Abstract

Die Schlafparalyse gehört zu den am besten dokumentierten neurologischen Schlafphänomenen der Gegenwart. Historisch wurde dieselbe Erfahrung jedoch nicht medizinisch, sondern religiös und volkskundlich interpretiert. Der vorliegende Beitrag untersucht die frühesten Nachweise von Schlafparalyse in medizinischen und kulturhistorischen Quellen. Ausgangspunkt ist die erste klinische Beschreibung durch den niederländischen Arzt Isbrand van Diemerbroeck im Jahr 1664. Ergänzend werden Hexenprozessforschung und deutschsprachige Nachtwesenüberlieferungen zu Alp, Mahr, Drude und Trud analysiert. Die Untersuchung zeigt, dass die Kombination dieser Quellen eine starke Indizienkette dafür liefert, dass ein Teil der historischen Hexerei- und Nachtgeistvorstellungen auf Erfahrungen beruhte, die heute als Schlafparalyse diagnostiziert würden.

1. Einleitung

Schlafparalyse bezeichnet einen Übergangszustand zwischen Schlaf und Wachsein, bei dem die physiologische Muskelatonie des REM-Schlafs bestehen bleibt, während das Bewusstsein bereits erwacht ist. Betroffene erleben dabei häufig eine vollständige Bewegungsunfähigkeit, Atembeklemmung, intensive Angst sowie die Wahrnehmung einer bedrohlichen Präsenz.

Aus neurologischer Sicht handelt es sich um ein gut erforschtes Phänomen. Historisch fehlte jedoch ein entsprechendes Erklärungsmodell. Menschen der Vormoderne interpretierten dieselben Erfahrungen daher im Rahmen ihrer religiösen und kulturellen Vorstellungen. Die wahrgenommene Präsenz wurde als Dämon, Hexe, Nachtgeist oder Druckwesen verstanden.

Die zentrale Frage dieses Beitrags lautet daher: Lassen sich historische Vorstellungen von Hexen, Alben, Mahren und Druden teilweise als kulturelle Verarbeitung von Schlafparalyse-Erfahrungen verstehen?

2. Die erste klinische Beschreibung der Schlafparalyse

Der früheste eindeutig identifizierbare medizinische Bericht stammt von dem niederländischen Arzt Isbrand van Diemerbroeck (1609–1674), Professor für Medizin in Utrecht.

In seinen 1664 veröffentlichten Observationes Medicae beschreibt er den Fall einer etwa fünfzigjährigen Frau, die überzeugt war, nachts vom Teufel oder anderen Wesen angegriffen zu werden. Die Patientin berichtete, dass sie während des Schlafs plötzlich erwache und das Gefühl habe, jemand liege auf ihr und halte sie fest. Gleichzeitig verspüre sie starken Druck auf der Brust, Atemnot und die Unfähigkeit, sich zu bewegen oder deutlich zu sprechen.

Besonders bemerkenswert ist die Wahrnehmung fremder Gestalten. Die Frau glaubte zeitweise, von einem Hund, einem Dieb oder dem Teufel selbst bedrängt zu werden. Aus heutiger Sicht erfüllt die Schilderung sämtliche diagnostischen Kernkriterien einer Schlafparalyse.

Der Medizinhistoriker Erwin J. O. Kompanje bezeichnete diesen Fall deshalb als die früheste detaillierte klinische Beschreibung einer Schlafparalyse mit Halluzinationen in der europäischen Medizingeschichte (Kompanje 2008).

Wichtig ist dabei, dass die Quelle keine Angaben über die Herkunft der Patientin enthält. Die gelegentlich anzutreffende Behauptung, es habe sich um eine Pfälzerin gehandelt, ist quellenmäßig nicht belegt.

3. Hexenprozesse und nächtliche Angriffe

Während Ärzte wie Diemerbroeck begannen, natürliche Erklärungen für solche Erfahrungen zu suchen, dominierten in der breiten Bevölkerung weiterhin übernatürliche Deutungen.

Die moderne Hexenforschung hat gezeigt, dass nächtliche Angriffe durch weibliche Wesen ein wiederkehrendes Motiv in Hexereibeschuldigungen waren. Historiker wie Owen Davies konnten anhand von Prozessakten, Volksüberlieferungen und dämonologischen Schriften nachweisen, dass Betroffene häufig berichteten, nachts von Hexen, Geistern oder anderen Wesen heimgesucht worden zu sein (Davies 2003).

Dabei treten immer wieder dieselben Elemente auf:

  • nächtliches Erwachen,
  • körperliche Lähmung,
  • Angstzustände,
  • das Gefühl eines Angriffs,
  • die Wahrnehmung einer weiblichen oder dämonischen Gestalt.

Die Prozessakten liefern zwar selten eine klinisch präzise Beschreibung, zeigen jedoch deutlich, dass nächtliche Bedrängungserlebnisse ein wichtiger Bestandteil des Hexereiglaubens waren.

Für die historische Forschung ist dabei weniger eine einzelne spektakuläre Aussage entscheidend als die große Zahl ähnlicher Berichte über mehrere Jahrhunderte hinweg.

4. Alp, Mahr, Drude und Trud als kulturelle Beschreibung der Schlafparalyse

Die stärksten Hinweise auf eine Verbindung zwischen Schlafparalyse und Volksglauben finden sich nicht in den Gerichtsakten, sondern in der volkstümlichen Überlieferung des deutschen Sprachraums.

Der Alp

Der Alp oder Nachtalb gilt als klassisches Druckwesen. Seine zentrale Eigenschaft besteht darin, sich nachts auf Schlafende zu legen und ihnen die Luft zu nehmen. Bereits die historische Beschreibung des Albs enthält damit die beiden Hauptsymptome moderner Schlafparalyse: Brustdruck und Atemnot (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 1).

Der Mahr

Der Mahr oder Nachtmahr erscheint in zahlreichen europäischen Traditionen als Wesen, das Menschen im Schlaf bedrängt. Das deutsche Wort „Albtraum“ erinnert bis heute an diese Vorstellung. Der Mahr verursacht Angstzustände, Bewegungsunfähigkeit und das Gefühl einer fremden Präsenz (Bächtold-Stäubli 1927–1942).

Die Drude

Besonders aufschlussreich ist die Figur der Drude. Sie wird in vielen Regionen ausdrücklich als weibliches Wesen beschrieben, das nachts erscheint, sich auf die Brust des Schlafenden setzt und Atemnot verursacht.

Die traditionelle Beschreibung der Drude entspricht damit nahezu vollständig dem modernen klinischen Bild der Schlafparalyse (Bächtold-Stäubli 1927–1942).

Die Trud

Die Trud erscheint vor allem im süddeutschen und alpinen Raum. Wie die Drude wird sie als weiblicher Nachtgeist verstanden, der Schlafende heimsucht und bedrängt. Auch hier stehen Druck auf der Brust, Angst und körperliche Lähmung im Mittelpunkt (Petzoldt 2002).

5. Von der neurologischen Erfahrung zum kulturellen Wesen

Die Übereinstimmung zwischen den Symptomen der Schlafparalyse und den Eigenschaften von Alp, Mahr, Drude und Trud ist auffällig.

Aus moderner Sicht lässt sich folgender Zusammenhang rekonstruieren:

  1. Menschen erleben Schlafparalyse.
  2. Die Erfahrung wirkt vollkommen real.
  3. Eine Erklärung innerhalb des damaligen Weltbildes wird gesucht.
  4. Die wahrgenommene Präsenz erhält eine kulturelle Gestalt.
  5. Es entstehen Erzählungen über Alben, Mahren, Druden, Truden oder Hexen.

Die neurologische Erfahrung bildet somit den Rohstoff, aus dem kulturelle Vorstellungen entstehen.

Dieser Mechanismus erklärt auch, weshalb ähnliche Nachtwesen in zahlreichen Kulturen der Welt auftreten, obwohl zwischen ihnen keine direkte historische Verbindung bestehen muss (Sharpless & Doghramji 2015; Cox 2015).

6. Bedeutung für die pfälzische Überlieferung

Für die pfälzische Volkskunde ist besonders relevant, dass die historischen Nachtwesen des deutschen Sprachraums ein zusammenhängendes Motivfeld bilden.

Während einzelne Hexenprozessakten oft schwer zugänglich oder interpretationsbedürftig sind, stellen die Traditionen um Alp, Mahr, Drude und Trud eine deutlich stabilere Quellenbasis dar. Sie dokumentieren über Jahrhunderte hinweg dieselbe Erfahrung: nächtliches Erwachen, Druck auf der Brust, Atemnot, Angst und die Wahrnehmung eines fremden Wesens.

Damit erscheint der Nachweis über die Traditionslinie

Alp → Mahr → Drude → Trud

gegenwärtig wesentlich belastbarer als der Versuch, eine einzelne spektakuläre Hexenprozessstelle als Beweis heranzuziehen.

Gerade für die Erforschung regionaler Nachtwesen ist diese Kontinuität von besonderer Bedeutung. Sie zeigt, wie neurologische Erfahrungen in unterschiedlichen Zeiten kulturell umgedeutet und in lokale Vorstellungswelten integriert wurden.

Im Rahmen des psychologisch-memetischen Ansatzes zum Ursprung der Elwedritsch lässt sich daraus die Hypothese ableiten, dass Schlafparalyse-Erfahrungen einen kulturellen Resonanzraum bildeten, aus dem sich verschiedene Nachtwesen-Traditionen entwickelten. Die neurologische Erfahrung wäre universell, ihre kulturelle Ausgestaltung jedoch regional unterschiedlich.

Fazit

Die erste klinische Beschreibung der Schlafparalyse stammt von Isbrand van Diemerbroeck aus dem Jahr 1664. Die Hexenforschung zeigt zugleich, dass nächtliche Angriffe durch weibliche Wesen ein weit verbreitetes Motiv frühneuzeitlicher Vorstellungen waren. Die deutschsprachige Volksüberlieferung zu Alp, Mahr, Drude und Trud beschreibt schließlich exakt jene Symptome, die heute als Schlafparalyse bekannt sind.

Die Kombination dieser Quellen liefert eine starke historische Indizienkette dafür, dass zumindest ein Teil der europäischen Hexerei- und Nachtgeistvorstellungen auf realen Erfahrungen von Schlafparalyse beruhte. Die kulturelle Verarbeitung dieses neurologischen Phänomens lässt sich im deutschen Sprachraum besonders deutlich in den Traditionen um Alp, Mahr, Drude und Trud beobachten.

Literatur

Bächtold-Stäubli, Hanns (Hrsg.) (1927–1942): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 10 Bände. Berlin und Leipzig: Walter de Gruyter.

Cox, Ann M. (2015): Sleep Paralysis and Folklore. In: Journal of Scientific Exploration, 29(3), S. 1–15. Grundlage der veröffentlichten Fassung: Ann M. Cox, „Sleep Paralysis and Folklore“, SAGE Open Medicine.

Davies, Owen (2003): The Nightmare Experience, Sleep Paralysis, and Witchcraft Accusations. In: Folklore, Bd. 114, Nr. 2, S. 181–203.

Diemerbroeck, Isbrand van (1664): Observationes Medicae. Utrecht.

Kompanje, Erwin J. O. (2008): ‘The devil lay upon her and held her down’: Hypnagogic hallucinations and sleep paralysis described by the Dutch physician Isbrand van Diemerbroeck (1609–1674) in 1664. In: Journal of Sleep Research, 17(4), S. 464–467.

Petzoldt, Leander (2002): Kleines Lexikon der Dämonen und Elementargeister. München: C. H. Beck.

Sharpless, Brian A.; Doghramji, Karl (2015): Sleep Paralysis: Historical, Psychological, and Medical Perspectives. Oxford: Oxford University Press.

Scot, Reginald (1584): The Discoverie of Witchcraft. London.

Solomonova, Elizaveta; Nielsen, Tore (2017): Sleep Paralysis: Phenomenology, Neurophysiology, and Treatment. Überblicksdarstellung zur modernen Schlafparalyseforschung.

Posted in

Entdecke mehr von Elwedritsche

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen