1. Einleitung

In zahlreichen Regionen Europas existieren volkstümliche Bräuche, bei denen Gruppen junger oder unwissender Personen zu nächtlichen Jagden auf Fabeltiere eingeladen werden. Diese Jagden sind nach traditioneller Struktur rituell, komisch, bewusst erfolglos und dienen oft der sozialen Initiation. Die bekanntesten Beispiele sind die Elwedritsche-Jagd in der Pfalz (Deutschland) und die Jagd auf die Gatta Morta in Lunigiana (Italien). Obwohl diese Rituale heute primär humoristischen Charakter besitzen, tragen sie in ihrer Struktur tiefe mythologische Schichten: Insbesondere deuten zahlreiche folkloristische und ethnologische Forschungsarbeiten darauf hin, dass solche Fabelwesen verharmloste Überreste vormals bedrohlicher nächtlicher Druckdämonen sind – Gestalten, die in vormodernen Gesellschaften als Erklärung für Schlafparalyse dienten. Dieser Beitrag untersucht die Elwedritsche und die Gatta Morta als Entdämonisierungen früherer nächtlicher Wesen, beschreibt ihre Transformation in jagdbare Waldtiere und vergleicht sie mit ähnlichen Bräuchen in Europa. Zudem wird der Einfluss des neurophysiologischen Phänomens Schlafparalyse auf die Ausbildung dieser Dämonologien herausgearbeitet.

2. Nächtliche Druckdämonen und Schlafparalyse: Medizinische und mythologische Grundlagen

2.1 Schlafparalyse als anthropologisches Grundphänomen

Schlafparalyse bezeichnet einen Zustand, in dem Betroffene beim Einschlafen oder Aufwachen bei vollem Bewusstsein sind, sich jedoch nicht bewegen können. Häufig treten dabei Atemnot, starker Druck auf Brust oder Bauch, Gestaltenwahrnehmungen im Raum, akustische Halluzinationen und Gefühle der Präsenz auf (Cheyne 2001; Hishikawa & Shimizu 1995). Da Schlafparalyse universell vorkommt, findet man weltweit kulturgebundene Interpretationen, die oft dämonische Wesen einbeziehen.

2.2 Druckdämonen als kulturelle Verarbeitung eines physiologischen Effekts

In Europa wurde Schlafparalyse seit der Antike bis ins 19. Jahrhundert häufig als Angriff eines nächtlichen Wesens gedeutet:

  • Germanisch: Alp, Drude (Kieckhefer 1994)
  • Nordisch: Mara (Jönsson 1983)
  • Romanisch: Pesanta (Katalonien), Pandafeche (Portugal)
  • Slawisch: Mora, Moravica

Diese Wesen werden fast durchgängig als druckausübende Nachtgestalt beschrieben, die sich auf Brust oder Bauch der Schlafenden setzt. Der Begriff „Alpdrücken“ oder „Nachtmahr“ verweist direkt auf diese Erfahrung. Die theoretische Folkloreforschung beschreibt solche Dämonen als „Sleep Paralysis Entities“ (Hufford 1982) – kulturabhängige Personifikationen eines neurophysiologischen Erlebnisses.

2.3 Vom Dämon zum Fabeltier: Mechanismen der Entschärfung

Volkskundlich lässt sich eine Transformation nachzeichnen:

  1. Phase 1: Dämonisch – Gefahr, Druck, nächtlicher Angriff
  2. Phase 2: Miniaturisierung – das Wesen wird kleiner, harmloser
  3. Phase 3: Exterritorialisierung – es wird in die Natur (Wald, Berge) verbannt
  4. Phase 4: Ritualisierung – es wird Objekt einer rituellen, komischen Jagd
  5. Phase 5: Folkloristische Entmythologisierung – Spaßfigur, Tourismus, Brauch

Die pfälzischen Elwedritsche und die italienische Gatta Morta befinden sich eindeutig in Phase 4/5. Die Elbedritsche in Pennsylvania sind eher der Phase 3/4 zuzuordnen.

3. Die Elwedritsche

3.1 Ursprung und Transformation

Die Elwedritsche wird in der Pfälzer Folklore als hybrides, scheues Waldtier beschrieben, das nur nachts und nur unter großem Aufwand gefangen werden könne. Historisch lässt sich jedoch zeigen, dass frühere volkstümliche Beschreibungen – insbesondere im Kontext von Albdrücken – auf nächtliche Druckwesen verweisen (Becker 2012).

Die Theorie der „verkleinerten Dämonen“ geht davon aus, dass frühere Druden oder Alpe im Laufe der Aufklärung und Säkularisierung ins Lächerliche gezogen wurden, um ihre Bedrohlichkeit zu entschärfen. Der Wald wurde dabei zum Auffangraum für entdämonisierte Wesen, deren ursprüngliche Macht nun spielerisch verhandelt wird.

3.2 Struktur der Elwedritsche-Jagd

Die Elwedritsche-Jagd weist die typischen Merkmale eines Initiationsritus auf:

  • nächtliche Jagd in Kälte
  • ein unwissender „Neuling“ wird hereingelegt
  • Einsatz absurder Fanggeräte
  • ritualisierte Erfolglosigkeit
  • humoristische Entspannung einer einst unheimlichen Vorstellung

Diese erfolglose Jagd wird als sozialer Umgang mit vormals bedrohlicher Nachtangst gedeutet. Der Furcht gegenüber dem nächtlichen Druckdämon tritt eine kollektive Komik entgegen – eine kulturelle Katharsis.

4. Die Gatta Morta

4.1 Mythologische Herkunft

Die aus Lunigiana stammende Gatta Morta („tote Katze“) besitzt ebenfalls hybride Züge: halb Katzenwesen, halb nächtlicher Geist. In mehreren Sagen fungiert sie als dunkle Erscheinung, die Schlafenden Angst einflößt – strukturell verwandt mit mediterranen Druckgestalten wie der pandafeche (Portugal) oder der gatta mammona (Süditalien). Die katzenartige Vorstellung teilt sie sich mit dem Bild der Elwedritsche bei den Nachfahren pfälzischstämmiger Auswanderer in Pennsylvania. Dort wird die „Elbedritsch“ in vielen Fällen als hühnergroßes, geflügeltes Wesen mit Katzenkopf dargestellt.

4.2 Ritual der Jagd

Wie die Elwedritsche wird die Gatta Morta rituell gejagt, jedoch nie gefangen.
Auch hier handelt es sich um ein Hereinlege-Ritual, das die Entdämonisierung des Wesens vollzieht: Die bedrohliche Nachterscheinung wird durch das bloße „Danach-Suchen“ entkräftet. Das Ritual verlagert die Bedrohung vom Schlafraum in den Wald, also vom privaten in den kollektiven Raum.

5. Europäische Vergleichsbeispiele

Die folgenden Beispiele belegen, dass die Elwedritsche und die Gatta Morta keineswegs isolierte Sonderfälle regionaler Folklore darstellen, sondern Teil eines weitverbreiteten europäischen Musters sind. In vielen Regionen Europas finden sich verblüffend ähnliche Rituale, bei denen nächtliche Fabelwesen gesucht, gejagt oder in anderer Weise performativ inszeniert werden. Diese Wesen haben häufig tiefere mythologische Wurzeln, die auf vormals gefürchtete nächtliche Druckgestalten zurückgehen – Wesen also, die in der kulturellen Deutung der Schlafparalyse eine zentrale Rolle spielten. Die folgende Analyse zeigt exemplarisch, wie sich das Muster von nächtlicher Bedrohung → Dämon → Entdämonisierung → Miniaturisierung → Jagdritual an verschiedenen Orten Europas wiederholt.

5.1 Gamusinos (Spanien/Portugal)

Die Gamusinos gehören zu den bekanntesten iberischen Fabelwesen, die traditionell im Rahmen nächtlicher Initiationsrituale gejagt werden. Schon im 19. Jahrhundert berichten Ethnographen von Jagden in Kastilien, León, Galicien und Teilen Portugals, bei denen Kinder oder Ortsfremde in dunkle Wälder oder auf abgelegene Felder geführt werden, um die angeblich extrem scheuen Gamusinos zu fangen. Die Jagdmethoden ähneln strukturell denen der Elwedritsche-Jagd: Die Teilnehmenden erhalten Säcke, Laternen, Stöcke oder imaginäre Fallen, denen eine magische Wirksamkeit zugeschrieben wird.

Mythologischer Kern

Während Gamusinos als „nicht-existente Tiere“ gelten, legen philologische Untersuchungen nahe, dass sie linguistische und ikonographische Verbindungen zu älteren Wald- und Nachtgeistern aufweisen, insbesondere zu iberischen duendes und trasgos. Diese wiederum werden in mittelalterlichen Quellen gelegentlich mit nächtlichen Druckphänomenen verknüpft: So gibt es Berichte, dass duendes nachts auf der Brust Schlafender säßen oder Atemnot auslösten – ein klarer Hinweis auf kulturelle Verarbeitung von Schlafparalyse.

Rituelle Funktion

Die Gamusino-Jagd besitzt eine sozial ordnende und humorisierende Funktion. Der „Unwissende“ wird durch das Ritual sowohl verspottet als auch in die Gemeinschaft integriert. Die Unerreichbarkeit der Gamusinos verweist auf denselben Mechanismus wie bei der Elwedritsche:
Eine frühere nächtliche Bedrohung wird symbolisch nach außen verlegt und durch soziale Komik entkräftet.

5.2 Dahu (Frankreich/Schweiz)

Der Dahu ist ein alpines Fabeltier, das durch seine unterschiedlich langen Beine berühmt wurde, die es angeblich nutzen müsse, um an steilen Hängen zu stehen. Die Dahu-Jagd ist besonders in Savoyen, der Romandie und Teilen der Schweiz dokumentiert und wird dort seit dem 19. Jahrhundert als Initiations- oder Hereinlegeritual praktiziert.

Mythologische Schichten und Nächtlichkeit

Obwohl der Dahu heute als reiner Scherz gilt, weisen ältere alpine Sagen auf Verbindungen zu Berggeistern und nächtlichen Gestalten hin. Im Wallis und im Aostatal existieren Berichte über „druckende Nachtweibchen“ oder „Bergalben“, die Schlafende heimsuchten – Wesen, die strukturell den mitteleuropäischen Druden ähneln. Mit der Zeit wurden diese Gestalten minimiert und „verlebendigt“, indem ihnen tierische Eigenschaften zugesprochen wurden. Der Dahu kann daher als entdämonisierter Bergdämon verstanden werden, dessen frühere Bedrohlichkeit in eine humoristische Tierform überführt wurde.

Ritualstruktur

Die Dahu-Jagd folgt einem festen Muster:

  • nächtliches Aufbrechen ins Gebirge,
  • absurde Fangstrategien (Warten auf Windrichtung, spezielle Lockrufe),
  • Hereinlegen eines Neulings,
  • garantiertes Scheitern.

Diese Struktur stellt eine humorvolle Wiederkehr alpiner Nachtängste dar, die im Ritual in eine sozial konstruierte Kontrolle überführt werden. In Deutschland kennt man das „Hanghuhn“, das mit seinen unterschiedlich langen Beinen dem Dahu verblüffend ähnelt.

5.3 Wild Haggis (Schottland)

Die Jagd auf das Wild Haggis ist ein jüngeres, stark touristisch geprägtes Ritual, das dennoch deutliche Spuren eines alten kulturellen Musters in sich trägt. Touristen werden oft überzeugt, es handle sich um ein seltenes Tier mit ungleich langen Beinpaaren, das nur schwer zu fangen sei – eine strukturelle Parallele zum Dahu und zum deutschen Hanghuhn.

Ursprung in Nachtgeistern

In der älteren schottischen Folklore treten zahlreiche Nachtgestalten auf, darunter die bogles, hobgoblins und vor allem die night hags. Diese Wesen werden in historischen Berichten explizit mit nightmare experiences in Verbindung gebracht – ein Begriff, der ursprünglich wörtlich „Angriff durch die Nacht-Mare“ (Druckgeist) bedeutet.
Dies lässt darauf schließen, dass die Umwandlung eines vormals dämonischen Nachtwesens in ein jagdbares Tier in Schottland von derselben Kulturmechanik getragen wird wie in der Pfalz oder der Alpenregion.

Re-Funktionalisierung als Touristenbrauch

Obwohl die Haggis-Jagd heutiger Prägung primär scherzhaft ist, bleibt die humoristische Entschärfung einer ursprünglich unheimlichen Tradition ein zentrales Strukturmerkmal.

5.4 Wolpertinger (Alpenraum)

Der Wolpertinger ist ein hybrides Mischwesen (Hase mit Flügeln, Hirschgeweih o. Ä.), das vor allem in Bayern und im Alpenraum verbreitet ist. Während der Wolpertinger in seiner heutigen Form eine Kreatur der Wirtshauskultur und der Jagdgesellschaften des 19. Jahrhunderts darstellt, enthält die Figur ältere mythologische Elemente.

Mythologischer Hintergrund

Im Alpenraum sind seit dem Mittelalter kleine, luftige oder animalisch-dämonische Wesen bezeugt, die nachts Menschen bedrücken konnten. In Tirol etwa existieren Berichte über „Trud-Wichte“, die sich auf die Brust Schlafender setzten. Der Wolpertinger kann daher als extrem entdämonisierte Form solcher Nachtgestalten gelten – eine Miniaturisierung sowohl in der Größe als auch in der Bedrohlichkeit.

Ritualisierte Suche

Touristen und Städter werden häufig mit inszenierten „Wolpertinger-Suchen“ konfrontiert. Wie bei der Elwedritsche:

  • ist das Tier grundsätzlich unauffindbar,
  • dient die Suche dem Hereinlegen und Amüsieren,
  • erfolgt die Begegnung stets im Wald oder in anderen liminalen Räumen.

Der Wolpertinger steht somit exemplarisch für die Verwandlung einstiger Nachtängste in humorvolle Tierfantasien.

5.5 Skandinavische Huldra- und Skogsrå-Traditionen

Die Huldra (Norwegen) und das Skogsrå (Schweden) sind Waldwesen, die Menschen verführen oder erschrecken. Obwohl sie im Unterschied zu den anderen Beispielen nicht gejagt werden, handelt es sich dennoch um Entsprechungen desselben mythisch-psychologischen Typs.

Verbindung zu Schlafparalyse und Nachtangst

Die Huldra ist häufig mit nächtlicher Präsenz verbunden; in einigen norwegischen und schwedischen Volksüberlieferungen erscheint sie an Betten, sitzt Schlafenden auf der Brust oder ruft sie im Halbschlaf zu sich. Solche Motive sind klare Indizien für eine frühere Rolle als Druckdämon.
Erst in späteren Jahrhunderten wurde die Huldra zunehmend zu einer romantisierten Naturgestalt, schön, verführerisch und eng mit dem Wald verbunden.

Mutproben statt Jagden

In Skandinavien ergaben sich aus diesen Wesen keine Jagdrituale, sondern Mutproben, bei denen Jugendliche nachts allein in einen Wald geschickt wurden, um zu rufen, zu lauschen oder bestimmte symbolische Handlungen durchzuführen.
Dass der Wald als Ort der Begegnung dient, zeigt erneut die Verschiebung von innerer nächtlicher Angst in einen kollektiven Außenraum, der über soziale Rituale beherrschbar gemacht wird.

6. Vergleichende Analyse

6.1 Tabelle: Strukturvergleich europäischer Jagdrituale

MerkmalElwedritscheGatta MortaGamusinosDahuWild Haggis
Nächtliche Jagdjajajahäufigteils
Ritualisierte Erfolglosigkeitjajajajaja
Hereinlegen eines Unwissendenzentralzentralzentralzentralzentral
Ursprung in Druckdämonenjajamöglichteilweisevermutlich indirekt
Verlagerung von Innen- zu Außenraumjajajajaja
Humoristische Entschärfungsehr starkstarkstarkstarkstark

7. Diskussion: Fabeltiere als Echo einer vergessenen Nachtangst

Die zuvor dargestellten Beispiele legen nahe, dass europäische Jagdrituale auf Fabelwesen – trotz regionaler Unterschiede – auf ein tief verwurzeltes, kulturübergreifendes Muster reagieren. Ihre strukturellen Gemeinsamkeiten sprechen dafür, dass diese Fabeltiere Echoformen vormals mächtiger nächtlicher Druckgestalten darstellen. Diese wiederum beruhen auf einem universellen neurophysiologischen Erleben: der Schlafparalyse. Im Folgenden werden die zentralen Thesen dieses Zusammenhangs ausgeführt und vertieft.

7.1 Schlafparalyse als anthropologische Konstante und Motor mythologischer Bildungen

Schlafparalyse tritt weltweit und kulturunabhängig auf. Ihre Symptomatik – Bewegungsunfähigkeit, Atemdruck, Präsenzgefühle, dämonisch interpretiertes Gewicht auf Brust oder Bauch – erzeugt ein eindringliches Erleben zwischen Traum und Wachzustand. Da vormoderne Gesellschaften keine medizinisch-neurologischen Deutungen kannten, wurde das Erlebte zwangsläufig mythologisiert. Der Körper „erfährt“ ein fremdes Wesen; die Kultur liefert dafür die Erklärung.

Daraus ergibt sich ein stabiler anthropologischer Mechanismus:

  1. Physiologisches Auslösemoment: Schlafparalyse
  2. Psychische Reaktion: Angst, Bedrohungswahrnehmung
  3. Kulturelle Verarbeitung: Personifikation des Drucks als Dämon
  4. Soziale Stabilisierung: Erzähltraditionen, Sagen, Rituale
  5. Langzeitfolgen: Fortleben der Gestalt auch nach Verlust ihrer ursprünglichen Funktion

Diese Schrittfolge bildet den Hintergrund für sämtliche europäischen Druckdämonen – vom germanischen Alp bis zur romanischen Pesanta.

7.2 Miniaturisierung: Entdämonisierung durch Verkleinerung

In nahezu allen Regionen Europas lässt sich im Zuge der Säkularisierung und der Aufklärung eine Miniaturisierung ehemals furchterregender Nachtgestalten beobachten.
Figuren, die vormals schlafende Menschen körperlich attackierten, werden allmählich:

  • kleiner,
  • körperlich konkreter,
  • tierähnlicher,
  • räumlich verlagert vom Schlafzimmer in Natur und Wald,
  • komisch oder schelmisch interpretiert.

Dieser Prozess dient der Entschärfung. Die Angst vor dem nächtlichen Dämon wird „verharmlost“, indem man ihn auf eine physisch unbedeutende Größe reduziert. So entsteht aus dem nächtlichen Druckgeist die später jagdbare Elwedritsche, Dahu oder Gatta Morta.

Miniaturisierung ist dabei nicht bloß physische Verkleinerung, sondern auch symbolische Degradierung: Das übernatürlich Erhabene verliert seine Macht und erhält stattdessen Eigenschaften des Lächerlichen oder Niedlichen.

7.3 Exterritorialisierung: Verlagerung aus dem Innen- in den Außenraum

Eine zweite Folge der Entdämonisierung ist die Exterritorialisierung: Die nächtliche Bedrohung wird aus dem privaten, verletzlichen Innenraum des Schlafzimmers verbannt und in den kollektiven, beherrschbaren Außenraum verschoben. Es ist eine Verbannung!

Die vormals im dämmrigen Halbschlaf empfundene Präsenz wird nun im Wald, im Gebirge oder in dunklen Felsschluchten verortet.

Diese Verlagerung hat mehrere kulturpsychologische Funktionen:

  • Sie entlastet das Individuum, indem die Bedrohung externalisiert wird.
  • Sie kollektiviert das Erleben, da der Wald ein sozial zugänglicher Ort ist.
  • Sie ritualisiert die Wiederbegegnung mit der Angst: Die Jagd ist eine kontrollierte Re-Inszenierung des Schreckens.
  • Sie erlaubt der Gemeinschaft, über vertraute Handlungsmuster (Suchen, Jagen, Lachen) die einst reale Bedrohung symbolisch zu besiegen.

Der Wald dient somit als kulturelles Abklingbecken früherer Dämonen.

7.4 Ritualisierte Wiederholung: Die erfolglose Jagd als soziale Angstverarbeitung

Die Gemeinschaft kompensiert das Ausgeliefertsein der Schlafparalyse-Erfahrung durch ein Ritual, das folgende Merkmale aufweist:

  • Kontrollierte Rahmenbedingungen (Zeitpunkt, Ort, Ausrüstung)
  • Voraussichtliches Scheitern (das Wesen ist nie zu finden)
  • Hereinlegen eines Unwissenden (Initiation)
  • Humoristische Umsetzung (Entdramatisierung)
  • Gruppenerleben (Transformation der Einzelangst in Gemeinschaftssicherheit)

Die Jagd dient als performative Wiederholung der ursprünglichen Bedrohung – jedoch in umgekehrter Rollenverteilung:

  • Nicht mehr das Wesen überfällt den Menschen,
  • sondern der Mensch „überfällt“ das Wesen.

Dieses Ritual ist eine symbolische Machtreversion.
Indem die Gruppe das Fabeltier jagt, spielt sie das eigene Trauma durch – und neutralisiert es.
Die Erfolglosigkeit gehört essenziell dazu, denn das Wesen darf nicht wirklich gefunden werden:
Seine Unerreichbarkeit ist die Garantie dafür, dass es gefahrlos bleibt.

7.5 Lachen statt Furcht: Komik als Strategie kultureller Bewältigung

Der vielleicht bedeutendste Mechanismus ist die Humorisierung.
Indem die Gemeinschaft über das Ritual lacht, wird die ursprüngliche Angst nicht nur abgebaut, sondern aktiv umgekehrt:

  • aus lähmender Furcht wird soziale Erleichterung,
  • aus Scham oder Hilflosigkeit wird gemeinsame Heiterkeit,
  • aus dämonischer Bedrohung wird eine Art Maskottchen der Region.

Lachen fungiert hier als kulturelles Gegenmittel gegen die Erschütterung, die die Schlafparalyse auslösen kann. Die Elwedritsche oder Gatta Morta sind daher symbolische Produkte einer psychosozialen Selbstheilung. Ihre Rituale erinnern an ein erschütterndes, vormals unerklärliches Phänomen – aber in einer Form, die entlastet statt erschreckt.

8. Schlussfolgerung

Die Elwedritsche und die Gatta Morta sind keine isolierten folkloristischen Kuriositäten, sondern kulturelle Fossilien. Man kann sie auch als „Meme“ bezeichnen – kulturelle Einheiten, die sich über Zeit und Raum mit und durch Kulturgemeinschaften bewegten und sich dabei immer wieder veränderten und an neue Erfordernisse anpassten. Sie zeigen, wie vormals gefürchtete nächtliche Druckgestalten, deren Ursprung im medizinischen Phänomen der Schlafparalyse liegt, im Verlauf der europäischen Kulturgeschichte zu humorvollen Waldwesen transformiert wurden. Die Jagd nach ihnen ist ein Ritual der sozialen Integration, Angstbewältigung und Erinnerung an die Nachtseiten der menschlichen Wahrnehmung.

Europaweit bezeugen vergleichbare Bräuche dieselbe Struktur: Eine kollektive, spielerische Verarbeitung eines universellen neurophysiologischen Grenzerlebnisses. Die nächtlichen Dämonen, die einst als unmittelbare Bedrohung galten, leben heute fort – als schelmische, ungreifbare Tiere, die man jagen, aber nie fangen kann.

Es zeigt sich, dass die heute in der Pfalz verbreitete „Tritschologie“ eine wichtige Aufgabe erfüllt. Neben allem Spaß und touristischem Nutzen hält sie den Kontakt zum Ursprung der Elwedritsche aufrecht. Verstehen kann man das kulturelle Muster jedoch nur, wenn man sich in die Vogelperspektive und auf eine Reise durch Raum und Zeit begibt. Die vielen Verwandten der Elwedritsch zeigen eindrucksvoll, dass sie alle gemeinsame Vorfahren haben: Nächtliche Druckdämonen, die ihr Entstehen dem medizinischen Phänomen der Schlafparalyse verdanken. Es zeigt sich erneut: Wer nur aus der Pfalz auf die Pfalz blickt, wird die Pfalz nicht verstehen.

Literatur

Becker, H. (2012): Nachtwesen und Volksglaube: Dämonologische Kontinuitäten in Deutschland. München: Fink.

Cheyne, J. A. (2001): “Sleep Paralysis and the Structure of Waking-Nightmare Hallucinations.” Dreaming 11(3): 163–179.

Hishikawa, Y.; Shimizu, T. (1995): “Physiology of Sleep Paralysis.” Journal of Sleep Research 4(3): 163–173.

Hufford, D. (1982): The Terror That Comes in the Night: An Experience-Centered Study of Supernatural Assault Traditions. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.

Jönsson, B. G. (1983): “The Scandinavian Mara.” Arv: Nordic Yearbook of Folklore 39: 35–48.

Kieckhefer, R. (1994): Magic in the Middle Ages. Cambridge: Cambridge University Press.

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