„The Hag – A Newfoundland Nightmare“ (2023) – Eine Filmdokumentation

Ein vergleichender Beitrag zur psychologisch-memetischen Theorie der Elwedritsch

Abstract

Die nefundländische Old-Hag-Tradition zählt zu den am besten dokumentierten Nachtmahrtraditionen der modernen Welt. Seit den bahnbrechenden Arbeiten von David J. Hufford gilt sie als einer der wichtigsten ethnographischen Belege für die Verbindung zwischen kulturellen Überlieferungen und dem neuropsychologischen Phänomen der Schlafparalyse. Der vorliegende Beitrag untersucht die Old Hag anhand des HADD-CCT-BVT-Modells und vergleicht ihre Entwicklung mit der mutmaßlichen historischen Entwicklung der pfälzischen Elwedritsch. Es wird argumentiert, dass beide Traditionen wahrscheinlich auf vergleichbare neurokognitive Ausgangserfahrungen zurückgehen, sich jedoch in ihrer späteren kulturellen Evolution deutlich voneinander entfernen. Während die Old Hag dauerhaft an ihre Funktion als Erklärung eines bedrohlichen nächtlichen Erlebnisses gebunden blieb, entwickelte sich die Elwedritsch zu einer weitgehend humorisierten Identitätsfigur. Gerade diese Abweichung macht die Old Hag zu einem besonders wertvollen Kontrollfall für die psychologisch-memetische Theorie.

1. Einleitung

Volksüberlieferungen über nächtliche Angriffe durch übernatürliche Wesen gehören zu den kulturübergreifend am weitesten verbreiteten Erzählmustern der Menschheitsgeschichte. Von der mesopotamischen Lilitu über die mittelalterliche Mahr und die slawische Mora bis hin zur Old Hag von Neufundland begegnet immer wieder dasselbe Grundmotiv: Ein Mensch erwacht nachts, kann sich nicht bewegen, empfindet intensive Angst und nimmt gleichzeitig die Anwesenheit einer fremden Entität wahr. Obwohl die konkreten Gestalten kulturell variieren, bleibt die zugrunde liegende Erlebnisstruktur bemerkenswert konstant.

Innerhalb der psychologisch-memetischen Theorie der Elwedritsch besitzt die Old Hag deshalb eine besondere Bedeutung. Sie erlaubt die Untersuchung der Frage, ob ähnliche neuropsychologische Ausgangsbedingungen zwangsläufig zu vergleichbaren kulturellen Entwicklungen führen oder ob unterschiedliche historische Rahmenbedingungen zu unterschiedlichen Endzuständen kultureller Figuren führen können.

Die Old Hag eignet sich hierfür besonders gut, weil ihre Verbindung zur Schlafparalyse vergleichsweise gut dokumentiert ist. Während die frühe Geschichte der Elwedritsch teilweise rekonstruiert werden muss und direkte Erlebnisberichte aus früheren Jahrhunderten fehlen, liegen für die Old Hag zahlreiche ethnographische Interviews, volkskundliche Untersuchungen und medizinische Studien vor. Dadurch bietet sie die seltene Möglichkeit, die einzelnen Schritte des HADD-CCT-BVT-Modells an einem empirisch gut dokumentierten Vergleichsfall zu untersuchen.

2. Historische Entwicklung der Old-Hag-Tradition

Die Tradition der Old Hag entwickelte sich innerhalb der englisch-irisch geprägten Siedlungsgesellschaft Neufundlands. Die europäischen Einwanderer brachten zahlreiche Vorstellungen über Hexen, Nachtmahre und dämonische Angreifer mit in die Neue Welt. Besonders die britische Vorstellung des „hag-riding“ bildete einen wichtigen kulturellen Hintergrund.

Bereits in frühneuzeitlichen Quellen der britischen Inseln finden sich Berichte über Menschen, die nachts von einer alten Hexe heimgesucht werden. Die Betroffenen beschrieben das Gefühl, auf dem Bett festgehalten zu werden, keine Luft zu bekommen und eine fremde Präsenz wahrzunehmen. Diese Schilderungen entsprechen in bemerkenswerter Weise modernen Beschreibungen der Schlafparalyse.

Mit der Besiedlung Neufundlands wurde diese Tradition übertragen und lokal angepasst. Die Old Hag entwickelte sich dabei zu einer eigenständigen Figur des regionalen Volksglaubens. Anders als viele andere europäische Überlieferungen blieb sie bis ins 20. Jahrhundert hinein lebendig. Noch in den 1960er- und 1970er-Jahren berichteten zahlreiche Bewohner Neufundlands von eigenen Begegnungen mit der Old Hag oder von Erlebnissen naher Verwandter.

Besondere wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhielt die Tradition durch den Folkloristen David J. Hufford. Seine Feldforschungen führten zu der Erkenntnis, dass die geschilderten Erlebnisse unabhängig von kulturellen Vorannahmen eine auffällige Übereinstimmung aufweisen. Dies führte zu seiner berühmten erfahrungszentrierten Theorie, wonach die Tradition nicht ausschließlich kulturell konstruiert ist, sondern auf einer tatsächlich wiederkehrenden menschlichen Erfahrung beruht.

3. Phase 1: Neuropsychologischer Ursprung und HADD

Nach dem HADD-CCT-BVT-Modell beginnt die Entstehung der Old Hag mit einer Schlafparalyse. Neurophysiologisch handelt es sich dabei um einen Zustand, in dem das Bewusstsein bereits erwacht ist, während die REM-bedingte Muskelatonie noch anhält. Der Betroffene erlebt sich als wach, kann jedoch seinen Körper nicht kontrollieren.

Dieser Zustand erzeugt häufig intensive Angst. Gleichzeitig treten Wahrnehmungsphänomene auf, die von der Präsenz einer fremden Entität bis hin zu visuellen oder akustischen Halluzinationen reichen können. Die Betroffenen beschreiben oft das Gefühl, dass sich etwas im Raum befindet und sie beobachtet oder bedroht.

Aus evolutionärer Sicht ist das menschliche Gehirn darauf spezialisiert, potenzielle Akteure auch unter unsicheren Bedingungen zu erkennen. Das Hyperactive Agency Detection Device (HADD) bevorzugt Fehlalarme gegenüber dem Übersehen tatsächlicher Gefahren. Die Folge ist eine spontane Agentifizierung der Erfahrung.

Die Schlafparalyse erzeugt somit zunächst keine Hexe, sondern lediglich die Wahrnehmung einer unsichtbaren, bedrohlichen Präsenz. Erst die kulturelle Verarbeitung verleiht dieser Präsenz eine konkrete Gestalt.

4. Phase 2: Personifizierung

Die Wahrnehmung eines unbekannten Akteurs ist kognitiv instabil. Menschen bevorzugen narrative Erklärungen in Form konkreter handelnder Wesen. Deshalb werden unbestimmte Präsenzen typischerweise personifiziert.

In Neufundland erhielt diese Präsenz die Gestalt einer alten Hexe. Die Wahl dieser Figur war kulturell naheliegend, da entsprechende Vorstellungen bereits seit Jahrhunderten Teil der britischen Volksüberlieferung waren. Die alte Frau fungierte als kulturell verfügbarer Erklärungsrahmen für ein ansonsten schwer verständliches Erlebnis.

Durch diese Personifizierung wurde aus einer neurologischen Erfahrung ein sozial kommunizierbares Narrativ. Die Old Hag konnte beschrieben, erinnert und weitererzählt werden. Damit entstand die Grundlage ihrer langfristigen kulturellen Existenz.

5. Phase 3: Kulturelle Stabilisierung durch CCT

Mit der Weitergabe der Erzählungen entstand ein kulturelles Deutungsmuster. Kinder lernten von ihren Eltern, was eine Old Hag sei. Erwachsene berichteten einander von Begegnungen und Schutzmaßnahmen. Die Figur wurde Teil des kollektiven Wissens.

Die Cultural Cognitive Templates (CCT) wirken dabei als mentale Interpretationsschablonen. Wer bereits von der Old Hag gehört hat und später eine Schlafparalyse erlebt, besitzt einen kulturellen Rahmen, in den das Erlebnis eingeordnet werden kann.

Dadurch entsteht ein rekursiver Prozess. Die Tradition beeinflusst die Interpretation neuer Erfahrungen, während neue Erfahrungen die Tradition bestätigen. Die kulturelle Figur stabilisiert sich selbst.

Dieser Mechanismus dürfte auch bei zahlreichen anderen Nachtmahrtraditionen gewirkt haben. Die bemerkenswerte Ähnlichkeit zwischen Old Hag, Mora, Mahr und verwandten Figuren spricht für gemeinsame psychologische Grundlagen bei gleichzeitiger kultureller Ausgestaltung.

6. Phase 4: Ritualisierung und soziale Einbettung

Sobald eine kulturelle Figur als reale Bedrohung wahrgenommen wird, entstehen Gegenmaßnahmen. Die Old-Hag-Tradition entwickelte eine Vielzahl religiöser und magischer Schutzpraktiken.

Betroffene verwendeten Gebete, Bibelverse oder bestimmte Objekte als Schutzmittel. Teilweise wurde angenommen, dass die Hag durch besondere Rituale abgewehrt oder identifiziert werden könne. Solche Praktiken verliehen der Tradition praktische Relevanz und verankerten sie im Alltag.

Rituale dienen dabei nicht nur der Gefahrenabwehr. Sie reduzieren Unsicherheit, stärken die soziale Kohäsion und vermitteln das Gefühl von Kontrolle über ansonsten unverständliche Erfahrungen. In diesem Sinne stellen sie einen wichtigen Schritt der kulturellen Verarbeitung dar.

7. Phase 5: Memetische Selektion und kulturelle Persistenz

Die außergewöhnliche Langlebigkeit der Old Hag lässt sich durch memetische Mechanismen erklären. Erfolgreiche kulturelle Meme zeichnen sich durch hohe emotionale Intensität, leichte Vorstellbarkeit und gute Erzählbarkeit aus.

Die Old Hag erfüllt all diese Kriterien. Hinzu kommt ein weiterer entscheidender Faktor: Sie besitzt eine direkte Verbindung zu einer real wiederkehrenden menschlichen Erfahrung. Jede neue Schlafparalyse kann als Bestätigung der Tradition interpretiert werden.

Dadurch entsteht eine ungewöhnlich robuste Form kultureller Stabilität. Die Tradition benötigt keine Institutionen oder Autoritäten, um fortzubestehen. Sie reproduziert sich teilweise durch die regelmäßige Wiederkehr des zugrunde liegenden Erlebnisses.

8. Die entscheidende Divergenz zur Elwedritsch

Bis zu diesem Punkt verlaufen die Entwicklungswege von Old Hag und Elwedritsch bemerkenswert parallel. Beide können als Produkte derselben psychologischen Grundmechanismen verstanden werden. Die zentrale theoretische Frage lautet daher, warum die spätere Entwicklung so unterschiedlich ausfiel.

Die wahrscheinlich wichtigste Erklärung liegt in der dauerhaften Bindung der Old Hag an ihre Ursprungserfahrung. Schlafparalyse existiert weiterhin. Dadurch entstehen kontinuierlich neue Erlebnisse, die scheinbar die Existenz der Old Hag bestätigen.

Die Elwedritsch scheint dagegen ihre ursprüngliche Verbindung zu einem konkreten Schreckensereignis weitgehend verloren zu haben. Im Laufe der Zeit verlagerte sich ihre Funktion von der Erklärung eines Erlebnisses hin zur Erzeugung sozialer Interaktion.

Während die Old Hag weiterhin Angst erklärt, erzeugt die Elwedritsch heute vor allem Gemeinschaft. Während die Old Hag individuelle Erfahrungen interpretiert, dient die Elwedritsch der regionalen Identitätsbildung. Die Figur wurde zunehmend aus ihrem ursprünglichen Bedrohungskontext herausgelöst.

9. BVT als Sonderentwicklung

Der Vergleich legt nahe, dass die BVT-Transformation keine universelle Endstufe kultureller Evolution darstellt. Vielmehr handelt es sich um eine besondere historische Entwicklung, die nur unter bestimmten Bedingungen eintritt.

Die Old Hag zeigt, dass ein kulturelles Meme über Jahrhunderte hinweg stabil bleiben kann, ohne jemals vollständig humorisiert zu werden. Ihre ursprüngliche Funktion bleibt erhalten, wodurch eine umfassende Umdeutung erschwert wird.

Die Elwedritsch stellt demgegenüber einen Sonderfall dar, bei dem eine ursprünglich bedrohliche Figur schrittweise neue soziale Funktionen übernahm. Diese Entwicklung führte letztlich zu ihrer Transformation in ein humoristisches Regionalwesen.

Für die psychologisch-memetische Theorie bedeutet dies eine wichtige Präzisierung. Nicht jede Nachtmahrfigur erreicht die BVT-Phase. Die BVT erscheint vielmehr als historisch kontingente Möglichkeit kultureller Evolution.

10. Fazit

Die Old Hag gehört zu den stärksten Vergleichsfällen für die psychologisch-memetische Theorie der Elwedritsch. Ihre Entwicklung bestätigt die Annahme, dass Schlafparalyse über HADD-Prozesse zu Agentifizierungen führen kann und dass kulturelle Deutungsmuster diese Erfahrungen stabilisieren und weiterverbreiten.

Gleichzeitig zeigt die Tradition, dass kulturelle Evolution nicht zwangsläufig zur Humorisierung führt. Die Old Hag blieb über Jahrhunderte eng mit ihrer ursprünglichen Funktion als Erklärung eines bedrohlichen nächtlichen Erlebnisses verbunden. Dadurch wurde die für die Elwedritsch charakteristische Transformation zur humorisierten Regionalfigur verhindert.

Gerade diese Abweichung macht die Old Hag wissenschaftlich besonders wertvoll. Sie bestätigt die Grundannahmen des Modells und hilft gleichzeitig dabei, dessen Grenzen genauer zu bestimmen. Als empirisch gut dokumentierter Kontrollfall liefert sie wichtige Hinweise darauf, unter welchen Bedingungen die BVT-Phase kultureller Evolution eintreten oder ausbleiben kann.

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