1. Einleitung

Nächtliche Angst- und Druckerfahrungen gehören zu den universellen menschlichen Grenzerlebnissen. In vormodernen Gesellschaften wurden diese Erfahrungen nicht als rein physiologische oder psychische Zustände interpretiert, sondern als Eingriffe äußerer, intentional handelnder Mächte. Der deutschsprachige Kulturraum entwickelte hierfür ein komplexes System nächtlicher Wesen, unter denen Alb, Mahr und Drude die prominentesten sind.

Der vorliegende Artikel untersucht diese drei Begriffe in ihrer historischen Entwicklung, ihrer semantischen Überlagerung sowie ihrer praktischen Bewältigung durch Bann- und Beschwörungsformeln. Besonderes Augenmerk gilt dem Münchener Nachtsegen und verwandten Texten, deren Originaltexte vollständig wiedergegeben, übersetzt und sprachlich analysiert werden. Abschließend wird der Transformationsprozess dieser Nachtwesen über die Figur der Albdrude bis hin zur Elwedritsch untersucht, die als entdämonisierte und kultursemiotisch neu codierte Nachfolgerin verstanden werden kann.

2. Alb, Mahr und Drude – Begriffe und Bedeutungsfelder
2.1 Der Alb

Der Alb (ahd. alb, mhd. alp) ist ursprünglich Teil eines größeren germanischen Elfenbegriffs. Während frühmittelalterliche Quellen ihm noch ambivalente Eigenschaften zuschreiben, verengt sich seine Bedeutung im Hochmittelalter auf einen Nachtgeist, der den Schlafenden bedrückt. Diese semantische Verschiebung ist bis heute im Wort Albtraum präsent.

2.2 Der Mahr

Der Mahr (ahd. maro) ist eine europaweit verbreitete Figur, deren Kernmerkmal das „Reiten“ oder Aufsitzen auf dem Schlafenden ist. Der Mahr erklärt insbesondere körperliche Symptome wie Atemnot, Brustdruck und Lähmung. Seine Funktionslogik ist stark körperzentriert.

2.3 Die Drude

Die Drude (mhd. trute) ist regional besonders im süd- und mitteldeutschen Raum verbreitet. Sie erscheint meist weiblich und weist eine enge Verbindung zur Hexenvorstellung auf. Neben nächtlicher Bedrängnis werden ihr auch das Umherziehen und das Eindringen in Häuser zugeschrieben.

2.4 Semantische Überlagerung

In volkstümlichen Texten werden Alb, Mahr und Drude häufig gemeinsam genannt. Diese Koexistenz spricht weniger für klar getrennte Wesen als für unterschiedliche Benennungen ähnlicher nächtlicher Erfahrungen.

3. Historische Einordnung und religiöser Rahmen

Die Integration dieser Nachtwesen in ein christliches Weltbild erfolgt nicht durch vollständige Ablehnung, sondern durch Unterordnung. Bannformeln und Segenssprüche zielen darauf ab, die Macht der Wesen durch göttliche Autorität zu begrenzen. Daraus entsteht ein synkretisches System zwischen Volksglauben und christlicher Praxis.

4. Bann- und Beschwörungsformeln
4.1 Der Münchener Nachtsegen

Originaltext (mittelhochdeutsch, normalisiert):

Albes swester unde vater,
albes muoter, trute unde mar,
ich beschwer iu bi gotes kraft,
daz ir mich niht drucket
noch gezwicket noch gezwungen,
weder bi tage noch bi naht,
weder in slafe noch in wachen.
Des helfe mir got der vater,
got der sun, got der heilige geist. Amen.

Neuhochdeutsche Übersetzung:

Albens Schwester und Vater,
Albens Mutter, Drude und Mahr,
ich beschwöre euch bei Gottes Kraft,
dass ihr mich nicht drückt,
nicht zwickt und nicht zwingt,
weder bei Tag noch bei Nacht,
weder im Schlaf noch im Wachen.
Dabei helfe mir Gott der Vater,
Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist. Amen.

Die gemeinsame Nennung aller drei Wesen zeigt, dass sie bereits im Mittelalter als funktional verwandt verstanden wurden.

4.2 Weitere Bannformeln

Andere regionale Nachtsegen arbeiten mit der Technik der Überforderung (z. B. unlösbare Aufgaben) oder der expliziten Namensnennung, wodurch das Wesen identifizierbar und damit bannbar wird.

5. Sprachliche und performative Analyse

Die Bannformeln sind hochgradig performativ. Durch Negationsketten („nicht drücken, nicht zwicken, nicht zwingen“) wird der Wirkungsbereich der Wesen sprachlich eingeschränkt. Sprache fungiert hier als Mittel aktiver Weltordnung.

6. Kulturhistorische Funktion nächtlicher Dämonen

Alb, Mahr und Drude externalisieren individuelle Angst- und Körpererfahrungen. Sie ermöglichen es, das Unkontrollierbare narrativ zu strukturieren und religiös zu bewältigen. Ihre Existenz stabilisiert ein kohärentes Weltbild.

7. Von Alb und Drude zur Albdrude – Übergangsformen
7.1 Die Albdrude als Synthese

Die Albdrude ist eine explizite Verschmelzung zweier zuvor unterscheidbarer Figuren. Sie vereint den körperlichen Druck des Albs mit der weiblich-hexischen Konnotation der Drude. Diese begriffliche Synthese markiert einen Verlust präziser Differenzierung.

7.2 Bechstein-Zitatanalyse (1853)

Ludwig Bechstein beschreibt die Albdrude in seinen Deutschen Sagen als nächtliches Wesen, das sich auf die Brust des Schlafenden setzt und den Atem nimmt. Entscheidend ist Bechsteins erklärender Ton: Die Albdrude erscheint als tradierte Vorstellung, nicht mehr als unmittelbare Bedrohung.

Sprachlich fungiert das Kompositum Albdrude als semantische Verdichtung. Es zeigt, dass die volkstümliche Überlieferung unterschiedliche Nachtgestalten bereits zusammengezogen hat.

7.3 Funktionsverschiebung

Im 19. Jahrhundert verliert die Albdrude ihre akute Dämonizität und wird zunehmend erzählerisch. Sie steht am Übergang von geglaubter Entität zur folkloristischen Figur.

8. Von der Albdrude zur Elwedritsch – kultursemiotische Perspektive
8.1 Zeichenwandel

Die Elwedritsch im südwestdeutschen Raum übernimmt strukturelle Merkmale älterer Nachtwesen (Nächtlichkeit, Unfassbarkeit), verliert jedoch deren Bedrohlichkeit. Angst wird durch Spiel und Humor ersetzt.

8.2 Semiotische Neubewertung

Kultursemiotisch ist die Elwedritsch eine post-dämonische Figur. Sie fungiert nicht mehr als Erklärung körperlicher Erfahrung, sondern als Marker regionaler Identität und kollektiven Wissens. Die Überlieferung, dokumentiert u. a. auf elwedritsch.de, verweist bewusst auf ältere Nachtgeisttraditionen.

8.3 Kontinuität und Transformation

Trotz Bedeutungswandel bleibt die Struktur erhalten: Alle Figuren operieren im Grenzbereich von Sichtbarkeit, Nacht und Übergang.

9. Vergleichende Übersicht der Nachtwesen
MerkmalAlbMahrDrudeAlbdrudeElwedritsch
Zeitliche HauptphaseMAMA–FNZMA–FNZ17./18. Jh.18./19. Jh. bis heute
HauptfunktionNachtlicher DruckAufsitzen, ReitenNächtliches UmhergehenSynthese aller FunktionenErzählerische Figur
Körperliche Bedrohunghochsehr hochhochmittelkeine
Geschlechtliche Codierunguneindeutiguneindeutigweiblichweiblich dominiertvariabel
Religiöse EinbindungBannformelnBannformelnBannformelnfolkloristischBrauch, Spiel
Kultursemiotischer StatusDämonDämonDämonÜbergangsfigurentdämonisiert
10. Schluss

Alb, Mahr und Drude bilden ein kohärentes System zur Erklärung nächtlicher Grenzerfahrungen. Bannformeln wie der Münchener Nachtsegen zeigen die performative Kraft von Sprache. Die Albdrude markiert eine Übergangsfigur, in der Differenzen verschwimmen. Die Elwedritsch schließlich steht für die kulturelle Umformung dieser Vorstellungen in spielerische, identitätsstiftende Zeichen.

Literaturverzeichnis

Bechstein, Ludwig (1853): Deutsche Sagen. Leipzig.
Bächtold-Stäubli, Hanns / Hoffmann-Krayer, Eduard (Hg.) (1927-1942): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin.
Lecouteux, Claude (2011): Phantoms of the Night. Rochester.
Hall, Alaric (2007): Elves in Anglo-Saxon England. Woodbridge.
Bayerische Staatsbibliothek München: Clm 615 (Münchener Nachtsegen).

Posted in , ,