
1) Grundidee
Die psychologisch-memetische These besagt, dass die Elwedritsche nicht einfach ein scherzhaftes Pfälzer Fabeltier ist, sondern das kulturelle Endprodukt einer langen Transformation:
Wahrnehmungsphänomene (v. a. Schlafparalyse) → Agentenzuschreibung (HADD, unheimliche Projektion) → kulturelle Erzählungen (Alb/Drude) → memetische Veredelung zu einem humorvollen, regionalen Identitätswesen (Elwedritsche).
Diese Kombination aus Psychologie, Kognitionswissenschaft und Memetik ist in der deutschsprachigen Volkskunde relativ neu – und genau darin liegt ihre besondere Erklärungskraft.
2) Die drei theoretischen Bausteine
A) Schlafparalyse als Ursprungserlebnis
Schlafparalyse liefert ein konkret dokumentierbares, universelles nächtliches Angsterlebnis: Druck auf der Brust, das Gefühl einer Präsenz, Halluzinationen.
Historisch wurden solche Erlebnisse als „Alb“ oder „Drude“ gedeutet. Elwedritsch.de stellt überzeugend dar, wie solche nächtlichen Erfahrungen sich im Dialekt und in Sagenformen niederschlagen.
Stärke: Der Ansatz hat eine objektive physiologische Basis. Die Elwedritsche wird dadurch nicht bloß als „Erfindung“, sondern als kulturelle Verarbeitung eines universellen menschlichen Erlebnisses verständlich. Dieser naturwissenschaftliche Ankerpunkt macht die Theorie besonders robust.
B) Memetik: Warum sich ausgerechnet die Elwedritsche durchsetzte
Memetik erklärt, wie kulturelle Inhalte sich wie Gene entwickeln und warum manche Ideen besonders „überlebensfähig“ sind.
Die Elwedritsche ist memetisch sehr stark, weil sie:
- einprägsam ist (komisches Mischwesen)
- emotional funktioniert (Restgrusel + Humor)
- sozial eingebettet ist (Elwedritsche-Jagden, Vereine)
- regional identitätsstiftend wirkt
Stärke: Der Ansatz erklärt nicht nur den Ursprung, sondern auch die erstaunliche Langlebigkeit der Figur. Während viele Alb- und Dämonenvorstellungen verschwanden, blieb die Elwedritsche bestehen – die Memetik liefert dafür eine elegante Erklärung.
C) Agentendetektion + Freud: Wie aus Innenleben ein „Wesen“ entsteht
Der HADD-Mechanismus (Hyperactive Agency Detection Device) erklärt, warum Menschen bei unklaren Reizen „Agenten“ vermuten. Freud ergänzt das psychodynamisch: Unheimliche, verdrängte Inhalte werden externalisiert.
Stärke: Der Ansatz verbindet kognitive und tiefenpsychologische Mechanismen zu einer schlüssigen Erklärung dafür, warum Menschen Fabelwesen personifizieren. Hier wird das „Gefühl einer nächtlichen Präsenz“ nachvollziehbar als natürliches Ergebnis menschlicher Wahrnehmungs- und Deutungsmechanismen.
3) Warum der Ansatz besonders überzeugend ist (mit verstärktem Fokus auf die Stärken)
(1) Er vereint physiologische, psychische und kulturelle Ebenen
Sehr wenige Theorien zur Volksüberlieferung können physiologische Daten, kognitive Mechanismen und kulturelle Evolution in einem einzigen, konsistenten Modell verbinden. Die psychologisch-memetische These tut genau das – und gewinnt dadurch fachübergreifend hohe Plausibilität.
(2) Er liefert einen nachvollziehbaren historischen Pfad
Der Ansatz zeigt eine klare Entwicklungslinie:
Alb/Drude → dialektale Verschiebung → humoristische Brechung → Ritualisierung → Elwedritsche.
Diese Linie ist sprachhistorisch und volkskundlich plausibel und passt sehr gut zu den Materialsammlungen und Quellen.
(3) Er erklärt die Doppelstruktur der Elwedritsche
Die Figur ist gleichzeitig harmlos-spaßig und tief kulturell verwurzelt.
Andere Erklärungen können oft nur eine dieser Ebenen abdecken.
Die psychologisch-memetische These erklärt beide:
- der bedrohliche Kern (Schlafparalyse)
- die humoristische Überformung (Memetik)
(4) Er ist transkulturell anschlussfähig
Die Theorie lässt sich problemlos vergleichen mit:
- dem „Old Hag“-Mythos
- den deutschen Alb- und Mahr-Traditionen
- Slavic „Mora“-Vorstellungen
- skandinavischen „Mare“-Legenden
- sowie Pennsylvania Dutch Überlieferungen (Hiwwe wie Driwwe)
Stärke: Der Ansatz ist nicht lokal beschränkt, sondern kulturübergreifend gültig.
Das verleiht ihm wissenschaftliche Tiefe und Überprüfbarkeit.
4) Offene Punkte
- Manche historische Übergänge sind mangels Quellen nicht beweisbar, sondern plausibel interpretiert.
- Memetik ist theoretisch nicht unumstritten.
- Psychoanalyse liefert Deutungsrahmen, aber weniger empirische Belege.
Diese Punkte schmälern jedoch nicht die zentrale Stärke: die Theorie erklärt mehr als konkurrierende Ansätze – und das kohärent.
5) Fazit
Die psychologisch-memetische These ist derzeit der umfassendste Ansatz, um Ursprung und Entwicklung der Elwedritsche zu erklären. Sie überzeugt besonders durch die Vereinbarkeit unterschiedlicher Disziplinen, die Einbettung in universelle menschliche Wahrnehmung, und die Art und Weise, mit der sie sowohl die Bedrohlichkeit als auch die humorvolle moderne Version der Elwedritsche erklärt.