Abstract
Dieser Beitrag vertieft die Anwendung des HADD‑CCT‑BVT‑Modells der Angstverarbeitung auf die Entstehung der modernen Mainzer Fastnacht. Im Fokus steht dabei insbesondere die symbolische Bedeutung des Uniformtragens durch Mainzer Bürger seit der napoleonischen Zeit. Es wird argumentiert, dass militärische Uniformen, ursprünglich Träger von Angst, Tod und Fremdherrschaft, im Rahmen karnevalistischer Praxis angeeignet, umgedeutet und humoristisch entschärft wurden. Durch diese Aneignung entsteht im Sinne der Compensatory Control Theory eine symbolische Machtumkehr, die kollektive Angst nicht nur verarbeitet, sondern produktiv in eine stabile kulturelle Institution überführt. Die Analyse dient zugleich als Validierung der Belastbarkeit und Generalisierbarkeit des HADD‑CCT‑BVT‑Modells über folkloristische Einzelphänomene hinaus.
1. Einleitung: Uniform als Angstobjekt
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Mainz eine Stadt, deren Alltag massiv von militärischer Präsenz geprägt war. Ängste vor Krieg, Zerstörung und Tod waren allgegenwärtig. Konkret wurde dies immer dann, wenn fremde Soldaten die Stadt belagerten oder einquartiert waren. Uniformen standen nicht für Ordnung oder Schutz, sondern für Besatzung, Zwangsrekrutierung, Gewalt, Tod und politische Ohnmacht.
In psychologischer Perspektive fungierte die militärische Uniform also als visuelles und symbolisches Angstobjekt. Soldaten handelten im Auftrag externer Mächte, ihre Motive waren für die Zivilbevölkerung nicht kontrollierbar.
Die Mainzer Fastnacht, wie wir sie heute kennen, setzt genau an diesem Punkt an. Sie ist nicht lediglich ein Fest der Ausgelassenheit, sondern eine kulturelle Technik zur Bearbeitung dieser Angst. Das HADD‑CCT‑BVT‑Modell liefert hierfür einen präzisen theoretischen Rahmen.
2. Theoretischer Rahmen: Das HADD‑CCT‑BVT‑Modell
2.1 HADD – Hyperactive Agency Detection
Das Hyperactive Agency Detection Device beschreibt die menschliche Tendenz, in bedrohlichen, unübersichtlichen Situationen intentionale Akteure zu vermuten. Krieg, Besatzung und Militarismus sind klassische Trigger dieses Mechanismus. Mainzer Bürger externalisierten diese Ängste, indem sie dies – naheliegend – fremden Akteuren zuschrieben: Soldaten in Uniform.
2.2 CCT – Compensatory Control Theory
CCT geht davon aus, dass Menschen bei Kontrollverlust symbolische Systeme entwickeln, um Ordnung, Vorhersagbarkeit und Handlungsfähigkeit wiederherzustellen. Rituale, Hierarchien, Rollen und Regeln kompensieren subjektive Ohnmacht.
2.3 BVT – Benign Violation Theory
Die Benign Violation Theory erklärt, wie Normverletzungen – etwa das Lächerlichmachen von Autorität – dann als humorvoll erlebt werden, wenn sie in einem sicheren, ritualisierten Rahmen stattfinden. Humor fungiert hier als emotionales Transformationsmedium.
3. Historischer Kontext: Mainz zwischen Besatzung und Identitätsverlust
Die napoleonische Zeit und der Wiener Kongress hinterließen in Mainz ein tiefes kollektives Trauma. Die Stadt war mehrfach besetzt, ihre politische Zugehörigkeit wechselte, traditionelle Machtstrukturen zerfielen. Militäruniformen dominierten das Stadtbild. Für die Bevölkerung bedeutete dies einen permanenten Zustand latenter Bedrohung.
Aus Sicht des HADD‑CCT‑BVT‑Modells stellt diese Phase den Ausgangspunkt dar: ein kollektiver Kontrollverlust, der nach psychologischer Verarbeitung verlangt.
4. HADD: Die Uniform als personifizierte Angst
Im Rahmen von HADD wird Angst an Akteure gebunden. In Mainz war dieser Akteur klar identifizierbar: der uniformierte Soldat. Die Uniform verdichtete abstrakte Bedrohungen – Krieg, Tod, Fremdherrschaft – zu einer sichtbaren, personifizierten Form.
Bemerkenswert ist nun, dass Mainzer Bürger begannen, selbst Uniformen anzulegen. Diese Handlung ist psychologisch hochsignifikant: Das Angstobjekt wird nicht verdrängt, sondern angeeignet. Durch das Tragen der Uniform wird die fremde Agency internalisiert und damit kontrollierbar gemacht.
5. CCT: Uniformierung als symbolische Machtumkehr
5.1 Aneignung militärischer Symbolik
Im Rahmen der frühen Fastnacht formierten sich Garden und karnevalistische Korps, die bewusst militärische Ästhetik aufgriffen: Uniformen, Rangabzeichen, Gewehre. Diese Objekte hatten zuvor Angst ausgelöst. Nun wurden sie in einen neuen Kontext gestellt. Nach den Wirren der napoleonischen Zeit ermannten sich die Bürger, zogen sich gemeinschaftlich Militäruniformen an und führten auf diese Weise historische „Reenactments“ durch. Die nicht lang zurückliegende Angst wurde auf diese Weise kanalisiert und zunehmend gezähmt.
5.2 Symbolische Verteidigung
Aus Sicht der CCT ist dies eine klassische Kontrollrekonstruktion. Die Mainzer Bürger tragen nun selbst Uniformen und Waffen – nicht real, sondern symbolisch. Psychologisch bedeutet dies: Die Bedrohung wird umgekehrt. Nicht mehr der Bürger ist dem Soldaten ausgeliefert, sondern der Bürger verfügt symbolisch über dessen Machtmittel.
5.3 Ritualisierte Ordnung
Die karnevalistischen Strukturen – feste Termine, klar definierte Rollen, humorvolle Hierarchien – schaffen eine alternative Ordnung. Diese Ordnung ist temporär, aber verlässlich. Sie erlaubt es, Angst kontrolliert zu aktivieren und zugleich zu bändigen.
6. BVT: Humor als Entschärfung der Gewalt
Die Uniform bleibt eine Normverletzung: Zivilisten dürfen sie eigentlich nicht tragen, Autorität darf nicht verspottet werden. Doch im karnevalistischen Rahmen wird diese Verletzung harmlos. Generäle werden zu Witzfiguren, militärische Strenge zur Persiflage. Mit dem Entstehen der modernen Mainzer Fastnacht wurden immer weitere militärische Rituale – wie z.B. die Ordensvergabe – in das sich entwickelnde humoristische Spiel eingebunden. Der alte Schrecken – Krieg und Tod – blieb durch die Uniformen jedoch erhalten – eine Grundbedingung der Benign Violation Theory.
Humor fungiert hier als emotionales Lösungsmittel. Die ursprüngliche Angst vor militärischer Gewalt wird nicht geleugnet, sondern durch Lachen transformiert. Die Uniform verliert ihren Schrecken und wird Teil kollektiver Freude.
7. Meme‑Stabilisierung: Von Angstbewältigung zu Identität
Über Generationen hinweg stabilisierte sich diese Praxis. Die Fastnacht wurde zum festen Bestandteil Mainzer Identität. Die Uniform ist heute nicht mehr primär Angstsymbol, sondern Marker von Zugehörigkeit, Tradition und Humor.
Genau hier zeigt sich die Stärke des HADD‑CCT‑BVT‑Modells: Es erklärt nicht nur die Entstehung, sondern auch die langfristige Stabilität kultureller Phänomene.
8. Diskussion: Validierung des Ansatzes
Die Anwendung auf die Mainzer Fastnacht zeigt, dass das Modell nicht auf mythische Einzelwesen beschränkt ist. Es erklärt komplexe soziale Institutionen, historische Transformationsprozesse und symbolische Praktiken.
Insbesondere die Uniform als zentrales Angst‑ und Machtobjekt macht sichtbar, wie tief psychologische Mechanismen in kulturelle Formen eingeschrieben sind.
9. Fazit
Die Mainzer Fastnacht kann als kollektive Therapieform verstanden werden: Sie bearbeitet Angst vor Krieg und Militarismus durch Aneignung, Ritualisierung und Humor. Das HADD‑CCT‑BVT‑Modell erweist sich dabei als belastbares, integratives Erklärungsinstrument kultureller Angstverarbeitung. Damit wird der Ansatz – neben der Erklärung des Ursprungs der Elwedritsche und des Groundhog Day – ein weiteres Mal validiert.
Literaturverzeichnis
Heider, Fritz (1958): The Psychology of Interpersonal Relations. New York.
Kay, Aaron C. et al. (2008): Compensatory Control and the Need for Order. Journal of Personality and Social Psychology.
Mainz& (2023): Meenzer Fastnacht seit 1814 – Anfänge und ursprünglicher Sinn des großen Mainzer Volksfestes.
McGraw, A. Peter; Warren, Caleb (2010): Benign Violations: Making Immoral Behavior Funny. Psychological Science.
Werner, Michael (2026): Das HADD‑CCT‑BVT‑Modell. Ein integratives psychologisch‑kulturelles Modell der Angstverarbeitung. elwedritsch.de.
Werner, Michael (2025): Zur memetischen Struktur der Elwedritsche. elwedritsch.de.