Eine Braucherin in Pennsylvania bei der Arbeit (ca. 1950) – Quelle: Patrick Donmoyer

Einleitung

Heilsysteme sind stets Spiegel der Kultur, die sie hervorbringt. Sie entstehen in Gesellschaften, die Krankheit nicht nur als körperliches Phänomen, sondern als Störung einer umfassenden Ordnung wahrnehmen: der sozialen Ordnung, der kosmischen Ordnung, der moralischen Ordnung. Heilung dient damit nicht allein der Wiederherstellung biologischer Funktionen, sondern ebenso der Wiederherstellung symbolischer, spiritueller und sozialer Gleichgewichte.
Die folgende Darstellung erweitert und vertieft die kulturhistorische Linie, die vom frühzeitlichen Schamanismus über die mittelalterliche Heilkunde Hildegard von Bingens bis zur volkstümlichen Braucherei in deutschsprachigen Regionen und bei deutschstämmigen Auswanderern in Pennsylvania führt. Zusätzlich untersucht sie den Wandel dämonologischer Krankheitskonzepte, die Entwicklung apotropäischer Rituale, die Rolle sozialer Autorität im Heilprozess sowie die Transformation dieser Praktiken in der Neuzeit. Es geht darum zu verstehen, weshalb und in welcher Form die Albdrude, jenes hexenartige nächtliche Dämonenwesen und Vorform der miniaturisierten Elwedritsch, mit Hilfe eines rituellen Spruchs gebannt werden kann.

Trotterkopf Spruch (Johann Georg Hohmann: „Der lang verborgene Freund“, Harrisburg 1819)

1. Schamanistische Heilpraxis: Kosmos, Ritual und die Poetik des Ekstatischen

Der Schamanismus der frühen Jäger- und Sammlergesellschaften ist nicht bloß ein „Heilsystem“, sondern ein kosmologischer Rahmen, in dem Heilung erst verstehbar wird. Ethnographische Studien (Eliade; Hutton; Hamayon) zeigen, dass schamanistische Traditionen viele tausend Jahre alt sind und in eine Zeit lange vor der Sesshaftwerdung der Menschen in der Neolithischen Revolution zurückweisen. Alle schamanistischen Traditionen – auch die heute noch bei Naturvölkern existierenden – teilen drei Grundannahmen:

  1. Die Welt ist belebt, durchzogen von Geistwesen.
  2. Der Mensch steht in Beziehung zu diesen Wesen – harmonisch oder konfliktgeladen.
  3. Krankheit ist eine Störung dieser Beziehung.

1.1 Die Rolle des Schamanen: Vermittler zwischen Welten

Der Schamane ist eine liminale Figur, die zwischen der Alltagswelt und der spirituellen Welt operiert. Anthropologen wie Victor Turner identifizieren ihn als Meister der „liminality“, der Schwellenzustände, und als Spezialist für rituelle Transformation. Er kommuniziert mit Geistern, Ahnen und Schutzwesen, wirkt als Heiler, Psychopomp, Wahrsager, Erinnerungsbewahrer und Sozialtherapeut.

1.2 Trance als Erkenntnisform

Trance ist nicht „Verlust“ der Kontrolle, sondern eine kulturtechnisch erlernte Bewusstseinsform.
Typische Auslöser:

  • rhythmische Repetition (Trommeln, Rasseln, Gesang),
  • monotone Bewegung,
  • Hyperventilation,
  • sensorische Reduktion oder Überstimulation,
  • Nutzung psychoaktiver Pflanzen (Ayahuasca, Amanita muscaria, Peyote, Iboga).

Im Trancezustand „reist“ der Schamane in andere Weltebenen: Oberwelt, Unterwelt, Ahnenwelt. Diese Reisen sind symbolisch strukturiert und zugleich real erfahrbar.

1.3 Dämonen, Krankheitsgeister und spirituelle Angriffe

Schamanische Gesellschaften verstehen Krankheit oft als Folge externer, nicht-menschlicher Akteure:

  • „Verlust“ der Seele (Soul Loss),
  • Angriff böser Geister,
  • Verhexung durch rivalisierende Schamanen,
  • Missachtung von Tabus,
  • Verletzung der Ordnung zwischen Mensch, Tierwelt und spirituellen Hütern.

Der Schamane bekämpft diese Wesen nicht nur, er verhandelt mit ihnen – ein entscheidender Unterschied zum späteren christlichen Dämonenkonzept.

1.4 Apotropäische und extraktive Heilrituale

Schutzmagie ist ein Kernbestandteil schamanischer Heilkunst. Dazu gehören:

  • Extraktionsrituale: Herausziehen symbolischer Objekte (Dornen, Insekten, Steine) aus dem Körper des Kranken.
  • Anrufungen: Performative Sprache, die Geister bindet oder vertreibt.
  • Räucherungen: Reinigung durch aromatische Pflanzen (Wacholder, Beifuß, Harze).
  • Schutzamulette: Knochen, Zähne, Metalle, Federn.
  • Feuerrituale: Transformation von Krankheit in Rauch oder Asche.

Die Wirksamkeit liegt nicht allein in der symbolischen Handlung, sondern in der kollektiven Anerkennung der schamanischen Autorität.

2. Hildegard von Bingen: Kosmos, Theologie und heilkundliche Anthropologie

Mit der Christianisierung Mitteleuropas im Römischen Reich und nach dessen Untergang verändern sich die Praktiken. Die „göttliche Kraft“ wird zu einem zentralen Element. Hildegard von Bingen stellt einen Höhepunkt mittelalterlicher Gelehrtenmedizin dar. Ihre Visionen, naturkundlichen Beobachtungen und theologisch-philosophischen Überlegungen bilden ein System, das weit über rein klösterliche Heilkunde hinausreicht.

2.1 Das Konzept der viriditas: Die göttliche Grünkraft

Hildegard beschreibt die Welt als durchströmt von der viriditas, der „Grünkraft“. Diese göttliche Lebenskraft belebt Pflanzen, Tiere und Menschen und bildet die Grundlage aller Heilung. Krankheit ist daher nicht nur eine körperliche Dysbalance, sondern ein Erlöschen der Lebenskraft. Die Heilkunst zielt darauf ab, diese Kraft wieder zu stärken – durch Kräuter, Ernährung, Lebensführung und spirituelle Disziplin.

2.2 Humoralpathologie und moralische Ordnung

Hildegards Medizin ist eine Synthese aus Antike und Christentum. Die vier Säfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) sind nicht nur biologische Materialien, sondern moralisch-symbolische Substanzen, die den Charakter und die seelische Disposition prägen. Ungleichgewicht entsteht durch:

  • schlechte Ernährung,
  • Umwelteinflüsse,
  • psychische Belastung,
  • Sünde und moralisches Fehlverhalten,
  • dämonische Einwirkungen.

2.3 Dämonologie und Psychologie avant la lettre

Hildegards Dämonologie ist bemerkenswert psychologisch. Dämonen wirken auf Stimmungen und Gefühle:

  • Verzweiflung, Schwermut
  • Zorn, Neid, Lust
  • Müdigkeit, Melancholie

Sie beschreibt Dämonen als „rauchige“ Wesen, die den Menschen anwehen, ihn schwächen und innerlich verwirren. Moderne Wissenschaftlerinnen wie Barbara Newman weisen darauf hin, dass Hildegard damit früh eine theologisch aufgeladene Emotionspsychologie formuliert.

2.4 Heilmethoden: Kräuter, Edelsteine, Rituale

Ihr therapeutisches Repertoire ist breit:

  • Pflanzenheilkunde: Bertram, Fenchel, Quendel, Wermut, Hirschzungenfarn.
  • Edelsteinmedizin: Symbolische und energetische Wirkung von Smaragd, Bergkristall, Amethyst.
  • Rauchungen: Beifuß, Wacholder.
  • Hydrotherapie: Heilbäder mit Kräutern und Ölen.
  • Gebete, Segnungen, Psalmen: spirituelle „Kraftworte“ zur Dämonenabwehr.

Besonders wichtig ist, dass Hildegard Gebet und Naturkunde als zwei Seiten derselben Heilkraft versteht.

3. Volksmedizin und Braucherei: Ritualpoetik im ländlichen Europa

Die Braucherei ist eine im deutschsprachigen Raum über Jahrhunderte praktizierte Heiltradition, die Elemente schamanistischer Naturreligionen mit christlichen Gebetsformen verbindet. Sie ist reich an Sprüchen, Ritualen, Gesten und symbolischen Handlungen. Braucherei entwickelte sich parallel zur mittelalterlichen Gelehrtenmedizin.

3.1 Das soziale Gefüge der Volksheilkunde

Im ländlichen Raum war ärztliche Versorgung bis in das 20. Jahrhundert hinein minimal. Die Volksmedizin – Hebammen, Kräuterfrauen, Braucher*innen – bot:

  • Behandlung alltäglicher Leiden,
  • seelischen Beistand,
  • Krisenintervention,
  • Konfliktlösung,
  • rituelle Reinigung und Bannzauber.

Ein Braucher war nicht nur Heiler, sondern Mediator zwischen Menschen, Nachbarn und spirituellen Mächten. In diesem Sinne verhandelte er mit den Akteuren eines Problems wie ein vorchristlicher Schamane.

3.2 Das Besprechen als performativer Akt

Das Besprechen ist eine sprachlich-performative Heilform. Sprüche werden rhythmisch gesprochen, oft dreimal, begleitet von Kreuzzeichen oder Handauflegen. Die Formel wirkt als sprachliches Heilmittel, vergleichbar mit magischer Performativität im Sinne von J. L. Austin und Catherine Bell.

Beispielhafte (anonymisierte) Struktur:

  • Diagnoseformel („Es steht ein Feuer in dir…“)
  • Befehl an das Leid („Feuer, fahre aus…“)
  • Anrufung (Dreifaltigkeit, Heilige)
  • Segensschluss

3.3 Dämonenabwehr, Schutzmagie und Wetterbannsprüche

Volksmedizin und Braucherei enthalten zahlreiche apotropäische Elemente:

  • Bannsprüche gegen „unreine Geister“, Hexen, Schadenszauber.
  • Schutzkreise aus Kreide oder Salz.
  • Räucherungen mit Harzen und Kräutern.
  • Wetterzauber (Bannen von Gewittern, Hagel).
  • Abwehrzeichen an Häusern (Hausmarken, Dreikönigszeichen, Pentakel).
  • Wasserzauber mit geweihtem oder „gezogenem“ Wasser.

Diese Praktiken zeigen, wie eng Naturbeobachtung, Magie und christliche Religion miteinander verwoben sind.

3.4 Braucherei im Kontext der Hexenverfolgung

Eine heikle Episode ist die frühneuzeitliche Hexenverfolgung. Volksheilerinnen und Volksheiler bewegten sich in einer Grauzone: Einerseits waren ihre Rituale christlich legitimiert, andererseits wurden manche Praktiken – besonders wenn es um Wetterzauber oder Liebeszauber ging – als „verdächtig“ eingestuft.

Wichtig:

  • Braucherei überlappte, aber identifizierte sich nicht mit Hexerei.
  • Die meisten Braucherinnen und Braucher präsentierten sich als Werkzeuge Gottes, nicht als Magier.

Die Überlieferung zahlreicher Bannsprüche zeigt, dass christliche Elemente bewusst integriert wurden, um „ungefährlich“ zu wirken. Man sprach auch von „weißer Magie“, und diese war geduldet.

4. Übergänge in der Neuzeit: Vom Dämon zur Psyche

Mit der Aufklärung und medizinischen Modernisierung wandelte sich die Vorstellung von Krankheit. Doch dämonologische Erklärungen verschwanden nicht einfach, sondern transformierten sich.

4.1 Dämonenpsychologie in der Volksmedizin

Im 19. Jahrhundert wurden dämonische Einflüsse zunehmend psychologisch umgedeutet:

  • Angst, Depression und Schlafstörungen wurden als „Druck“ gedeutet (Nachtmahr, Alb).
  • Nervosität als Einwirkung von „bösen Gedanken“.
  • Traumata als „Schreck“ oder „Schock“, der „ausgetrieben“ werden muss.

Hier zeigt sich eine ungebrochene semantische Linie von der mittelalterlichen Seele zur modernen Psyche.

4.2 Die Braucherei im 20. Jahrhundert

Noch im 20. Jahrhundert war das Besprechen als alltägliche Praxis in Deutschland lebendig. Ethnographische Feldstudien (z. B. in Eifel, Siegerland, Harz) zeigen:

  • Sprüche wurden weiterhin mündlich weitergegeben.
  • Braucher*innen galten als vertrauenswürdiger als Ärzte bei bestimmten Leiden (z. B. Warzen, Rosen).
  • Die Rituale dienten auch als „niedrigschwellige Psychotherapie“.

Mit der Popularisierung alternativer Heilmethoden seit den 1970ern erlebt die Braucherei eine stille Renaissance. Im Pennsylvania Dutch Country gibt es in jeder Region auch im 21. Jahrhundert noch immer Braucherinnen und Braucher. Sie haben kein Schild an der Türklingel – aber jeder weiß, an welche Türe man klopfen muss, um Hilfe von einem Braucher bzw. einer Braucherin zu erhalten. Die Tradition ist hier ungebrochen.

Schluss

Alle drei Heiltraditionen verbinden symbolische Welterklärung, Umgang mit Angst und Unsicherheit und soziale Stabilisierung. Die Kulturgeschichte des Heilens ist eine Geschichte des Menschen, der versucht, sich in einer komplexen Welt zu orientieren. Von schamanistischen Kosmologien über die spirituell-philosophischen Systeme mittelalterlicher Klöster bis zu den alltagspraktischen Ritualen der Braucherei zeigt sich ein roter Faden: Heilen ist Wiederherstellung von Beziehung – zu sich selbst, zur Gemeinschaft, zur Natur und zum Heiligen. Diese Praktiken mögen fremd erscheinen, doch ihre soziale und emotionale Logik ist zeitlos. Sie erinnern uns daran, dass Krankheit immer mehr ist als Biologie: Sie ist ein existenzielles Ereignis, das nach Deutung und Sinn verlangt. Der „Trotterkopf“-Bannspruch aus dem Buch von Johann Georg Hohmann bietet der Braucherin bzw. dem Braucher die Möglichkeit, Menschen zu therapieren, die aufgrund einer Schlafparalyse mit körperlichen Symptomen wie Engegefühlen in der Brust, Atemnot und körperlichen Dämonenvisionen zu kämpfen haben. Der Trotterkopf – nämlich die Albdrude – wird gebannt. Die Verbannung der Albdrude ist Abwehrstrategie Nummer 1. Die Verkleinerung der Albdrude zur Elwedritsch ist Abwehrstrategie Nummer 2. Der bzw. die Gequälte kann wieder ruhig schlafen.

Literatur

  • Bächtold-Stäubli, Hanns (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 10 Bde. de Gruyter, 1927–42.
  • Bell, Catherine: Ritual Theory, Ritual Practice. Oxford University Press, 1992.
  • Douglas, Mary: Purity and Danger. Routledge, 1966.
  • Eliade, Mircea: Le Chamanisme. Paris: Payot, 1951.
  • Hamayon, Roberte: La chasse à l’âme. Paris: Nanterre, 2015.
  • Hildegard von Bingen: Causae et Curae. Otto Müller Verlag, 1957.
  • Hildegard von Bingen: Physica. Herder, 1991.
  • Hutton, Ronald: Shamans. Hambledon, 2001.
  • Lüddeckens, Dorothea: Dämonologie des Mittelalters. Beck, 2012.
  • Newman, Barbara: Voice of the Living Light. University of California Press, 1998.
  • Peuckert, Will-Erich: Die Welt der magischen Heilkunst. Kohlhammer, 1960.
  • Turner, Victor: The Ritual Process. Aldine, 1969.
  • Zaretsky, Irving: Religion and Healing in Anthropology. Oxford University Press, 2010.

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