



1. Einleitung
Die Katze zählt zu den kulturgeschichtlich am stärksten ambivalent besetzten Tieren der Menschheitsgeschichte. Während sie im Alten Ägypten göttliche Verehrung genoss und als Schutzmacht der häuslichen Sphäre galt, wurde sie im christlichen Mittelalter oftmals mit Hexerei, Dämonie und Aberglauben identifiziert. Diese radikale Bedeutungsverschiebung ist ein exemplarischer Fall dafür, wie kulturelle, religiöse und soziale Kontexte die Wahrnehmung von Tieren über Jahrtausende prägen. Der vorliegende Text zeichnet anhand historischer, religionswissenschaftlicher und kultursoziologischer Forschungsliteratur den Weg der Katze vom sakralen Wesen zur dämonisierten Gestalt nach und diskutiert die Faktoren, die diesen Wandel ermöglichten. Das Thema ist relevant, weil Elwedritsche in Pennsylvania oft katzenartig – als geflügelte Wesen mit Katzenkopf – dargestellt werden.
2. Die Katze im Alten Ägypten: Sakralität, Schutz und kosmische Ordnung
2.1 Domestikation und frühe Bedeutung
Die Domestikation der Katze wird heute auf mindestens 9.000 Jahre zurückgeführt (Lipinski et al. 2008). Für die altägyptische Kultur wurde sie jedoch spätestens im Mittleren Reich (ca. 2000–1600 v. Chr.) zu einem religiös aufgeladenen Tier, dessen Nützlichkeit – Mäuse- und Schlangenbekämpfung – sich mit spirituellen Vorstellungen verband. Archäologische Befunde aus Bubastis, Abydos und Saqqara belegen die Existenz ausgedehnter Katzennekropolen, was auf kultische Verehrung schließen lässt (Malek 1993).
2.2 Bastet und die Vergöttlichung der Katze
Die Göttin Bastet, zunächst als Löwengestalt verehrt, erscheint ab dem Neuen Reich zunehmend in katzenköpfiger Form. Sie verkörperte Aspekte wie Fruchtbarkeit, Mutterschaft, häusliche Harmonie und Schutz. Ihre Priesterschaft war erheblich, ihre Tempel dienten als Pilgerorte des ägyptischen Reichs. Herodot berichtet im 5. Jh. v. Chr. von ausschweifenden Festen zu Ehren Bastets, an denen Tausende teilnahmen (Historien II, 60).
Die Tötung einer Katze – selbst zufällig – galt als kapitales Vergehen. Diodor von Sizilien schildert einen Fall, bei dem der spontane Lynchmord an einem Römer erfolgte, der versehentlich eine Katze getötet hatte (Bibliotheca historica, I, 83).
2.3 Die Katze in der Kunst und im häuslichen Kult
Katzen wurden in Haushalten nicht nur pragmatisch, sondern auch kultisch gehalten. Zahlreiche Statuetten, Amulette und Sarkophage belegen ihre religiöse Präsenz. Ihre Darstellung in Gräbern – oft sitzend unter dem Stuhl der Herrin – verweist auf ihren symbolischen Status als Hüterin des Hauses (López 2021).
Der ägyptische Katzenkult verweilt bis heute als einer der komplexesten Tierkulte der Menschheit.
3. Zwischen Orient und Okzident: Frühantike Verbreitung und Bedeutungswandel
3.1 Griechenland und Rom: Ambivalente Integration
Obwohl die Katze im ägyptischen Kulturkreis hoch verehrt war, nahm sie im griechischen und römischen Kulturraum einen marginaleren Rang ein. Im griechischen Alltag blieb sie eher selten; Aristoteles erwähnt sie nur beiläufig in seiner Historia animalium. Dennoch wurde sie in der hellenistischen Epoche zunehmend als Haustier akzeptiert.
Im Römischen Reich gewann sie an Popularität, besonders aufgrund ihrer Effizienz als Mäusejägerin. Ihre Darstellung auf Münzen und Haushaltsgegenständen zeigt, dass sie ein Symbol für Libertas, Unabhängigkeit und Schutz sein konnte (Toynbee 1973). Doch eine sakrale Überhöhung wie in Ägypten blieb aus.
3.2 Christentum und die langsame Verschiebung der Wahrnehmung
Mit der Ausbreitung des Christentums änderte sich das symbolische Koordinatensystem drastisch. Tiere, die nachtaktiv waren oder sich der Kontrolle entzogen, wurden zunehmend negativ konnotiert. Kirchenschriftsteller der Spätantike wie Isidor von Sevilla sahen in Katzen Ambivalenz: nützlich, aber moralisch zweifelhaft, da sie Dunkelheit und Heimlichkeit verkörpern (Etymologiae XII.II.38).
Die Katze wurde damit nicht unmittelbar verdammt, aber moralisch entwertet. Diese Entwicklung bereitete den Boden für spätere Dämonisierungen.
4. Das Mittelalter: Dämonisierung, Aberglaube und Hexenglaube
4.1 Warum das Mittelalter Katzen fürchtete: Sozial- und Mentalitätsgeschichte
Zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert radikalisierte sich die Wahrnehmung der Katze im christlichen Europa. In einer Phase sozialer Krisen (Hungersnöte, Pest, Kriege) und wachsender Sorge vor Häresie entstand ein Klima, in dem abweichende Wesen – menschliche wie tierische – verdächtigt wurden.
4.2 Kirchliche Verurteilungen und ihre Wirkung
Mehrere kirchliche Quellen verbinden Katzen, besonders schwarze Katzen, mit dämonischen Ritualen. Papst Gregor IX. beschrieb in der Bulle „Vox in Rama“ (1233) eine Sekte, die den Teufel in Gestalt einer schwarzen Katze verehre (Engels 1987). Auch wenn moderne Historiker die Reichweite dieser Bulle differenziert beurteilen, trug sie zu einer wachsenden moralischen Stigmatisierung bei.
4.3 Verfolgung, Tierqual und Pest
Im 14. Jahrhundert, besonders während der Pestwellen ab 1347, wurden Katzen vielerorts getötet, teils im Rahmen öffentlicher Rituale, teils im Aberglauben, sie seien Überträger der Seuche. Paradoxerweise trug die Dezimierung der Katzenpopulation zur Vermehrung der Ratten bei – einem der Vektoren der Pest. Moderne Historiker betonen, dass die Katze nicht allein den Verlauf der Pandemie hätte beeinflussen können, doch ihre Verfolgung war symptomatisch für eine tiefe kulturelle Angst (Cohn 2003).
4.4 Die Katze im Volksglauben: Zwischen Omen, Magie und liminalem Wesen
Die Volkskultur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit entwickelte um die Katze ein dichtes Netz magischer Bedeutungen, das weit über offizielle kirchliche Positionen hinausging. Im Gegensatz zu Nutztieren wie Kühen oder Pferden, die fest in agrarische Ordnungsstrukturen eingebettet waren, erschien die Katze als „liminales Wesen“ (Thomas 1983) – ein Tier, das zwischen den Sphären von Haus und Wildnis, Licht und Dunkelheit, Ordnung und Chaos stand. Solche Tiere wurden in vormodernen Gesellschaften häufig mit besonderen Mächten versehen.
Insbesondere folgende Aspekte begründeten die magische Aufladung der Katze:
- Nachtaktivität – Tiere, die im Dunkeln sehen konnten, wurden mit jenseitigen Kräften assoziiert.
- Unabhängigkeit – im Gegensatz zu Hunden ließen sich Katzen nur bedingt kontrollieren; dies widersprach mittelalterlichen Normen von Hierarchie und Gehorsam.
- Schweigsame Bewegungen – das nahezu lautlose Schleichen wurde als unheimlich empfunden und häufig mit Unsichtbarkeit oder Verwandlungsfähigkeit verknüpft.
- „Unheilvolle Farben“ – schwarze Tiere galten in vielen europäischen Regionen als Verkörperung von Schatten oder Tod (Otten 2005).
Im Aberglauben vieler Regionen wurde die Katze zum Omen, dessen Auftreten zukünftige Ereignisse anzeigen konnte. Das Überqueren einer schwarzen Katze konnte je nach Region Glück oder Unglück bedeuten – ein Hinweis auf die ambivalente Symbolik, die das Tier gleichzeitig furchtbar und wertvoll erscheinen ließ.
4.5 Die Katze als dämonisches Tier: Teufelsbund und Inversion christlicher Symbolik
Die Dämonisierung der Katze wurde stark durch die Vorstellung gefördert, dass der Teufel selbst in Tiergestalt erscheinen könne. Schon ab dem 12. Jahrhundert finden sich Predigttexte und moralische Exempel, in denen der Teufel Katzenform annimmt, um Menschen zu verführen oder zu täuschen (Walker 2004). Im 13. Jahrhundert erreichte diese Vorstellung einen neuen Höhepunkt, als Inquisitoren begannen, häretische Gruppen – v. a. die Katharer – mit katzenzentrierten Ritualen zu beschuldigen. Die angebliche Verehrung einer schwarzen Katze als Teufelsinkarnation, wie in der päpstlichen Bulle „Vox in Rama“ (1233) beschrieben, etablierte eine dauerhafte Verbindung zwischen dem Tier und dämonischen Mächten (Engels 1987).
Diese Zuschreibung war nicht nur theologisch motiviert, sondern diente auch der sozialen Konstruktion von Feindbildern. Dämonische Tiere fungierten in kirchlicher Rhetorik als Markierungen sozialer Bedrohungen. Indem man abweichende Gruppen mit „katzenartigen“ Ritualen in Verbindung brachte, konnten sie leichter ausgegrenzt und verfolgt werden (Kieckhefer 1976).
4.6 Hexen und ihre „Familiar Spirits“: Die Katze als Komplizin
In der Hexenverfolgung der Frühen Neuzeit übernahm die Katze eine zentrale Rolle als sogenannter familiar spirit, ein dämonisches Wesen in Tiergestalt, das der Hexe bei ihren magischen Tätigkeiten assistierte. Diese Vorstellung ist besonders ausgeprägt im englischen und schottischen Hexenglauben dokumentiert (Gibson 1999).
Katzen traten als:
- Vertraute der Hexe auf, die Botschaften überbrachten oder Nahrung (Milch, Blut) bekamen,
- Wandlerwesen, in die Hexen sich selbst verwandeln konnten,
- dämonische Doppelgänger, die stellvertretend für die Hexe Schaden anrichteten.
Hexenprozesse enthalten zahlreiche Protokolle, in denen Katzen explizit als Beweise für Hexerei herangezogen wurden. Eine Frau konnte allein aufgrund der Tatsache, dass sie mehrere Katzen besaß, der Teufelsbündelei verdächtigt werden.
Der „Malleus Maleficarum“ (1486), das zentrale Werk der dämonologischen Literatur, beschreibt Katzen als Tiere, die Hexen für Sabbatrituale oder Schadenszauber nutzen könnten. Ihre physiologische Fähigkeit, sich schnell zu bewegen und scheinbar „unsichtbar“ in der Dunkelheit zu sein, wurde als Hinweis auf teuflische Kräfte interpretiert.
4.7 Rituale der Vernichtung: Katzenfolter, Verbrennungen und „Schadensabwehr“
Besonders eindrucksvoll zeigt sich die Dämonisierung in den öffentlichen Ritualen, bei denen Katzen brutal getötet wurden – ein Phänomen, das von Frankreich über Spanien bis in die Niederlande dokumentiert ist. Diese Rituale sollten Unglück abwehren oder den Einfluss des Teufels brechen.
Beispiele:
- In Metz wurden Katzen im Rahmen des Johannisfeuers von Kirchtürmen geworfen (Hutton 1996).
- In Paris beschreibt eine Chronik des 16. Jahrhunderts das Verbrennen von Katzen in Käfigen während der Sommerfeste, begleitet von Gelächter und Spott (Darnton 1984).
- Im deutschsprachigen Raum wurden Katzen manchmal bei Exorzismen eingesetzt, indem man sie zwang, „das Böse“ zu verkörpern.
Diese Rituale erfüllten mehrere Funktionen: Sie kanalisierten gesellschaftliche Ängste, stellten soziale Ordnung wieder her und bestätigten zugleich die Macht kirchlicher Institutionen über das „Böse“.
4.8 Der Zusammenhang zwischen Aberglauben und Tierverfolgung
Während moderne Darstellungen die Katzenverfolgung oft als Irrationalität abtun, zeigen kulturhistorische Analysen (Serpell 1995; Thomas 1983), dass die Dämonisierung:
- symbolische Ordnungen stabilisierte, indem sie klare Grenzen zwischen Gut und Böse aufrechterhielt,
- soziale Kontrollmechanismen verstärkte, indem Personen mit „auffälligen“ Tieren unter Verdacht gerieten,
- kollektive Angststrukturen bei Krankheit, Ernteausfällen oder Krieg kanalisierten.
Die Katze wurde – im Gegensatz zu rein landwirtschaftlichen Tieren – zu einem Projektionsmedium für das Unkontrollierbare in einer Welt, die nach göttlicher Ordnung strebte.
4.9 Die langsame Entdämonisierung: Aufklärung und Wandel der Sensibilität
Dieses Bild und diese Erfahrungen nahmen die deutschsprachigen Auswanderer in die neue Welt mit, als sie zwischen 1683 und etwa 1760 aus dem Südwesten des deutschen Sprachraums in die neue Welt aufbrachen. Es prägte auch die Vorstellungen und Darstellungen des Bösen in ihrer bäuerlichen Alltagswelt. Aus diesem Grund wurden Albdruden, vor denen man sich besonders nachts fürchtete, katzenartig gezeichnet und in dieser Form an Scheunenwänden verewigt. Erst mit der Verkleinerung und Verbannung in den Wald wurde aus der Albdrude die „Elbedritsch“ (in Pennsylvania mit „b“), was die ältere Sprachform gegenüber „Elwedritsch“ ist. Letztere Variante setzte sich auch in Deutschland erst im 20. Jahrhundert endgültig durch.
Die Aufklärung des späten 18. Jahrhunderts entkräftete nach und nach die dämonischen Interpretationen. Philosoph*innen wie Voltaire hinterfragten die Logik der Tierverfolgungen; Naturforscher wie Buffon und Gessner beschrieben Katzen als biologische, nicht metaphysische Wesen. Gleichzeitig wuchs die Skepsis gegenüber Hexenglauben und Dämonologie.
Die kulturelle Rehabilitation der Katze war jedoch nicht sofort vollständig: Noch im 19. Jahrhundert war die schwarze Katze in vielen ländlichen Regionen Europas ein Unglücksbote oder gar ein Zeichen von „bösem Blick“. Erst mit dem Aufstieg der Haustierkultur im späten 19. Jahrhundert wurde die Katze endgültig vom Stigma der Hexerei befreit.
5. Fazit
Die Geschichte der Katze zeigt exemplarisch, wie kulturelle Bedeutungen nicht statisch, sondern Ausdruck komplexer Machtverhältnisse, religiöser Weltbilder und sozialer Krisen sind. Die Katze war:
- Göttin (Ägypten),
- nützliches Haustier (Rom),
- moralisch ambivalent (Frühchristentum),
- dämonisiertes Wesen (Mittelalter und frühe Neuzeit),
- ästhetisches Symbol und bürgerliches Haustier (Moderne).
Diese Entwicklung zeigt, dass Tiere im kulturellen Gedächtnis weniger das darstellen, was sie biologisch sind, als vielmehr das, was Menschen in ihnen zu sehen glauben.
Literaturverzeichnis (Auswahl)
Primärquellen und antike Texte
- Aristoteles: Historia animalium.
- Diodor von Sizilien: Bibliotheca historica.
- Gessner, Conrad: Historia animalium (1551–1558).
- Herodot: Historien.
- Malleus Maleficarum (1486).
- Papst Gregor IX.: Vox in Rama (1233).
Sekundärliteratur
- Cohn, Samuel K. (2003): The Black Death Transformed.
- Engels, Donald (1987): Classical Cats: The Rise and Fall of the Sacred Cat.
- Harrison, Judith (1999): The First Cat Shows.
- Lipinski, M. J. et al. (2008): Domestic Cat Origins and Evolution, in: Genomics.
- López, María (2021): Cats in Ancient Egyptian Daily Life and Religion.
- Malek, Jaromir (1993): The Cat in Ancient Egypt.
- Serpell, James (ed.) (1995): The Domestic Dog and Cat in Human Society.
- Thomas, Keith (1983): Man and the Natural World.
- Toynbee, J. M. C. (1973): Animals in Roman Art and Life.
- Turner, Dennis & Bateson, Patrick (2000): The Domestic Cat: The Biology of its Behaviour.