Zur Quellen- und Überlieferungsgeschichte eines pfälzisch-schwäbisch-pennsylvanischen Motivkomplexes

Abstract

Die historische Forschung zur Elwedritsche setzt häufig bei der späteren Gestalt eines vogelartigen Fabelwesens an. Dadurch gerät eine ältere Bedeutungsstruktur aus dem Blick, in der Elb-, Alp- und Drudenvorstellungen mit der Vorstellung eines von übernatürlichen Mächten beeinträchtigten Menschen verbunden sind. Der vorliegende Beitrag entwickelt auf Grundlage der Quellen von der Mitte des 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert eine alternative Rekonstruktion.

Ausgangspunkt ist die These, dass die fingierte Jagd auf ein nicht existentes Wesen älter ist als die schriftlichen Belege des späten 18. und 19. Jahrhunderts. Ein wichtiger Kontrollbefund ist die Überlieferung der pfälzischen Auswanderer in Pennsylvania. Dort ist die Elbedritsch als fiktives Tier und Gegenstand einer fingierten Jagd überliefert; der Pennsylvania-Dutch-Begriff Elbedritsch fange bezeichnet ausdrücklich eine „snipe hunt“, bei der ein ahnungsloser Mensch mit Sack und weiteren Jagdinstrumenten an einen abgelegenen Ort geschickt und anschließend allein gelassen wird. Die pfälzische Massenauswanderung nach Pennsylvania setzte nach 1709 ein und dauerte im 18. Jahrhundert bis 1776 an.

Vor diesem Hintergrund ist der schwäbische Beleg im Umfeld von Nicolais Reise von 1781 neu zu bewerten. Der 1795 gedruckte Eintrag „Elpentrötsch, ein ungesitteter Kerl; den Elpentrötsch jagen, einen zum Besten haben“ muss nicht die Entstehung des Jagdmotivs dokumentieren. Er kann vielmehr bereits auf einen älteren Jagdbrauch reagieren und dessen Opferfigur benennen. Die semantische Entwicklung wäre dann nicht Elpentrötsch → Jagd, sondern umgekehrt: fingierte Jagd → stereotype Opferfigur → Elpentrötsch/Elbendrötsch.

Besonders wichtig ist Gräters Originalbeleg von 1813. In seiner „Uebersicht der Alterthümer der ehemaligen Reichsstadt Hall“ nennt er unter möglichen „Ueberresten des Heidenthums“ ausdrücklich „Die Sage von dem Jagen des Elpen-Drötsch d. i. Elfendroß oder Elfenkönigs“. Damit ist bereits 1813 eine Sage vom Jagen eines Elpen-Drötsch belegt, nicht lediglich eine Personenbezeichnung.

Jacob Grimm ordnet den Elpentrötsch 1835 in den Elbenkomplex ein und beschreibt ihn als „linkischen einfältigen menschen, dem die elbe etwas angethan haben“. Der Elbentrötsch erscheint damit als Opfer einer übernatürlichen Einwirkung und zugleich als Stereotyp des Einfältigen. Gerade diese semantische Position macht ihn als Zielperson einer fingierten Elwedritschenjagd verständlich.

Der Beitrag schlägt daher ein zweistufiges Transformationsmodell vor: Zwischen etwa 1700 und 1760 ist als Arbeitshypothese eine Verselbständigung des älteren Alb-/Drudenkomplexes zu einem kleinen, jagdbaren bzw. fingiert jagdbaren Wesen anzunehmen; zwischen etwa 1760 und 1790 tritt daneben die Figur des Elpentrötsch/Elbendrötsch als stereotype Opfer- und Narrenfigur hervor. Im 19. Jahrhundert überlagern sich beide Stränge. In Pennsylvania aber ist der Elpentrötsch/Elbendrötsch gänzlich unbekannt, weshalb dieser sich im Wesentlichen nach den großen Auswanderungswellen nach Pennsylvania entwickelt haben muss. Anfang des 20. Jahrhunderts verschwindet die Personenbezeichnung weitgehend, während das Fabelwesen und die Jagd fortbestehen.

Die These einer kontinuierlichen Entwicklung ist damit noch nicht bewiesen. Sie erklärt jedoch die Quellenlage besser als die Annahme, das Jagdmotiv sei erst aus dem sprachlichen Ausdruck „Elpentrötsch jagen“ hervorgegangen.

1. Einleitung: Das Problem der bisherigen Rekonstruktion

Die Geschichte der Elwedritsche wird gewöhnlich rückwärts gelesen.

Ausgangspunkt ist die heute bekannte Figur:

  • ein Fabeltier,
  • meist vogelartig,
  • scheu,
  • nachtaktiv,
  • angeblich fangbar,
  • Gegenstand einer fingierten Jagd.

Von dort aus werden ältere Bezeichnungen wie Elbedritsch, Elpentrötsch oder Elbendrötsch als Vorformen dieses Wesens interpretiert.

Das quellenkritische Problem dieser Vorgehensweise liegt auf der Hand: Die älteren Quellen beschreiben tatsächlich nicht immer dasselbe.

Ein besonders deutliches Beispiel ist der schwäbische Beleg aus dem Umfeld von 1781:

„Elpentrötsch, ein ungesitteter Kerl; den Elpentrötsch jagen, einen zum Besten haben.“

Der Eintrag macht den Elpentrötsch zunächst zu einem Menschen.

Daraus wurde bisher leicht die Schlussfolgerung gezogen, das Jagdmotiv müsse ursprünglich ebenfalls eine Jagd auf eine Person gewesen sein und erst später sei daraus die Jagd auf ein Fabelwesen entstanden.

Diese Schlussfolgerung ist jedoch nicht zwingend.

Die Pennsylvania-Tradition bietet einen wichtigen Gegenbefund: Dort existiert im 18. Jahrhundert die Elbedritsch bereits als fiktives Tier, das Gegenstand einer fingierten Jagd ist. Der Pennsylvania-Dutch-Wortschatz kennt sogar Elbedritsch fange im Sinne einer „snipe hunt“.

Damit muss die historische Frage anders gestellt werden:

Ist der Elbendrötsch ursprünglich das Jagdziel – oder bezeichnet er später den Menschen, der auf eine solche Jagd geschickt wird?

Der vorliegende Beitrag plädiert für die zweite Möglichkeit.

2. Die zwei Seiten des Überlieferungskomplexes

Die Quellen lassen sich zunächst in zwei unterschiedliche Traditionsstränge gliedern.

Strang A: das Wesen

Hier steht ein übernatürliches oder fantastisches Wesen im Mittelpunkt:

Alb/Elb/Drude
↓
entdämonisierte oder verkleinerte Gestalt
↓
Elbedritsch/Elwetritsch
↓
fiktives Tier
↓
Jagdobjekt

Strang B: das Opfer

Hier steht der Mensch im Mittelpunkt:

Alb/Elbe/Drude
↓
nächtliche Bedrängung
↓
Verwirrung/Blödsinn/Einfalt
↓
Elpentrötsch/Elbendrötsch
↓
stereotype Narrenfigur
↓
geeignete Zielperson einer fingierten Jagd

Die entscheidende These lautet:

Diese beiden Stränge sind nicht identisch, können aber früh miteinander verbunden worden sein.

Die Elwedritschenjagd entsteht dann nicht dadurch, dass ein Elpentrötsch nach und nach zum Tier wird. Vielmehr werden ein älterer Fabeltier-/Jagdbrauch und eine ältere Bezeichnung für den geistig beeinträchtigten Menschen miteinander verschaltet.

3. Die pfälzische Auswanderung als historischer Kontrollbefund

Für diese Rekonstruktion ist Pennsylvania von besonderer Bedeutung.

Die pfälzische Auswanderung nach Pennsylvania setzte insbesondere nach der Krisenphase von 1708/09 ein. Zwischen 1727 und 1775 kamen zehntausende deutschsprachige Einwanderer nach Pennsylvania; unter ihnen befanden sich zahlreiche Menschen aus der Pfalz.

Damit existiert für die Forschung ein außergewöhnlicher historischer „Überlieferungsraum“.

Eine Tradition, die im frühen 18. Jahrhundert in der Pfalz vorhanden war, konnte nach Pennsylvania gelangen und dort unter anderen kulturellen Bedingungen weiterleben.

Gerade die Elbedritsch ist hierfür besonders interessant.

In Pennsylvania wird die Figur als Elbedritsch bzw. Elbadritchel überliefert. Das Pennsylvania Dutch Dictionary definiert Elbedritsch unter anderem als „mythical bird“ bzw. „mythical beast“ und kennt die Wendung Elbedritsch fange, also das „Fangen“ der Elbedritsch als eine Form des Streichs. Der ahnungslose Teilnehmer erhält einen Sack und wird an einen abgelegenen Ort geschickt, während die anderen vorgeben, das Tier auf ihn zuzutreiben.

Das ist strukturell genau die entscheidende Form der späteren Elwedritschenjagd.

4. Pennsylvania: Der Elbedritsch als fiktives Jagdtier

Besonders aussagekräftig ist Edith May Bertels Thomas‘ Darstellung der Elbadritchel Hunt.

Thomas beschreibt die Elbadritchel als einen angeblich existierenden „mythical bird“. Sie berichtet zugleich, dass die Geschichte unter den Pennsylvania Germans verbreitet gewesen sei und dass die Redewendung „’Tis a fine night to catch Elbadritchels“ geläufig gewesen sei.

Der Jagdbrauch ist eindeutig eine Täuschung.

Der Ahnungslose erhält:

  • einen Sack,
  • eine Lichtquelle,
  • einen Knüppel,

und wird instruiert, auf das angebliche Tier zu warten. Die übrigen Teilnehmer entfernen sich und lassen ihn allein zurück.

Damit ist die Struktur vollständig:

fiktives Tier → glaubender Mensch → Jagdauftrag → Isolation → Auflösung des Streichs.

Diese Struktur ist nicht bloß eine sprachliche Redewendung.

Sie ist ein voll ausgebildetes soziales Ritual des Hereinlegens.

5. Warum Pennsylvania für die Datierung wichtig ist

Der Pennsylvania-Befund ist selbstverständlich kein direkter Beweis für die Existenz der pfälzischen Elwedritschenjagd im Jahr 1700.

Die ältesten hier unmittelbar greifbaren schriftlichen Pennsylvania-Belege stammen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Eine 1969 publizierte Rückschau auf ältere Pennsylvania-Traditionen verweist beispielsweise auf H. K. Fishers Olden Times von 1888 und berichtet, die Elbedritschjagd sei eine alte Tradition der Pennsylvania Germans und werde auch mit den im 18. Jahrhundert in den Shenandoah Valley eingewanderten Pennsylvania Germans verbunden.

Gerade deshalb ist methodische Vorsicht erforderlich.

Die Schlussfolgerung lautet nicht:

„Die Elwedritschenjagd ist 1700 schriftlich belegt.“

Sondern:

Eine pfälzisch-pennsylvanische Tradition einer fingierten Jagd auf ein nicht existentes Wesen ist spätestens im 19. Jahrhundert sicher belegt und muss aufgrund der Migrationsgeschichte auf eine ältere Überlieferung zurückgeführt werden, wenn ihre Übertragung mit den pfälzischen Auswanderern angenommen wird.

Das macht einen Ursprung im frühen 18. Jahrhundert plausibel, wenn aufgrund fehlender schriftlicher Quellen nicht unmittelbar beweisbar.

6. Der entscheidende Befund von Schmidt 1781/1795

Vor diesem Hintergrund gewinnt der schwäbische Beleg eine andere Bedeutung.

Der Eintrag lautet:

„Elpentrötsch, ein ungesitteter Kerl; den Elpentrötsch jagen, einen zum Besten haben.“

Die bisherige Interpretation könnte lauten:

Die Bezeichnung Elpentrötsch bezeichnet zunächst einen Menschen; daraus entsteht eine Jagd, bei der dieser Mensch zum Narren gehalten wird.

Die alternative – favorisierte – Interpretation lautet:

Die fingierte Jagd ist bereits eine bekannte soziale Handlung; Elpentrötsch bezeichnet den Typus des Menschen, der für eine solche Täuschung geeignet ist.

Das ist ein erheblicher Perspektivwechsel.

Denn die grammatische Struktur

„den Elpentrötsch jagen“

kann gerade deshalb metaphorisch oder idiomatisch sein, weil die eigentliche Handlung bekannt ist.

Die Erklärung:

„einen zum Besten haben“

zeigt, dass der Ausdruck im Sprachgebrauch bereits eine soziale Situation bezeichnet.

Der Elpentrötsch ist also möglicherweise nicht der Ursprung der Jagd, sondern deren archetypisches Opfer.

7. Der Elpentrötsch als „Opferfigur“

Hier gewinnt Grimms Erklärung von 1835 eine neue Bedeutung.

Grimm beschreibt den Elpentrötsch als:

„einen linkischen einfältigen menschen, dem die elbe etwas angethan haben“.

Die entscheidende Information ist nicht nur Elbe, sondern:

„linkisch“ und „einfältig“.

Damit wird ein sozialer Typus beschrieben.

Der Elpentrötsch ist:

  • leichtgläubig,
  • unbeholfen,
  • geistig beeinträchtigt,
  • ein Mensch, dem etwas „angetan“ wurde,
  • und damit eine Person, die leicht zum Gegenstand eines Streichs werden kann.

Die semantische Entwicklung kann deshalb so verstanden werden:

Alb/Elbe/Drude → Opfer übernatürlicher Einwirkung → Verwirrung → Einfalt → Elpentrötsch → Opfer eines sozialen Streichs.

Das ist eine andere Entwicklung als:

Elbe → Elpentrötsch → Fabeltier.

Ergänzend sei erwähnt, dass sich bei Schmidt auch die Begriffe „Druckerle“ (Albdruck) und „Trutschel“ (langsame Weibsperson) finden.

8. Der Elbendrötsch als Opfer der Elbe

Diese Interpretation wird durch die ältere dämonologische Semantik gestützt.

Die Elbe beziehungsweise der Alp ist in der älteren Überlieferung nicht einfach ein harmloses Fabelwesen. Sie kann Menschen im Schlaf bedrängen, krank machen oder den Geist verwirren.

Der Elbentrötsch bezeichnet in diesem Bedeutungszusammenhang den Menschen, an dem die Wirkung sichtbar geworden ist.

Das ist eine entscheidende Unterscheidung:

Die Elbe ist der Täter.
Der Elbentrötsch ist das Opfer.

Die moderne Elwedritsche ist dagegen geradezu die Umkehrung:

Der Mensch wird zum Jäger.
Das übernatürliche Wesen wird zum Gejagten.

Damit wäre die Elwedritschenjagd kulturgeschichtlich eine Umkehrung des alten Machtverhältnisses.

10. Die neue Chronologie

Aus dieser Perspektive lässt sich die Entwicklung als Arbeitsmodell folgendermaßen rekonstruieren.

Phase I: bis ca. 1700

Ältere Alb-, Alp- und Drudenvorstellungen bilden den Hintergrund.

Die übernatürliche Gestalt ist eine nächtliche Bedrohung des Menschen.

Die Richtung der Handlung lautet:

Wesen → Mensch.

Phase II: ca. 1700–1760

Als Arbeitshypothese ist nun eine Verselbständigung und Miniaturisierung der dämonischen Gestalt anzunehmen.

Aus dem gefährlichen Nachtwesen wird zunehmend ein vorstellbares, lokalisierbares und schließlich jagbares Fabelwesen.

Parallel entsteht oder etabliert sich die soziale Praxis der fingierten Jagd.

Die Richtung kehrt sich um:

Mensch → Wesen.

Die pfälzische Auswanderung ab 1709 wird für diese Phase zum wichtigen historischen Übertragungskanal nach Pennsylvania.

Phase III: ca. 1760–1790

Nun erscheint zusätzlich die Opferfigur des Elpentrötsch.

Der von Elben beziehungsweise Druden beeinträchtigte, einfältige Mensch wird zum sozialen Stereotyp.

Er ist gerade deshalb geeignet, auf eine fingierte Jagd geschickt zu werden.

Damit verbinden sich zwei Traditionen:

Fabeltier + Jagd

und

Einfältiger Mensch + Foppung.

Der Beleg von Schmidt 1781/1795 gehört in diese Phase.

Phase IV: ca. 1800–1850

Die beiden Traditionsstränge werden literarisch sichtbar.

Gräter nennt 1813 die:

„Sage von dem Jagen des Elpen-Drötsch“.

Grimm ordnet den Elpentrötsch in die Elbensphäre ein und erklärt ihn als von der Elbe beeinträchtigten einfältigen Menschen.

Damit existieren beide Seiten:

Jagdobjekt

und

Opferfigur.

Phase V: ca. 1850–1900

Der Name Elbendrötsch bleibt literarisch und volkskundlich präsent.

Victor von Scheffel verwendet 1855 in Ekkehard „Elbentrötsch“ als Anrede beziehungsweise Bezeichnung für eine törichte Gestalt.

Gleichzeitig konkretisiert sich die Elwedritsche als Fabelwesen und Jagdobjekt.

In Pennsylvania ist die Jagd spätestens im späten 19. Jahrhundert schriftlich gut greifbar. Die Pennsylvania-Tradition bewahrt dabei gerade die Kombination aus Fabeltier, Jagd und Hereinlegen eines unerfahrenen Teilnehmers.

Phase VI: 20. Jahrhundert

Die beiden Stränge trennen sich zunehmend.

Der Elbendrötsch als Personenbezeichnung verliert an Alltagsgeltung und gerät in Vergessenheit.

Die Elwedritsche als Fabelwesen und die Elwedritschenjagd bleiben dagegen erhalten.

1922 erscheint beispielsweise Eugen Frieds Die Elwetrittchejagd, verbunden mit einer Darstellung des Wesens als Vogelgestalt.

Damit ist die Transformation weitgehend abgeschlossen:

Aus der komplexen Verbindung von Dämon, Opfer, Foppung und Jagd ist ein eigenständiges Fabelwesen mit eigenem Jagdbrauch geworden.

11. Warum der Beleg von 1781/1795 neu gelesen werden muss

Unter dieser Perspektive ist der Satz

„den Elpentrötsch jagen, einen zum Besten haben“

kein Hinweis darauf, dass aus dem Elpentrötsch erst die Jagd entstanden sei.

Er kann vielmehr das Gegenteil dokumentieren:

Die Jagd ist bereits als soziale Praxis bekannt; „Elpentrötsch“ bezeichnet den Typus desjenigen, den man damit hereinlegen kann.

Das würde erklären, warum die Erklärung nicht lautet:

„einen Elpentrötsch fangen“

sondern:

„einen zum Besten haben“.

Der eigentliche Gegenstand der Redewendung ist die Täuschung des Menschen.

Der Elpentrötsch ist damit zunächst nicht das Tier, sondern derjenige, der glaubt, dass es das Tier gibt.

12. Die Rolle Grimms

Grimm ist in diesem Modell weniger der Beleg für die Entstehung als der Systematisierer zweier bereits auseinandergetretener Bedeutungen.

Er kennt:

  • die schwäbische Sage vom Jagen des Elbendrötsch,
  • die Wortgruppe Elpentrötsch,
  • die Vorstellung von einfältigen Menschen,
  • die Elben als Ursache der Beeinträchtigung.

Er bringt diese Elemente in seinem mythologischen System wieder zusammen.

Damit entsteht bei Grimm rückblickend eine semantische Einheit:

Elbe → Schädigung → einfältiger Mensch → Elpentrötsch.

Was Grimm jedoch nicht erklärt, ist die eigentliche Entstehung der fingierten Jagd.

Gerade deshalb sollte man den Jagdbrauch nicht aus Grimms Elbentheorie ableiten.

13. Die Pennsylvania-Tradition als „Konservierungsraum“

Die Pennsylvania-Tradition besitzt für die Rekonstruktion noch eine zweite Bedeutung.

Migration kann kulturelle Formen konservieren, die in der Herkunftsregion verändert oder vergessen werden.

Die Pennsylvania Germans bewahrten den Elbedritsch über Generationen hinweg. Die schriftliche Überlieferung zeigt noch im frühen 20. Jahrhundert eine ausgeprägte Jagdtradition: Edith Thomas beschreibt die Elbadritchel Hunt als festes ländliches Narrativ und als Streich an einem ahnungslosen Teilnehmer.

Auch die Pennsylvania German Society führt bis heute den Namen Es Elbedritsch, was die nachhaltige kulturelle Verankerung des Motivs zeigt.

Die Pennsylvania-Tradition ist damit kein Beweis für eine bestimmte pfälzische Jahreszahl.

Sie ist aber ein ethnohistorischer Kontrollbefund, der die Annahme stützt, dass die Elbedritsch als Fabelwesen und die Jagd auf sie bereits vor der schriftlichen Dokumentation des späten 19. Jahrhunderts in der deutsch-pfälzischen Überlieferung vorhanden gewesen sein müssen.

14. Der Elbendrötsch als „missing link“ – aber anders als bisher

Der Elbendrötsch wäre in diesem Modell nicht das fehlende Bindeglied zwischen:

Elbe und Elwedritsche.

Er wäre vielmehr das Bindeglied zwischen:

Dämonologie und Sozialfunktion der Jagd.

Er erklärt, warum bestimmte Menschen als geeignete Opfer einer solchen Jagd gelten konnten.

Das ist kulturhistorisch möglicherweise sogar wichtiger.

Denn die Elwedritschenjagd braucht zwei Rollen:

  1. ein imaginäres Jagdobjekt;
  2. einen Menschen, der an dessen Existenz glaubt.

Die ältere Elbentrötsch-Tradition liefert möglicherweise genau die zweite Rolle.

15. Der Zerfall des Komplexes im 20. Jahrhundert

Die weitere Entwicklung lässt sich als Entkopplung der beiden Seiten verstehen.

Der Elbendrötsch als Schimpf- oder Personenbezeichnung verliert seine kommunikative Funktion.

Die Elwedritsche dagegen wird zunehmend:

  • Fabeltier,
  • Regionalzeichen,
  • touristische Figur,
  • literarisches Motiv,
  • Vereins- und Brauchsymbol.

Die Jagd bleibt erhalten, weil sie unabhängig von der alten Bedeutung des Wortes funktioniert.

Dadurch verschwindet der semantische Zusammenhang:

„Elbendrötsch“ = einfältiger Mensch

während

„Elwedritsche“ = imaginäres Jagdtier

bestehen bleibt.

Das erklärt, warum die moderne Überlieferung den Eindruck einer einheitlichen Fabeltiertradition vermittelt, obwohl ihre historischen Bestandteile ursprünglich unterschiedliche Funktionen gehabt haben könnten.

16. Quellenkritische Grenzen der These

Die vorgeschlagene Rekonstruktion besitzt allerdings klare Grenzen.

Erstens

Ein direkter Beleg aus 1700–1760, der die pfälzische Elwedritschenjagd beschreibt, liegt derzeit nicht vor.

Zweitens

Die Pennsylvania-Tradition ist erst viel später schriftlich dokumentiert.

Drittens

Die Annahme, die Auswanderer hätten den Brauch bereits im frühen 18. Jahrhundert mitgenommen, ist eine historische Schlussfolgerung aus Migrationsgeschichte und Traditionskontinuität, keine direkt datierte Quelle.

Viertens

Der schwäbische Beleg von 1781/1795 beweist nicht, dass dort bereits exakt die moderne Elwedritschenjagd mit Sack, Laterne und Treibern praktiziert wurde.

Fünftens

Gräters „Sage von dem Jagen des Elpen-Drötsch“ beweist noch nicht, dass das Jagdobjekt bereits die später bekannte Vogelgestalt besaß.

Diese Einschränkungen sind entscheidend.

Die These sollte deshalb nicht lauten:

„Die Elwedritschenjagd ist 1700–1760 bewiesen.“

Sondern:

„Die Überlieferungsgeschichte legt nahe, dass der Jagdbrauch älter ist als die frühesten erhaltenen schriftlichen Beschreibungen und möglicherweise bereits im frühen 18. Jahrhundert im pfälzischen Raum existierte.“

17. Eine neue Chronologie der Elwedritsche

Damit ergibt sich folgende Arbeitshypothese:

ZeitraumEntwicklung
vor 1700Alb-/Alp-/Drudenvorstellungen; nächtliche Bedrohung des Menschen
ca. 1700–1760mögliche Verselbständigung eines kleinen, imaginären Elb-/Dämonenwesens; Entstehung bzw. Etablierung der fingierten Jagd
1709–1775Übertragung pfälzischer Traditionen nach Pennsylvania durch Auswanderung
ca. 1760–1790Ausbildung des Elpentrötsch/Elbendrötsch als Typus des einfältigen bzw. betrogenen Menschen
1781/1795Schmidt: schwäbisch „Elpentrötsch“ = „ungesitteter Kerl“; „Elpentrötsch jagen“ = „einen zum Besten haben“
1813Gräter: „Sage von dem Jagen des Elpen-Drötsch“
1835Grimm: Elpentrötsch als von der Elbe beeinträchtigter „linkischer einfältiger mensch“
1855Scheffel verwendet „Elbentrötsch“ als Bezeichnung einer törichten Gestalt
spätes 19. Jh.Pennsylvania: schriftlich dokumentierte Elbedritsch hunts
frühes 20. Jh.Elbedritschjagd und Elbedritsch als fiktives Tier etabliert
1922Die Elwetrittchejagd; moderne literarische und bildliche Fabeltiergestalt
20./21. Jh.Elbendrötsch als Personenbezeichnung weitgehend verschwunden; Elwedritsche und Jagd bestehen fort

Die Jahreszahlen 1700–1760 und 1760–1790 sind dabei heuristische Periodisierungen, keine exakt datierten Einschnitte.

18. Schluss: Nicht die Geburt des Jagdmotivs, sondern seine Umcodierung

Die wichtigste Konsequenz dieser Rekonstruktion lautet:

Der Beleg von Schmidt 1781/1795 muss nicht als Geburtsurkunde der Elwedritschenjagd gelesen werden.

Er kann vielmehr ein spätes Zeugnis einer bereits bestehenden sozialen Praxis sein.

Der Elpentrötsch bezeichnet den Menschen, der sich durch seine Einfalt oder Gutgläubigkeit als Opfer eignet:

„ein ungesitteter Kerl“

und

„den Elpentrötsch jagen, einen zum Besten haben“.

Gräter dokumentiert 1813 eine weitere Entwicklungsstufe:

„Die Sage von dem Jagen des Elpen-Drötsch“.

Grimm schließlich liefert die mythologische Tiefenstruktur:

Der Elpentrötsch ist der „linkische einfältige mensch, dem die elbe etwas angethan haben“.

Damit kann der Elbendrötsch als Opferfigur verstanden werden.

Die historische Entwicklung wäre dann nicht:

Elbendrötsch → Elwedritsche.

Sondern:

Alb/Drude → Elbenwesen → fiktives Jagdwesen

parallel zu:

Alb/Drude → beeinträchtigter Mensch → Elbentrötsch

und schließlich:

fiktives Jagdwesen + Elbentrötsch als stereotype Opferfigur → Elwedritschenjagd.

Das erklärt auch die auffällige Persistenz des Jagdmotivs in Pennsylvania. Dort begegnet der Elbedritsch ausdrücklich als imaginäres Tier und als Gegenstand einer fingierten Jagd, bei der ein ahnungsloser Mensch zum Opfer des Streichs wird.

Der entscheidende historische Wandel wäre damit eine Umkehrung der alten dämonischen Handlung:

Die Albdrude quält den Menschen – der Mensch jagt die Elwedritsche.

Der Elbendrötsch steht genau an der Schwelle zwischen beiden Systemen: Er ist der Mensch, an dem die alte dämonische Einwirkung sichtbar wird, und zugleich der Mensch, der deshalb als besonders geeignetes Opfer einer fingierten Jagd erscheint.

Die moderne Elwedritsche wäre folglich nicht einfach die „Weiterentwicklung“ des Elbendrötsch. Sie wäre das Ergebnis einer Entdämonisierung und Umkehrung des alten Handlungsschemas, bei der das ehemalige Bedrohungswesen zum Jagdwesen und sein ehemaliges Opfer zum Jäger wird.

Damit erhält auch die scheinbar nebensächliche schwäbische Wendung von 1781/1795 eine neue Bedeutung. Sie dokumentiert möglicherweise nicht den Anfang der Jagdtradition, sondern bereits einen fortgeschrittenen Zustand ihrer sozialen Semantik.


Literaturverzeichnis

Gräter, F. D. (Hrsg.) (1813): Idunna und Hermode: Eine Alterthumszeitung (2. Jg., S. 65–72: „Uebersicht der Alterthümer der ehmaligen Reichsstadt Hall“). Breslau.

Grimm, J. (1835): Deutsche Mythologie. Göttingen.

Nicolai, F. (1795): Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz, im Jahre 1781: Nebst Bemerkungen über Gelehrsamkeit, Industrie, Religion und Sitten (Bd. 9). Berlin und Stettin.

Schmidt, J. C. (1795): Versuch eines schwäbischen Idiotikon. In F. Nicolai, Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz, im Jahre 1781 (Bd. 9, Beilage VIII). Berlin und Stettin.

Scheffel, J. V. von. (1855): Ekkehard: Eine Geschichte aus dem zehnten Jahrhundert. Frankfurt am Main.

Thomas, E. M. B. (1928 [c. 1915]): Mary at the Farm and Book of Recipes Compiled During Her Visit Among the “Pennsylvania Germans” (2. Aufl.). Harrisburg, PA. Die Darstellung der „Elbadritchel Hunt“ findet sich in Kapitel XXV.

Fisher, H. K. (1888): Olden Times: Or, Pennsylvania Rural Life, Work, and Play. [Die „Catching Elves“-Überlieferung ist in einer späteren Dokumentation der Pennsylvania-German-Tradition überliefert.]

Stine, E. S. (1996): Pennsylvania German dictionary. Lancaster, PA.

Quellenkritischer Kernbefund

Nicht der Elbendrötsch erzeugt die Elwedritschenjagd. Vielmehr könnten Elwedritschenjagd und Elbendrötsch zwei ursprünglich getrennte, aber früh miteinander verbundene Seiten desselben Transformationsprozesses sein. Die Jagd führt zum fiktiven Tier; der Elbendrötsch bezeichnet den Menschen, der aufgrund seiner Einfalt als Opfer dieser Jagd geeignet ist.

Posted in ,