bildgeschichte, Ritualgeschichte, kulturelle Evolution, Dual Inheritance Theory, Max Slevogt

1. Einleitung: Das Problem der rückwirkenden Vereinheitlichung

Wer heute nach dem Aussehen einer Elwedritsch fragt, erhält meist eine relativ konkrete Vorstellung: ein vogelartiges Fabelwesen mit Schnabel, Flügeln, auffälligen Beinen und weiteren Merkmalen, die unterschiedliche Tierarten miteinander kombinieren. Dieses Bild ist insbesondere in der Pfalz durch künstlerische Darstellungen, Skulpturen, Vereinsaktivitäten und touristische Vermarktung verbreitet worden.

Die historische Forschung darf jedoch nicht von der heutigen Gestalt auf die gesamte ältere Überlieferung zurückschließen. Ein inzwischen vertrautes Erscheinungsbild ist nicht notwendigerweise dasjenige, das Menschen in früheren Jahrhunderten mit dem Wesen verbanden. Ebenso wenig muss eine heute etablierte Jagdpraxis in allen Einzelheiten mit älteren Formen des Brauchs übereinstimmen.

Ein besonders aufschlussreicher Gegenbeleg findet sich in Edith M. Bertels Thomas‘ Mary at the Farm and Book of Recipes, das 1915 veröffentlicht wurde. Im 25. Kapitel, „An Elbadritchel Hunt“, begegnet uns eine pennsylvaniadeutsche Überlieferung, die sich sowohl in der Beschreibung des Tieres als auch in der Ausstattung der Jagd von später vertrauten pfälzischen Darstellungen unterscheidet (Thomas, 1915, Kap. XXV).

Die Quelle ist deshalb nicht nur ein Beleg für die Existenz der Elbadritchel in Pennsylvania. Sie ermöglicht vielmehr, zwei bislang häufig miteinander vermischte Fragen getrennt zu untersuchen:

  1. Wie stellte man sich das Wesen vor?
  2. Wie inszenierte man den Versuch, es zu fangen?

Beide Fragen sind für die Rekonstruktion der historischen Entwicklung von zentraler Bedeutung.

2. Die Elbadritchel als Mischwesen: Schwalbe, Gans und Leierschwanz

Thomas beschreibt die Elbadritchel als ein Wesen, das eine Kreuzung aus drei Vogelarten darstellen soll:

“a cross between a swallow, a goose and a lyre bird” (Thomas, 1915, Kap. XXV).

Die drei Bestandteile sind sorgfältig auseinanderzuhalten: swallow bedeutet Schwalbe, goose Gans und lyre bird Leierschwanz.

Die Kombination ist bemerkenswert, weil sie keine einheitliche zoologische Gestalt erkennen lässt. Die Schwalbe steht für einen kleinen, wendigen Flugvogel, die Gans für einen vergleichsweise kräftigen Körperbau und der Leierschwanz für ein besonders auffälliges Schwanzgefieder. Die Beschreibung entwirft somit eine zusammengesetzte Gestalt, ohne deren genaue Proportionen, Färbung oder Körperform festzulegen.

Thomas relativiert die Aussagekraft ihrer Beschreibung unmittelbar. Sie fragt, ob jemand jemals eine Elbadritchel gesehen habe, und erklärt, dass sie selbst kein Exemplar kenne und deshalb nicht für die Richtigkeit der Beschreibung bürgen könne. Diese Einschränkung ist quellenkritisch entscheidend. Die Passage belegt eine 1915 publizierte Vorstellung, nicht das Vorhandensein einer allgemein verbindlichen Gestaltbeschreibung unter den Pennsylvania Germans.

Gerade darin liegt ihr Wert. Die Elbadritchel erscheint als ein kulturell bekanntes, aber visuell nicht eindeutig festgelegtes Wesen. Die Erzählung setzt voraus, dass man von ihr sprechen und eine Jagd auf sie veranstalten kann, ohne dass eine verifizierbare zoologische Beschreibung erforderlich wäre.

Damit dokumentiert Thomas eine Konstellation, die für die kognitiv-evolutionäre Erforschung von Fabelwesen besonders interessant ist: Die kulturelle Existenz einer Gestalt setzt keine vollständige Übereinstimmung ihrer visuellen Merkmale voraus.

2.1 Vergleich mit der pfälzischen Bildtradition

Einen wichtigen Bezugspunkt für die pfälzische Bildgeschichte bildet Eugen Frieds Gedichtband Die Elwetrittchejagd von 1922, der mit einer Darstellung Max Slevogts verbunden ist. Fried beschreibt die Elwetritsch als dunklen, großen Vogel mit auffälligen Flügeln, langen Krallen, Federn um die Augen und einem breiten, gekrümmten Schnabel. Slevogts Zeichnung wird in der späteren Rezeptionsgeschichte als ein wesentlicher Ausgangspunkt für die bildliche Konkretisierung des Wesens behandelt.

Der Vergleich mit Thomas‘ Beschreibung zeigt eine deutliche Differenz. Während die pennsylvaniadeutsche Quelle drei unterschiedliche Vogelarten als Bestandteile eines Mischwesens nennt, vermittelt die pfälzische Darstellung von 1922 eine wesentlich konkretere visuelle Gestalt.

Daraus folgt nicht, dass die Elbadritchel in Pennsylvania generell anders aussah als die Elwedritsch in der Pfalz. Eine einzelne Quelle kann keine vollständige regionale Verteilung von Vorstellungen belegen. Sie zeigt jedoch, dass die 1915 publizierte Beschreibung nicht ohne Weiteres mit der später kanonisierten pfälzischen Gestalt gleichgesetzt werden darf.

Die zeitliche Abfolge ist dabei von besonderem Interesse: Thomas‘ Buch erschien sieben Jahre vor Frieds Gedichtband. Die Beschreibung der Elbadritchel ist somit nicht als Reaktion auf Slevogts Zeichnung erklärbar. Sie stellt einen eigenständigen historischen Beleg dar, anhand dessen die Variabilität der Vorstellungen vor der späteren bildlichen Standardisierung untersucht werden kann.

3. Die Elbadritchel-Jagd: Eine Kerze im Sack

Neben der Gestaltbeschreibung enthält Kapitel XXV eine konkrete Schilderung der Fangvorbereitungen. Fritz Schmidt wird von anderen jungen Männern zu einer nächtlichen Elbadritchel-Jagd eingeladen. Er ahnt nicht, dass er zum Opfer eines Streichs bestimmt worden ist.

Die Gruppe stattet ihn mit mehreren Gegenständen aus. Besonders bemerkenswert ist der Sack, den der Text folgendermaßen beschreibt: Er besteht aus Sackleinen (burlap), wird durch Fassreifen (barrel hoops) offengehalten und enthält eine brennende Kerze. Der englische Wortlaut lautet:

“inside of which they placed a lighted candle” (Thomas, 1915, Kap. XXV).

Die Kerze wird also ausdrücklich im Inneren des Sackes platziert. Der Sack ist nicht lediglich ein Behälter, sondern eine eigens vorbereitete Fangvorrichtung. Fritz soll ihn halten, um die Elbadritchel anzulocken. Zusätzlich erhält er einen Knüppel, mit dem er den Vogel schlagen soll, sobald dieser erscheint.

Die Erzählung legt damit einen konkreten Handlungsablauf fest: Eine Gruppe bereitet die Ausrüstung vor, bestimmt einen unerfahrenen Teilnehmer zum vermeintlichen Jäger und überlässt ihm die Aufgabe, das imaginäre Tier zu fangen. Die übrigen Beteiligten entfernen sich unter dem Vorwand, die Tiere aufzuspüren. Fritz bleibt allein zurück und erkennt schließlich, dass er getäuscht worden ist.

Die Jagd ist somit nicht bloß eine Erzählung über ein unbekanntes Tier. Sie ist zugleich eine Inszenierung sozialer Rollen: Die Wissenden organisieren das Geschehen, während der Unwissende die vermeintlich ernsthafte Aufgabe übernimmt.

Die Quelle dokumentiert allerdings nicht, dass die Kerze tatsächlich ein überliefertes, regelmäßig eingesetztes Lockmittel war. Sie belegt zunächst nur, dass dieses Detail Bestandteil der 1915 publizierten Jagderzählung ist. Ob es sich um eine verbreitete Praxis, eine regionale Variante oder eine erzählerische Ausschmückung handelt, muss durch weitere Quellen geklärt werden.

4. Die fotografische Szene: Fangvorrichtung und Schlaginstrument

Besonders interessant wird die Quelle durch die Fotografie auf Seite 136, die mit „Catching Elbadritchels“ überschrieben ist. Sie zeigt eine zweite, von der Sackmethode deutlich verschiedene Darstellung der Jagd.

Auf dem Foto steht ein Mann an einer hölzernen Konstruktion im Freien. Neben ihm befindet sich eine große, längliche Vorrichtung, die trichter- oder rinnenförmig wirkt. Der Mann hält einen länglichen Gegenstand, der als Schlaginstrument interpretiert werden kann. Seine Haltung erinnert an einen Schlagmann im Baseball, der auf das Erscheinen eines zu treffenden Objekts wartet.

Diese visuelle Analogie ist anschaulich, darf jedoch nicht mit einer gesicherten Funktionsbestimmung verwechselt werden. Die Bildunterschrift benennt die Szene als Elbadritchel-Fang, erklärt aber weder die genaue Konstruktion noch den vorgesehenen Ablauf. Ob der trichterförmige Körper als Falle, Führungsvorrichtung oder humoristische Requisite gedacht war, lässt sich allein aus dem Foto nicht entscheiden.

Ebenso wenig ist gesichert, dass die Fotografie und die im Text geschilderte Sackmethode zwei tatsächlich parallel praktizierte Fangverfahren dokumentieren. Sie stehen zunächst für zwei unterschiedliche Darstellungen desselben Motivkomplexes: Hier die erzählte Jagd mit einem beleuchteten Sack, dort die fotografisch inszenierte Jagd mit einer trichterförmigen Vorrichtung und einem möglichen Schlaginstrument.

Für die Quellenkritik ist ein weiterer Punkt wichtig. Thomas erklärt im Vorwort, die geschilderten Ereignisse beruhten auf Tatsachen, seien aber nicht in jedem Detail absolut wahr; zugleich bezeichnet sie die Fotografien als authentische Darstellungen der abgebildeten Personen und Szenen. Diese Aussage stärkt den dokumentarischen Wert des Bildmaterials, erlaubt aber nicht automatisch, jede dargestellte Handlung als verbreitete historische Praxis zu behandeln.

Die Fotografie ist deshalb als eigenständiger visueller Beleg ernst zu nehmen. Ihre genaue Interpretation bleibt jedoch eine offene Forschungsaufgabe.

5. Zwei Formen der Variabilität

Die Verbindung von Text und Fotografie macht die Quelle besonders ergiebig. Sie zeigt Variabilität auf zwei Ebenen, die analytisch voneinander zu unterscheiden sind.

Erstens: morphologische Variabilität. Die Elbadritchel wird als Mischwesen aus Schwalbe, Gans und Leierschwanz beschrieben. Eine verbindliche Gestalt, die mit der späteren pfälzischen Bildtradition identisch wäre, wird nicht festgelegt.

Zweitens: rituelle und materielle Variabilität. Die Jagd erscheint einerseits als Fangversuch mit einem beleuchteten Sack und einem Knüppel, andererseits als fotografisch dargestellte Szene mit einer trichterförmigen Konstruktion und einem länglichen Schlaginstrument.

Beide Ebenen betreffen unterschiedliche Dimensionen der Überlieferung. Das Aussehen des Wesens gehört zur visuellen Vorstellung, die Fangvorrichtungen gehören zur materiellen und performativen Ausgestaltung des Jagdbrauchs. Dennoch hängen beide zusammen: Das imaginäre Tier wird nicht nur durch Beschreibungen, sondern auch durch die Handlungen und Gegenstände konkretisiert, mit denen Menschen seine Anwesenheit inszenieren.

Die Elbadritchel kann daher kulturell bekannt sein, obwohl ihre genaue Gestalt unbestimmt bleibt. Ebenso kann die Jagd als wiedererkennbares Handlungsmuster existieren, obwohl die verwendeten Geräte und die konkrete Inszenierung variieren.

Gerade diese Kombination ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass ältere Fabelwesen nicht notwendig als feste ikonographische Typen und ihre Bräuche nicht notwendig als unveränderliche Rituale überliefert wurden.

6. Die Standardisierung der pfälzischen Elwedritsch nach 1922

Vor diesem Hintergrund lässt sich die Bedeutung von Slevogts Darstellung genauer bestimmen. Die Zeichnung von 1922 muss nicht als Erfindung der Elwedritsch verstanden werden. Vielmehr kann sie als ein wichtiger Schritt in der bildlichen Konkretisierung einer bereits bestehenden, zuvor nicht eindeutig festgelegten Vorstellung interpretiert werden.

Ein Bild schafft einen visuellen Bezugspunkt. Es legt bestimmte Merkmale fest, macht sie wiedererkennbar und ermöglicht ihre Wiederholung. Werden solche Darstellungen in Büchern, auf Plakaten, in Skulpturen oder im touristischen Kontext verbreitet, können sie die Vielfalt älterer Vorstellungen allmählich überlagern.

Für die pfälzische Elwedritsch lässt sich ein solcher Standardisierungsprozess insbesondere im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts untersuchen. Neben der Rezeption von Slevogts Zeichnung sind hierbei spätere künstlerische Darstellungen, darunter Gernot Rumpfs Elwetritschenbrunnen von 1978 in Neustadt an der Weinstraße, sowie die zunehmende Verwendung der Elwedritsch als regionales Erkennungszeichen zu berücksichtigen.

Es wäre allerdings zu vereinfachend, die gesamte Entwicklung allein auf Slevogt zurückzuführen. Ein einzelnes Kunstwerk kann eine wichtige Rolle spielen, aber die tatsächliche Standardisierung entsteht durch die wiederholte Rezeption, Veränderung und Verbreitung visueller Motive.

Die Quelle von 1915 liefert hierfür einen wichtigen chronologischen Kontrast. Sie zeigt, dass kurz vor Slevogts Darstellung eine andere Beschreibung des Wesens publiziert wurde und dass die Jagd in einer anderen materiellen Form inszeniert werden konnte. Damit wird die Hypothese plausibler, dass die heute vertraute Gestalt nicht einfach unverändert aus einer weit zurückreichenden Überlieferung übernommen wurde, sondern durch kulturelle Auswahl und Wiederholung an Verbindlichkeit gewann.

Die Standardisierung ist dabei als gradueller Prozess zu verstehen, nicht als punktuelles Ereignis. Das Jahr 1922 markiert einen wichtigen Bezugspunkt, aber nicht den vollständigen Abschluss der Entwicklung.

7. Einordnung in die kognitiv-evolutionäre Theorie

Die Befunde lassen sich in den theoretischen Rahmen von elwedritsch.de einordnen, sofern zwischen unmittelbarem Quellenbefund und theoretischer Interpretation unterschieden wird.

7.1 Dual Inheritance Theory: Weitergabe und Veränderung

Die Dual Inheritance Theory (DIT) betrachtet kulturelle Überlieferung als einen Prozess, in dem Informationen sozial weitergegeben werden, zugleich aber variieren und sich verändern können. Die Quelle von 1915 passt zu einer solchen Perspektive, weil sie eine bestimmte Gestaltbeschreibung und konkrete Jagdpraktiken dokumentiert, ohne eine einheitliche, unveränderliche Tradition vorauszusetzen.

Aus dem Nebeneinander unterschiedlicher Darstellungen ergibt sich eine prüfbare Forschungsfrage: Welche Merkmale wurden in späteren Überlieferungen übernommen, welche verändert und welche nicht weiter tradiert?

Die Quelle allein beantwortet diese Frage nicht. Sie liefert jedoch einen historischen Ausgangspunkt für eine vergleichende Untersuchung der Weitergabe und Veränderung von Motiven.

7.2 Memetische Selektion und bildliche Standardisierung

Im memetischen Zugriff ist nicht nur entscheidend, ob ein Motiv existiert, sondern auch, welche seiner Varianten wiederholt, verbreitet und erinnert werden. Eine visuell prägnante Darstellung kann gegenüber weniger eindeutig festgelegten Vorstellungen einen Verbreitungsvorteil besitzen.

Slevogts Zeichnung lässt sich unter diesem Gesichtspunkt als möglicher Bezugspunkt eines Selektionsprozesses untersuchen. Wenn spätere Künstler und Vermittler wiederholt auf bestimmte Merkmale zurückgreifen, kann daraus ein zunehmend einheitliches Bild entstehen.

Dabei wäre es methodisch falsch, aus der zeitlichen Abfolge allein bereits einen nachgewiesenen Selektionsmechanismus abzuleiten. Dazu müssten die tatsächliche Verbreitung des Bildes, seine Rezeption und die Übernahme einzelner Merkmale durch spätere Darstellungen untersucht werden.

7.3 Benign Violation Theory: Die Jagd als humoristische Verkehrung

Die Erzählung um Fritz Schmidt zeigt, wie eine vermeintlich ernsthafte Jagd in einen harmlosen Streich umschlägt. Fritz nimmt die Aufgabe zunächst ernst, während die anderen Beteiligten wissen, dass das Jagdziel nicht auf die erwartete Weise erscheinen wird.

Die komische Wirkung entsteht aus der Diskrepanz zwischen dem Aufwand der Jagd und ihrer tatsächlichen Funktion als Täuschung eines Gruppenmitglieds. Dies lässt sich mit der Benign Violation Theory in Verbindung bringen: Eine Erwartung wird verletzt, ohne dass daraus innerhalb der Erzählung eine ernsthafte Bedrohung entstehen muss.

Die Quelle dokumentiert damit einen konkreten humoristischen Mechanismus. Sie beweist jedoch nicht, dass alle historischen Formen der Elwedritschenjagd ursprünglich dieselbe Funktion besaßen.

7.4 Interaction Ritual Chains: Rollen, Teilnahme und Gruppenerfahrung

Auch für die Analyse ritualisierter Interaktion bietet das Kapitel einen Ansatzpunkt. Die Gruppe bereitet die Jagd vor, verteilt Aufgaben und bestimmt einen Teilnehmer, der die Situation zunächst nicht durchschaut. Die anschließende Auflösung der Täuschung schafft eine gemeinsame Erfahrung, die zwischen Eingeweihten und dem vorübergehend Ausgeschlossenen unterscheidet.

Diese Struktur kann im Sinne der Interaction Ritual Chains untersucht werden. Ob daraus eine längerfristige Gruppenbindung oder eine wiederkehrende Ritualkette entstand, ist anhand der Einzelquelle allerdings nicht nachweisbar.

7.5 HADD und CCT: Grenzen der Interpretation

Die nächtliche, kalte und stürmische Umgebung passt zu Vorstellungen eines schwer fassbaren Wesens, das unter ungewöhnlichen Bedingungen vermutet wird. Sie könnte deshalb mit der Untersuchung menschlicher Agentenerkennung und des Umgangs mit Unsicherheit in Verbindung gebracht werden.

Die Passage enthält jedoch keinen direkten Beleg dafür, dass die Elbadritchel aus Schlafparalyse, überaktiver Agentenerkennung oder einem Bedürfnis nach kompensatorischer Kontrolle hervorgegangen ist. Diese Aspekte bleiben theoretische Erklärungsansätze, die durch andere Quellen und vergleichende Befunde geprüft werden müssen.

Die Stärke der Quelle liegt somit weniger darin, einen bestimmten kognitiven Entstehungsmechanismus zu beweisen, als darin, die kulturelle Variabilität und die soziale Inszenierung des Wesens historisch greifbar zu machen.

8. Quellenkritische Grenzen und Forschungsbedarf

Der Quellenwert von Thomas‘ Darstellung ist hoch, aber begrenzt. Für eine belastbare Rekonstruktion sind mindestens fünf Einschränkungen zu beachten.

Erstens dokumentiert die Quelle eine 1915 publizierte Vorstellung. Sie beweist nicht, dass alle Pennsylvania Germans das Wesen in gleicher Weise beschrieben.

Zweitens erklärt Thomas ausdrücklich, dass sie die zoologische Beschreibung nicht aus eigener Anschauung bestätigen könne.

Drittens lässt sich aus der Textpassage nicht schließen, dass die Kerze im Sack ein allgemein verbreitetes Lockmittel war.

Viertens erlaubt die Fotografie keine sichere Rekonstruktion der Funktion der trichterförmigen Vorrichtung. Auch die Deutung des länglichen Gegenstandes als Schlaginstrument bleibt eine visuelle Interpretation.

Fünftens belegt die Quelle nicht unmittelbar, wie die pfälzische Elwedritsch vor 1922 aussah oder welche Jagdgeräte dort verwendet wurden.

Aus diesen Einschränkungen ergibt sich ein konkretes Forschungsprogramm. Weitere frühe Beschreibungen aus Pennsylvania und der Pfalz sollten systematisch nach morphologischen Merkmalen, Fanggeräten, Rollenverteilungen und Erzählmustern ausgewertet werden. Bildquellen aus der Zeit vor und nach 1922 wären chronologisch zu ordnen, um festzustellen, wann bestimmte Merkmale erstmals auftreten und wie sie sich verbreiten.

Besonders wichtig wäre eine Gegenüberstellung der pennsylvaniadeutschen und pfälzischen Belege. Sie könnte klären, ob die Unterschiede auf regionale Varianten eines gemeinsamen Traditionskomplexes, auf voneinander unabhängige Entwicklungen oder auf eine Kombination beider Prozesse zurückgehen.

9. Schlussfolgerung

Die Elbadritchel-Jagd in Mary at the Farm and Book of Recipes ist eine wichtige Ergänzung des historischen Quellenapparats zur Elwedritsche. Ihre Bedeutung liegt nicht allein darin, dass sie eine frühe pennsylvaniadeutsche Elbadritchel-Überlieferung dokumentiert. Sie zeigt vielmehr, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowohl die Vorstellung vom Aussehen des Wesens als auch die konkrete Inszenierung der Jagd variieren konnten.

Die Beschreibung als Mischung aus Schwalbe, Gans und Leierschwanz steht neben der später stärker konkretisierten pfälzischen Bildtradition. Der im Text geschilderte Sack mit einer darin platzierten brennenden Kerze steht neben einer fotografischen Fangszene mit trichterförmiger Vorrichtung und einem länglichen Gegenstand, der als Schlaginstrument interpretiert werden kann.

Diese Unterschiede sind kein Beweis für eine bestimmte Entstehungsgeschichte. Sie machen jedoch deutlich, dass die heutige Gestalt und die heute vertrauten Vorstellungen von der Elwedritschenjagd nicht ohne Weiteres als zeitlose Konstanten behandelt werden dürfen.

Für die kognitiv-evolutionäre Theorie ergibt sich daraus eine zentrale Konsequenz: Die historische Entwicklung der Elwedritsch sollte nicht nur als Geschichte eines Fabelwesens untersucht werden, sondern als Geschichte eines variablen kulturellen Motivkomplexes. Gestaltbeschreibungen, Fanggeräte, Rollenverteilungen, Erzählungen und bildliche Darstellungen können sich unterschiedlich entwickeln und erst im Verlauf ihrer Weitergabe miteinander verbunden werden.

Die nach 1922 zunehmende Standardisierung der pfälzischen Elwedritsch ist vor diesem Hintergrund als eigenständiger rezeptions- und kulturgeschichtlicher Prozess zu untersuchen. Slevogts Zeichnung bildet dabei einen wichtigen Bezugspunkt, während die spätere Verbreitung durch Kunst, Skulptur, Vereine und Tourismus die weitere Entwicklung geprägt haben dürfte.

Der zentrale Ertrag der Quelle von 1915 besteht somit darin, historische Variabilität sichtbar zu machen. Sie erweitert die empirische Grundlage für die Frage, wie aus einer nicht eindeutig festgelegten Gestalt und einer variablen Jagdtradition ein zunehmend standardisiertes regionales Fabelwesen werden konnte.

Literatur

Thomas, E. M. B. (1915). Mary at the Farm and Book of Recipes Compiled During Her Visit Among the “Pennsylvania Germans”. Kapitel XXV: “An Elbadritchel Hunt”. Harrisburg, Pennsylvania.

Digitale Volltextausgabe: Project Gutenberg, Mary at the Farm and Book of Recipes. https://www.gutenberg.org/files/13545/13545-h/13545-h.htm

Fried, E. (1922). Die Elwetrittchejagd. Mit einer Darstellung von Max Slevogt.

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