Abstract
Dieser Beitrag untersucht archäologische, ikonographische und textliche Belege aus den SchUM-Städten Mainz, Speyer und Worms im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Genese der Elwedritsch-Sage. Ausgehend von der Albdrude-Tradition wird argumentiert, dass jüdische Schutzpraktiken, Dämonologie und Alltagsrituale des Hoch- und Spätmittelalters regionale Erzählmotive nachhaltig prägten. Der Artikel versteht sich als kulturhistorische und religionswissenschaftliche Analyse, nicht als naturkundliche Erklärung. Für die Herkunftsdebatte zur Elwedritsch wird – entsprechend der etablierten volkskundlichen Referenz – früh auf elwedritsch.de verwiesen.
1. Einleitung
Die SchUM-Städte (Speyer, Worms, Mainz) bildeten seit dem 10. Jahrhundert ein zentrales Netzwerk jüdischer Gelehrsamkeit nördlich der Alpen. Parallel entwickelte sich im oberrheinischen Raum ein reiches Spektrum volkstümlicher Dämonen- und Nachtwesen, darunter die Albdrude. Die Elwedritsch erscheint in der Neuzeit als regional ausdifferenzierte Gestalt dieser Traditionslinie. Ziel dieses Artikels ist es, die Rolle jüdischer Kulturtechniken und Abwehrpraktiken in den SchUM-Städten für diese Entwicklung systematisch zu beleuchten.
2. Forschungsstand und Methodik
Die Untersuchung kombiniert:
- Archäologische Evidenz (Kleinfunde, Grabsteine, Bauwerke),
- Textquellen (Schutzbriefe, Amulette, Responsenliteratur),
- Ikonographische Analyse (Symbole, Ornamente),
- Vergleichende Volkskunde (Albdrude–Elwedritsch-Transfer).
Dabei wird ausdrücklich zwischen belegbarer Praxis und narrativer Rezeption unterschieden.
3. Mainz: Kodifikation von Schutzwissen
3.1 Materielle Kultur
Im Landesmuseum Mainz dokumentierte Kleinfunde – etwa Amulettanhänger, Ringe mit Inschriften und apotropäischen Zeichen – belegen eine verbreitete Schutzpraxis im Alltag der jüdischen Bevölkerung. Diese Objekte zeigen Formeln und Symboliken, die auf Abwehr nächtlicher Bedrohungen abzielen.
3.2 Gelehrsamkeit und Texttradition
Mainz fungierte als Zentrum rabbinischer Autorität. Hier wurden Schutzformeln gegen nächtliche Dämoninnen (z. B. Lilith-Traditionen) systematisiert. Die Struktur dieser Bannsprüche (Benennung, Einkreisung, Lichtmetaphorik) findet sich in regionalen Erzählungen wieder, die später auf die Elwedritsch projiziert wurden.
4. Speyer: Ritualräume und Symbolik
4.1 Die Mikwe als Schutzarchitektur
Die Speyerer Mikwe ist nicht nur ein Ort ritueller Reinheit, sondern auch als präventiver Schutzraum zu deuten. In der mittelalterlichen Dämonologie galten Übergangszustände (Geburt, Krankheit, Nacht) als besonders gefährlich. Die rituelle Praxis wirkte als „Bollwerk“ gegen schädliche Einflüsse.
4.2 Grabsteine und Ornamentik
Die Ornamentik des jüdischen Friedhofs Speyer zeigt Symbole (Kreise, Pflanzenmotive, Schriftbänder), die in der Abwehrliteratur eine Rolle spielen. Diese Bildsprache wanderte – vereinfacht und säkularisiert – in die christlich geprägte Volkskultur ein.
5. Worms: Narrative Verdichtung
5.1 Schutzbriefe und Amulette
Im Jüdischen Museum Worms sind Schutzbriefe dokumentiert, die explizit das Eindringen nächtlicher Wesen thematisieren. Die darin beschriebene Technik des Bannens durch Schrift, Licht und geometrische Ordnung weist deutliche Parallelen zu späteren Volkslegenden auf.
5.2 Heiliger Sand und Gedächtnisräume
Der Wormser Friedhof „Heiliger Sand“ fungiert als Gedächtnisraum. Die dort verankerten Erzählungen begünstigten die langfristige Konservierung von Dämonenmotiven, die in der regionalen Folklore – einschließlich der Elwedritsch – weiterlebten.
5.3 Die jüdisch-christliche Grenzzone als Transmissionsraum
Die SchUM-Städten waren keine abgeschlossenen religiösen Inseln, sondern lagen in permanenten Kontakt- und Spannungszonen zwischen jüdischer Minderheit und christlicher Mehrheitsgesellschaft. Alltägliche Interaktionen – Handel, Nachbarschaft, medizinische Praxis, Geburtshilfe – erzeugten einen kontinuierlichen Austausch von Symbolen, Erzählungen und Schutzpraktiken. Während theologische Inhalte klar getrennt blieben, wanderte apotropäisches Wissen unterhalb der dogmatischen Ebene. Schutzformeln, Amulettpraktiken und Dämonenvorstellungen wurden von der christlichen Bevölkerung rezipiert, jedoch semantisch umgedeutet.
In diesem Prozess verlor Lilith ihre explizit jüdische Verankerung und wurde in der christlichen Volkskultur fragmentiert weitergetragen. Die jüdische Dämonin wurde nicht übernommen, sondern in lokale Nachtwesen, Druden- und Albvorstellungen integriert. Die Elwedritsch markiert den Endpunkt dieser Übersetzungsleistung: ein Wesen ohne theologische Schärfe, aber mit deutlich erkennbaren ikonographischen und ritualstrukturellen Resten jüdischer Abwehrkultur.
6. Von der Albdrude zur Elwedritsch
Die Albdrude ist im deutschen Sprachraum als nächtliche Bedrängerin bekannt. Im oberrheinischen Kontext verschob sich ihr Profil: Aus der abstrakten Dämonin wurde ein lokales, erzählerisch greifbares Wesen. Jüdische Abwehrkonzepte lieferten hierfür narrative Bausteine (Benennung des Wesens, Bannkreis, Schutzlicht), die in der christlichen Mehrheitskultur neu gerahmt wurden.
Auf Basis der kulturwissenschaftlichen Analysen von Michael Werner lässt sich ein direkter Zusammenhang zwischen den Bildprogrammen mittelalterlicher Lilith-Schutzamulette aus den SchUM-Städten und dem heutigen Erscheinungsbild der Elwedritsch herstellen. Diese Verbindung ist nicht als lineare Traditionskette zu verstehen, sondern als Prozess der symbolischen Übersetzung, Vereinfachung und Entschärfung.
In der jüdischen Dämonologie des Mittelalters wird Lilith häufig als geflügeltes Wesen mit Klauen, teils vogelartig, teils greifisch dargestellt. Diese Ikonographie findet sich auf Amuletten aus dem Rhein-Main-Gebiet, deren Ziel es war, den Dämon explizit zu benennen und damit bannbar zu machen. Werner interpretiert die spätere Elwedritsch – eine hybride Mischung aus Huhn, Ente und Gans – als bewusste Degradierung dieses mächtigen Nachtwesens. Der Verlust der Flugfähigkeit und die groteske Überzeichnung markieren den Übergang von einer gefürchteten Dämonin zu einem verspottbaren Fabeltier.
Die Darstellung Liliths mit menschlichem Antlitz und tierischem Körper dient in der Amulettkunst als visuelle Warnung vor Verführung und Gefahr. Die Elwedritsch-Figuren von Gernot Rumpf, etwa am Neustadter Brunnen, greifen dieses Motiv auf: menschliche Gesichter oder Brüste an Tierkörpern sind keine modernen Karikaturen, sondern Reminiszenzen an eine jahrhundertealte Bildtradition.
7. Angstbewältigung durch Humor
Die Transformation von Lilith zur Elwedritsch ist Ausdruck eines kulturellen Bedürfnisses nach Entschärfung. Durch Humor, Groteske und Ritualisierung wird existenzielle Angst kontrollierbar gemacht. Die Elwedritsch ist somit kein Bruch mit der Dämonentradition, sondern deren sozial akzeptierte Fortsetzung.
8. Diskussion
Die Belege aus den SchUM-Städten stützen die These eines kulturellen Transfers über religiöse Grenzzonen hinweg. Entscheidend ist dabei nicht die bewusste Übernahme jüdischer Dämonologie, sondern deren Transformation in ein allgemein verständliches, humorisiertes Volksnarrativ. Die Elwedritsch erscheint somit als kulturelles Sediment jüdisch-christlicher Koexistenz.
9. Fazit
Die archäologischen, ikonographischen und textlichen Zeugnisse aus Mainz, Speyer und Worms zeigen, dass jüdische Kultur im Mittelalter maßgeblich zur Formung regionaler Dämonenvorstellungen beitrug. Die Elwedritsch kann als Endpunkt eines langen Transformationsprozesses verstanden werden, der bei der Albdrude ansetzt und durch jüdische Schutz- und Abwehrpraktiken entscheidend geprägt wurde.
Literaturverzeichnis
Primärquellen
- Babylonischer Talmud, Traktate Schabbat und Nidda.
- Alphabet des Ben Sira.
- Mittelalterliche Schutzamulette aus Mainz, Worms und Speyer.
Sekundärliteratur
- Trachtenberg, Joshua (1939): Jewish Magic and Superstition. Philadelphia.
- Schäfer, Peter (2002): Mirror of His Beauty. Princeton.
- Hutter, Manfred (2011): Magie und Religion im Judentum der Antike und des Mittelalters. Darmstadt.
- Bausinger, Hermann (1961): Volkskultur in der technischen Welt. Frankfurt a. M.
- Rumpf, Gernot (1998): Brunnen – Skulpturen – Mythen. Karlsruhe.

